INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung
1. Wie alles anfing 1
2. Wie es weiterging 3
3. Wie es endete 3
II. Was sollen und können Mental Maps?
1. Zwei unterschiedliche Erkenntnisperspektiven 6
Die geografische Perspektive 7
Die kulturanthropologische Perspektive 8
2. Gelebte/gelernte Stadt 9
3. Vorteile von Mental Mapping 11
4. Art, Fähigkeit und Ästhetik der Darstellung 12
5. Das innere, subjektive Bild 14
6. Elemente von Mental Maps 14
7. Mobilität und Raumaneignung 15
8. Darstellung negativer Faktoren 16
9. Geschlechterdifferenz 17
10. Stadtbild in Mental Maps und Reiseführern 18
III. Historischer Abriss
1. Die geografische Lage 21
2. Reichsgründung und Zollanschluss 21
3. Stadtentwicklung und Hafenausbau 22
4. Anbindung oberhalb und unterhalb der Elbe 22
1
5. Hafenerweiterung 23
6. Verwaltung 24
7. Die Stadtteile des Südens
Bezirk Hamburg-Mitte 24
Bezirk Harburg 30
Altes Land 41
IV. Forschungsverlauf
1. Material 46
2. Materialgewinnung und Erfahrungsbericht 47
3. Herkunft der Mental Maps 54
4. Danksagung 55
V. Ergebnisse
1. Quantitative Auswertung 56
2. Vergleich der Forschungen von 1997 und 2003 58
3. Altersgruppen 62
4. Gravierende Unterschiede 63
5. Besonderheiten 64
6. Reihenfolge des Gezeichneten 65
7. Interpretationen 68
8. Ein anderer Blick vom Süden? 77
9. Art und Fähigkeit der Darstellung 81
10. Geschlechterdifferenz 82
11. „Städtisches Chaos“ 84
12. Tabellarische Auswertung 85
VI. Offizielles Hamburg-Bild 90
1. Hamburg-Bilder 1997 und heute 91
2. Offizielles Hamburg-Bild im Vergleich zu Mental Maps 96
3. „Wachsende Stadt“ 101
4. „Szene Hamburg“ 103
VII. Hafencity, Sprung über die Elbe und IGS
1. HafenCity 111
2. Sprung über die Elbe 112
3. IGS 116
4. Wilhelmsburger Sicht 117
5. Stadtplanung 122
VIII. Antwort auf die Titelfrage
1. Hamburg - eine geteilte Stadt? 125
2. Teilungs- und Trennfaktoren 126
3. Haben sich Mental Maps für meine Zwecke geeignet? 131
IX. Schlussbetrachtung/Ausblick
1. Hamburg - eine ungeteilte Stadt. Perspektiven 133
2. Lösungsvorschläge 134
3. Entstandene und offene Fragen 135
4. Ausblick Auf zukünftige Forschungsthemen 137
Auf die Verwertbarkeit dieser Forschung 138
Anhang I: Stadtplanauszug 140
Anhang II: Beispiele von Mental Maps
1. Darstellung negativer Faktoren: Abbildung 1-2 141
2. Hamburg komplett: Abbildung 3-5 142
3. Alster-Skyline: Abbildung 6-7 144
4. Landungsbrücken-Skyline: Abbildung 8-9 146
5. Blick auf Blankenese, Süllberg und Umgebung: Abbildung 10 147
6. Blick von „drüben“ auf Nord-Hamburg: Abbildung 11-13 147
Literaturverzeichnis 149
I. Einleitung
Hamburg - eine geteilte Stadt? Bislang hat (sich) wohl niemand diese Frage gestellt bzw. eine solche These aufgestellt. Bei dem Begriff „geteilte Stadt“ denkt man zurück an Berlin, aber weder an Hamburg noch an eine andere deutsche Stadt. In der vorliegenden Arbeit will ich erläutern, wie es zu dieser Fragestellung gekommen ist. Als ich mit meinen Interviews zu dieser Forschung anfing, war die Antwort auch für mich vollkommen offen. Nach den ersten 20 bis 30 Befragungen ergab sich eine Tendenz zum Ja, die dann aber immer wieder kippte. Die endgültige Antwort auf die Titelfrage habe auch ich erst nach Auswertung der Mental Maps in aller Deutlichkeit erhalten. Aber ich will hier nichts vorwegnehmen, auf diese Antwort muss Leser und Leserin noch etwas warten.
1. Wie alles anfing
Im Wintersemester 1996/97 nahm ich an dem Seminar „Die Stadt im Kopf“ am Institut für Volkskunde teil, in dem es um Muster der Wahrnehmung von Urbanität ging. Gleich in der ersten Sitzung wurden wir aufgefordert, Hamburg zu zeichnen, was zunächst große Unsicherheit und viele Fragen auslöste. Was sollten wir zeichnen? Aus welcher Perspektive? Das öffentliche Bild der Stadt oder unser privates? So begegnete ich sowohl zum ersten Mal der Mental-Map-Methode als auch dem Stadtbild in meinem Kopf. Schnell stellte sich für uns heraus, dass das Arbeiten mit Mental Maps eine Form bietet, sich den Vorstellungen von urbanem Raum und städtischem Leben auf unmittelbare Weise anzunähern.
In unserer Arbeitsgruppe entstand die Vermutung, dass Stadtwahrnehmung und ihre Wiedergabe in Mental Maps von der persönlichen Lebenssituation und Erfahrung abhängig ist. Daher baten wir noch während des Seminars eine kleine Gruppe von zwölf Personen zwischen 10 und 75 Jahren, aufgeteilt in vier Altersgruppen, ihr Bild von Hamburg zu zeichnen und anschließend ihre Mental Maps zu kommentieren. Dabei zeigte sich, dass die Zeichnungen innerhalb der jeweiligen Altersgruppen tatsächlich
1
gemeinsame Merkmale aufwiesen. Es stellte sich jedoch die Frage, ob die Auswertung nach Altersgruppen bei der Aufforderung „Zeichnen Sie Ihr Bild von Hamburg“ das geeignete Mittel war, um herauszufinden, über welche Symbole die BewohnerInnen ihr Stadtbild definieren und ob es tatsächlich Gemeinsamkeiten innerhalb bestimmter Altersgruppen gibt oder ob es sich um ein zufälliges Ergebnis gehandelt hatte.
Ausgehend von dieser Fragestellung entstand eine Hausarbeit, bei der wir überprüfen wollten, ob vergleichbare Ergebnisse auch dann zu beobachten sind, wenn wir eine größere Anzahl von Menschen zeichnen lassen und befragen. Diese erste größere Arbeit mit Mental Maps brachte Folgendes zutage:
٠ Unsere These, dass sich die Wahrnehmung von unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Erfahrungen in den jeweiligen Mental Maps niederschlägt, bestätigte sich.
٠ Es wurde deutlich, dass Wahrzeichen - vorrangig Hafen/Elbe, Michel, Alster, Fernsehturm und Brücken - das Stadtbild (im Kopf) prägten. ٠ Insgesamt wurde Hamburg als eine grüne Stadt am Wasser mit vielen Freizeitmöglichkeiten dargestellt, wichtig war auch die wirtschaftliche Rolle der Stadt in Form von Handel, Industrie und Verlagswesen. ٠ Etwa die Hälfte der Befragten stellte persönliche und allgemeine Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bzw. Bedürfnisbefriedung dar. ٠ Die meisten Mental Maps bestanden aus mehreren zusammengestellten Symbolen, die etwa gleich groß gezeichnet und beschriftet waren.
Da wir damals „blutige“ Anfänger waren, haben wir uns bei der Auswertung eng an die sichtbaren Fakten gehalten und nur wenige Interpretationen gewagt. Sicher fehlte auch der durch Erfahrungen geschulte Blick, der erst im Laufe des Studiums entstanden ist, sowie die Wahrnehmung, dass unser eigenes Stadtbild eingeschränkt ist. Heute würde die Auswertung des damaligen Materials in Teilen sicher anders ausfallen, da die Analyse von Mental Maps stark vom Wissensstand der ForscherInnen abhängt.
2
2. Wie es weiterging
Einige Jahre später, im Wintersemester 2000/01, nahm ich an dem Seminar „Kulturwissenschaftliche Stadtforschung“ teil, um noch einmal neue Aspekte der Stadt(er)forschung kennen zu lernen. Besonders die Wahrnehmung von Stadt, die meiner Einschätzung nach durch Mental Maps unbeeinflusster als beispielsweise durch Befragungen wiedergegeben wird, faszinierte mich erneut. Durch Gespräche im Seminar wurde mir bewusst, dass wir bei der „alten“ Hausarbeit wie selbstverständlich nur Menschen zu ihrem Stadtbild befragt hatten, die auf der Nordseite der Elbe lebten. Und das wohl deshalb, weil wir InterviewerInnen alle auch auf dieser Elbseite wohnten. Zudem war in den damaligen Mental Maps die „Grenze“ Hamburgs nach Süden fast ausnahmslos die Elbe, die oft am oberen (sic!) Bildrand gezeichnet wurde. Nur eine Person hatte ein Symbol aus einem südlich der Elbe gelegenen Stadtteil gezeichnet, und zwei Personen stellten ganz Hamburg in Form von Landkarten dar. Die Ausblendung des Hamburger Südens in der überwiegenden Zahl der Mental Maps erschien uns damals überhaupt nicht bemerkenswert oder diskussionswürdig, weil wir selber ein deutlich eingeschränktes Stadtbild hatten: Auch unsere Wahrnehmung schloss den Süden aus!
3. Wie es endete
Aus diesen Beobachtungen ergab sich fast von selbst die Frage, ob die Menschen in den südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen ihre Stadt ganz anders oder ähnlich wie die Nord-HamburgerInnen sehen. Haben die Süd-Hamburgerinnen ganz Hamburg „im Kopf“? Sind Elbe und Hafen als Übergang oder als Grenze zum Norden vorhanden? Mir erschien Hamburg durch die „Grenze“ Elbe nun als so etwas wie eine geteilte Stadt. Das herauszufinden ist nun Thema meiner Magisterarbeit geworden. Zuerst einmal werde ich mich mit der Theorie über Mental Maps, also deren Bedeutung, Anwendungsgebiete und Eignung - speziell auf dem Gebiet der Stadtforschung - auseinander setzen, und darstellen, was Mental Maps
3
sollen und können. Während dieser Betrachtung von Verfahren und Möglichkeiten kommen neben neuen Erkenntnissen auch „alte“ Ergebnisse aus der Hausarbeit von 1997 zur Sprache. Anschließend werde ich die südlichen Hamburger Stadtteile in einem historischen Abriss vorstellen, denn wahrscheinlich habe nicht nur ich die Betrachtung von Süd-Hamburg bisher weitgehend ausgelassen. Damit biete ich die Möglichkeit an, sowohl das Warum und Wie des Anschlusses an Hamburg nachzulesen als auch die Entwicklung der südlichen Stadtteile bis heute.
Es folgen der Einblick in die Materialgewinnung damals und heute sowie die Schilderung des Forschungsverlaufs. Das nächste Kapitel beinhaltet die Ergebnisse der vorliegenden Forschung: die Auswertung der aktuellen Mental Maps, Vergleiche mit den Ergebnissen der Hausarbeit von 1997, Besonderheiten in/von manchen Mental Maps, die Reihenfolge des Gezeichneten, eventuelle geschlechtsspezifische Merkmale und
Interpretationen. Da es in der früheren Hausarbeit auch um die offizielle Hamburg-Werbung in Broschüren der Tourismuszentrale und Reisführern ging, soll dann ebenfalls die Rede davon sein. Wichtig dabei ist mir die Frage, inwiefern sich das Bild von Hamburg, das TouristInnenen vermittelt wird, im Vergleich zu damals geändert hat und ob es die südlichen Stadtteile beinhaltet oder nicht. Daran schließt sich ein Blick auf die den Süden betreffenden städtebaulichen Projekte der Stadt an, nämlich HafenCity, Sprung über die Elbe und Internationale Gartenschau (IGS) 2013 in Wilhelmsburg und auf der Veddel, und die für den Süden daraus resultierenden Perspektiven. Letztere werde ich in Bezug auf den Stadtteil Wilhelmsburg kontrovers behandeln, indem ich sowohl die offizielle Darstellung der Stadt betrachte als auch die Sicht des „Vereins Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg e.V.“ Einen kurzen Blick werfe ich dann darauf, was in der verwendeten Literatur über Stadtplanung geschrieben wurde und setze es in Bezug zum Sprung über die Elbe. Schließlich will ich die Titelfrage beantworten, liefere Interpretationen zu meiner Antwort und kläre die Frage, ob sich Mental Maps für meine Zwecke geeignet haben. Beim letzten Kapitel handelt es sich um eine Schlussbetrachtung, in der ich Perspektiven für Hamburg als eine komplette Stadt aufzeige und Lösungsvorschläge dazu
4
vorstelle. Nachdem ich offene und entstandene Fragen thematisiert habe, stelle ich einen aus meiner Forschung resultierenden Ausblick dar. Den Abschluss bilden ein Stadtplanauszug sowie Beispiele von Mental Maps, die als Anhänge eingefügt sind.
5
II. Was sollen und können Mental Maps?
Im Folgenden stelle ich vor, was Mental Maps sind und welche Erkenntnismöglichkeiten sie - aus unterschiedlichen Perspektiven - bieten, und zwar vor dem Hintergrund der Vorstudie und mit Blick auf die vorliegende Forschungsarbeit. Das heißt, es geht um die Methode des Mental Mapping, die Aussagekraft des Materials und um Fragen der Auswertung und Interpretation.
Vorab möchte ich durch die Aussagen von zwei verschiedenen AutorInnen einen Eindruck davon geben, was Mental Maps sind und was sie mit Stadtforschung zu tun haben.
Um Mental Maps oder kognitive Karten handelt es sich, „wenn die Stadtbewohner selbst ihre Umgebung aufzeichnen (...). An diesen Karten kann abgelesen werden, wie die Menschen den städtischen Raum konzeptualisieren, einteilen, aber auch wie sie sich ihn aneignen und welche zentralen Orte und Symbole von Bedeutung sind.“ 1
Die Arbeit mit Mental Maps bietet einen „Zugriff auf (mentale) Stadt-Bilder“ und damit den „Blick auf das Zustandekommen und Fortschreiben von Bildern (...), auf die kulturellen Muster, Topoi, Stereotypen und Images, die sich zu Stadtbildern verdichten.“ 2
1. Zwei unterschiedliche Erkenntnisperspektiven
Beatrice Ploch, die sich mit der Frage auseinander setzte, inwiefern sich Mental Maps zur Erforschung des Stadtraumes eignen, stellt zwei unterschiedliche Erkenntnisperspektiven dar: eine eher in der Geografie (die bis dahin vor allem mit dieser Methode arbeitete) verankerte Perspektive, die der Sichtbarmachung von Vorstellungsbildern (Images) dient und eine kulturanthropologische Perspektive, die den Menschen und seine Stadtaneignung in den Vordergrund stellt. 3
6
Die geografische Perspektive
Die Sichtbarmachung von Images war nach Ploch lange Zeit Schwerpunkt der Mental-Map-Forschung. Mit dem Begriff Image werden mentale Raumrepäsentationen, bewertete Vorstellungsbilder oder stereotype Raumeinschätzungen assoziiert. Kevin Lynch, der als erster Mitte der 1960er Jahre Mental Maps für eine größere Forschung erstellen ließ, stellte fest, dass „es von jeder beliebigen Stadt ein offizielles Image zu geben [scheint], das aus vielen individuellen Images oder Vorstellungsbildern geformt ist. Oder vielleicht gibt es auch eine Reihe offizieller Images, deren jedes von einer Anzahl von Einwohnern gehegt wird. (...) Jedes individuelle Vorstellungsbild ist einmalig und enthält etwas, was selten oder niemals anderen mitteilbar ist - und doch gleicht es sich der offiziellen Vorstellung an, die - je nach der Umgebung - mehr oder weniger zwingend, mehr oder weniger umfassend ist.“ 4 Im Vordergrund steht hier die mentale Raumrepräsentation, die sich bei Lynch auf physisch wahrnehmbare Gegenstände beschränkte, um die Bedeutung der Form zu ergründen. Umweltwahrnehmung und -vorstellung sind jedoch durch persönlich Geschichte und Wünsche, durch kulturelle und gesellschaftliche Kräfte geprägt. Mental Maps unterliegen somit lebensgeschichtlichen und historischen Entwicklungen und können dadurch jeweils gruppenspezifische oder kollektive Ähnlichkeiten aufweisen.
In der Vorstudie konnten wir beobachten, dass es gruppenspezifische Ähnlichkeiten gab: Die 10- bis 21-Jährigen zeichneten perspektivlose Stadtansichten, die aus Einzelelementen bestanden, denen erklärende Worte hinzugefügt wurden. Zentral war auf allen Zeichnungen der Fernsehturm, während Kirchen keine Rolle spielten. Dargestellt wurde eine Infrastruktur, symbolisiert durch Straßen und Autos. Interessengeprägte Merkmale wie Museen, Schule und Alltagsgeschehen kamen nicht vor. In der Gruppe der 22- bis 31-Jährigen wurden Ansichten ohne geografische Realität dargestellt: Die Mental Maps waren reduziert auf Symbole, die größtenteils aneinandergereiht waren. Elbbrücken, Fernsehturm und Michel waren bei allen vertreten, während es keine Freizeitelemente gab. Wir
7
charakterisierten diese Gruppe als diejenige, die kein Stadtbild gezeichnet hatte, sondern einen subjektiven Blick auf ein symbolisches Hamburg. Die Bilder der bis 60-Jährigen waren aus der Vogelperspektive gezeichnet und stellten abgeschlossene Szenen dar. Sie beinhalteten das persönliche Umfeld unter Hinzunahme von historischen Symbolen - dieser Gruppe schien die Rolle Hamburgs als Hafenstadt an der Elbe das Wichtigste zu sein.
Die über 60-Jährigen zeichneten hingegen Hamburg sehr unterschiedlichentweder auf einige wenige Symbole reduziert oder als einen kleinen detaillierten Ausschnitt. Kirchen waren hier auf allen Mental Maps vertreten, ebenso die Gebiete, in denen die ProbandInnenen in ihrem Leben viel Zeit verbringen bzw. verbracht haben. Für diese Gruppe war die Darstellung eines geografisch eingegrenzten Gebietes mit emotionalen Bezugspunkten entscheidend.
Die kulturanthropologische Perspektive
Kulturanthropologische Untersuchungen konzentrieren sich auf die subjektiven Komponenten und die qualitative Auswertung von Mental Maps. Die Befragten sind keine Untersuchungsobjekte, sondern Subjekte, deren Motive und Äußerungen im Zusammenhang gesehen werden und - in einen Kontext gestellt - interpretiert werden. Die Annäherung an den Menschen erfolgt also „über den von ihm als Mental Map skizzierten Raum“ 5 , sodass aktive menschliche Raumaneignung und ein Prozess des Sich-Einrichtens in den räumlichen Gegebenheiten in den Mental Maps abzulesen sind. Im Vordergrund kulturanthropologischer Betrachtung steht, wie der Mensch in seiner Stadt lebt. Mögliche Fragestellungen laut Ploch sind: „Welchen städtischen Raum eignen sich Menschen wie an? Ist der Erfahrungsraum auf das eigene Quartier, den eigenen Stadtteil oder bestimmte Wegstrecken beschränkt oder ist auch das Gesamtgebilde Stadt, als ein Raum, der mehrere Quadratkilometer umfaßt und in dem mehrere Hunderttausend oder Millionen Menschen leben, für den einzelnen Bewohner relevant?“ 6
8
Lege ich diese Fragestellungen, die ich auch für meine Forschung relevant sind, zugrunde, scheint es mir unumgänglich, dass es Überschneidungen in der geografischen und kulturanthropologischen Perspektive geben wird, Näheres dazu im nächsten Abschnitt.
Mich interessierten in meiner Forschung die Untersuchungs-Subjekte und deren aktive Raumwahrnehmung und -aneignung der gesamten Stadt Hamburg, und damit ging einher, auch etwas über die gelernte Stadt zu erfahren.
Durch die Vorstudie und besonders durch die vorliegende Forschung scheint es klar, dass die Stadtwahrnehmung auch über die „Möblierung“ der Stadt, die oftmals durch Wahrzeichen dargestellt wird, erfolgt. Gerade die Menschen im Süden von Hamburg müssen allerdings größere Wegstrecken zurückgelegt haben, um die im Norden gelegenen Wahrzeichen sehen und wiedergeben zu können. Damit sind diese Wege auf jeden Fall mit den Mental Maps erforscht und in ihnen - ob implizit oder explizit - enthalten. Ich habe den Eindruck, dass ich Plochs Anregungen - ohne sie vorher im Einzelnen gekannt zu haben - nachgekommen bin, was ich im zweiten Abschnitt noch einmal verdeutlichen will. Im Gegensatz zur rein geografischen Perspektive bietet die kulturanthropologische Perspektive, auch durch die qualitative Auswertung der Mental Maps, wesentlich mehr Raum für Interpretationen - zugespitzt formuliert „für die Interpretationen der interpretierten Stadt.“ 7 Ich sehe gerade in der Nutzung dieses Spielraums eine meiner Forschungsaufgaben. Voraussichtlich wird die Bandbreite der Interpretationen jedoch dann kleiner, wenn man nicht mehr feststellen muss, dass „als kulturwissenschaftliches Verfahren (...) Methoden und Möglichkeiten des mental mapping allerdings noch wenig ausgelotet [sind]“ 8 .
2. Gelebte/gelernte Stadt
In der Vorstudie hatten wir den Eindruck, durch die Aufforderung, ein persönliches Bild von Hamburg zu zeichnen, eher die Sicht auf die Stadt
9
gelenkt zu haben und schlossen daraus, dass „medial vermittelte und gemanagte Bilder bedeutsamer sind als eigene Erfahrungen.“ 9 Die Vermutung, andere Ergebnisse bei anderer Aufforderung zu erzielen, lag nahe und wird auch von Ploch bestätigt, die sagt, dass es einen Unterschied macht, ob nach dem konkreten Lebensraum des Respondenten im städtischen Raum gefragt wird oder ob er aufgefordert wird, seine Stadt zu zeichnen. 10
Es geht also einerseits um die gelernte, anderseits um die gelebte Stadt, wobei es scheinbar an gewissen Punkten Überschneidungen gibt. Hat „die passive - besser gesagt ‚gelernte’ - Seite menschlicher Aneignung städtischen Raums“ 11 nicht auch aktive Seiten? Durch die Wiedergabe eines Bildes, das auch durch Wahrzeichen geprägt ist, könnte man auf ein bestimmtes urbanes Lebensgefühl schließen. Gleichzeitig ist zu fragen, ob und wie bestimmte Wahrzeichen eventuell persönlich genutzt werden, sei es als Orientierungshilfe, Vorzeigeobjekt, für kulturelle Veranstaltungen, Sport und Freizeit oder Naherholung. Ploch äußert zwar die Befürchtung, dass bei einer Aufforderung, das eigene Bild z.B. von Frankfurt, Berlin oder Hamburg zu zeichnen, „das Ergebnis (...) dominiert [wäre] von Messeturm, dem Reichstag und dem Hafen, (...) Vorstellungen von dem, was man gegenwärtig noch in München typisch für Hamburg halten könnte.“ 12 Folgt man jedoch den o.g. Anregungen Plochs für mögliche Fragestellungen aus kulturanthropologischer Perspektive, und will dabei den Blick nicht auf das offizielle Stadtbild lenken, allerdings dennoch etwas über die Stadtwahrnehmung und -aneignung erfahren, ist entweder eine ausgeklügelte Fragestellung erforderlich, oder man akzeptiert die Tatsache, dass in Mental Maps „...’offizielle’ und öffentliche Bilder (...) fast durchwegs einen prominenten Platz einnehmen und gleichsam in den ‚persönlichen’ Besitz übergegangen sind.“ 13
In meinem Material gibt es eine Vermischung der offiziellen und in den persönlichen Besitz übergegangenen Bilder in manchen Punkten, da ich nach dem Bild von Hamburg gefragt habe. Herausfinden wollte ich, ob die Menschen im Süden Hamburgs ein ander(e)s gelerntes, soll heißen:
10
kompletteres Hamburg-Bild im Kopf haben als diejenigen im Norden. Dabei ging es nicht um das Gesamtgebilde Stadt, das offenbar nicht darstellbar ist, denn „der Raum ist für uns keine Größe, die wir in all ihren Facetten getreu dem objektiven Erscheinungsbild in unseren Köpfen abbilden, sondern deren Komplexität wir systematisieren und damit reduzieren.“ 14 Wichtig war mir, ob für den Süden ein Bild von Hamburg dies- und jenseits der „Grenzlinie“ 15 Elbe existiert und ob die Elbe für den Süden eine andere Rolle spielt als für den Norden. Es stand zu vermuten, dass die Elbüberquerung von Süden nach Norden häufiger/selbstverständlicher ist und auch größtenteils anderen Zwecken dient als umgekehrt. Gehört die Elbe damit zum gelebten Teil der südlichen Stadt oder ist sie wie (scheinbar) für den Norden eher ein gelerntes Merk- oder Wahrzeichen 16 unter anderen? Ist der Norden Hamburgs für den Süden für bestimmte eigene Zwecke wichtig oder hat er vor allem repräsentativen Charakter? Andererseits ging es um die Frage - nicht nur um der Vergleichbarkeit mit der Vorstudie von 1997 willen -, welches (vermittelte) Vorstellungsbild 17 von Hamburg in den Köpfen der Süd-HamburgerInnen steckt. Haben sie ein gleich(es), ähnlich(es) oder ganz ander(e)s vermitteltes Vorstellungsbild der Stadt?
3. Vorteile von Mental Mapping
Insgesamt bieten Mental Maps - so Beatrice Ploch - die Möglichkeit, „subjektiv erfahrene Lebenswelten als ganze [zu] erkennen, die nicht erst aus wissenschaftlichen Deutungen verdichtet werden müssen.“ 18 Dazu kommt, dass „jede Mental Map (...) zu einem Großteil einzigartig [ist], weil sie die eigenen, subjektiven Erfahrungen zum Fundament hat.“ 19 Das Mental Mapping hatte für meine Arbeit darüber hinaus einen weiteren entscheidenden Vorteil gegenüber anderen „Interviewtechniken“. Da die Befragten vorher nicht wussten, was auf sie zukam, gab es für sie keine Möglichkeit, sich vorzubereiten und ich erhielt dadurch spontan und unbeeinflusst ihr jeweiliges „Bild im Kopf“.
Da ich als Forscherin am Prozess des Zeichnens nicht beteiligt war, fand
11
also der Dialog zwischen den Zeichnenden und dem Blatt Papier statt. Eine eventuell vorausgesetzte Erwartungshaltung von mir, die nur sehr wenige verbalisierten, trat nach meiner Bitte, erst zu zeichnen und alle Erklärungen hinterher zu erhalten, in den Hintergrund bzw. fiel weg, da die ZeichnerInnen sich dann dem Füllen des weißen Blatt Papiers widmeten. Mir fiel damit zunächst die Rolle der Beobachterin zu, die ich in einem wie auch immer gearteten Interview nicht hätte einnehmen können. Ploch sagt dazu: „Die Mental Map stellt letztendlich die Antwort von Befragten als ihre Sicht der Welt, ihr gezeichnetes Weltbild dar. Im Gegensatz zur teilnehmenden Beobachtung, qualitativen Interviews mit Hilfe eines Frageleitfadens oder standardisierten Befragungen ermöglicht das Mental Map-Verfahren dem Respondenten in stärkerem Maße eine eigene Schwerpunktsetzung in einem - aus seiner Perspektive - individuell formulierten Kontext.“ 20
4. Art, Fähigkeit und Ästhetik der Darstellung
Es war vorher klar, dass ich weder ein Abbild des Gesamtgebildes Stadt erhalten würde, noch eines der realen Stadt, so eindeutig meine Aufforderung, das jeweilige Bild von Hamburg zu zeichnen, auch schien. Ich erhielt hauptsächlich systematisierte Ausschnitte in Form von zusammengesetzten Symbolen oder geschlossenen Darstellungen eines bestimmten Stadtraumes, manchmal auch ganz abstrakt präsentierte Hamburg-Bilder. Diese Systematik und Reduktion, von der auch Beatrice Ploch spricht 21 , zeigte sich schon in der Vorstudie auf sehr unterschiedliche und individuelle Weise, was einerseits mit den jeweiligen Fähigkeiten zu zeichnen erklärbar wäre, andererseits aber auch mit subjektiven Bildern über die Stadt im Kopf - denn, wie Ina-Maria Greverus festgestellt hat, „es gibt sie nicht, die Stadt.“ 22
Es ist natürlich die Frage zu stellen, ob die Aufforderung zu zeichnen vorrangig diejenigen unter Druck setzte, die glaubten, nicht zeichnen zu können. Sicher hatten die zeichnerisch „Begabten“ gewisse Vorteile, da die Hemmschwelle nicht so groß war. Ich versuchte bei den wenigen, wo sie vorhanden war, diese Hemmschwelle abzubauen, indem ich betonte, dass
12
es nicht darauf ankäme, zeichnen zu können. Bis auf eine einzige Person, die trotzdem nicht zeichnen wollte, hatte diese Aussage offenbar eine positive Wirkung, meistens wurde jedoch ohne Hemmungen oder Misstrauen sofort losgelegt. Ich erkläre mir diese Offenheit meiner InterviewpartnerInnen damit, dass ich an sie alle über eine ihnen bekannte Kontaktperson herangetreten bin, wodurch garantiert schien, dass ich nichts „Schlimmes“ von ihnen will. Mehrere Kontaktpersonen, die auch schon gezeichnet hatten, konnten selber vermitteln, dass es leicht und „harmlos“ ist, das Interview zu machen. Im Gegensatz dazu bestand bei der Vorstudie von 1997 das Problem, ohne Kontaktherstellung einige Personen ansprechen zu müssenbesonders die über 60-Jährigen, die uns fast alle fremd waren, lehnten das Zeichnen oft ab. Sie fühlten sich tatsächlich unter Druck gesetzt, weil sie annahmen, wir würden etwas Besonderes von ihnen erwarten. Dazu kam bei allen Unbekannten - zunächst - eine Angst vor Datenmissbrauch im weitesten Sinne. Letzteres wurde jedoch in meiner jetzigen Forschung kein einziges Mal thematisiert.
Die Qualität des Gezeichneten, besser gesagt: das ästhetische Moment der Zeichnungen, birgt die Gefahr, Mental Maps genau auf diesen Aspekt zu reduzieren. Um dies zu vermeiden, bedarf es einer bestimmten Voraussetzung, nämlich „daß es sich der Wissenschaftler zutraut, das Gesamtbild - die Mental Map - auch als Mosaik zahlreicher Einzelteile zu begreifen, und sich somit ein wenig vom bestechenden Gesamteindruck löst, um eine systematische vergleichende Analyse von Mental Maps vorzunehmen.“ 23
Für meine Arbeit war diese Gefahr der Reduktion nicht relevant: zum einen durch die Art der konkreten Vorab-Fragestellung der Forschung und zum anderen - was viel entscheidender ist - weil hier gerade die Einzelsymbole als solche im Vordergrund der Auswertung stehen, da sie Maßstab für die Vergleichbarkeit sind, und nicht der „bestechende Gesamteindruck“.
13
5. Das innere, subjektive Bild
Ein inneres oder mentales Bild zu entwerfen ist ein Prozess, in dem die äußere Realität interpretiert und geordnet wird, wobei das Moment der Prioritätensetzung eine spezifische Rolle spielt. Dieser Prozess ist (auch) in Mental Maps erkennbar, die damit ebenfalls eine subjektive Sicht auf die Welt darstellen. Bereits bei Lynch, dem Pionier der Mental-Map-Methode, ist die Rede davon, dass „das Bild einer gegebenen Wirklichkeit für verschiedene Wahrnehmer je ein ganz verschiedenes sein [kann].“ 24 Das heißt, das Dargestellte zeigt nicht die Realität, sondern ist deren subjektives Abbild, und es zeigt diese Realität lückenhaft. Trotzdem sind diese (Ab-) Bilder nicht weniger real, denn „sie dienen u.a. dazu, die Komplexität und Vielfalt (groß)städtischen Daseins und urbaner Verhaltensanmutungen zu bewältigen, erlauben das Sich-Einrichten und Zurechtfinden im Lebensraum ‚Stadt’.“ 25
Damit ein mentales Bild zu einer Mental Map wird, findet also eine Umsetzung des subjektiv erlebten Stadtbildes mit gestalterischen Mitteln statt, das eine Reduktions- und Abstraktionsleistung voraussetzt bzw. Resultat einer Selektions- und/oder Verdichtungsleistung ist. Zugleich sind erhebliche Fokussierungsleistungen gefordert - Mental Maps sind immer auch Symbolisierungsleistung 26 .
6. Elemente von Mental Maps
Lynch, dessen Studie sich auf Raumvorstellungen beschränkte, teilte die Elemente der Stadtbilder in fünf Typen ein: Wege, Grenzlinien, Bereiche, Brennpunkte und Merk- oder Wahrzeichen 27 . Aus diesen Elementen wirdwie Thomas Hengartner beschreibt - ein subjektiv vollständiges Bild geformt, und „konstituierend sind die Merkmale der objektiven Stadtstruktur mit hoher Einprägsamkeit, die affektive Bewertung von Orten, Orte von Aktivitäten, die Strecke Wohnort-Arbeitsort bzw. Wohnort-Stadtzentrum sowie
sozialstrukturelle Merkmale.“ 28
Vor allem die Grenzlinien und Merk- oder Wahrzeichen spielen bei meiner
14
Forschung die entscheidende Rolle, daher werde ich besonders auf diese Elemente bei der Auswertung meiner Befragung zurückkommen.
7. Mobilität und Raumaneignung
Auf die Frage von Ploch: „Bestimmen die Mobilitätsleistungen/-möglichkeiten der Befragten die Reichweite ihrer Mental Maps?“ 29 konnten wir in der Vorstudie mit einem klaren Ja antworten. Als besonderer Beleg dafür erschienen uns die immer reduzierteren Zeichnungen der Ältesten und die recht weitreichenden Mental Maps der Jüngsten. Auch Ploch stellte fest, dass jüngere Menschen mobiler sind und sich weiträumiger orientieren. 30 Für die vorliegende Arbeit kann ich dieser These nur sehr bedingt zustimmen, denn bezogen auf die Alterseinteilung lässt sich kein so eindeutiges Ergebnis feststellen. Hier ist vielmehr zu fragen, ob Mobilitätszwänge die Reichweite bestimmen, denn kulturelle Angebote und bessere Einkaufsmöglichkeiten schienen für sehr viele der Befragten aus dem Süden nur nördlich der Elbe gegeben, sodass die Nutzung dieser Angebote Mobilität erfordert. Es stellt sich zudem die generelle Frage, ob nicht gewisse Mobilitätsleistungen gerade (aber nicht nur) in einer Großstadt so selbstverständlich erbracht werden, dass sie den Befragten nicht erwähnenswert erscheinen. Als Beleg dafür lässt sich in beiden Forschungen heranziehen, dass die zurückzulegenden Wege meistens nicht eingezeichnet sind, und wenn, dann eher symbolisch als ein Stück Straße ohne konkrete Benennung oder in Form eines Fortbewegungsmittels wie Fahrrad, Auto oder öffentliches Verkehrsmittel. 31 Beatrice Ploch traf für eine Forschung in zwei Frankfurt-nahen Landkreisen eine ähnliche Aussage, nämlich „daß Mobilitätsleistungen, die täglich (...) erbracht werden, bei den Karten, die von einer sehr weiten Erschließung des Raums zeugen, oft ausgespart bleiben“ 32 . Hier wird auch die Frage: „Wie mitteilungsrelevant ist für die Befragten das für sie Selbstverständliche?“ 33 wichtig, die laut Ploch bedeutsam für die Interpretation der Mental Maps ist. Ob eine dargestellte Raumerschließung oder -aneignung, die ja sehr viel mit
15
Mobilität zu tun hat, nun eher eine Stadt-Idee oder Stadt-Erfahrung repräsentiert, lässt sich oft schwer sagen. Zwar sind dargestellte Raumaneignungen nur selten auf den eigenen Stadtteil beschränkt, die Ausdehnung umfasst meist mehrere, nicht unbedingt aneinander grenzende Stadtteile. In der Vorstudie handelte es sich um drei oder vier verschiedene Zonen. Am ehesten auf ihren Stadtteil oder entsprechende Symbole beschränkten sich die über 69-Jährigen, was wir mit ihrer vergleichsweise großen Immobilität erklärten. Bis an die Stadtgrenzen Hamburgs bzw. darüber hinaus reichten nur zwei aller Mental Maps: Auf ihnen wurde Hamburg als Landkarte oder Plan dargestellt. Auch Plochs Untersuchung bestätigte, dass das „Gesamtgebilde Stadt“ 34 fast nie wahrgenommen oder genutzt wird. Da die zwei „Ausnahme“-Personen Segler waren, nehme ich an, dass sie die Stadt auf eine sehr eigene Art, d.h. in Teilen weitreichender nutzten, daher auch eine andere Wahrnehmung hatten und darstellten. Gibt es jedoch keine gezeichneten Aussagen zu tatsächlich „be“nutzten 35 Räumen, bleibt es offen, ob die Stadtaneignung als aktiv oder passiv zu bezeichnen ist. Zu fragen ist jedoch, ob dieser Unterschied wichtig ist, denn „das mentale Abbild dieses Raums - das Bewertungen einschließt auch im Hinblick auf Möglichkeiten, die er dem Individuum zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bereitstellt - ist Forschungsgegenstand der Kulturanthropologie.“ 36
Von dieser Aussage ausgehend sehe ich im Vordergrund die Möglichkeiten stadtspezifischer Angebote - unabhängig von ihrer tatsächlichen Nutzungals Teil eines urbanen Lebensgefühls, da Wahrnehmung der Stadt „sowohl den Umgang mit dem umbauten Raum als auch die Vorstellung, in Städten nach Möglichkeits-, Aktions-, Interaktions- und Kommunikationsräumen zu suchen“ 37 umfasst.
8. Darstellung negativer Faktoren
Im Gegensatz zu Plochs Feststellung, dass „eher negative emotionale Befindlichkeiten gegenüber dem Raum, wie beispielsweise Angst, Haß, Verunsicherung, nicht dargestellt wurden“ 38 , tauchten diese Gefühle in der
16
Vorstudie in einigen Mental Maps auf, und zwar erstaunlicherweise häufiger bei Männern, wofür wir keine Erklärung hatten. In der überwiegenden Zahl der Mental Maps wurde jedoch ein eher schönes und freundliches Bild von Hamburg gezeichnet, entsprechend Greverus’ Feststellung für Frankfurt: „Die städtischen Merkzeichen werden nicht bedrohlich.“ 39 In dem neuen Material wurde ebenfalls mehrheitlich ein schönes, freundliches Hamburg dargestellt. Es gibt aber auch Kritik an der aktuellen politischen und sozialen Lage sowie Umweltaspekten, hier vorrangig den Verkehr betreffend. Dieser Punkt war schon in der Vorstudie Thema 40 , sodass die Feststellung, die sowohl Greverus als auch Ploch für ihre Forschungen in Frankfurt trafen, für Hamburg offenbar nur sehr eingeschränkt gilt: „Das Stadtgrün und der Verkehr scheinen miteinander versöhnt: Fahrräder und Nahverkehr erschließen die Stadt. Das Auto ist daraus verbannt (...).“ 41 Und Ploch: „(...) trotz Verkehrschaos kennt das Frankfurt der Mental Maps weder Straßen noch Autos.“ 42
9. Geschlechterdifferenz
In Plochs Untersuchung wiesen die Mental Maps von Männern und Frauen deutliche Unterschiede auf: Männer orientierten sich weiträumig, zeichneten oft ihren Arbeitsplatz ein, jedoch kaum Familie und Freunde. Im Gegensatz dazu verwiesen die Mental Maps der Frauen meist auf eine geringere Reichweite und enthielten oft Einkaufsmöglichkeiten, Infrastruktur sowie Familie und Freunde. Frauen verorteten sich jedoch genauso selten wie Männer in ihren Lebensräumen. 43
In unserer Vorstudie waren in Bezug auf die Weiträumigkeit keine wesentlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen festzustellen. Arbeitsplätze, wenn auch meist nicht konkret benannt, fanden sichallerdings in sehr geringer Anzahl - sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Beide Geschlechter ließen Familie und Freunde außen vor, und nur sehr vereinzelt zeichneten Frauen Einkaufsmöglichkeiten ein. Frauen haben sich jedoch deutlich häufiger selbst verortet, indem sie den Stadtteil, in dem sie
17
leben, einzeichneten, jedoch ohne ihn als „mein Viertel“ oder ähnlich zu bezeichnen oder ihr Haus zu kennzeichnen. So eine Kennzeichnung tauchte insgesamt nur zweimal auf.
Im Gegensatz zur Vorstudie habe ich in der aktuellen Forschung für eine genau gleiche Geschlechterverteilung in jeder Altersgruppe gesorgt, um aufgrund von Plochs Feststellung, die ja in der Vorstudie nicht bestätigt werden konnte, das neue Material noch einmal zu überprüfen. Auf diese Frage komme ich nach der Darstellung meiner Ergebnisse zurück.
10. Stadtbild in Mental Maps und Reiseführern
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Wechselwirkungen, die zwischen Mental Maps und Reiseführern oder Tourismusbroschüren zu bestehen scheinen. So konnten wir beispielsweise in der Vorstudie feststellen, dass Hamburg sich nach außen weitestgehend so darstellt, wie auch die BewohnerInnen ihre Stadt „sehen“, zumindest was die optischen Wahr- und Merkzeichen angeht. Bezüglich der kulturellen Angebote wie Theater, Kino, Musical und Museum, die einen hohen Anteil der Veranstaltungs-Programme ausmachten, unterschieden sich die Mental Maps stark von den offiziellen Fotos der Broschüren und Reiseführer. Der Stellenwert von Kultur schien für TouristInnen ungleich höher zu sein als für die Befragten. Das Rennen in der Publikumsgunst von Veranstaltern machten damals vor allem die bekannten Musicals wie „Cats“, „Phantom der Oper“ und „Buddy Holly“, die keinen spezifischen Bezugspunkt zur Stadt haben. Inzwischen scheint jedoch eine optische Verankerung, speziell des Musical-Standortes am Hafen, auch für die HambugerInnen stattgefunden zu haben, denn das von „Buddy Holly“ zum „König der Löwen“ gewordene Musical in seinem Zelt auf Steinwerder wurde in der aktuellen Befragung mehrfach dargestellt. Wozu könnte nun so eine Möglichkeit des Vergleiches von Mental Maps mit offiziellen Darstellungen dienen? Einerseits der Überprüfung, ob nach außen „richtig“ geworben wird, denn ein bei den HamburgerInnen selbst verankertes Stadtgefühl - auch wenn es klischeehaft wäre - ist so sicher leichter
18
„rüberzubringen“. Andererseits könnte die Außenwerbung, das sei hier schon einmal vorweggenommen, vor allem Hamburgs Süden betreffend noch viel entdecken und Broschüren und Reiseführer enorm ausweiten - frei nach dem Motto: „Entdecken Sie die andere Seite Hamburgs ...“ Abschließen möchte ich diese Betrachtung zu Mental Maps mit zwei unkommentierten Zitaten, die Teile des bereits Gesagten noch einmal zusammenfassen, nämlich den Aspekt der Stadtwahrnehmung im allgemeinen und der oftmals „geschönten“ Darstellung: „Die Stadtgestalt übt einen entscheidenden Einfluß auf die Wahrnehmung der städtischen Umwelt aus - und zwar im Wohnen wie im Sich-Aufhalten und Verweilen, im Bewegen und im Verharren, im Handeln und Sich-Beziehen, im Erzählen und Erinnern. Die gebaute und gestaltete städtische Welt: Gebäude, Straßenzüge, Häuserfluchten und Dachlinien; Wahrzeichen ebenso wie Vorgärten, Grünflächen oder Laubenkolonien prägen die Verortung des Menschen in der Stadt, seinen Raumbezug und sein Stadtbild.“ 44
„In den seltensten Fällen konnten wir in den Zeichnungen der Lebensräume der Befragten allerdings Problematisierungen ihrer Raum-Beziehungen erkennen. Ich erkenne darin das Bedürfnis, den eigenen Lebensraum ‚harmonisch’ darzustellen, das Bedrohliche wird daraus verbannt, es bleibtaus der Perspektive der Befragten - der konfliktfreie Nahraum, der uns nicht selten (zu) ‚idyllisch’ erscheint.“ 45
19
1 Wildner, Kathrin: „Picturing the city“ Themen und Methoden der Stadtethnologie. In: KEA
8, Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Bremen 1995, 16
2 Hengartner, Thomas: Zur Wahrnehmung städtischer Umwelt. In: Urbane Welten: Referate
der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz. Wien 1999, 17
3 Vgl. Ploch, Beatrice: Eignen sich Mental Maps zur Erforschung des Stadtraumes?
M öglichkeiten der Methode. In: KEA 8, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Bremen 1995,
S. 27
4 Lynch, Kevin: Das Bild der Stadt. Berlin 1965, 60
5 Ploch, Beatrice: Vom illustrativen Schaubild zur Methode. Mental Maps und ihre
Bedeutung für die Kulturanthropologie. In: Greverus, I.-M. (Hg): Kulturtexte, 20 Jahre
Institut für Kulturanthropologie und europäische Ethnologie (NOTIZEN 46) Frankfurt a. M.
1994, S. 120
6 Ploch 1995, 27
7 Ebd.
8 Hengartner 1999, 21
9 Ploch 1995, 26
10 Vgl. ebd., 24
11 Ebd., 26
12 Ebd.
13 Hengartner 1999, 22
14 Ploch 1994, 114
15 Vgl. Lynch 1965, 61
16 Ebd., 62
17 Vgl. Ploch 1995, 26
18 Ploch 1994, 115
19 Ebd., 113
20 Ploch 1995, 24
21 Vgl. Ploch 1994, 114
22 Greverus, Ina-Maria: Was sucht der Anthropologe in der Stadt? Eine Collage. In: Dies.,
Johannes Moser, Kirsten Salein (Hg.): STADTgedanken aus und über Frankfurt am Main
(NOTIZEN 48) Frankfurt a. M. 1994, 25
23 Ploch 1995, 24
24 Lynch 1965, 16
25 Hengartner 1999, 16
26 Vgl. ebd., 20/21
27 Vgl. Lynch 1965, 60
28 Hengartner, Thomas: Der Bahnhof als Fokus städtischen Lebens? Volkskundliche
Überlegungen zu einem urbanen Phänomen par excellence. In: Schweizerisches Archiv
f ür Volkskunde 90. 1994, 193
29 Ploch 1995, 32
30 Vgl. ebd., 28/29
31 Einen Unterschied gibt es jedoch zwischen Süd und Nord. Vgl. dazu Kapitel V, 4.
32 Ploch 1994, 130
33 Ploch 1995, 26
34 Vgl. Ebd., 27
35 Ebd., 38
36 Ploch 1994, 115
37 Hengartner 1999, 16/17
38 Vgl. Ploch 1995, 28
39 Greverus 1994, 66
40 s. Anhang II, Abb. 1-2
41 Ebd.
42 Ploch 1995, 38
43 Vgl. ebd., 32/33
44 Hengartner, 1999, 25
45 Ploch 1995, 28
20
III. Historischer Abriss
In der folgenden Darstellung der historischen Stadtentwicklung Hamburgs lege ich aufgrund des thematischen Schwerpunktes der Arbeit das Augenmerk auf die südlichen Stadtteile 1 . Zunächst zeige ich die allmähliche Anbindung dieser Stadtteile an Hamburg auf, die im Zuge von Reichsgründung, Zollanschluss sowie Hafen- und Stadterweiterung stattfand. Aufgrund der Annahme, dass Süd-Hamburg - zumindest für viele - beinahe eine „terra incognita“ ist, stelle ich dann jeden Stadtteil mit seiner Geschichte und spezifischen Entwicklung bis heute kurz vor. Die Reihenfolge dabei ist alphabetisch: erst der Bezirk Hamburg-Mitte und danach der Bezirk Harburg, wobei die drei Stadtteile des Alten Landes in einem Extrakapitel zum Schluss behandelt werden. Als Grundlage für meine Darstellung dienten mir im Wesentlichen der DuMont Kunst-Reiseführer von Hermann Hipp über Hamburg 2 und das „Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt“ 3 .
1. Die geografische Lage
Als Keim der Stadt Hamburg lag auf dem Geestsporn, der sich von Osten her zwischen Alster und Bille vorschiebt, die Hammaburg, deren Spuren auf eine sächsische Burg des 7./8. Jahrhunderts hinweisen. Dort liegt noch heute mit Petrikirche und Rathaus das Zentrum der Stadt. Das kleinere Gegenstück ist das am Rand der südlichen Geest gelegene Harburg. In der dazwischen liegenden Flussmarsch breiten sich nach Osten hin die Vier- und Marschlande, nach Westen das südlich der Elbe gelegene Alte Land aus. Das Stromspaltungsgebiet der Elbe, in dem sich durch Tide und Sedimentation Nebenarme und Inseln gebildet haben, bot die natürliche Grundlage für die entscheidende Existenzbedingung der Stadt: den Hamburger Hafen.
2. Reichsgründung und Zollanschluss
Nach der Reichsgründung 1871 war Hamburg zunächst außerhalb des deutschen Zollgebietes verblieben. 1881 entschied Hamburg, sein
21
Territorium in das Zollinland des Deutschen Reiches einbeziehen zu lassen, jedoch sollte ein großer Teil des Hafengebietes wie bisher Zollausland bleiben. 1888 wurde sowohl der Anschluss Hamburgs an das deutsche Zollgebiet vollzogen als auch der Hamburger Freihafen in Betrieb genommen. Waren konnten damit ohne Einfuhrzölle importiert und selbst nach zwischenzeitlich erfolgter Verarbeitung wieder ohne Zollentrichtung exportiert werden. Vor Inbetriebnahme des Freihafens war auf der alten Brook-Halbinsel die Speicherstadt für die Warenlagerung gebaut worden, durch ihre Einfügung in das Freihafengebiet wurde ein Binnenmarkt ohne innere Zollgrenzen geschaffen.
3. Stadtentwicklung und Hafenausbau
Zusammen mit der Ende des 19. Jahrhunderts beginnenden Stadterweiterung erfolgte der etwa hundert Jahre dauernde Hafenausbau: Zur Elbe offene künstliche Hafenbecken mit Kaimauern, an denen Schiffe festmachen konnten und die mit Schuppen, Bahngleisen, Straßen und beweglichen Dampfkränen ausgestattet waren, lösten die Liegeplätze im Binnenhafen und im Strom ab. Dadurch wurden eine tidenunabhängige Benutzbarkeit und ein schneller Güterumschlag ermöglicht. Seit 1869 überschritt der Hafenausbau die Norderelbe, und zwischen deren Südufer und der Grenze zu Wilhelmsburg, im Westen bis zum Süderelbearm Köhlfleet, entwickelte sich um die Jahrhundertwende das Hafengebiet.
4. Verkehrsanbindung oberhalb und unterhalb der Elbe Die Sicherung der Infrastruktur in den Stadterweiterungsgebieten verlangte die Anlage von Straßen und öffentlichen Nahverkehrssystemen. Die erste Brücke über die Süderelbe wurde 1868 bis 1872 als Verbindung zum seit 1847 in Harburg bestehenden Bahnhof des Hannoverschen
Eisenbahnsystems erbaut. Endziel war Hannover, Ausgangspunkt der Hannoversche Bahnhof am Lohseplatz als Hamburgs Tor zum Süden. Noch erhalten ist die erste Straßenbrücke über die Süderelbe, die 1897 bis 1899
22
errichtet wurde und heute Alte Harburger Elbbrücke heißt. Der Verkehr auf und unter Wasser wurde etwa zur selben Zeit ausgebaut: Die seit 1839 bestehenden St. Pauli-Landungsbrücken als Zentrum für den Hafenfährverkehr und die Unterelbe- und Seebäderschiffe erfuhren 1907 bis 1909 eine Erweiterung, der (alte) Elbtunnel zwischen St. Pauli und Steinwerder entstand in den Jahren 1907 bis 1911. Dem Vorbild der 1914 bis 1926 gebauten Freihafen-Elbbrücke folgend, wurde die Eisenbahn-Elbbrücke 1926/27 mit einem neuartig konstruierten Oberbau versehen. Der Bau der Autobahnbrücke über die Norderelbe erfolgte 1959 bis 1962 und verbindet Wilhelmsburg und Billwerder Insel; die S-Bahn-Linie Hamburg-Harburg wurde 1978 bis 1983 errichtet. Als Wahrzeichen der Hafenmodernisierung wurde im Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn und des neuen Elbtunnels von 1970 bis 1974 die Köhlbrandbrücke gebaut.
5. Hafenerweiterung
Bis zum Ersten Weltkrieg war der Welthafen Hamburg entstanden, der sich von den Elbbrücken bis zum Köhlbrand erstreckte. Das Hamburg zur Verfügung stehende Territorium war damit jedoch fast erschöpft, denn südlich der bereits angelegten Häfen und westlich von Waltershof bzw. Finkenwerder begann damals der Staat Preußen. 1929 schlossen Hamburg und Preußen einen Vertrag über die Gründung einer Hafengemeinschaft. Dieser Vertrag sah als Hafenerweiterungsgebiet den ganzen Raum westlich des Köhlbrands bis zur Mündung der Alten Süderelbe vor. Damit handelte es sich um eine Fläche von ca. 5100 Hektar, die jedoch durch das Hafenerweiterungsgesetz von 1961 und das Hafenentwicklungsgesetz von 1982 reduziert wurde.
Bereits seit dem Ersten Weltkrieg gab es Pläne, einen gemeinsamen Stadtorganismus, wenigstens aber einen planerisch einheitlichen Entwicklungsraum mit den Nachbarstädten und dem Umland zu schaffen. Solche Pläne wurden im „Dritten Reich“ durch das Reichsgesetz über Groß-Hamburg und andere Gebietsbereinigungen („Groß-Hamburg-Gesetz“) von 1937 umgesetzt: Die preußischen Nachbargebiete wurden mit Hamburg
23
vereinigt, andere Teile von Alt-Hamburg wie Großhansdorf-Schmalenbek, Geesthacht und Cuxhaven mit Neuwerk fielen an Preußen. Eine zentrale Hafenverwaltung des gesamten Hafenraumes wurde nun durch den Anschluss Altonas und Harburgs möglich. Durch den Krieg blieben diese Möglichkeiten zwar vorerst ungenutzt, in der anschließenden Auf- und Ausbauphase der Nachkriegszeit wuchs der Hafen dann bis in die 1960er Jahre hauptsächlich in südlicher Richtung. Nachdem sich Hamburg 1967 entschlossen hatte, den Hafen auf Containerumschlag umzustellen, erfolgte auch die Ausweitung nach Westen.
6. Verwaltung
Seit 1819 führt Hamburg den Staatstitel „Freie und Hansestadt Hamburg“; sie ist heute in 7 Verwaltungsbezirke und 104 Stadtteile gegliedert, in denen 180 Ortsteile liegen. Neben anderen nördlich der Elbe gelegenen Stadtteilen gehören die Veddel und Finkenwerder zum Bezirk Hamburg-Mitte, ebenso die Hafengebiete Kleiner Grasbrook, Steinwerder und Waltershof. Die Besonderheit von Hamburg-Mitte ist, dass dort unter der Bezeichnung „Ortsteil 150, Schiffsbevölkerung“ Menschen mit der Wohnsitzangabe „An Bord“ gemeldet sind. Den Bezirk Harburg bilden die Stadtteile Harburg, Neuland, Gut Moor, Wilsdorf, Rönneburg, Langenbek, Sinsdorf, Marmsdorf, Eißendorf, Heimfeld, Wilhelmsburg, Altenwerder, Moorburg, Hausbruch, Neugraben-Fischbek, Francop, Neuenfelde und Cranz.
7. Die Stadtteile des Südens
Bezirk Hamburg-Mitte
Der nördlich des Finkenwerder Landscheidewegs gelegene Teil Finkenwerders gehört seit 1445 zu Hamburg - seit 1919 als Vorort -, der südliche Teil ging erst mit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937/38 an Hamburg. Im 17. Jahrhundert erfolgte eine Neueindeichung, die für den Süden Finkenwerders stabilere Lebensverhältnisse brachte, im Nordosten siedelten sich erste Fischer an. Der Norden war wegen ständiger Überschwemmungen
24
landwirtschaftlich wenig ertragreich; die Wende kam mit einer 1801 von Hamburg erlassenen Verfügung, die die Grundbesitzer am Deich für dessen Zustand verantwortlich machte. Die Deiche überstanden die Sturmflut von 1806 und hatten ein Anwachsen der Bevölkerung zur Folge. Um 1800 wurde mit dem Obst- und Gemüseanbau begonnen, 100 Jahre später war damit der Getreideanbau verdrängt.
Mit der Industrialisierung wurde auch Finkenwerder in die Hafenerweiterung einbezogen, 1918 erfolgte die Gründung der Deutschen Werft. Bereits seit 1900 wurde das Vorland vor den Deichen zum Köhlfleet und zur Elbe hin aufgeschüttet, um ein Wohnviertel für Hafen- und Werftarbeiter sowie ein neues Industriegebiet zu schaffen - auf dem Ostteil dieses Geländes liegt der Kern des heutigen Stadtteils. 1914 wurde auch im Hinterland das Geländeniveau angehoben, die geplante Arbeiterwohnstadt wurde jedoch erst angelegt, als die Werften in Finkenwerder und Waltershof in die Kriegsaufrüstung mit einbezogen wurden. Am Rande dieses Wohngebietes stehen noch heute die im Jahr 1943 als Behelfssiedlung für Bombenopfer gebauten Plattenhäuser.
Nach der Sturmflut 1962 beendete die Abriegelung der Alten Süderelbe das Inseldasein von Finkenwerder. Der Bau der Köhlbrandbrücke sowie des Neuen Elbtunnels brachten den massiven Durchgangsverkehr mit sich, der auch heute noch herrscht. Die ehemalige Fischerei spielt inzwischen keine Rolle mehr, der Stadtteil lebt hauptsächlich von der Flugzeugindustrie der Airbus Deutschland GmbH, des größten Arbeitgebers des Stadtteils, und vom Obstanbau, hauptsächlich Äpfeln. Das Bild Finkenwerders ist geprägt vom Industrieareal bis zur Marschenlandschaft, von Großwohnsiedlungen bis zu Überresten der im 17. und 18. Jahrhundert sich entwickelnden alten Fischersiedlung. Teile des nördlichen und südlichen Finkenwerders werden noch heute landwirtschaftlich genutzt, die zugehörigen alten Höfe liegen auf sogenannten Wurten, zum Schutz vor Sturmflut aufgeschütteten Hügeln.
Die im Mittelalter eingedeichten Elbinseln Veddel, Kleiner Grasbrook und Steinwerder gehörten zu Holstein und kamen zusammen mit Waltershof
25
durch den Gottorfer Vertrag 1768 zu Hamburg. Diese ehemaligen Weideflächen wurden für Hamburg interessant, als der Hafen die Norderelbe überschritt und wurden die Hauptgebiete des Hafens. Der Grasbrook, der zwischen der Stadt und der Norderelbe lag, wurde 1549 durchtrennt; auf dem nördlichen Teil entstand die Speicherstadt, der südliche Teil erhielt den Namen Kleiner Grasbrook. Ebenso wie Steinwerder bildet der Kleine Grasbrook seit 1871 einen Vorort, seit 1894 einen Stadtteil von Hamburg.
Um 1850 begann die Erschließung für Hafen und Industrie, zwischen Norderelbe und dem Ostufer des Reiherstiegs entstanden Werft- und Gewerbegebiete. Diese Zone, nach Süden vom Querkanal und nach Osten vom Steinwerder Hafen begrenzt, wurde 1951 dem „Werftenstadtteil“ Steinwerder zugeschlagen. 1876 bis 1879 wurde der Petroleumhafen, der seit 1922 Südwesthafen heißt, in sicherer Entfernung zum bisherigen Hafenbereich und der Stadt gebaut. Zwischen 1887 und 1894 entstanden die Hafenbecken für die Seeschiffhäfen entlang der Elbe (Segelschiffhafen, 1976 weitgehend zugeschüttet, Hansahafen und Indiahafen, Letzterer nicht mehr vorhanden), östlich und südlich die Flussschiffhäfen (Moldauhafen, Saalehafen und Spreehafen).
Mit seiner Erschließung wurde der Kleine Grasbrook auch zum Wohngebiet, das sich in etwa auf dem Gelände des heutigen Überseezentrums befand. Schon 1887 erfolgte jedoch die Umsiedlung, da das Gebiet im künftigen Freihafen lag. Einige wenige Bewohner gibt es noch heute, sie wohnen außerhalb der Freihafengrenze an der Harburger Chaussee, in Kopfbauten von Speichern und Lagerhäusern und in Hausbooten am Spreehafen. Wie der gesamte Hafen wurde auch der Kleine Grasbrook im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, dennoch finden sich hier noch vereinzelt Spuren der Hafenentwicklung des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, nämlich die ältesten noch erhaltenen Schuppen des Hamburger Hafens.
26
Arbeit zitieren:
MA Eva Zander, 2004, Hamburg - eine geteilte Stadt? Mentale Bilder von Stadt und Urbanität, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Eva Zander's Text Hamburg - eine geteilte Stadt? Mentale Bilder von Stadt und Urbanität ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Eva Zander hat den Text Hamburg - eine geteilte Stadt? Mentale Bilder von Stadt und Urbanität veröffentlicht
Eva Zander hat einen neuen Text hochgeladen
Jugendkulturen zwischen geplan...
Gabriela Muri, Sabine Friedrich
the new metropolis - die neue ...
Dieter Läpple, Markus Messling, Jürgen Trabant
Zur Neoliberalisierung städtis...
Volker Eick, Jens Sambale, Eric Töpfer
stadtmachen.eu - Urbanität und Planungskultur in Europa
Johann Jessen, Ute Meyer, Jochem Schneider, Thomas Wolf
0 Kommentare