Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 5
II. Anthropologie und Religiosität in Lessings Nathan der Weise - Untersuchung. 5
1. „Was sind wir Menschen “ (I/1) - anthropologische Grundbestimmungen 5
1.1. Harmonische Individualität - das „Ideal“ 5
1.1.1. Ein „Ding von vielen Seiten“ (IV/4) - Vielschichtigkeit des Menschen 5
1.1.1.1. Noetisch-rationales Vermögen („Vernunft“) 5
1.1.1.2. Personzentrum, Sinn des Guten und Schönen, Emotion („Herz“) 6
1.1.1.3. Personzentrum, Unbewußtes und Sympathie („Seele“) 7
1.1.1.4. Phantasie 8
1.1.1.5. Körper 8
1.1.1.6. Natur und Blut. 9
1.1.1.7. Wille und Norm 10
1.1.1.8. Reste christlicher Begrifflichkeiten 10
1.1.2. Zusammenfassung und Weiterführung 11
1.2. Die Gefährdung der Identität 11
1.2.1. Menschenhaß, Schwermut (Melancholie) und Schwärmerei (Wahn) 12
1.2.1.1. Sieg des Kopfes: Die kalte Vernunft wirkt Menschenhaß. 12
1.2.1.2. Sieg des Herzens: Das Fehlen der Begriffe wirkt Melancholie. 12
1.2.1.3. Die Phantasie greift ein: Denkendes Herz und fühlender Kopf
(„Schwärmerei“ und „Wähnen“) 13
1.2.2. Selbsterkenntnis und Erkenntnis anderer. 15
1.3. Weiterführung 15
2. Wege zur Identität. 16
2.1. Die Möglichkeit der Vervollkommnung (Erziehung und Bildung) 16
2.1.1. Erziehung und Bildung: Eigenart und Verhältnis. 16
2.1.1.1. Mittel der Erziehung (Poesie) 16
2.1.1.2. Vervollkommnung und Beziehung 18
2.1.1.3. Analogien zwischen Erziehung und Bildung. 18
2.1.2. Voraussetzungen und daraus resultierende Probleme. 19
2.1.2.1. Erziehende. 19
2.1.2.2. Lernende 19
2.1.4. Zusammenfassung und Weiterführung 20
2
2.2. Die Möglichkeit der Beziehung 21
2.2.1. Anthropologische Notwendigkeit und Formen menschlicher Beziehung 21
2.2.1.1. Herrschaftsverhältnis und Besitz 21
2.2.1.2. Religions- und Volkszugehörigkeit 22
2.2.1.3. Ehe und Familie 22
2.2.1.4. Überwindung im „Familienmodell“ 23
2.2.2. Die Alternative: Freundschaft. 24
2.2.2.1. Anthropologische Notwendigkeit und Wesen der Freundschaft 24
2.2.2.2. Probleme 24
2.2.3. Zusammenfassung und Weiterführung 25
2.3. Die Möglichkeit des Handelns. 26
2.3.1. Anthropologische Notwendigkeit des Handelns. 26
2.3.2. Motivation der guten Tat 26
2.3.2.1. Tat als Voraussetzung und Ziel eigener und fremder Identität. 26
2.3.2.2. Abgrenzungen: Äußere Norm und Belohnung 27
2.3.3. Voraussetzungen und Zusammenfassung 27
2.3.4. Der „Kerl im Staat“ (I/3) - Privatheit und Öffentlichkeit 28
2.3.4.1. Saladin und Sittah 28
2.3.4.2. Nathan 29
2.3.4.3. Al-Hafi, Bonafides, Curd und der Patriarch 29
2.3.4.4. Zusammenfassung. 30
2.3.5. Zusammenfassung und Probleme 30
2.4. Religion im Rahmen der Anthropologie. 31
2.4.1. Anthropologische Notwendigkeit von Religiosität und Gottheit. 31
2.4.1.1. Religion muß dem Individuum entsprechen 31
2.4.1.2. Religion und Beziehung. 32
2.4.1.3. Entwicklung und Aneignung 32
2.4.1.4. Religion und Tat 33
2.4.1.5. Zusammenfassung. Ringparabel 33
2.4.2. Folgen für die Einschätzung der positiven Religion. 34
2.4.2.1. Umgang mit Elementen positiver Religion. 34
2.4.2.2. Transformierung in Vernunftwahrheiten 35
3. Anthropologie und Religiosität im Nathan - Synthese und Problematisierung. 36
3.1. Synthese 36
3
3.1.1. Harmonie von Mensch, Welt und Gott 36
3.1.2. Sprache und Tat, Kontingenz und Eklektizismus 37
3.2. Die vorgestellte Einrichtung der Welt als Rezeptionsproblem. 37
3.2.1. Utopie als Aufgabe 37
3.2.2. Die Utopie scheitert ohne ihre Voraussetzungen. 38
III. Anthropologie und Religiosität in Lessings Nathan der Weise - Ausblick 39
IV. Literatur und Abkürzungen. 40
1. Abkürzungen und Siglen. 40
2. Quellen. 40
3. Selbständige Veröffentlichungen und Gesamtinterpretationen 41
4. Aufsätze zu Einzelproblemen 41
5. Lexikonartikel 43
4
I. Einleitung
1 Lessings Nathan der Weise steht ein merkwürdiges Motto voran: „INTROITE, NAM ET HIC DII SUNT“. Schließlich sind Menschen die einzige Spezies, die dann im Plural vorkommt. Wenn außerdem das Drama menschliche Wirklichkeit darstellen soll, sind dann etwa die Menschen oder ist sogar die Welt das Göttliche?
Ausgehend von dieser Frage, sollen in der vorliegenden Arbeit zunächst Grundzüge des vorausgesetzten Menschenbilds erhellt werden, um dann das Verhältnis von Gott und Mensch präziser bestimmen zu können.
II. Anthropologie und Religiosität in Lessings Nathan der Weise - Unter-
suchung
1. „Was sind wir Menschen!“ (I/1) - anthropologische Grundbestimmungen
1.1. Harmonische Individualität - das „Ideal“
In diesem ersten Abschnitt soll mit der Darstellung „idealer“ Individualität die Grundlegung für den weiteren Verlauf der Arbeit geleistet werden, - mögliche Gefährdungen können erst dann präzise verstanden werden.
1.1.1. Ein „Ding von vielen Seiten“ (IV/4) - Vielschichtigkeit des Menschen
Beim ersten Blick in den Nathan fällt die Häufigkeit anthropologischer Begrifflichkeiten wie „Herz“, „Verstand“, „Seele“ usw. auf. Wenn bei ihnen begonnen wird, müßte es möglich sein, das zugrunde liegende Menschenbild näher in den Blick zu nehmen. Dabei wird nicht streng zwischen Instanzen im Menschen (z.B. „Herz“) und Vermögen (z.B. Wille) zu unterscheiden sein.
1.1.1.1. Noetisch-rationales Vermögen („Vernunft“)
In einem Drama, das als Beispiel aufklärerischer Bestrebungen gilt, liegt nichts näher, als zunächst Aufgabe und Fähigkeit der Vernunft zu bedenken. Tatsächlich bietet schon I/2 ein schönes Beispiel für „Entmythologisierung“: Mit Gründen der Vernunft wird Recha (jedenfalls zunächst) von ihrem tatfernen Engelglauben kuriert (vgl. nur V. 192ff. und 201-204). Auch Nathans Zernichtungs-Erlebnis
1 Der Nathan wird zitiert nach der Ausgabe bei Reclam (Stuttgart 1987), weil sie Verszählung bietet. Alle anderen Werke Lessings nach Gotthold Ephraim Lessing: Werke in drei Bänden, hg. v. Otto Mann, München 1967 bis 1974. Sigle: M, die Bandnummer wird in arabischen Ziffern angefügt.
5
von Gat könnte so verstanden werden. Er wird aus der Verzweiflung gerettet, indem die Vernunft „mit sanfter Stimm'“ spricht (V. 3053), also verbale Aufklärung leistet. Die Wege der reinen Rationalität werden aber verlassen, wenn es dann heißt „und doch ist Gott“. Kein kantisches „als ob“ 2 Vernunftgebrauch ist demnach „kaum relativiert die Einwilligung in „Gottes Rathschluß“ (V. 3054). anderes als jene Art <übender> Zustimmung, die [...] der umgreifenden Gottes- und 3 Vernunft gibt der Wirklichkeit im Wissen Daseinswirklichkeit mit eigener Bereitschaft sich einfügt“.
um die göttliche Einrichtung der Welt einen gültigen Begriff und ermöglicht so Handeln zugunsten anderer Menschen, in diesem Falle die Adoption Rechas (vgl. auch V. 221). In dieser pragmatischen und existentiellen Wendung ist sie weniger von „kalte[r] Buchgelehrsamkeit“ (V. 3534) als von ihrer sicheren Begründung in der „Seele“ (V. 3542, vgl. 1570-74, 1564f.) geprägt. So wird verständlich, warum Klugheit (vgl. V. 1809ff.) und Verstand (vgl. V. 1580f., 1062) zurücktreten, sie wären ohne diese Präzisierungen irreführend. Es kommt auf „ganzheitliche“ Aneignung viel eher an, als darauf, 4 „tote [...] Zeichen ins Hirn“ zu drücken (V. 3535, vgl. noch V. 947f.). Obwohl also an rationaler Überlegung festgehalten wird, ist doch zu betonen, daß Wahrnehmungen der Vernunft über das hinausreichen, was „vor Augen ist“, sie widerlaufen der „Vorsehung“ nicht. Zugleich zielen sie auf Tat und vollständige Aneignung. Das setzt voraus, daß menschliche Erkenntnismittel auf eine ihnen entsprechende Wirklichkeit treffen: Das Göttliche in der Welt muß in 5 seiner Struktur menschlicher Vernunft korrelieren, um erkannt werden zu können.
1.1.1.2. Personzentrum, Sinn des Guten und Schönen, Emotion („Herz“)
Mit dem Herzen ist zunächst der Gedanke der Eigentlichkeit verbunden: Wer ein Mensch wirklich ist, kann aus der Verfaßtheit seines Herzens ersehen werden (V. 394f., V. 3705ff. sind wohl auch vor diesem Hintergrund zu lesen). Hinzu kommt, daß Wahrnehmungen, die von ihm geleitet sind, nicht irren können, ansonsten wird der Mensch zum „Betrüger“ (V. 3795). In diesem Kontext ist vom Wissen des Herzens die Rede (V. 3794f.), ihm werden also auch noetische Fähigkeiten zugeschrieben. Weiter könnte das Herz als Sitz der edlen Vermögen und der unverfälscht guten Gefühle bezeichnet werden. So referiert Sittah Al-Hafis Einschätzung, derzufolge Nathans Herz „offen jeder Tugend“ und „eingestimmt mit jeder Schönheit“ sei (V. 1124f.): Es verbürgt die menschliche Fähigkeit zur
2 Vgl. die ausführliche Erörterung bei Ingrid STROHSCHNEIDER-KOHRS, Vernunft als Weisheit. Studien zum späten Lessing, Tübingen 1991, S. 70-74 und S. 82 sowie unten S. 24, 25. Gegen Hermann TIMM, Der dreieinige Ring. Lessings parabolischer Gottesbeweis mit der Ringparabel des Nathan, in: Euphorion 77 (1983), S. 113-126, S. 118f. 3 S TROHSCHNEIDER-KOHRS (s.o. Anm. 2), S. 81. 4 „Hirn“ meint jene Instanz im Menschen, die Eindrücke zu sammeln hat, die dann begrifflich zu ordnen sind (vgl. V. 226f., 2228-35, 3282f.). 5 Der Begriff „Geist“ findet nur selten Verwendung, ist daher auch schwer zu greifen. Ein Grundnenner seiner Bedeutung scheint „Bewußtseinszustand“ oder „Selbstbewußtsein“ zu sein. So wäre zu verstehen, warum Rechas Geist zwischen verschiedenen Zuständen bleibt (V. 68) oder durch Verschmähtwerden gekränkt werden kann (V. 128, vgl. noch 1123f., 3078ff.).
6
Kalokagathie. Naheliegenderweise entfließt auch Liebe dem Herzen (V. 1936), seine Regungen sind auf Gemeinschaft angelegt. Wichtig ist, daß das, was der Mensch im Herzen trägt, grundsätzlich versprachlicht werden kann. Das folgt im Umkehrschluß aus der Versicherung Rechas, ihrem Vater ihr Herz nicht zu verbergen (V. 1169f.).
Da im Herzen das liegt, was den Menschen ausmacht, sind sicher gegründete Erkenntnis, Sprachfähigkeit, Anlage zum Schönen und Guten sowie zur Gemeinschaft mit anderen seinem Wesen eigen.
1.1.1.3. Personzentrum, Unbewußtes und Sympathie („Seele“)
Der letztgenannte Aspekt weist in den Bereich der „Seele“, die in dieser Hinsicht mit dem Herzen ausdrücklich gleichgesetzt wird: Zunächst redet Nathan von einer Regung der Seele Rechas (V. 1161f.), dann ihres „Innern“ (V. 1164), schließlich vom Herzen (V. 1167f., vgl. V. 1169). Der Seele wird noch eher als dem Herz zugeschrieben, das im Mensch zu sein, was er wirklich ist, was sein Wesen ausmacht. Darum kommt die Kenntnis der Seele der Kenntnis des eigentlichen Wollens gleich (V. 1389), darum auch liegt für Recha alles daran, daß „die ganze Seele“ lernt (V. 3542). Schließlich wundert es vor diesem Hintergrund nicht, daß Curd die Hoffnung äußert, seine Seele möge nun endlich wieder Ordnung in sein „Hirn“ bringen (V. 2233ff.): Er will wieder ganz seinem eigentlichen Wesen entsprechen.
Aus diesem Befund erklärt sich leicht die Vorstellung, nach der die Seele in Harmonie mit den Begriffen der Vernunft die Instanz der Selbstgewißheit im Menschen ist: Recha weist ihre Amme Daja darauf hin, daß Nathan den „Samen der Vernunft [...] rein“ in ihre „Seele streute“ (V. 1564f.). Darauf gründend, weiß sie sicher, zu welchen Menschen sie gehört und welche religiöse Wahrheit ihr 6 Wenn Al-Hafi Nathan spontanes Handeln ohne Überlegen abfordert gemäß ist (V. 1570-74, 1588f.).
(V. 1500-08), vergißt er nicht den Hinweis, daß diese Art grundsätzlicher Entscheidungen darauf eben nicht angelegt ist - auch sie scheinen direkt der Seele zu entstammen. Trotz ihrer Bedeutung für das Denken des Menschen bietet die Seele auch anderem Raum: An wesentlichen Stellen des Dramas ist von in ihr verhafteten „Bildern“ o.ä. die Rede. Damit sind fest im Ich eingeschriebene Vorstellungen von nahestehenden Menschen gemeint, die zwar unbewußt, aber 7 Als Nathan durch die Erscheinung Curds lebhaft an doch jederzeit verbalisierbar im Innern ruhen.
seinen Freund Wolf erinnert wird, staunt er selbst darüber: „Wie solche tiefgeprägte Bilder doch/ Zuzeiten in uns schlafen können, bis/ Ein Wort, ein Laut sie weckt“ (V. 1398). Am Ende kommt Curd
6 Schon hier ist zu fragen, ob die scheinbar aufgeklärte Rede vom „Zufall der Geburt“ (vgl. V. 1545-48) nicht auf ein grundlegendes Problem Saladins hinweist (s.u. Anm. 27). 7 Monika FICK führt den Vergleich mit den unbewußten Perceptionen in der Monadologie Leibniz' an. Dafür spricht, daß mit diesem Phänomen nicht bloße Erinnerung gemeint ist, die es im Nathan auch gibt (vgl. V. 2983). Vgl. dies., Die «Offenbarung der Natur». Eine naturphilosophische Konzeption in Lessings Nathan der Weise, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 39 (1995), S. 113-129, hier S. 123.
7
zur Einsicht, daß „jene Träume,/ Womit man meine Kindheit wiegte“ (V. 3844ff.) mehr als bloßer Schein waren (vgl. noch V. 2648ff., 1544-47). Hierher gehört auch die Möglichkeit sympathetischer Verbindungen zwischen Menschen. So weiß Daja, daß die Seele Rechas mit Nathan auf Reisen war (V. 79f., vgl. V. 1544-47). Ähnliches erlebt Curd: „Sie sehn, und das Gefühl/ An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,/ War eins“ (V. 2124ff., vgl. 2188f., 2680ff.). Dabei findet er sich rein erleidend (V. 2124). Monika FICK verweist zu Recht darauf, daß jede Kritik nur darauf abzielt, daß die Analyse dieser Verbundenheit, die zwischen Geschwistern ja wirklich besteht, ungemäß oder - in der Sprache 8 Es des Dramas „betrügerisch“ - war (vgl. V. 3795): Curd hat auf eine Liebesbeziehung geschlossen. geht aber keineswegs um eine Herabsetzung dieser naturgebenen Verbundenheit der Seelen. Darum wundert es nicht, wenn Nathan Recha erklärt, sie habe vor ihrem „Innern“ nichts zu befürchten, weil alles darin „Natur und Unschuld“ sei (V. 1165): Alle Bilder anderer, alle Ahnungen und Wünsche zielen auf die Stiftung oder Wiederherstellung menschlicher Beziehungen. Bedingung ist allerdings, daß sie mit Hilfe der Vernunft angemessen versprachlicht, d.h. auf den Begriff gebracht werden. Als eigentlicher Sitz menschlichen Wesens bestimmt die Seele alle anderen Vermögen in ihrer Ausrichtung. Sie ist Sitz des Selbstbewußtseins und der Selbstgewißheit. Die in ihr angelegte Verbindung zu anderen zeigt den Menschen als Gesellschaftswesen, der sich allerdings über seine Beziehungen bewußt werden muß.
1.1.1.4. Phantasie
Die Phantasie galt im 16. und 17. Jh. noch als Einfallstor des Teufels in die Seele. Nun erscheint sie als jene Kraft im Menschen, die Bilder und Eindrücke produziert, die auf den ganzen Menschen wirken und ihn täuschen können, aber nicht notwendigerweise müssen. So schreibt Saladin die Begnadigung des Tempelherrn, die ja für das gute Ende unabdingbar ist, einer Wirkung seiner Phantasie zu (V. 2641f.). Charakteristisch ist, daß das im Innern produzierte Bild wiederum mit der Wirklichkeit verglichen, d.h. auf seinen tatsächlichen Gehalt hin überprüft werden muß (ebd.). Problematisch wird Phantasie dann, wenn das harmonische Zusammenspiel von „Herz und Kopf“ nicht mehr gewährleistet wird (vgl. V. 135f., s.u. 1.2.1.3.).
1.1.1.5. Körper
Auch der Körper ist Teil dieser Harmonie, was sich an drei Leitvorstellungen zeigt: Seele und Leib stehen unter wechselseitigem Einfluß, vom Äußeren kann auf das Innere geschlossen werden und die Bilder in der Seele haben einen körperlichen „Haftpunkt“.
8 A.a.O., S. 125f.
8
Es wird vorausgesetzt, daß seelisches Leiden körperliches nach sich zieht und umgekehrt etwa die falsche Diät zu Melancholie führen kann (vgl. V. 449ff.): „Die Seele erscheint [...] in ihrer 9 So ist es auch nicht nur reine Metapher, wenn mehrfach auf die tötende Abhängigkeit vom Körper“.
Wirkung von Worten hingewiesen wird (V. 25, 353) und Recha um ihren abwesenden Vater zittert (V. 181, vgl. außerdem V. 262-265, 845, 1169f., 1395). Die Wichtigkeit körperlicher Berührung zum Ausdruck innerer Verbundenheit ist ebenso häufig zu finden (vgl. nur V. 1249f., 1305, die Regieanweisungen nach 2056 und in der letzten Szene).
Wenn nun eine verläßliche Korrelation von Körper und Seele anzunehmen ist, dann muß es auch möglich sein, vom Äußeren auf das Innere zu schließen. Tatsächlich ist diese physiognomische Grundannahme den Figuren des Dramas geläufig. Vor allem im Blick auf Curd ist es darum fast undenkbar, daß seine Ähnlichkeit mit Assad rein äußerlich bleibt: „Wie? die Natur hätt' auch nur einen Zug/ Von mir in deines Bruders Form gebildet:/ Und dem entspräche nichts in meiner Seele?/ [...] Natur, so leugst du nicht! So widerspricht/ Sich Gott in seinen Werken nicht!“ (V. 704-710, vgl. 10 noch V. 700, 2097ff., 2665: „mit Seel und Leib mein Assad“, 2836f.). Schließlich ist nochmals auf die „Bilder in der Seele“ zurückzukommen. Sie werden geradezu materiell beschrieben: An dieser Stelle scheinen Leib und Seele in eins gebracht zu werden, so daß 11 jede Dichotomie ganz aufgegeben wird.
1.1.1.6. Natur und Blut
Beim oben zitierten Ausspruch Curds (V. 704-710) fällt auf, daß er „Natur“ und „Gott“ gleichsetzt (V. 709f.). Damit stimmt überein, daß es für Nathan die Natur ist, die täglich Menschen gewährt (V. 12 202f., vgl. evtl. 35ff. und 3085).
Daneben steht die anthropologische Verwendung des Wortes „Natur“ zur Bezeichnung des in die Wiege gelegten Wesens. Der Anteil dieser Instanz an der Individualität ist aber nicht konkret zu bestimmen und im Gesamtduktus wird Curd keineswegs zuzustimmen sein, wenn er glaubt, daß in Recha „die Stimme der Natur“ (die übrigens mit „Herz“ gleichgesetzt wird) verfälscht wurde, indem sie Nathan nicht zur Christin erzog (V. 2359-2362). Schließlich kommt er einige Verse zuvor selbst zur Aussage die „ersten Banden der Natur“ beinhalteten rein und ausschließlich, „ein Mensch zu sein“
9 A.a.O., S. 115. Zum Einfluß der Körperfunktionen s.u. 1.2.1. 10 Unklar bleibt aber, warum vor diesem Hintergrund nicht nur „Farb', [...] Kleidung“, sondern auch „Gestalt“ der Menschen zu ihrer Beurteilung belanglos sein sollen (V. 1276). Offensichtlich steht in diesem Fall Physiognomik gegen das Bemühen, den Menschen nach seinem Wesen zu beurteilen. 11 Vgl. FICK (s.o. Anm. 7), S. 123, 125. Dieter KIMPEL weist auf die Differenz zum cartesianischen Menschenbild hin (Das anthropologische Konzept in literaturästhetischen Schriften Lessings und Mendelssohns, in: Erhard Bahr, Harris P. Edward und Lawrence G. Lyon (Hgg.), Humanität und Dialog. Lessing und Mendelssohn in neuer Sicht, Detroit/ München 1982 (Beiheft zu LY), S. 275-286, hier S. 275f.). Allerdings war diese Frontstellung in den 1780ern wohl schon Geschichte. 12 Da „gewähren“ sonst im Kontext von „Wunsch“, „Bitte“ steht, rückt so der Mensch an diese Stelle: Der Mensch ist das, was dem Menschen gewährt wird!
9
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Lutz Eisele, 1997, Anthropologie und Religiosität in Lessings Nathan der Weise, München, GRIN Verlag GmbH
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