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1 MOTIVATION 3
2 FEMINISTISCHE KRIMINALLITERATUR - IDEEN UND GENEALOGIE 4
3 TYPEN DER ERMITTLERINNEN IM FEMINISTISCHEN KRIMINALROMAN 9
3.1 DIE FREISCHAFFENDE AMATEURIN 9
3.2 DIE ERMITTLERIN IN AKADEMISCHEN KREISEN 11
3.3 DIE POLIZISZTIN 13
3.4 EINZELGÄNGERINNEN UND HARTE FRAUEN 14
3.5 LESBISCHE DETEKTIVINNEN 16
4 FALLBEISPIEL: MARIA GRONAUS LENA WERTEBACH IN „WEIBERLUST“ 19
5 FAZIT 22
LITERATURVERZEICHNIS 23
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1 MOTIVATION
Wer kennt sie nicht, die alte strickende Jungfer Miss Marple, die mit aufdringlicher Tratschsucht das Lösen von Krimanalfällen zu ihrem Hobby gemacht hat. Aber seit Jane Marples aktiver Phase hat sich viel getan auf dem „Arbeitsmarkt“ für Ermittlerinnen. Die Zeiten, in denen Frauen nur kriminologisch tätig sein durften, wenn ihre Ehemänner schon verschieden waren oder sie nie welche hatten, sind seit längerem vorbei. Die Frauen haben sich aus ihrer bloßen Nebenrolle in Kriminalromanen als naives Blondchen, das gerettet werden muss, und vernichtender femme fatal, die nur den Untergang des einsamen, harten Detektivs im Sinn hat, ins Spotlight gebracht. Im Zuge der Frauenbewegungen haben auch Autorinnen von Krimis sich von patriarchalen Strukturen gelöst und schicken ihre Heldinnen mit Revolvern bewaffnet, rauchend, trinkend und sich selbst verteidigend in die Welt des Verbrechens. Sie lösen zum einen natürlich hervorragend Kriminalfälle. Aber was sie vor allem tun, ist der Leserin eine Welt und Gesellschaft vorzuführen, in der es oft noch selbstverständlich ist, ein ganzes Geschlecht zu knechten, zu entmündigen und bei Verstoß zu bestrafen, nicht selten mit dem Tod.
Der feministische Kriminalroman ist eine Gattung, die in vielerlei Hinsicht mit Klischees und Restriktionen zu kämpfen hat. Eine Vielzahl von Autorinnen hat diesen Kampf aufgenommen. Ihre Ideen, ihre Werke und ihre Heldinnen sollen Thema dieser Arbeit sein. Sie beginnt mit einer kurzen Einführung in das Thema der feministischen Kriminalliteratur, der eine ausschnittartige Genealogie angeschlossen ist. Kapitel drei ist ganz den Heldinnen dieser Gattung vorbehalten, die in ihren verschiedenen Erscheinungsformen vorgestellt werden. Nähere Bekanntschaft kann in Kapitel vier mit Lena Wertebach gemacht werden, einer Paradeheldin ihrer Zunft.
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2 FEMINISTISCHE KRIMINALLITERATUR - IDEEN UND GENEALOGIE
Der feministische Kriminalroman ist oberflächlich natürlich eine Kriminalgeschichte um ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss. Doch der von Frauen geschriebene Kriminalroman dient in erster Linie dazu, den Protagonistinnen einen Raum zu schaffen, in dem sie konventionelle Geschlechterrollen ablegen oder sie in Frage stellen können. Die Heldinnen sind nicht nur ein Zeichen für die Emanzipation von Frauen, sondern generell für das Aufbrechen fixierter Rollenbilder und Gruppenzugehörigkeiten. 1 So kann man nach Sabine Wilk den Frauenkrimi definieren als „[…] Kriminalgeschichten, die von Frauen geschrieben werden und um frauenrelevante Themen kreisen beziehungsweise Frauen als Hauptcharaktere haben.“ 2 Als eigenständiges Genre hat sich der weibliche hartgesottene Privatdetektivroman erst in den Achtzigern etabliert. Er schickte seine starken, feministischen Heldinnen in den Ein-Frau-Krieg gegen das Verbrechen. Somit konnte das in der Frauenbewegung neu gebildete Selbstbewusstsein der Frauen das maskuline Genre des Krimis für die Darstellung ihrer Emanzipationsphantasien nutzen. Die Privatdetektivinnen zeichnete ein hohes Maß an Autonomie und Konfliktkompetenz aus, waren aber gerade anfangs oft noch verstrickt in überkommenen Modellen von Schönheit, Liebe und Häuslichkeit. Eine mit ihrer Feminität zusammenhängende Anerkennung war noch selten. 3
Einen radikalen Ansatz für die Betrachtung des feministischen Kriminalromans bietet Teresa L. Ebert mit ihren Artikel „Ermittlung des Phallus - Autorität, Ideologie und die Produktion patriachaler Agenten im Krimanalroman“ an. Demzufolge erzählen Kriminalromane von der Krise des Patriarchats. Detektive seien dabei Agenten des Patriarchats, die Gesetz des Vaters ausführten, um patriarchale Ordnung wiederherzustellen, die durch ein Verbrechen gestört und damit gefährdet wurde.
1 Vgl. Birkle. In: Plummer, 2001, S. 17.
2 Plummer, 2001, S. 27.
3 Vgl. Dietze, 1997, S. 10.
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Der Phallus als Signifikant der patriarchalen Macht und des Privilegs werde im Genre des Kriminalromans durch die phallische Figur des Detektivs symbolisiert. Für Ebert geben Kriminalromane einen der wichtigsten Schauplätze für die ideologische Reproduktion und Legitimation patriarchaler gesellschaftlicher Beziehungen und Be-wusstseinsformen ab. Gleichheit für Frauen sei innerhalb des Patriarchats meist als Zugang zu den Attributen und Privilegien definiert, die für männliche Individuen reserviert sind. 4 Dies ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Ermittlerinnen häufig als männlich konnotiert dargestellt werden, sei es über Sprache, Benehmen oder Kleidung. Auch der Besitz und der Gebrauch einer Schusswaffe sind hierdurch beeinflusst.
Detektivinnen fungierten in Mainstream Romanen als Agentinen des Patriarchats. Wenn sie Feministinnen seien, täten sie dies oft gegen ihre persönlichen und politischen Anschauungen. Sie sähen sich immer wieder mit Angriffen unterschiedlicher Art konfrontiert. Die Gewalt bestünde nicht nur aus offensichtlichen Kampfhandlugen. Oft sei die gesamte Detektion durch Beobachtung und Überwachung geordnet, diszipliniert und beherrscht. Detektivinnen würden als Ersatz für patriarchale Agenten herangezogen, obwohl sie gleichzeitig in Widerspruch zur patriarchalen Autorität stünden.
Ihnen sei es möglich, Gewalt und Missbrauch des Patriarchats zu demaskieren und störende phallische Figuren zu bezwingen. Die Darstellung erfolgreicher, doppelgeschlechtlich konditionierter Frauen formuliere einen wichtigen Einspruch gegen den konventionellen Stereotyp von Frauen als hilflosen, passiven Opfern. 5
Die „damsel-in-distress“ hat in den neuen Kriminalromanen ausgedient. Auch die jungen, schönen Heldinnen, die durch ihr eigenes unkluges Verhalten in bedrohliche Situationen geraten und mit einem „Wenn ich das doch gewusst hätte!“ in die Arme ihres Geliebten sinken 6 , haben im feministischen Kriminalroman nichts mehr zu (unter)suchen.
4 Vgl. Ebert. In: Vogt, S. 464ff.
5 Vgl. Ebert. In: Vogt,1998, S. 469ff.
6 Vgl. Berens, In: Berger/Stephan, 1987, S. 183.
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Neben diesem Paradigmenwechsel stehen vier weitere, die sich in der Genre-Gender-Verhandlung der hartgesottenen Konvention niedergeschlagen haben: 1. Gewalt: Die Militanz des ersten Jahrzehnts der Frauenbewegung produzierte maskuline Durchsetzungsstrategien, derer sich nun auch Frauen bedienten. Gewalt wurde ein fester Bestandteil des hartgesottenen Krimigenres.
2. wisecrack: Der Wortwitz der Detektive, um in unterlegener Situation wenigsten sprachliche Kontrolle zu bewahren, wurde auf die weibliche Perspektive übertragen: Die rhetorische Geste des wisecrack wird zur Sexismuskritik genutzt und so zu einem Mittel der Parodie. 3. kategoriale Trennung von ’sex’ und ’gender’: Sie ermöglichte alternative Lebensstile jenseits der konventionellen Frauenrolle und dadurch auch erst die Figur des female hard boiled private eye.
4. Institutionenkritik / institutioneller Konflikt: Gesellschaftliche und staatliche Institutionen wurden fundamental als patriarchalisch kritisiert. 7 Diese Kritik ist den Heldinnen schon per se eingeschrieben, wird aber im Kriminalroman selbst durch die Handlung erweitert.
Dies ist möglich, indem die Ermittlungen auf größere, explizit feministische Untersuchung der sozialen Gegebenheiten innerhalb des Patriarchats ausgedehnt werden. Die meisten Mörder weisen Verbindungen zu Institutionen auf, die Frauen unterdrücken. Ein Mord geschieht oft durch die Angst des Mörders, dass eigene Verfehlungen entdeckt werden könnten und er seinen Status und seine Macht innerhalb dieser Institution verlieren könnte.
Bei der folgenden Untersuchung ist der Feminismus der Bezugsrahmen, in dem angemessenes Verständnis und Kritik für den jeweiligen Verbrecher, sowie des größeren sozialen Kontext möglich ist.
Der Feminismus kann als Weltanschauung verstanden werden, die in der Lage ist, eine Alternative zum korrupten System zu bieten, das zum Verbrechen geführt hat.
7 Dietze. In: Birkle, 2001, S. 46ff.
Arbeit zitieren:
Claudia Thieler, 2006, Der feministische Kriminalroman, München, GRIN Verlag GmbH
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