Gliederung:
1. Einleitung 1
2. Konzept der Pfadabhängigkeit 2
3. Analyse des Wahlsystems. 6
3.1. Anforderungen an Wahlsysteme. 6
3.2. Das relative Mehrheitswahlsystem in Einerwahlkreisen in Großbritannien. 7
3.2 Bewertung des Wahlsystems 8
4. Die Geschichte des Unterhauses als pfadabhängiger Prozeß. 11
4.1 Entstehung des Parlaments aus regionalen Vertretungen 12
4.2 Einsetzende Industrialisierung und Wahlrechtsreform von 1832 13
4.3. Chartismus, Representation of The people Act von 1867 und 1884 15
4.4. Wahlrechtsgesetz von 1918 und erste Defizite des relativen Mehrheitswahlsystems 16
4.5. Einführung des demokratischen Wahlrechts und Protestbewegung der 1980er Jahre 17
4.6. Gründe für den Reformstau aus dem Modell der Pfadabhängigkeit. 18
5. Zusammenfassung. 19
Bibliographie : 21
1. Einleitung
Mit dem Text „Clio and the Economics of QWERTY“ hat Paul A. David (vgl. David 1985) als einer der ersten Pioniere der Pfadabhängigkeit, den Sachverhalt demonstrativ an einem Beispiel dargestellt, das heute zum Symbol der Pfadabhängigkeitstheorie geworden ist. Er zeigte, daß die seit Jahrzehnten etablierte QWERTY-Tastatur im Vergleich mit alternativen Tastenbelegungen wie der Dvorsak-Tastatur uneffektiver ist (vgl. West 2004). Er stellte jahrelange Uneffektivität im angeblich immer effektiven System der Wirtschaft und des selbstregulierenden Marktes fest, was die klassische Ökonomie in Erklärungsnöte brachte. Wesentlich brisanter als diese Verschwendung von Ressourcen ist jedoch die Beobachtung, daß, obwohl dieser Mißstand bekannt wurde, es keinen Weg gab, um ihn zu beheben. Die Tastaturbelegung hat sich bis heute nicht geändert, so wie viele Institutionen trotz suboptimaler Ergebnisse unverändert bleiben. Das Aufkommen der Theorie der Pfadabhängigkeit lenkt nicht nur die Aufmerksamkeit auf solche Prozesse, sondern bietet auch ein Analysewerkzeug um sie zu erklären. Bezeichnen Leibowitz und Margolis die „Path Dependence“, so lautet der ursprüngliche englische Begriff, noch ironisch als Modeerscheinung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (vgl. 2004: 1), so kann man mittlerweile einen ernsthaften akademischen Erfolg dieses Ansatzes nicht leugnen. Um nur einige erfolgreiche Pfadabhängigkeits-Konzepte zu nennen, soll auf den Harvard Professor Paul Pierson und den Nobelpreisträger Douglas North verwiesen werden (siehe weiterführend Greener 2005:3ff.). Anhand eines weitergeführten und gefestigten Theoriegebildes der Pfadabhängigkeit konnten erste Fallbeispiele analysiert werden. Neben den anfänglichen Abhandlungen, die eher zur Illustration dienten, sind mittlerweile komplexere Pfadabhängigkeits-Analysen angefertigt worden, wie z.B. die Studie über die europäische Integration von Pierson (vgl. 1996).
Das Modell der Pfadabhängigkeit ist ein immer mehr beachtetes Konzept zur Analyse von Institutionen und speziell von Institutionenstabilität. Eine dieser stabilen Institutionen ist das Wahlsystem Großbritanniens, deren relative Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen in Europa wenig verbreitet und selbst in seinem Ursprungsland umstritten ist. Die anhaltende Kritik könnte auf einen suboptimalen Zustand hinweisen und mit der langen Tradition der englischen Demokratie und des Wahlrechts bieten sich vielversprechende Ansätze für eine Pfadabhängigkeitsanalyse. In dieser Arbeit soll geprüft werden, ob das Wahlsystem Großbritanniens aufgrund von pfadabhängigen Prozessen nicht reformiert wird. Hierzu wird zunächst einmal ein Konzept der Pfadabhängigkeit modelliert, das zur Analyse verwendet werden kann und Arbeitsdefinitionen der Pfadabhängigkeitstermini beinhaltet. Es wird
dargestellt welche Anforderungen theoretisch an ein Wahlsystem gestellt werden, um das relative Mehrheitswahlrecht in Großbritannien an diesen Kriterien zu messen. Abschließend soll die Entstehung des Unterhauses auf pfadabhängige Prozesse untersucht werden, die zur Stabilisierung des Wahlsystems geführt haben könnten.
2. Konzept der Pfadabhängigkeit
Das Modell der Pfadabhängigkeit entwickelte sich aus Theorien der neuen Ökonomie und Überlegungen zum Einführungsprozeß neuer Technologien (vgl. David 1985, Arthur 1989). Mittlerweile ist es jedoch auch ein Bestandteil des historischen Institutionalismus, der eine historische Ausprägung des Neuen Institutionalismus darstellt. Zwei seiner Grundprinzipien sollen auch in die hier geplante Analyse anhand der Pfadabhängigkeit übernommen werden. „Instititutions matters“ und „History matters“ sind die prägnanten Schlagwörter des historischen Institutionalismus, die auch auf die Grundlagen des Modells der Pfadabhängigkeit zutreffen. Die erste Formulierung bedeutet, daß Institutionen auf politische und gesellschaftliche Prozesse wirken, sie teilweise sogar ausschlaggebend beeinflussen. Als Institutionen werden dabei, und so soll es auch im Laufe dieser Arbeit gehandhabt werden, nicht nur formale Institutionen, sondern auch informelle Institutionen, wie Routineverfahren und gesellschaftliche Praktiken betrachtet (vgl. Morisse-Schillbach 2004:275). „Institutionen sind […] bestimmte, in den Erwartungen der Akteure verankerte, sozial definierte Regeln mit gesellschaftlicher Geltung und daraus abgeleiteter ‚unbedingter’ Verbindlichkeit für das Handeln.“ (Esser 2000:6). Institutionen müssen dabei nicht zwingend Organisationen sein, die sich durch Mitgliedschaft, konkrete Akteure und eine psychische Struktur charakterisieren. „History matters“ kann verschieden ausgelegt werden (vgl. Pierson 2000a:252). Zum einen als die einfache Feststellung, daß alles Vergangene die zukünftigen Entwicklungen beeinflußt. Zum anderen als die bildhafte Darstellung der Pfadabhängigkeit als Baum, den es gilt zu erklimmen (vgl. Levi 1997:28). Diese Baummetapher ist eigentlich eine Zuspitzung der Pfadmetapher, trifft den Sachverhalt jedoch genauer. Zu Beginn klettert man den Stamm bis zum Erreichen der ersten Astgabelung entlang. In dieser Situation muß eine Entscheidung getroffen werden welcher Ast des Baumes genutzt werden soll, um die höchste Spitze der Krone zu erreichen. Die Entscheidung ist nicht zwingend, sondern frei wählbar bzw. kontingent. Kontingenz soll als ein Zustand verstanden werden, in dem das folgende Ereignis eine Wahrscheinlichkeit besitzt, die nicht null und nicht eins ist. Diese anfängliche Entscheidung kann von kleinen Ereignissen zufällig beeinflußt werden. Es ist möglich, daß
sich ein Schmetterling auf einem Ast niederläßt und deshalb der andere Weg gewählt wird. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ausschlaggebend für eine Wahlentscheidung, nach der Chaostheorie sogar die Ursache für einen Wirbelsturm oder eine andere verheerende Naturkatastrophe sein (vgl. Lorenz 1963:20). Im Modell der Pfadabhängigkeit mitteln sich kleine Ereignisse nicht einfach heraus, sondern können einen großen Einfluß auf den späteren Verlauf von komplexen Systemen gewinnen (vgl. Pierson 2000a:253). Eine Darstellung anhand der Baummetapher zeigt, daß die Bedeutung von kleinen Ereignissen vom Zeitpunkt ihres Auftretens abhängig ist. Trifft man aufgrund der Position des Schmetterlings an der ersten Astgabelung eine Entscheidung, verursachte er, daß ohne umzukehren die Hälfte des Baumes nicht mehr erreicht werden kann. Würde man ihn später antreffen wäre sein Einfluß wesentlich geringer und bei steigender Fallzahl verschwindend gering. Die Bedeutung der Reihenfolge des Auftretens und besonders der große Einfluß der Startsituation sollen als zeitliche Reihenfolge der Ereignisse bezeichnet werden. Was passiert aber, wenn man sich zufällig für einen Ast des Baumes entscheidet, jedoch weiter oben erkennt, daß der andere Ast die bessere Wahl gewesen wäre? Die Pfadabhängigkeit geht in diesem Fall von einer hohen Wahrscheinlichkeit aus, daß der Ast nicht gewechselt wird. Auch wenn langfristig ein Wechsel auf den anderen Ast die Kosten für den Umstieg kompensieren, würde dennoch das einmal erreichte nicht aufgegeben werden. Dieser Hang zur Irrationalität wächst mit jedem Schritt, den wir weiter auf einem Pfad zurückgelegt haben. Ein pfadabhängiger Prozeß müßte sich theoretisch von absoluter Kontingenz zu einem bestimmenden Determinismus entwickeln (vgl. hierzu Polya-Urnen-Modell), was unter anderem von Thelen kritisiert wurde (vgl. Thelen 1999:385). Ein Ereignis ist deterministisch, wenn es mit einer Wahrscheinlichkeit von eins eintrifft, was in den Sozialwissenschaften äußerst unwahrscheinlich ist. Besser läßt sich dieser Zusammenhang probabilistisch mit der steigenden Attraktivität eines eingeschlagenen Pfades bzw. eines bestiegenen Astes formulieren, der ein Umkehren immer unwahrscheinlicher macht ohne eine deterministische Prognose zu stellen (vgl. Pierson 2004:50f). Institutionen können also stabil bleiben, obwohl sie langfristig nur eine suboptimale Lösung darstellen. Für Vertreter der Selbstregulierung des Marktes ist dies eine nicht akzeptable These. Entgegengesetz zu den klassischen Wirtschaftsmodellen, geht man nicht von einem perfekten Gleichgewicht aus, das früher oder später durch die „invisible hand“ immer erreicht wird. Die Theorie der Pfadabhängigkeit verweist darauf, daß sich Entwicklungen auch in suboptimalen Zuständen in einem stabilen Gleichgewicht befinden können (vgl. Pierson 2000a:253). Vorausgesetzt, auf dem gewählten Ast wird der höchst mögliche Punkt erreicht, der aber deutlich niedriger als auf anderen Ästen
ist, wird gemäß der Pfadabhängigkeitstheorie nicht der Weg in die Spitze des Baumes über den besseren Ast gesucht, sondern auf dem suboptimalen Gleichgewicht verblieben. Hohe Fixkosten zu Beginn eines Pfades, die bei einem Wechsel noch einmal getragen werden müßten, in diesem Fall der Abstieg zur ersten Astgablung und der erneute Aufstieg, können einen Neuanfang unattraktiv machen. Die Voraussicht der Akteure ist meist beschränkt und so schrecken die kurzfristig auftretenden Hürden vor einer langfristig besseren Lösung ab (vgl. Pierson 2000b:478ff.). Auch wenn sich der eigentliche Nutzenmaximierer in dieser Situation irrational verhält, sorgt sein Streben nach Effizienz dafür, daß die gewählte suboptimale Lösung im Rahmen des Möglichen verbessert wird. Durch sinkende Transaktionskosten, die durch die Beibehaltung einer Institution auftreten, wird diese effektiver, bleibt jedoch immer unter dem Maximum der besten Lösung. Vorteile ergeben sich durch Netzwerkeffekte, die auftreten, wenn Institutionen, bspw. Technologien, weit verbreitet sind. Ein großer Teil der Attraktivität vom Betriebssystem Windows erklärt sich durch die Tatsache, daß es von vielen Anwendern genutzt wird und nicht weil es besser als die Konkurrenzprodukte ist. Windowsnutzer bilden ein riesiges Netzwerk, in dem es leicht ist, Hilfe oder kompatible Daten zu erhalten. Bleibt man lange Zeit einer Institution treu, lernt man mit ihr umzugehen. Es setzen Lerneffekte ein und es entwickeln sich Routineverfahren, die weiterhin Transaktionskosten senken. Eine weitere Folge der zeitlichen Reihenfolge von Ereignissen ist, daß Netzwerkeffekte gerade durch anfängliche Ereignisse bestimmt werden. Einfache Beispiele sind, daß wenn sich die erste Person eines Freundeskreises ein Handy kauft, sich die anderen mit hoher Wahrscheinlichkeit für den gleichen Anbieter entscheiden werden, um günstiger ins gleiche Netz zu telefonieren. Die Kaufentscheidung des Freundeskreises wurde also von der ersten Handlung bestimmt, auch wenn es für alle vielleicht effizienter gewesen wäre komplett auf einen günstigeren Anbieter zu wechseln. Pierson bezeichnet solch ein Phänomen als „adaptive expections“ (2000a:254) oder die Angst aufs falsche Pferd zu setzen. Ein spektakuläres Beispiel der vergangenen Zeit war die Strategie einer Plattenfirma, die ersten CDs ihres Interpreten zu erwerben, da der schnelle Erfolg eines Künstler sich auf die Gesamtverkäufe auswirkt (vgl. Spiegel 2004). Durch die oben genannten Phänomene werden suboptimale Institutionen immer attraktiver, was zu einer positiven Bewertung dieses Weges führt, obwohl sie nicht die beste Lösung sind. Für den falschen Weg wird ein positives Feedback erzielt. Je länger dieser Weg beibehalten wird, desto größer ist die Attraktivität, und um so schwieriger wird ein Abweichen vom eingeschlagenen Pfad. Je höher man in den Baum klettert, desto unwahrscheinlicher wird eine Umkehr zur Astgabelung. Dieses Phänomen wird negatives Feedback genannt und beschreibt, daß jedes Abweichen vom
Arbeit zitieren:
Willem gr. Darrelmann, 2005, Das unantastbare Wahlsystem Großbritanniens - Eine Betrachtung aus der Perspektive der Pfadabhängigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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