Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Urbane Lebensformen im Roman der ausgehenden Weimarer Republik –
Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ und Kästners „Fabian“
Magisterarbeit
im Magisterstudiengang
Germanistik/Neuere deutsche Literaturwissenschaft
vorgelegt von: Katharina Kirsch
2006
Inhaltsverzeichnis
Urbane Lebensformen im Roman der ausgehenden Weimarer Republik – Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung in Döblins Berlin Alexanderplatz und Kästners Fabian
I. Einleitung zum Thema und zur Vorgehensweise ... 1
1. Großstadtreflexion vor Berlin Alexanderplatz ... 4
1.1. Die Großstadt zwischen Naturalismus und Expressionismus ... 5
1.2. Die Großstadt in der sozialpsychologischen Analyse ... 9
1.2.1. Simmel: Die Steigerung des Nervenlebens ... 9
1.2.2. Kracauer: Die geistige Obdachlosigkeit ... 11
1.3. Anti-urbanistische Strömungen ... 13
2. Die Weimarer Republik: Gesellschaft und Literatur ... 16
3. Aspekte von Großstadtliteratur ... 20
II. Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung ... 23
1. Döblins Franz Biberkopf: Hoffen auf Anständigkeit ... 23
1.1. Der Titel ist Programm: Großstadt versus Individuum ... 24
1.2. Dynamische Umwelt ... 30
1.3. Zwischen bürgerlicher Ordnung und innerer Unruhe ... 34
1.4. Zersetzung durch Gewalt und Kriminalität ... 38
1.5. Lose Verbindungen und Beziehungen ... 42
2. Döblins Großstadtepos: Auflösung der Romanstruktur ... 44
2.1. Döblins erzähltheoretischer Hintergrund ... 46
2.2. Die Umsetzung in Berlin Alexanderplatz ... 50
2.2.1. Die montierte Erzählung ... 51
2.2.2. Montiertes Erzählen ... 54
2.4. Entgrenzte Form: Roman oder Epos? ... 61
3. Kästners Fabian: Warten auf Vernunft ... 63
3.1. Der Titel als Referenz: gelebter Fabianismus? ... 64
3.2. Orientierungslosigkeit ... 69
3.3. Von der Großstadt in die Kleinstadt Existenzen in Auflösung ... 72
3.4. Sexuelle Unverbindlichkeit ... 75
3.5. Rationalisierte Entfremdung: Die Angestellten ... 79
4. Kästners Berlingeschichte: Reduzierte Komplexität ... 83
4.1. Journalistische Großstadtreflexion ... 84
4.2. Sprache der Satire ... 85
4.3. Romanhafte Handlung ... 86
4.4. Innerlichkeit versus Sachlichkeit ... 87
III. Ein Spektrum urbaner Lebensformen am Ende der Weimarer Republik ... 90
IV. Literaturverzeichnis ... 93
I. Einführung zum Thema und zur Vorgehensweise
Urbane Lebensformen sind literarisches Thema, seit Großstädte als Lebensraum an Bedeutung gewinnen1: die Großstadt ist Mittelpunkt, Ausgangspunkt oder Endpunkt von Handlung. Sie ist Antagonist des Individuums oder zumindest Ursache verschiedener kollektiver und individueller Einflüsse auf die jeweiligen Protagonisten. In den „modernen“2 Romanen der ausgehenden Weimarer Republik fällt diese durchgehend ausgeprägte Auseinandersetzung der zeitgenössischen Literatur mit dem Phänomen Großstadt auf, sowohl in lyrischen und dramatischen, wie eben auch in erzählenden Texten. Die literarische Großstadt, die in der Weimarer Republik synonym für Berlin steht, ist eine Projektionsfläche, ein „champ des significations“3, welches nicht deckungsgleich ist – auch nicht sein kann oder will – mit dem realen Berlin und dessen Zeichen gelesen werden können.
Der Mensch im Berlin um 1930 befindet sich in einem Schwebezustand zwischen Ordnung und Auflösung. Die Republik erscheint ihm als Übergang zwischen Krieg und einer neuen, erwarteten Katastrophe, was auch entsprechend in den Romanen reflektiert wird.4 Neben den zersplitterten politischen Kräften, die das Straßenbild Berlins prägen5, befinden sich weitere Teilbereiche der Gesellschaft in Auflösung. Die Weltwirtschaftskrise und die damit einhergehende Inflation führt zu Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit und Kriminalität. Auch Traditionen und Werte haben sich im urbanen Lebensraum verändert: auseinander fallende Familien6 und in Frage gestellte sexuelle Zugehörigkeit sind Kennzeichen der urbanen Gesellschaft.7
Geordnete Strukturen stellen sich allenfalls dar im allseits gepriesenen Rationalismus8, der das Arbeitsleben, die Bürokratie und die Unterhaltungsindustrie entscheidend prägt. In Berlin prallen diese Extreme von Massenunterhaltung gegenüber Massenarmut, von Massenarbeit gegenüber Massenarbeitslosigkeit, von Kriegsinvalidentum gegenüber Jugendund Schönheitskult und von preußischer Bürokratie gegenüber politischem Chaos am deutlichsten aufeinander. Und diese Allgegenwärtigkeit von Ordnung und Auflösung spiegelt sich sowohl in den Romaninhalten, wie auch in der stilistischen Umsetzung des Sujets Großstadt.
Da es grundsätzlich viele Wege gibt, sich dem Verhältnis des Menschen zur Metropole in der Prosa der ausgehenden Weimarer Republik in einer literaturgeschichtlichen Arbeit zu nähern, wie es Texte und diesen angemessene Bearbeitungsmethoden gibt, muss die Untersuchung eingeschränkt werden. Ich betrachte daher im folgenden exemplarisch zwei Romane, die in noch zu erläuternder Weise zum einen als wegweisend, zum anderen als stellvertretend für die Großstadt-Literatur9 der späten 1920er und der frühen 1930er Jahre gesehen werden können: Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf von Alfred Döblin (1929) und Fabian. Die Geschichte eines Moralisten von Erich Kästner (1931). Für meine Untersuchung war entscheidend, dass Alfred Döblin und Erich Kästner in ihren Romanen Berlin Alexanderplatz und Fabian Menschen beschreiben, die sich mit dem urbanen Lebensraum in allen seinen Aspekten auseinandersetzen müssen. Döblins Franz Biberkopf irrt durch die Bedrohlichkeiten der für ihn ungewohnten Großstadtrealität und Kästners Protagonist Fabian zieht es am Ende des Romans gescheitert aus Berlin wieder zurück aufs Land. Ich werde daher in einer Textanalyse beider Romane wichtige Aspekte des Verhältnisses Mensch-Metropole im Spannungsfeld Ordnung und Auflösung herausgreifen und versuchen, die Kennzeichen urbanen Lebens zwischen Ordnung und Auflösung darzustellen und einzuordnen.
Der zweite Aspekt meiner Arbeit ist der ästhetische Einfluss der Großstadt auf die Literatur und damit auch die Form der Romane gegen Ende der Weimarer Republik. Wie spiegelt sich die urbane Wahrnehmung bei Kästner und Döblin hinsichtlich Aufbau und Sprache? Zunächst versuche ich hierfür kurz die Großstadtliteratur vor Berlin Alexanderplatz zu skizzieren, um die Ausnahmestellung Döblins zu verdeutlichen. Dabei wäre es zu vereinfachend, Berlin Alexanderplatz und Fabian dem Programm der Neuen Sachlichkeit zuzuschreiben und dann die Neue Sachlichkeit von anderen Strömungen hinsichtlich des Themenkomplexes Urbanität abzugrenzen. Insbesondere mit Döblins Berlin Alexanderplatz ist das nicht möglich. Auch wenn Döblin sich in seinen theoretischen Abhandlungen mit dem Terminus „Sachlichkeit“ durchaus auseinandersetzt und unter bestimmten Aspekten als ein Vordenker der neusachlichen Bewegung bezeichnet werden kann10, ist Döblin zumindest nicht nur neusachlicher Autor und Berlin Alexanderplatz kein Roman im Sinne dieses Kunstprogramms. 11
Daher spreche ich im Titel auch nicht von einer Auseinandersetzung mit dem Roman der Neuen Sachlichkeit, sondern sehe die beiden Werke zunächst in einem zeitlichen Rahmen – dem Ende der Weimarer Republik –, deren für meine Arbeit relevante Gemeinsamkeit sich aus der Auseinandersetzung mit dem urbanen Lebensraum ergibt. Ich werde chronologisch vorgehen und Döblin vor Kästner untersuchen. Ebenso kommentiere ich die Handlungsaspekte unter meinem besonderen Blickpunkt vor der Darstellung der Romane, da zumindest bei Döblin die Form stofflich interpretiert werden kann.
[...]
1 Vgl. Kapitel I.1.1. dieser Arbeit; im Folgenden werden Kapitel nur in Ziffern angegeben, hier entsprechend I.1.1.
2 Im Unterschied zu den Tendenzen der anti-modernen und damit auch anti-urbanistischen Literatur - Zum Zusammenhang von Urbanität und Moderne vgl. Sabina Becker: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900-1930. Hg. von Karl Richter, Gerhard Sauder und Gerhard Schmidt-Henkel. St. Ingbert: Röhrig 1993 (= Saarbrücker Beiträge 39).
3 Ledrut: Les images de la ville, S. 12.
4 Bsp. aus Kästners Fabian: Fabian spricht vom Leben in der nicht enden wollenden Krise (F 47), sein ehemaliger Klassenkamerad ist den nationalistischen, kriegsheischenden Parolen schon erlegen (BA 224 f.). Vgl. I.2.
5 Vgl. die Begegnungen Biberkopfs und Fabians mit politischen Akteuren (II.1.3. und II.3.1.).
6 „Die Zeit, die uns übrigbleibt, reicht fürs Vergnügen, nicht für die Liebe. Die Familie liegt im Sterben.“ (F 90).
7 Ausführlicher unter I.2.
8 Vgl. II.3.5.
9 Die Diskussion zur möglichen Unterscheidung von Großstadtliteratur und Literatur in der Großstadt werde ich im Folgenden noch ansprechen (I.3.).
10 Zwar sieht Sabina Becker Döblin als einen Pionier der Neuen Sachlichkeit und kann dies anhand seines „Berliner Programms“ belegen. Die letztliche Umsetzung dieser frühen theoretischen Überlegungen in Berlin Alexanderplatz ist aber nicht so eindeutig, als dass er als neusachlicher Roman bezeichnet werden könnte bzw. lassen viele verschiedene Einflüsse Berlin Alexanderplatz keiner Kunstrichtung eindeutig zuordnen (Vgl. ausführliche Auseinandersetzung unter II.2.1.) .
11 Smail spricht von der Neuen Sachlichkeit, der „dominant cultural category“ der Weimarer Republik, als einem „elusive and vague label“, das aus „numerous meanings and usages“ besteht. Smail: White-collar workers, mass culture and "Neue Sachlichkeit" in Weimar-Berlin, S. 14.
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Magistra Artium Katharina Kirsch, 2006, Urbane Lebensformen im Roman der ausgehenden Weimarer Republik - Der Mensch zwischen Ordnung und Auflösung in Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Kästners "Fabian", Munich, GRIN Publishing GmbH
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