Inhaltsverzeichnis
1. VORBEMERKUNG 2
2. KOSMOS UND LOGOS 3
3. HARMONIA 6
4. POLEMOS 8
5. BOGEN UND LYRA 9
6. SCHLUSS: POLEMOS UND LOGOS 11
7. LITERATUR 12
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1. VORBEMERKUNG
Heraklits Fragmente zeichnen sich durch eine hohe Sprachbegabung und auf den ersten Blick rätselhaft anmutende Aussagen aus. Die Aphorismen sind geprägt durch starke Metaphorik und paradoxe Behauptungen; Sprachspiele sind nicht nur ein Mittel der Sprechgestaltung, sondern bergen auch verdeckte Hinweise auf die Zusammenhänge der Fragmente. Nach dem Bearbeiten des Werkes Heraklits möchte ich dem vielfach zitierten Wort der „Dunkelheit“ die starke Interkonnektivität der Fragmente zuordnen, die immer wieder, ganz im Sinne Heraklits, darauf hinausläuft, dass „Anfang und Ende dasselbe seien“.
Heraklit-Interpretationen schwanken zwischen Extremen: Unterscheidet Heraklit die wahrnehmbare Welt von der Realität, oder tut er dies nicht? Gibt es, in der Tradition der milesischen Denker, eine Welt des Scheins und eine Welt des Seins? Nimmt man ersteres an, so erscheinen die Dinge einzeln und isoliert voneinander, sie sind ständigem Wandel unterlegen. In der Realität aber, muss der Sphäre des sich wandelnden Scheins eine Sphäre des unveränderlichen Seins zugrunde liegen. Ist Heraklits „Feuer“ diese Substanz, die sich nie verändert, und wie muss man diese weiter verstehen? Heraklits „Flussfragmente“ geben eine Antwort auf die Frage, ob denn die Dinge nun wirklich alle „im Fluss sind“. Es muss zumindest eine Stabilität im Wandel geben, damit Wandel erst als solcher wahrgenommen werden kann. Wandel und Stabilität sind „Gegensätze“, oder anders gesagt: die extremen Pole eines von den beiden Begriffe gebildeten Kontinuums. Somit fallen beide Begriffe in Heraklits Denken von der „Einheit der Gegensätze“. Aller Wandel findet im Konflikt zwischen den Extremen statt, im „Krieg“ der streitenden Extreme. So besteht Stabilität im Wandel und durch den Wandel. Die „Einheit der Gegensätze“ besteht in all diesen Prozessen. Heraklit erkennt Gesetzmäßigkeit im Wandel - ein Gesetz, das vor allem durch den Wandel geprägt ist. Aller Wandel ist durchdrungen von einem durch Heraklit durch göttliche Attribute ausgedrückten, höchsten Gesetz, dem Logos, den zu verstehen, den Menschen die höchste Einsicht gibt.
Oder bricht Heraklit die milesische Tradition 1 ? In diesem Fall gibt es keine Unterscheidung zwischen Schein und Sein. Alles ist in konstantem Wandel - das Feuer ist keine zugrunde liegende Substanz, die, immer gleich bleibend, Wert und Sinn verleiht. Das Feuer - eine Metapher für den durch die Sinne wahrnehmbaren Wandel. Für die
1 Wie der folgende Absatz zeigt, stellt sich die Frage, ob Heraklit, so interpretiert, überhaupt metaphysisch denkt.
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„Flussfragmente“ bedeutet dies, dass der Fluss gar nicht existiert - überhaupt sind so keine Dinge - allein Vorgänge des Werdens und Wandelns konstituieren die Welt. Die Einheit der Gegensätze, der Streit der Gegensätze, der Logos: all dies relativiert sich im Zuge des universellen Wandels zu einer Sache des Standpunktes in der Welt. Es ist dann allein Heraklits Lehre, sich nur auf sinnlicher Wahrnehmung gründend, nicht ein alldurchdringendes Weltgesetz. - Hier soll es um eine Interpretation des Sinnes des polemos, des Krieges, in den Fragmenten Heraklits gehen. Es ist kaum möglich, diesen singulären Aspekt des Werkes Heraklits aus dem ganzen Sinnzusammenhang herauszugreifen. Zur Interpretation ist zu sagen, dass ich werkimmanent interpretieren werde und keinerlei externen Primärquellen zu Hilfe ziehe.
2. KOSMOS UND LOGOS
Die Welt der griechischen Antike ist ohne Anfang und Ende - sie ist selbstständig und selbstursprünglich (B 30/31: „Diese Weltordnung hier hat nicht der Götter noch der Menschen einer geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein.“ 2 ) Alles was ist, ist weltlich. Dies schließt auch die Götter mit ein, sie sind ein Teil der Welt, ebenso wie immaterielles Denken, Wünsche und Träume. Ihrer Permanenz ohne Anfang ist eine Welt-Ordnung immanent 3 , eine Ordnung auf die weder Götter noch Menschen Einfluss nehmen können. Die Welt wird so als ewiger, gesetzesmäßiger Prozess verstanden. 4 Heraklit glaubt an einen Logos - an eine „Klarheit der Verhältnisse“ (BUCHHEIM) in der Welt, er glaubt an eine vernünftige Welt, an eine kosmische Vernunft. Das Wort Logos bezeichnet zwei verschiedene Ebenen. Zum einen bezeichnet Heraklit in B 1 damit die universale Struktur die dem Kosmos immanent ist, zum anderen seine Ausführungen („Diese Lehre hier“). Logos drückt sowohl Gedanke und Wort, die vernehm- und denkbare Rede, als auch das universale Gesetz des Werdens aus. 5 Auch der Logos ist ohne Anfang und Ende („Although this Logos […] exists (or is
2 Alle Zitate Heraklits, soweit nicht anders angegeben aus: HERAKLIT: Fragmente. Griechisch und Deutsch. Hrsg. von BRUNO SNELL. München 10 1989.
3 GUTHRIE zu κόσµος: „ The world is a kosmos - that untranslatable word which unites, as perhaps only the Greek spirit could, the notion of order, arrangement and structural perfection with that of beauty.” WILLIAM C.K. GUTHRIE: History of Greek Philosophy Volume I. The earlier Presocratics and the Phytagoreans. Cambridge 1962, S. 206.
4 WILHELM PERPEET: Von der Eigenart der griechischen Philosophie. Bonn 1998. S. 24f.
5 GUTHRIE, HGP 1, S. 425.
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Arbeit zitieren:
Björn Schneider, 2005, Der Sinn des Polemos bei Heraklit, München, GRIN Verlag GmbH
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