Aggressives Verhalten und die moderne Gehirnforschung
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1. Einleitung 2
2. Was ist aggressives Verhalten
2.1. Definition des Begriffes „Aggression“ 3
2.2. Aggressionstheorien
2.2.1. Aggression als Trieb 4
2.2.2. Aggression und Frustration 5
2.2.3. Aggression und Lernen 7
2.3. Aggressionsarten
2.3.1. Affektive Aggression 9
2.3.2. Instrumentelle Aggression 10
2.3.3. Spontane Aggression 11
3. Die menschliche Persönlichkeit
3.1. Anlage oder Umwelt 11
3.2. Das Temperament Eysenckscher Typenbegriff 12
3.3. Grundlagen der Gehirnphysiologie 14
3.4. Chemische Botenstoffe Hormone und Neurotransmitter 15
3.5. Der Charakter 16
3.6. Sind Jungen aggressiver als Mädchen 17
4. Aggressionstheorien aus der Sicht der Gehirnforschung 19
5. Willensfreiheit und Determinismus
5.1. Das Problem der Willensfreiheit 20
5.2. Vernunftappelle zur Verminderung aggressiven Verhaltens 23
6. Bewältigung von und Umgang mit Aggressivität
6.1. Welche Rolle kann die Erziehung spielen 25
6.2. Regeln und natürliche Konsequenzen 27
6.3. Veränderung der Anreger und alternatives Verhalten 29
6.4. Die Katharsis-Hypothese 31
7. Diskussion 33
8. Fazit 35
9. Literaturverzeichnis 37
1
1. Einleitung
Aggression ist ein menschliches Phänomen, seit es Leben auf der Erde gibt. Begriffe wie Gewalt und Krieg sind auch in der Gegenwart omnipräsent. Soziale Arbeit muß sich dementsprechend auch seit jeher mit Themen wie Aggression und Gewalt beschäftigen. In meiner insgesamt knapp zweijährigen Tätigkeit in einem Mutter-Kind-Kurheim konnte ich einen persönlichen Eindruck vom schwierigen Umgang mit aggressiven Kindern und Jugendlichen erhalten.
Zweck dieser Arbeit soll deshalb sein, Ursachen von aggressivem Verhalten zu ergründen und mögliche Lösungsvorschläge aufzuzeigen. Es werden einige ausgesuchte Handlungsmöglichkeiten Konfliktverarbeitung ohne ausgelebte Aggressionen möglich machen sollen. Wer dabei auf Patentrezepte hofft, den muß ich leider enttäuschen. Es gibt zwar mittlerweile viele Erkenntnisse, doch allzu oft erinnert vieles noch an ein wirres Puzzle. Ich möchte deshalb das Wissenschaftsprinzip des englischen Philosophen Karl R. Popper zitieren:
„Die Theorie ist das Netz, das wir auswerfen, um die Welt
einzufangen, sie zu rationalisieren, zu erklären und zu beherrschen.
Wir arbeiten daran, die Maschen des Netzes immer enger zu machen.“
Die Resultate der modernen Gehirnforschung müssen meiner Meinung nach hier auf jeden Fall berücksichtigt werden. Die Neurobiologie liefert uns nämlich viele aufschlussreiche Erkenntnisse über die Wurzeln menschlicher Aggressivität. Neue Forschungen belegen, daß unsere Persönlichkeit und unser alltägliches Verhalten in weitaus stärkerem Ausmaß von unseren Genen bestimmt werden als bisher angenommen. Diese Arbeit taucht also auch in die Wirrungen und Irrungen der menschlichen Persönlichkeit ein und bietet damit sicherlich auch Anregungen, andere Probleme sozialer Arbeit mit Hilfe der Hirnforschung zu beleuchten.
Beschäftigt man sich mit moderner Gehirnforschung, kommt man letztendlich auch an der Frage der Willensfreiheit nicht vorbei: Können wir aggressives Verhalten überhaupt willentlich beeinflussen?
Zunächst werde ich aber zu Beginn einen Überblick über verschiedene Aggressionstheorien und Aggressionsformen geben.
2
2. Was ist aggressives Verhalten?
2.1. Definition des Begriffes „Aggression“
Der Begriff Aggression leitet sich aus dem lateinischen Wort „ad gredere“ ab und bedeutet übersetzt „sich annähern“, „auf etwas zugehen“, „etwas ergreifen“ oder „in Besitz nehmen“. Anhand dieser unterschiedlichen Bedeutungen und des individuellen Begriffsverständnisses der Menschen ergibt sich die Schwierigkeit, eine allgemeinverbindliche Definition von Aggression zu formulieren. Grundsätzlich lässt sich deshalb auch nicht genau sagen, was Aggression ist. Es kann aber versucht werden, Phänomene herauszuarbeiten, die als aggressives Verhalten bezeichnet werden sollten.
Der Psychologe Hans-Peter Nolting unterscheidet dabei zwischen einem eng und einem weit gefassten Aggressionsbegriff. Er beschreibt aggressives Verhalten darüber hinaus feststellend (statt wertend) und verhaltensbezogen (statt emotionsbezogen). Die Schwierigkeit bei einem weitem Verständnis ist, daß Aggression im Sinne des lateinischen Ursprungs im Grunde eine ähnliche Bedeutung hat wie (eine zielgerichtete) Aktivität. Tatkraft und körperliche Gewalt werden so in einem Atemzug genannt.
Nolting favorisiert deshalb den engeren Begriff. Aggressives Verhalten im engeren Sinne ist demnach ein Verhalten, dessen Bestreben
• eine Beschädigung
• eine Verletzung oder
• die Einschüchterung eines anderen Menschen ist. Aggressive Verhaltensweisen sind dementsprechend solche, die Individuen oder Sachen aktiv Schaden zufügen: „Unter Aggression wird ein manifestes Verhalten verstanden, dessen Ziel die körperliche oder bloß symbolische Schädigung oder Verletzung einer anderen Person, eines Tiers oder einer Sache ist. Die überdauernde Bereitschaft zu aggressiven Verhaltensweisen wird als Aggressivität bezeichnet.“ 1
1 Schülerduden der Pädagogik, Mannheim 1989, S. 13 3
Auf der Verhaltensebene können drei typische Erscheinungsformen aggressiver Verhaltensweisen unterschieden werden:
• körperliche Aggression (z.B. Schlagen, Töten, körperliches Bedrohen)
• sprachliche Form (z.B. Schimpfen, Spotten, Hetzen, Drohen)
• mimisch-gestische Form (z.B. böse Blicke, Zähne fletschen, Zunge rausstrecken) Aggressive Gefühle existieren ebenfalls in verschiedenen Varianten. Eine Beschreibung ist allerdings im Vergleich zum sichtbaren Verhalten wesentlich schwieriger, da eine objektive Beurteilung kaum möglich ist.
Nolting setzt eine klare Trennung von Sachverhalt und Wertung voraus, um aggressive Merkmale zu beschreiben. Entscheidend ist für ihn die Schädigungsabsicht, nicht aber die Intention dieser Handlung. Ein Beispiel: Während der versehentliche Tritt auf den Fuß keine aggressive Handlung darstellt, ist die Ohrfeige eines Vaters eine aggressive Handlung – auch wenn er damit die Absicht verfolgt, das Verhalten seines Kindes zum Positiven zu verändern.
Aggression ist also oft ein instrumentelles Mittel, um bestimmte Zwecke wie das Durchsetzen eigener Wünsche oder Interessen zu erreichen. Auch der Widerstand gegen Aggressionen anderer oder die Vergeltung für erlittene Aggressionsakte sind typische Ziele. 2
2.2. Aggressionstheorien
2.2.1. Aggression als Trieb
Die menschliche Aggression kann sich ohne gewisse Grundlagen nicht entwickeln. Der ethologische Ansatz besagt deshalb, daß Aggression als Trieb eine für die Spezies nützliche Funktion ist, welche die Chancen zum Überleben und zur erfolgreichen Erhaltung der Art erhöht. Aggression trägt dazu bei, daß einzelne Individuen einer Art nicht zu dicht nebeneinander siedeln, sondern sich über größere Territorien verbreiten und auf diese Weise größere
2 Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression. Wie sie entsteht - wie sie zu vermindern ist.
Hamburg 2002, S. 20-34 4
Ressourcen für die Nachkommenschaft erschließen. Durch Rivalenkämpfe kommt es zur Auslese des kräftigsten und gesündesten Leiters einer Herde. Durch Aggression wird eine soziale Rangordnung hergestellt.
Nach der Theorie von Konrad Lorenz gehören demnach Aggression und Gewalttätigkeit zur genetischen Grundausstattung des Menschen. Sein Dampfkesselmodell („Bei kontinuierlichem Zufluss von Wasserdampf muß kontinuierlich Dampf abgelassen werden“) besagt, daß im menschlichen Organismus ständig aggressive Triebenergien gebildet werden und die sich aufstauenden Aggressionen dann durch Schlüsselreize ausgelöst werden. Kommt es aus verschiedenen Gründen zu keinem Schlüsselreiz, kommt es zu einem Aggressionsstau, der sich unabhängig von einer Reizsituation spontan und grundlos entladen kann (sog. Leerlaufreaktion).
Je größer der Triebstau ist, desto kleiner ist also der benötigte Anlass für einen aggressiven Ausbruch. Andernfalls können aggressive Impulse, die nicht zum Ausbruch kommen, zu seelischen Störungen führen, wenn sie keinen Weg nach draußen finden und der Mensch seine Wut in sich hineinfrisst. Um eine spontane Entladung zu vermeiden, empfiehlt Lorenz die kontinuierliche Abfuhr kleinerer Energiemengen durch sozial akzeptierte Formen von Aggressionen, wie etwa bei sportlichen Wettbewerben.
Viele Verhaltenforscher gaben sich mit der Triebtheorie als Auslöser für Aggressivität nicht zufrieden, da sie sich in erster Linie mit tierischem Verhalten beschäftigte und dann Erfahrungen und Erkenntnisse auf den Menschen übertragen wurden. Statt pauschal von einer aggressiven Natur des Menschen zu sprechen, suchten sie nach anderen plausiblen Theorien. 3
2.2.2. Aggression und Frustration
Die Frustrations-Aggressions-Hypothese besagt, daß eine Person nicht durch angeborene innere Faktoren, sondern durch Frustration zu aggressivem Verhalten motiviert wird. Frustration führt aber nicht zwangsläufig zu Aggressionen, auch andere Reaktionen wie Weinen oder Apathie sind durchaus
3 Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression. Wie sie entsteht - wie sie zu vermindern ist.
Hamburg 2002, S. 52-67 5
denkbar. Frustration schafft vielmehr einen Anreiz oder eine Bereitschaft für Aggression.
Ob es aber wirklich zur Aggression kommt, hängt auch von zusätzlichen Bedingungen ab. Entscheidend für die Tönung von Emotionen ist stets, wie Ereignisse interpretiert werden. Die hängt auch von der personalen Disposition ab. Menschen unterscheiden sich darin, welches Verhaltsrepertoire sie für den Umgang mit Ärger besitzen. Wo manche Menschen sich heftig ärgern, bleiben andere gelassen. Vielen Menschen mangelt es an sozialer Kompetenz bei Konfliktsituationen, so daß eine meist harmlose Abweichung vom persönlichen Normverständnis zu aggressiven Handlungen führen kann.
Frustration erzeugt im Individuum zunächst einen Zustand emotionaler Erregung, nämlich Ärger. Diese Ärgererregung erzeugt eine innere Bereitschaft für aggressives Verhalten, die durch zusätzliche Hinweisreize ausgelöst werden kann. Die wichtigsten Signale kommen vom Zielobjekt, gegen die sich eine aggressive Tendenz richtet, also in erster Linie vom „Provokateur“. Ist diese Frustrationsquelle nicht gegenwärtig, richtet sich die Aggression manchmal auch gegen deren Eigentum oder es wird erst dann aggressiv gehandelt, wenn man dem Provokateur wieder begegnet.
Aber selbst wenn Ärger entstanden ist, können aggressive Handlungen noch durch Hemmungen unterbunden werden, z.B. aus Angst vor Bestrafung (z.B. vor Vorgesetzten) oder aus moralischen Hemmungen (gegenüber Schwächeren). Die Aggression richtet sich auch nicht immer gegen den Urheber der Frustration. Wenn dieser z.B. ein Mensch ist, der an Körperkraft oder sozialer Macht überlegen ist, kann der Frustrierte seine Aggressionen gegen andere Personen richten, die dem Provokateur ähneln oder der gleichen Gruppe zugehören (z.B. gleicher Fußballclub oder gleiche Nationalität). Eine aggressive Tat wird also laut der Frustrations-Aggressions-Theorie aus zwei Quellen gespeist: eine Ärgererregung im Inneren und Hinweisreizen aus der gegebenen Situation. 4
4 Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression. Wie sie entsteht - wie sie zu vermindern ist.
Hamburg 2002, S. 68-96 6
2.2.3. Aggression und Lernen
Die Lerntheorie sieht Aggression dagegen als eine spezifische Form sozialen Verhaltens, das wie jedes andere soziale Verhalten erworben und aufrechterhalten wird. In einem Experiment ahmten Kinder ein aggressives Vorbild weit weniger nach, wenn es für sein Verhalten bestraft wurde, als wenn es gelobt worden war.
Der Psychologe Albrecht Bandura entwarf daraufhin eine Theorie, die für aggressive Handlungsweisen Lernvorgänge als Basis ansieht. Individuen erwerben demnach neue und gleichzeitig komplexere Verhaltensweisen, indem sie beobachten, wie andere Modellpersonen dieses Verhalten zeigen und welche Konsequenzen darauf folgen.
Das Lernen am Modell geschieht oft unbewusst und zählt zu den grundlegenden Lernformen des Menschen. Eltern und Lehrer sind besonders wirksame Modelle. Sie sind nicht nur häufig für die Kinder zu sehen, sondern auch Personen mit Macht und hohem Status. Aber nicht nur Eltern und andere Erzieher bieten aggressive Vorbilder, Kinder und Jugendliche schauen zum Beispiel auch auf ihre Altersgruppe oder auf Vorbilder in Film und Fernsehen.
Eine weitere Lernart ist das Lernen am Effekt. Wenn ein Kind lernt, daß aggressives Verhalten zum Erfolg führt und sich als brauchbares Instrument erweist, wird es immer wieder zu diesem Mittel greifen. Durch Formen der positiven Verstärkung wird also die Tendenz, aggressives Verhalten zu zeigen, gestärkt. Man spricht auch vom Lernen am Erfolg (operante Konditionierung). Schließt sich an ein Verhalten eine angenehme Konsequenz, tritt dieses Verhalten zukünftig häufiger auf. Die Konsequenz kann auch Aufmerksamkeit, Beachtung und Zuwendung durch Erzieher, Lehrer oder Elternteil sein, selbst wenn das Kind nur bestraft wird. Egal aus welchem Grund: Daß das Kind beachtet wird und soziale Zuwendung erfährt, ist für dieses schon Erfolg genug.
Hat ein aggressives Verhalten über längere Zeit gar keine Konsequenzen, besteht die Möglichkeit, daß es aufhört (Lernen am Misserfolg). Ständige
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Diplom-Sozialpäd. (FH) Steffen Lossie, 2004, Aggressives Verhalten und die moderne Gehirnforschung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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