Ludwig-Maximilians-Universität München
Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Übung der internationalen Beziehungen: Zwischen Rationalität und Literalismus:
Reflexionen muslimischer Denker zu Islam, Politik und Moderne
Sommersemester 2006
Wahhabiten - Eine Einführung
von: Philipp-Henning v.Bruchhausen
Inhalt
I. Einleitung
II. Die Dogmatik der Wahhabiten
1. Vorläufer
2. Kernbegriffe
III. Ibn Abd al-Wahhab und seine Nachkommen
IV. Fazit
V. Literatur
Einleitung
Die als Wahhabiten bekannte fundamentalistische Gruppierung innerhalb des sunnitischen Islam, die hauptsächlich in Saudi-Arabien ihre Basis hat, wird im Westen gerne mit dem islamistischen Terror in Verbindung gebracht; Das liegt wohl daran, daß Osama bin Laden und der Großteil der 9/11 Attentäter saudische Wahhabiten waren, doch auch die Sittenstrenge Saudi-Arabiens und Dinge wie öffentliche Hinrichtungen durch Enthauptung, erwecken Assoziationen von bärtigen Glaubenskriegern mit dem Schwert in der einen und dem Koran in der andern Hand, was ja nicht zuletzt auch die Flagge des Landes symbolisiert.
Tatsächlich hat die Wahhabiya eine reichlich kriegerische Geschichte, die 1746 mit dem Bündnis des Predigers Muhammad b. Abd al-Wahhab mit dem damals noch unbedeutenden Clan der Saud begann, und mit der Verwüstung von Kerbela und Mekka um die Jahrhundertwende schon bald ihren schlechten Ruf begründete. Nach der darauf folgenden ägyptisch/osmanischen Strafexpedition wurde die Bewegung zerschlagen, sammelte sich bald darauf aber wieder und eroberte nach dem Ende des Weltkrieges einen guten Teil der arabischen Halbinsel, was 1926 in der Ausrufung des Königreichs Saudi-Arabien unter König Abd al-Aziz gipfelte. Seitdem ist die Wahhabiya dort Staatsreligion, wenn auch in der Praxis weitgehend die hanbalitische Rechtsschule vorherrscht, auf der die Wahhabiya ursprünglich ja basiert. Der König regiert quasi mit der Duldung der wahhabitischen Ulama, welche im Gegenzug von „Big Oil“ profitieren und massiven Einfluß auf die Gesellschaft und den Staat ausüben, aber es gab und gibt zahlreiche Spannungen wegen des kolportierten „unislamischen“ Lebensstils der königlichen Familie. So schlug der König bereits 1929 einen Aufstand seiner frommen Krieger nieder, welche ihn ja erst auf den Thron gebracht hatten, und gliederte die Überlebenden in die reguläre Armee ein. Auch die Besetzung der großen Moschee 1979 und der jetzige Terrorismus durch die Al´Quaida in Saudi-Arabien entspringt diesem Kontext.
Obendrein hat die Wahhabiya, die von vornherein eine religiöse und politische Bewegung war, einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die als Salafiya bekannte Reformbewegung ausgeübt, so weit, daß man sie heute ideologisch kaum noch unterscheiden kann1, obwohl die frühen Salafiten in Ägypten eher von der europäischen Aufklärung fasziniert waren2. Auch die islamische Reformbewegung Indiens wurde von den Wahhabiten beeinflußt, welche wiederum die Salafiten in Ägypten prägten. So teilen die indische Schule von Deoband und die ägyptische Muslimbruderschaft seit Sayyid Qutb dieselbe dogmatische, literale Auslegung des Koran und der Hadithen, doch haben sie einen dezidiert anderen politischen Kontext, nämlich den Subkontinent und Ägypten, im Falle der letzteren sind sie mittlerweile mit den saudischen Wahhabiten weitgehend verschmolzen. Zweckmäßigerweise werde ich deshalb zwischen den regimetreuen Wahhabiten Saudi-Arabiens und den nicht regimetreuen Salafisten dort und anderswo unterscheiden.
Auch der islamistische Widerstand im Irak unter dem unlängst getöteten Abu Musab az-Sarqawi, der sich selbst als Salafist verstand und zuletzt Gewohnheiten des Prophet nachahmte3, teilt den bilderstürmerischen Furor der Wahhabiten, was sich in zahlreichen Anschlägen gegen Moscheen der Schiiten niederschlägt (auch wenn dort ganz profane strategische Gründe eine Rolle spielen). Doch verstand sich Sarqawi mit seiner At-tawhid wa-l Jihad Gruppe ausdrücklich nicht als Teil der von Osama bin Laden gegründeten Al´Quaida, und war dort, entgegen der US-Propaganda, auch nie Mitglied4, auch wenn er später der lange unumstrittene Anführer der dortigen Quaida Aktivisten wurde. Natürlich wäre es grober Unfug zu behaupten, das jeder Wahhabit ein Islamist sei, schließlich bekennt sich ein Großteil der Saudis, rund 73%, zu dieser Ausprägung des sunnitischen Islam, doch die meisten sind einfach nur fromme Muslime. Der Umkehrschluß hingegen hat schon eher eine Berechtigung, erlaubt doch die Wahhabiya den sonst im islamischen „Mainstream” strikt tabuisierten Kampf von Muslimen gegen Muslime, indem sie Non-Wahhabiten als Takfir bezeichnet, also als Ungläubige, Kafir.
Zudem ist „Wahhabit“ ein abschätziger Kampfbegriff, der ironischerweise vom Bruder Muhammad b. Abdal Wahhabs, Sulayman5, geprägt wurde, um dessen Ideen als Meinung eines krassen Außenseiters abzutun. Die als „Wahhabiten“ Gebrandmarkten bezeichnen sich selber als Muwahiddun, „die die an die Einheit Gottes glauben“, oder einfach Ikhwan, Bruderschaft. Die Kernbegriffe der Lehre sind Tawhid und Shirk, grob übersetzt „Einheit Gottes“ und Vielgötterei oder auch Idolatrie. In ihrem Streben nach der Rückkehr zum ursprünglichen Islam zur Zeit des Propheten, lehnen die Wahhabiten alle Neuerungen in der Glaubenspraxis, Bid´a, strikt ab, und betrachten gerade die Heiligenverehrung der Schiiten und die mystischen Praktiken der Sufis als Abfall vom rechten Glauben, also Shirk, was bis zu brutalem Terror gegen diese Gruppen führen kann. Es folgt nun ein genauerer Blick auf die Dogmatik der Wahhabiya und ihre Entstehungsgeschichte, und den mit der Lehre Muhammad Ibn Abd al-Wahhabs eng verknüpften Aufstieg des Königreiches Saudi-Arabien.
II. Die Dogmatik der Wahhabiten
1.Vorläufer
[...]
1 Stanley ,Trevor: Understanding the origins of wahabism and salafism, in: Terrorism Monitor, Ausgabe 3/05, Jamestown Foundation, http://jamestown.org/terrorism/news/article.php?articleid=2369746
2 Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind, München 2005, S. 18-22
3 Der Spiegel, Späte Rechenschaft , Ausgabe 24/06, S. 102
4 Steinberg, Guido: Der nahe und der ferne Feind, München 2005, S. 221
5 siehe Encyclopedia Islamica: Wahhabiyya, Leiden, 1976f
Arbeit zitieren:
Philipp-Henning v.Bruchhausen, 2006, Wahhabiten - Eine Einführung, München, GRIN Verlag GmbH
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