GLIEDERUNG / INHALTSVERZEICHNIS
1) Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes 1
2) Versuch einer semantischen Klassifikation 10
3) Versuch einer morphologischen Klassifikation 19
4) St Pöltner Straßennamengebung im Jahrhundert 20
5) St Pöltner Straßennamengebung im Jahrhundert 28
5.1) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 31
5.1.1) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 35
5.2) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 38
5.2.1.) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 45
5.3) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 48
5.3.1) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 50
5.4) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 52
5.4.1) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 55
5.5) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 57
5.5.1) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 59
5.6) Straßennamengebung in St Pölten zwischen und 62
5.6.1) Datenteil Straßennamengebung zwischen und 63
6) Analyse ausgewählter Korpora des Jahrhunderts 68
Lexikon der St Pöltner Straßennamen 88
Schreibung: Führerstrasse Stadtbauamt 284
BIBLIOGRAPHIE LITERATURVERZEICHNIS 861
1) Primäre amtliche Namenquellen 861
1.1) St Pöltner Gemeinderatsprotokolle 861
1.2) St Pöltner Amtsblatt 862
1.4) Straßenverzeichnisse 872
1.5) NÖ Landeskorrespondenz 875
1.6) Akten des Magistrates der Landeshauptstadt St Pölten 875
2) Sekundäre nichtamtliche Namenquellen 876
2.1) Stadtpläne 876
2.2) Sonstige sekundäre Namenquellen 878
3) Sekundärliteratur 881
3.1) Straßennamen 881
3.2) Onomastik allgemein 895
3.3) St Pölteniensa 898
3.4) Geschichte 920
VERWENDETE ABKÜRZUNGEN 921
VERZEICHNIS DER SIGLEN HAUPTTEIL 922
VERZEICHNIS DER SIGLEN LEXIKON 929
1) Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes Gegenstand dieser Untersuchung sind die Veränderungen im Bestand der amtlichen St. Pöltner Straßennamen 1 des 20. Jahrhunderts, das heißt, der von der jeweiligen Gemeindevertretung 2 vergebenen bzw. wieder aus dem Korpus getilgten Straßenbezeichnungen. Denn spätestens seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erwächst auch in St. Pölten die Straßennamengebung nicht mehr aus dem Usus, sondern ist primär ein „Akt der kommunalen Selbstverwaltung“ 3 . „Nicht mehr der Sprachgebrauch der Allgemeinheit, sondern wenige damit beauftragte Männer entscheiden darüber, was als Name zu gelten hat. Das Resultat ihrer Beratungen wird aktenkundig, öffentlich bekanntgemacht und für die Einwohnerschaft verpflichtend, die so ihre Fähigkeit zur spontanen Neuschöpfung von Straßennamen einbüßt.“ 4 Gänzlich geschwunden dürfte diese Fähigkeit aber nicht sein, wie sich an vereinzelten Residuen zeigen läßt, so etwa an einem erst 1993 reportierten Beispiel aus der St. Pöltner Katastralgemeinde Radlberg:
„Brückenstraße: [...]. [...], wegen der vielen Anrainer mit dem Namen Ziegelwagner auch „Ziegelwagnergasse“ genannt.“ 5 Sehr oft sedimentiert sich auch aus der mündlichen Überlieferung stammendes Namenmaterial ein letztes Mal in der amtlichen, schriftlich fixierten Tradition, bevor es von dieser endgültig verdrängt wird:
„Gemeinderat Prugger: Meine Damen und Herren! Mir scheint, daß 1 Unter Straßennamen verstehen wir in Anlehnung an FUCHSHUBER-WEISS „alle als EigenN [Eigennamen] dienenden Bezeichnungen für Straßen, Gassen, Wege, Plätze [...] innerhalb einer Siedlung“ (FUCHSHUBER- WEISS 1996, S. 761). Ausgeschlossen sind damit per definitionem Viertelsbezeichnungen wie etwa in St. Pölten Kaiserwald oder Eisberg, die ein ganzes Gebiet mit mehreren darin liegenden Straßen bezeichnen. Nicht unter den Begriff Straßenname fallen auch die Bezeichnungen für - öffentliche wie private - Parkanlagen, die unseres Erachtens keine Verkehrs-, sondern primär Erholungsflächen darstellen.
2 Die hiezu befugten kommunalen Organe waren im Laufe unseres Jahrhunderts:
Gemeinde-Ausschuss, zur einstweiligen Besorgung der Geschäfte der Stadt St. Pölten bestellter k. k. Statthaltereisekretär, Gemeinderat, Gemeindebeirat, Regierungskomissär, Gemeindetag, Bürgermeister, Oberbürgermeister, provisorischer Gemeinde-Ausschuß, Gemeinderat bzw. Bürgermeister. 3 FUCHSHUBER-WEISS 1996, S. 761 4 REUSSE 1966, S. 97 - 98 5 AG 1993, S. 144 1
die Arbeit des Ausschusses, der sich mit der Benennung der Straßen
beschäftigt, nicht hinlänglich ist. [...] In Radlberg wurde zum Beispiel
bei der letzten Gemeinderatssitzung vom 21. November eine Strasse
in Ober-Radlberg als Kraftgasse benannt und zwar läuft die von der
Nr. 426/1 bis 426/2. Südlich davon ist ein kleines kurzes
Anschlußstück bis zur Bahn, das ist bis jetzt nicht benannt. Das hätte
ganz gut dazugenommen werden können. Nordwestlich von 426/2
entlang des Mühlbaches bis zum Gasthaus Kollonitsch ist ebenfalls
ein kleines Anschlußstück, das jetzt noch immer lächerlicherweise
Kuh- oder Saugassl heißt. Es wäre ganz gut, auch diese Straße mit in
eine Namensnennung einzuschließen.“
6 6 Verhandlungsschrift aufgenommen in der Sitzung des Gemeinderates der Stadt St. Pölten am 16. Jänner 1956, S. 14 - 15. In: PdG 1956
Weitere in den amtlichen St. Pöltner Benennungsbeschlüssen aufgefundene Sedimente dieser Art: „5.) Straßenbenennung Der Berichterstatter beantragt, der Gemeinderat wolle beschließen: Der an der Kreuzung Mariazeller Straße - Schulring - Schießstattring entstehende Platz wird „Europaplatz“ bezeichnet.
Gemeinderat Helm: Hoher Gemeinderat, ich möchte gerne fragen, warum wir den Linzer Torplatz jetzt als Europaplatz bezeichnen. Wir haben eine Wiener-Tor - Ausfallstraße und eine Linzer-Tor - Ausfallstraße, die beide stadtbekannt sind. Warum wollen wir den Platz als Europaplatz bezeichnen?
Bürgermeister: Herr Gemeinderat, wir haben weder ein Linzer Tor noch ein Wiener Tor, sondern wir haben eine Linzer Straße, eine Wiener Straße und eine Kremser Gasse. Der Platz wurde auf Empfehlung der Bundesregierung, die allen Gemeinden empfohlen hat, man möge irgend einen besonderen Platz Europaplatz nennen, so benannt. Wir haben so einem Wunsche der Bundesregierung Rechnung getragen. Ich glaube, daß dieser Kreuzungspunkt, eigentlich die Hauptachse des Verkehres in Niederösterreich, mit Recht die Bezeichnung „Europaplatz“ tragen sollte.
Zwischenruf Stadtrat Käfer: Sie kennen die alte Geschichte nicht, Herr Bürgermeister! Ausdruck Wiener Tor und Linzer Tor. Es gibt nicht einmal einen Linzer Torplatz, dieser Platz ist nur einfach so benannt worden in Ermangelung eines anderen Namens. Aber die Bezeichnung „Europaplatz“ ist wichtig, da der Name zeigen soll, daß wir die Bestrebungen ein „Vereinigtes Europa“ zu schaffen, als wirksamstes Mittel zum Frieden ansehen. Gemeinderat Dotter: Herr Bürgermeister, als alter St. Pöltner kenne ich ein Linzer Tor und ein Wiener Tor...
Zwischenruf Bürgermeisterstellvertreter Laimer: Im Volksmund! Gemeinderat Dotter: Unsere Fraktion stimmt dagegen, den Linzer Torplatz „Europaplatz“ zu benennen.......“ Verhandlungsschrift aufgenommen in der Sitzung des Gemeinderates der Stadt St. Pölten am 17. November 1958, S. 9 - 11. In: PdG 1958
„Schiffmannstraße: [...]; früher: nach Norden Salzerstraße, nach Süden Aufeldstraße [...]; noch früher: „Schwarzer Weg“ (auch „Löschweg“)“ Hogl 1996, S. 132 „Der Gemeinderat wolle beschließen:
Die im nachstehenden Verzeichnis angeführten Neu- bzw. Umbenennungen von Straßen im
2
Anders als der Mainstream der modernen Linguistik, welcher der gesprochenen
Sprache den Primat zuerkennt und sich vorrangig mit dieser zu beschäftigen
sucht, setzen wir uns damit ausschließlich mit geschriebener Sprache, mit den
Textzeugen der amtlichen Straßennamen auseinander, aus denen nur sehr
sporadisch auch Rückschlüsse auf Mündliches zu gewinnen wären.
„Bürgermeister: [...]. Er [Weinheber] gehört zu den bedeutendsten Lyrikern, die wir in der letzten Zeit in der deutschsprechenden Welt
gehabt haben. Er ist vor allem auch ein Österreicher und
infolgedessen, glaube ich, können wir gar nicht anders, als daß wir
diesen Antrag auf eine Weinhebergasse annehmen. Schließlich
haben wir das getan, weil Weinheber es verdient, unter allen
Dichtern genannt zu werden und dann ist leider der Jean Paul so
unglücklich mit seinem Namen daran, daß, wenn man in diese
Gegend gekommen ist, man die schrecklichsten verzerrten Namen
gehört hat. Das hat uns bewogen, dieser unglücklich gewählten Jean
Paul-Straße ein Ende zu machen und hier einen anderen Dichter, das
ist Weinheber, einzusetzen.“ 7
Mittlerweile liegen für die Mehrheit der österreichischen Landeshauptstädte - bis
auf St. Pölten, Eisenstadt und Graz 8 - synchrone Straßennamenverzeichnisse mit
Erklärung der Namenbedeutung als selbständige Publikationen vor. 9
Diese Gemeindegebiet von St. Pölten [...] werden bewilligt.
[...] Nr. Straßenname Straßenverlauf Kat.Gem.
[...] 20 Defreggerstraße ehem. „Schwarzer Weg“ östl. des Schrebergartens Oberwagram und des Sportplatzes des St. Pöltner Sportklubs“ Antrag des Bauausschusses vom 24.10.1977, S. 1 u. 6. In: O2 7 Verhandlungsschrift aufgenommen in der Sitzung des Gemeinderates der Stadt St. Pölten am Montag, den 21. Nov. 1955, S. 50. In: Protokoll des Gemeinderates 1955 8 Für Graz liegt nur ein Straßenverzeichnis vor, das jedoch keine Namenerklärungen bietet: MAGISTRAT GRAZ, ABT. 10/6 STADTVERMESSUNGSAMT (Hg.): Alphabetisches Straßenverzeichnis der Stadt Graz. Stand: Juni 1992. Graz: Magistrat Graz s. a.
9 AMT DER LANDESHAUPTSTADT BREGENZ, AMT FÜR STATISTIK (Hg.): Straßenverzeichnis der Landeshauptstadt Bregenz. Stand: 1. Juli 1990. Beschlossen von der Stadtvertretung am 10. Juli 1990. Bregenz: Amt der Landeshauptstadt Bregenz 1990 GLATTAUER, Herbert O.: Innsbrucker Straßennamen erzählen. Innsbruck: Edition Löwenzahn, österreichischer StudienVerlag 1994
3
Lücke, was die niederösterreichische Landeshauptstadt St. Pölten betrifft, zu
schließen, war ein Hauptziel dieser Arbeit.
„Auf technischem Gebiet können nun alle lebenermöglichenden
Werkzeuge mit Achtung rechnen. Nicht geringerer Respekt gebührt
den gleicherweise notwendigen verbalen Hilfsmitteln. Stehen sie
dazu noch im Ruf, Deutungspotential zu bergen, wie der Mensch
sich Beheimatung verschafft hat, dann kann ein komplettes Korpus
von Toponymen getrost „Schatz“ heißen. Ihn anzulegen und zu
sichten ist ein unbezweifelbarer Wert.“ 10
Die oben erwähnten und in der Fußnote 9 angeführten Publikationen richten sich
vorwiegend an ein heimatkundlich interessiertes Laienpublikum. Es gebricht
ihnen daher in zweierlei Hinsicht an einer wissenschaftlichen Ansprüchen
genügenden Darstellung, wie an einem beliebigen Lemma aus Simbrunners
„Linz. Straßennamen von A bis Z“ zu zeigen sein wird.
„Kampmüllerweg, (Pöstlingberg); nach einem früheren
Adelsgeschlecht benannt“
11 STADT INNSBRUCK (Hg.): Straßennamen in Innsbruck. Herausgegeben vom Amt für Statistik. Stand: 1995. Innsbruck: Stadt Innsbruck 1995 SCHNEIDER, Hermann Th.: Die Strassen und Plätze von Klagenfurt. 2., erweiterte und verbesserte Auflage. Eine Erklärung der Klagenfurter Strassennamen von Hermann Th. Schneider. Klagenfurt: Landeshauptstadt Klagenfurt s. a. [=1985] MAYRHOFER, Fritz: Die Linzer Straßen. Stand 1. März 1994. Bearbeitet von Fritz Mayrhofer. 2., erweiterte Auflage. Linz: Magistrat der Landeshauptstadt Linz-Archiv der Stadt Linz 1994 SIMBRUNNER, Peter: Linz. Straßennamen von A bis Z. Zusammengestellt von Peter Simbrunner. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1988 MARTIN, Franz: Salzburger Straßennamen. Verzeichnis der Strassen, Gassen, Plätze, Wege, Tore und Brücken mit Erklärung ihrer Namen. 4., durchgesehene und wesentlich überarbeitete Auflage von Willa Leitner-Martin und Andreas Martin. Salzburg: Gesellschaft für Salzburger Landeskunde 1995 (= Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde; 15) AUTENGRUBER, Peter: Lexikon der Wiener Straßennamen nach amtlichen Unterlagen. Bedeutung, Herkunft. Hintergrundinformation, frühere Bezeichnung(en). Zusammengestellt von Dr. Peter Autengruber. 1. Aufl., Stand: 1.6.95. Wien, München, Zürich: Perlen-Reihe 1995 (= Perlen-Reihe; 1016) PERGER, Richard: Straßen, Türme und Basteien. Das Straßennetz der Wiener City in seiner Entwicklung und seinen Namen. Ein Handbuch. Wien: Deuticke 1991 (= Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte; 22) SIMBRUNNER, Peter: Wien: Straßennamen von A-Z. 4., völlig überarbeitete und neu gestaltete Ausgabe. Wien: Ueberreuter 1989 10 BERING 1994, S. 3 11 SIMBRUNNER 1988, S. 56
4
Zum einen ist bei der Mehrzahl der erwähnten Straßennamenverzeichnisse der
diachrone Aspekt völlig vernachlässigt, das heißt, es werden keine
Erstbenennungsdaten genannt. 12 Es ist aber für die hodonymische Analyse eines
Straßennamenkorpus unerläßlich zu wissen, ob etwa - um ein Extrembeispiel zu
bringen - der Name Horst Wessel-Ring 1938 oder etwa -horribile dictu - 1988
vergeben wurde. Zu dieser Vernachlässigung des diachronen Aspektes zählt
auch, daß alle Publikationen - mit Ausnahme einer einzigen 13 - abgekommene
Straßennamen nicht als Lemma verzeichnen.
Zum zweiten werden bei den Erläuterungen keine Quellennachweise angegeben.
Wer daran zweifelt, daß der erwähnte Kampmüllerweg wirklich „nach einem
früheren Adelsgeschlecht benannt“ worden ist, müßte sich - wie der Autor der
jeweiligen Publikation - die Mühe machen, die primären Quellen 14 noch einmal
aufzusuchen, wobei nicht immer davon auszugehen ist, - wie an Uhls Kritik 15 an
der zweiten Auflage des ‘Rossa’ 16 , dem in der Zwischenkriegszeit wohl
bekanntesten Wiener Straßennamenlexikon, deutlich wird - , daß sich der Autor
dieser ‘empirischen Knochenarbeit’ wirklich in allen Fällen unterzogen hat.
„Rossa aber hat nicht einmal des Briefträgers Jordan berühmtes
Büchlein 17 ordentlich angesehen, von anderen Schematismen, den
Steueranschlägen oder Totenprotokollen gar nicht zu reden. [...].
Denn die Publikation steckt voller Fehler.“
18 12 Erstbenennungsdaten führen durchgehend nur AUTENGRUBER (Wien), PERGER (Wien) und MAYRHOFER (Linz), gelegentlich bei einzelnen Lemmas SCHNEIDER (Klagenfurt) an. 13 SIMBRUNNER (Wien) 14 In der Regel werden das Gemeinderatsprotokolle und Amtsblätter sein.
15 UHL 1946, S 14 ff.
16 ROSSA, Ludwig: Wien. Straßennamen und deren Erklärung. Wien: Dorfmeister 1 1929. „Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit erschien diese Arbeit in zweiter Auflage im Handbuch der Gemeinde Wien 1935, Seite 841-950: „Ursprung der Namen der Gassen, Straßen und Plätze Wiens. Zusammengestellt von Ludwig Rossa.““ UHL 1946, S. 14 17 „Vollständige Gassenverzeichnisse der Altstadt für die Zeit vor 1783 finden sich [...] und in dem Büchlein „Schatz, Schutz und Schanz des Erzherzogtums Österreich“ des kaiserlichen Briefträgers Johann Jordan (1701).“ UHL 1946, S. 3 18 UHL 1946, S. 15 In einem weiteren Beitrag für die ‘Wiener Geschichtsblätter’ widmete sich UHL der Kritik am ‘Rossa’ auch en détail. Ein Beispiel dafür:
5
Als unselbständige Publikation existiert auch für St. Pölten ein solches
‘Standardwerk’ der Straßennamenerklärung 19
, eine 1986 von der Stadt „14. Bezirk F l a c h g a s s e (23.6.1871) Nicht wegen ihres flach abfallenden (!) Verlaufs, sondern:
Kaspar Flach, letzter Ortsrichter von Penzing (1848-1850), [...]. Alle letzten Ortsrichter der Gemeinden in diesem Stadtteil wurden in Straßennamen verewigt.“ UHL 1947, S. 21 19 MAGISTRAT der Stadt St. Pölten (Hg.): Strassenverzeichnis St. Pölten. Oktober 1986. Redaktion,
Produktionsleitung und für den Inhalt verantwortlich: Dr. Siegfried Nasko; Sachbearbeitung: Irmtraud Schrenk und Christian Wolfsberger; Abteilung VIII-Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerservice. In: St. Pölten konkret mit amtlichen Nachrichten der Landeshauptstadt St. Pölten 9 (1986), Nr. 10, Beilage Man könnte dieses Heft mit Fug und Recht als den ‘Nasko’ bezeichnen.
Eine mittlerweile veraltete Textsorte dieser Art ist auch:
SCHUBERT, Heinrich: Namenserklärung der Straßen, Gassen und Plätze der Stadt St. Pölten. In: Portisch, Emil (Hg.): Führer durch die Stadt St. Pölten und Umgebung. 3. verbesserte Auflage. Nach einem Manuskript von Prof. Dr. Karl Hübner. Bearbeitet von Dr. Gerhard Bittner. Mit Straszenverzeichnis von Heinrich Schubert. Herausgegeben im Einvernehmen mit dem Archiv der Stadtgemeinde St. Pölten von Chefredakteur Emil Portisch. St. Pölten: o. V. 1950, S. 61 - 86 In einer weiteren Broschüre zum Thema wurden die Fehler des ‘Nasko’ im wesentlichen bloß perpetuiert: Strassenverzeichnis St. Pölten. Strassennamen kurz erklärt. In: SPÖ-Bezirksorganisation St. Pölten (Hg.): Willi Gruber. Damit St. Pölten gewinnt. St. Pölten: SPÖ-Bezirksorganisation St. Pölten 1996, S. 63 - 73 Erklärungen für Teilmengen der St. Pöltner Straßennamen bieten folgende Arbeiten: GAMSJÄGER, Renate: Straßennamen in Radlberg. In: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung, Volkshochschule (Hg.): Gruß aus Radlberg. aktivwochen Radlberg. Für den Inhalt verantwortlich: Mag. Renate Gamsjäger. St. Pölten: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung, Volkshochschule s. a. [= 1993], S. 133 - 134 HOGL, Ernst: Herkunft der Straßennamen in Stattersdorf. In: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung, Volkshochschule (Hg.): aktivwochen stattersdorf. Für den Inhalt verantwortlich: Mag. Irene Schindl. Kreativkonzept und Beratung: Helmut Dorfner, Peter Kopecky.
St. Pölten: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung, Volkshochschule s. a. [= 1996], S. 131 - 132 MAGISTRAT der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI., Kulturverwaltung, Arbeitsgemeinschaft Helm- Lukaseder-Mayer (Ing. Wolfgang Helm, Walter Lukaseder, Albin Mayer) (Hg.): Straßennamen in Radlberg. In: Magistrat der Landeshauptstadt St Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung, Arbeitsgemeinschaft Helm-Lukaseder- Mayer (Ing. Wolfgang Helm, Walter Lukaseder, Albin Mayer) (Hg.): Gruß aus Radlberg. Die Geschichte des Stadtteiles Radlberg. Für den Inhalt verantwortlich:
Mag. Renate Gamsjäger, Arbeitsgemeinschaft Helm-Lukaseder-Mayer. Mit Beiträgen von: Mag. Leo Becker, Erwin Fischer, Dr. Franz Forstner, Ing. Dietmar Helm, Oswald Helm sen., RR Anton Hufnagl, Helmut Leitner, Ing. Franz Leuthner, Mag. H. Clemens Maier, Elisabeth Nistelberger und Leopold Stadtler. Wien, St. Pölten- Unterradlberg: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten - Abt. VI, Kulturverwaltung 1993, S. 144 - 145 REITER, Karin: Verzeichnis von St. Pöltner Straßen, die Widerstandskämpfern aus den Jahren 1938-1945 gewidmet wurden. In: Reiter, Karin: Der organisierte Widerstand gegen den Nationalsozialismus in St. Pölten und Umgebung 1938-1945. St. Pölten: Kulturverwaltung der Stadt St. Pölten 1996 (= Veröffentlichungen der Kulturverwaltung der Stadt St. Pölten 1/1996 (A.F.IX)), S. VIII-IX Die heimatkundlichen Straßennamen St. Pöltens. In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 3, S. 12 Heimatkundliche Straßennamen St. Pöltens (1. Fortsetzung). In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 4, S. 15 - 16 Heimatkundliche Straßennamen (2. Fortsetzung). In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 5, S. 133 - 134 Heimatkundliche Straßennamen (3. Fortsetzung). In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 6, S. 23 - 24 Heimatkundliche Straßennamen (Schluß). In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 7, S. 26 - 28
6
St. Pölten herausgegebene und als Beilage im Amtsblatt „St. Pölten konkret“ an jeden Haushalt versandte Broschüre, die es an Fehlerhaftigkeit - wie ich beim Fortschreiten meiner Arbeit am St. Pöltner Straßennamenlexikon leider feststellen mußte - aber durchaus mit dem ‘Rossa’ aufnehmen kann. So heißt es etwa darin zur Bedeutung des Lemmas „3100 Marchweg (Unterwagram) von der Wiener Straße nach Osten parallel zur Anzengruberstraße. March: Linker Donauzufluß.“ 20 Schon bei flüchtiger Lektüre dieses Eintrages bleibt schleierhaft, was eine St. Pöltner Straße mit dem - auch ideologisch nicht besonders aufgeladenen - Grenzfluß zwischen Österreich und der Slowakei zu tun haben soll. Weitere Beispiele einer Straßenbenennung nach einem Fluß - außer natürlich nach der durch die Stadt fließenden Traisen - lassen sich zudem im St. Pöltner Korpus weder synchron noch diachron nachweisen. Erst wenn man den Erstbenennungsbeschluß für diesen Namen aus dem Jahr 1936 heranzieht, sieht man klarer:
„8.) Benennung einiger Strassen. Der Gemeindetag wolle beschliessen:
Es sind zu benennen: Die an der nördlichen Gemeindegrenze längs der Dollfuss-Siedlung führende Strasse „Marchweg“. [...] Der Gemeindetag stimmt dem Antrag einhellig zu.“ 21 Offenbar wurde zwischen 1936 und 1986 die Bedeutung des Marchweges als Grenzweg 22
zur benachbarten, damals noch eigenständigen Gemeinde, heute Katastralgemeinde Ratzersdorf vergessen und dieses Nichtmehrwissen mit einer unsinnigen Neuinterpretation kompensiert. 20 AV 1986, S. 12 21 Verhandlungsschrift aufgenommen in der Sitzung des Gemeindetages der landesunmittelbaren Stadt St. Pölten am Mittwoch, 4. November 1936, S. 190. In: Gemeindetagsprotokolle 1936 22 Vgl. auch:
„marke stf. (II. 64 a ) auch march, mark, marc [...]: gränze“ LEXER, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1872-1878 mit einer Einleitung von Kurt Gärtner. Band I A-M. Stuttgart: Hirzel 1992, S. 2048 7
Diesen Befund stützt auch eine St. Pöltner Quelle aus dem Jahre 1950, die den Marchweg noch als „Grenzweg gegen Ratzersdorf“ 23 apostrophiert.
Bedeutsamer als solche Fehler aus ungenügendem Quellenstudium sind Ungereimtheiten, die durch eine widersprüchliche Quellenlage selbst entstehen. So heißt es etwa über die Bedeutung der 1936 erstbenannten - der entsprechende Beschluß enthält nur den Namen der Gasse selbst - Passygasse in der obigen, schon von uns herangezogenen Quelle aus dem Jahr 1950: „Johann Nepomuk Passy, geb. 1789, Buchhändler, erhielt 1837 die Buchhandelsgerechtigkeit für St. Pölten. Er war in Wien auch verdienstvoller Vizedirektor des kath. Krankeninstitutes „Confraternität“ gewesen und wurde Ehrenbürger von Wien. Mehrere Verlagswerke erscheinen in dieser Buchhandlung, so daß ihm auch der Sankt Pöltner Magistrat das Ehrenbürgerrecht als Anerkennung verlieh. Seine Nachfolger wurden Johann Georg Sydy und Ludwig Schubert.“ 24
Völlig konträr dazu vermeldet die uns ebenfalls bereits bekannte Quelle
- der ‘Nasko’ - aus dem Jahre 1986:
„Frederic Passy (1822-1912): französischer Volkswirtschaftler, erhielt 1901 zusammen mit Henry Dunant den Friedensnobelpreis.“ 25
Die Widersprüche zwischen solch disparaten Quellen können letzten Endes nur durch interpretatorische Bemühungen aufgelöst werden. In unserem Beispiel wäre also zu fragen, ob die St. Pöltner Stadtverwaltung in der Zeit des Ständestaates von 1934 bis 1938 bei Straßenbenennungen nach Personen eher innengeleitete oder eher außengeleitete Hodonyme bevorzugt hat. Erst in diesem interpretatorischen Rahmen kann beispielsweise die Frage, ob die St. Pöltner Passygasse
nach Johann Nepomuk oder Frederic Passy benannt worden ist, mit 23 SCHUBERT 1950, S. 74 24 SCHUBERT 1950, S. 77 25 AV 1986, S. 13 8
einiger Wahrscheinlichkeit gelöst werden. Die Voraussetzung für eine solche Interpretation bildet aber ein Quellenlexikon der St. Pöltner Straßennamen, welches das gesamte Material unvoreingenommen darbietet und nicht durch Vorauswahl der berücksichtigten Quellen etwa vorhandene Widersprüche verwischt. Mit dem im Anhang dieser Arbeit vorliegenden Quellenlexikon der St. Pöltner Straßennamen, das alle erreichbaren amtlichen Quellen zur St. Pöltner Straßennamengebung zwischen 1900 und 1996 darbietet, liegt nun eine zuverlässige Arbeitsgrundlage nicht nur für die Lokalhistoriker, sondern auch für die Onomastik und damit für eine durchaus wünschenswerte vergleichende Straßennamenforschung vor.
9
2) Versuch einer semantischen Klassifikation
In diesem (und dem nächsten) Kapitel sollen die Kategorien zur Analyse des vorliegenden Korpus gewonnen werden. 26 Es geht also darum,
Straßennamentypen zu isolieren, deren synchrone und diachrone Verteilung im Material zu verfolgen sein wird.
Es hat in der Geschichte der Sprachwissenschaft nicht an mehr oder minder gelungenen Versuchen gemangelt, das weite Feld der Namen einer Klassifikation zuzuführen, d.h. zu „einer stringenten, terminologisch eindeutigen Abgrenzung bzw. Unterteilung der Namentypen und -gruppen im Rahmen einer allgemeinen Systematik der Eigennamen“ 27
zu kommen.
Völlig konträr dazu sind den Hodonymen - als kleinem onomastischen Teilgebiet - bisher Differenzierungsbemühungen in ähnlicher Dichte nicht zuteil geworden.
Besonders die ältere Forschung scheint auf diesem Gebiet mehr präskriptiv denn deskriptiv vorgegangen zu sein. So unterscheidet etwa KRANZMAYER zwischen „echte[n], bodenverwurzelte[n]“ 28 und „künstlich erdachte[n]“ 29
Straßennamen, sein Schüler STOCKHAMMER zwischen „bodenständige[n] Namen“ 30 und „künstliche[n] Straßenbezeichnungen“ 31 , und UHL spricht in ebenfalls wertender Weise von „gute[n], autochthone[n]“ 32 Straßennamen, denen er die „offiziell anerkannten Namen“ 33
gegenüberstellt. 26 In Anlehnung an die Sprache des frühen Wittgenstein: Hier wird das wissenschaftliche ‘Netz’ geknüpft, das dann über einen Teil der Welt - in unserem Falle die St. Pöltner Straßennamen - geworfen wird. 27 DEBUS/SEIBICKE 1996, S. XII 28 KRANZMAYER, Eberhard: Die österreichischen Bundesländer und deren Hauptstädte in ihren Namen. In: Muttersprache o. Jg. (1956), Nr. 4, S. 3. Zitiert nach: STOCKHAMMER 1971, S. 1 29 Ebd., S. 1 30 STOCKHAMMER 1971, S. 1 31 Ebd., S. 1 32 UHL 1946, S. 2 „[...] sie waren von selbst im Volksmund entstanden [...]. Sie waren nichts unbedingt Feststehendes, von keiner Behörde erfunden oder sanktioniert, [...].“ UHL 1946, S. 1 - 2 33 Ebd., S. 4 10
Dagegen vermeidet es die neuere Forschung bei der Abgrenzung bzw.
Unterteilung der verschiedenen Straßennamentypen solche deutlichen
Bewertungen in ihre terminologischen Bemühungen miteinzubringen. So
gliedert etwa SCHRÖTER das Straßennamenkorpus von Freiburg im Breisgau
aus dem Jahr 1825 in „I. Straßenbezeichnungen nach Berufsständen“ 34 , „II.
Straßenbezeichnungen nach alten Häusernamen“ 35 , „III. Straßenbezeichnungen
nach Familiennamen“ 36 , „IV. Straßenbezeichnungen nach Gebäudefunktionen
und städtebaulichen Strukturen“ 37 und in „V. Straßenbezeichnungen
unterschiedlicher Herkunft“ 38 . Für die Deskription des Freiburger Korpus des
Jahres 1838 behält er die Kategorien I, II, IV und V bei, erweitert die Kategorie
III zu „IV. Straßenbezeichnungen nach Familien / Personennamen“ 39 und fügt
zusätzlich noch die Kategorie „II. Straßenbezeichnungen nach Gewannen und
naturräumlichen Gegebenheiten“ 40 ein. In einer Untersuchung der
Straßennamenkorpora dreier ungarischer Komitatsstädte 41 unterscheidet
VINCZE 42 zwischen „Straßennamen, die nach Personen benannt wurden, die
kürzere oder längere Zeit in dem betreffenden Ort verbrachten bzw. dort geboren
sind“ 43 ,
„Straßen, die Namen von Personen tragen, die in der Nähe oder im
Bezirk des untersuchten Ortes geboren sind, die verwandtschaftliche
oder andere persönliche Beziehungen zu Bewohnern des Ortes
hatten und deren Tätigkeit sich auf die Entwicklung des
untersuchten Ortes positiv auswirkte“
44 34 SCHRÖTER s. a., S. 17 35 Ebd., S. 19 36 Ebd., S. 20 37 Ebd., S. 21 38 Ebd., S. 22 39 Ebd., S. 25 40 Ebd., S. 25 Durch diesen Einschub verschiebt sich natürlich auch die Numerierung. 41 Entsprechen in etwa den österreichischen Bezirkshauptstädten.
42 Dieser Aufsatz kann übrigens die aus seinem Titel - „Eine neue Methode zur wissenschaftlichen Analyse der Straßennamen“ - resultierenden hochgesteckten Erwartungen nicht einmal annähernd erfüllen. 43 VINCZE 1985, S. 364 44 Ebd., S. 364
11
und
„Straßen, die nach Personen benannt wurden, die durch ihre
Initiative Einfluß auf die kulturelle, soziale und sonstige
Entwicklung des untersuchten Ortes bzw. dessen Umgebung
ausübten“ 45
sowie „Straßen, die nach Objekten (Gebäuden, Statuen, Brunnen, Parks,
Kanälen, Kirchen, Kirchhöfen usw.) bezeichnet wurden“ 46 .
KETTNER differenziert anhand des diachronen Korpus der Stadt Marburg in
Straßennamen „aus freien Bezeichnungen“ 47 und „politische Straßennamen“ 48 .
Hauptkriterium für die Unterscheidung ist der Bezug zur außersprachlichen
Realität:
„Solange Straßennamen aus freien Bezeichnungen entstanden, waren
sie - was ihre inhaltlich-etymologischen Möglichkeiten angeht, in
zweierlei Hinsicht stark eingeschränkt: grundsätzlich, weil - wie
gezeigt 49 - außer der Verwendung von vorhandenen Arealnamen nur
der inhaltliche Bezug auf Eigenschaften von Straßen möglich war,
und im Einzelfall, weil der Name zumindest zur Zeit seiner
Entstehung bezogen auf die Eigenschaften der einzelnen Straße wahr
sein mußte.“ 50
„Politische Straßennamen“ dagegen sind nicht mehr derart hochgradig an die in
einer Kommune konkret vorzufindende Realität gebunden: 45 Ebd., S. 364 46 Ebd., S. 365 47 KETTNER 1988, S. 141 48
Ebd., S. 141 49 „Natürlich konnten bei der freien Bezeichnung und Beschreibung einer Straße nur Eigenschaften der Straße selbst eine Rolle spielen. Man konnte Bezug nehmen auf die äußere Gestalt der Straße (in Marburg z. b. Langgasse und Enge Gasse), auf die Art der Stadtbefestigung (Steinweg und Sandweg), auf die Lage der Straße (Untergasse und Zwischenhausen), auf die Richtung der Straße (Barfüßerstraße und Marbacher Weg), auf einen oder mehrere Anwohner der Straße
Kornmarkt), man konnte metaphorische Bezeichnungen verwenden (Loch) oder man konnte sich auf bereits vorhandene Arealnamen beziehen (Rübenstein und Pilgrimstein), aber damit waren die Möglichkeiten einer Straßenbezeichnung [...] im wesentlichen erschöpft.“ KETTNER 1988, S. 141
12
„Seitdem aber Straßennamen von vornherein als Namen erdacht und
beschlossen wurden, mußte nur noch das verwendete Grundwort in
zusammengesetzten Namen (Straße, Gasse, Allee, Platz usw.) halbwegs mit der Realität übereinstimmen, [...].“ 51
WEBER unterscheidet „unmittelbare Namen“ 52 , bei denen „der Name mit der
Strasse in unmittelbarer Beziehung“ 53 steht, und „allgemeine Namen“ 54 , bei
denen „ebensogut jede andere Strasse im gleichen Stadtteil oder in der gleichen
Siedlung auch diesen Namen tragen“ 55 könnte. Insgesamt differenziert WEBER
anhand des diachronen und synchronen Korpus der Stadt Bern aus diesen beiden
Hauptklassen über 50 weitere Subklassen, die aus Platzgründen hier leider nicht
alle vorgestellt werden können.
Zuletzt hat BERING ein „Kategorienraster zur Analyse von Straßennamen“ 56
vorgelegt, das durch übergroße Feindifferenzierung - konzipiert war Berings
Raster „als computergeeignetes Kategorienschema“ 57 - für die Zwecke der
vorliegenden Arbeit leider nicht einsetzbar ist. 58
Letzten Endes waren also die hier kurz vorgestellten hodonymischen
Klassifizierungen für mich mit den Sprossen einer - tragfähigen - Leiter
vergleichbar, auf denen ich zu meiner eigenen Systematik gekommen bin:
Eine grundlegende Dichotomie, nämlich die zwischen - wie wir sie nennen
wollen - topographischen Straßennamen mit Orientierungsfunktion und kulturellen Straßennamen mit Erinnerungsfunktion ist wohl unschwer in jedem hodonymischen Korpus des 20. Jahrhundert aufzufinden. 50 Ebd., S. 142 51 Ebd., S. 142 52 WEBER 1990, S. 27 53 Ebd., S. 27 54 Ebd., S. 27 55 Ebd., S. 27 56 BERING 1994, S. 10 57 Ebd., S. 9 58 Nach einer Mitteilung von GROSZSTEINBECK vom 29.12.1996 hat BERING mit den Mitarbeitern der hodonymischen Forschungsgruppe des Institutes für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Köln für die „Datenbank der Kölner Straßennamen inzwischen ein neues Kategorienraster entwickelt, das sich vor allem systematisch erheblich von dem Vorgängermodell unterscheidet. Da unsere Arbeit jedoch noch nicht
13
Die Dichotomie konstituierend ist der Grad des Bezuges des jeweiligen Straßennamens zur außersprachlichen Wirklichkeit. Wer etwa eine Rathausgasse entlang geht, kann damit rechnen, in ihrem Verlauf oder an ihrem Ende tatsächlich auf ein Rathaus zu stoßen. Das heißt, das Bestimmungswort 59
des topographische Straßennamens verweist eben auf die Topographie, auf tatsächliche Gegebenheiten im Raum.
Die Funktion eines Straßennamens wie Rathausgasse scheint daher vornehmlich Orientierung zu sein, während ein Straßenname wie Dr. Karl Reinthaler-Gasse eine solche ab ovo nicht zu bieten scheint 60 . Wir sprechen letzterem
Straßennamentyp daher vorwiegend eine Erinnerungsfunktion zu. NIKONOV unterscheidet „drei Namenfunktionen: die obligatorische Adressen- oder nominative Funktion, die fakultativ beschreibende oder deskriptive Funktion [...] und die ideologische Funktion.“ 61
Da die Adressenfunktion per definitionem jedem Hodonym zukommt, entspricht NIKONOVS deskriptive Funktion unserer Orientierungsfunktion - nur topographische Deskription kann zum Zeitpunkt der Erstbenennung Orientierung leisten - , ebenso wie seine ideologische Funktion mit unserer Erinnerungsfunktion weitgehend ident ist.
Demzufolge ist die Distribution eines topographischen Straßennamens nicht arbiträr wie bei einem kulturellen Straßennamen, sondern im Akt der Straßenbenennung streng den örtlichen Gegebenheiten verpflichtet; Die Ziegelwerkstraße
ist in der Nähe des Ziegelwerkes zu situieren, während abgeschlossen ist, bitte ich um Verständnis, daß wir dieses Raster zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung stellen können.“.
59 Im Falle eines topographischen Straßennamens in präpositionaler Form enthält das Grundwort die topographische Information: An der Dürnau.
60 Erst sekundär, wenn der Name Dr. Karl Reinthaler-Gasse gelernt wird, kommt ihm auch eine gewisse Orientierungsfunktion zu.
61 Nikonov, V. A.: Vvedenie v toponimiku. Moskva 1965, S. 57 ff. [Zitiert nach: SCHULTHEIS/WALTHER 1968, S. 7] 14
praktisch jede Straße Mozartstraße genannt werden könnte. Topographische
Straßennamen sind vorwiegend deskriptiv, kulturelle vorwiegend präskriptiv 62 .
Zu den topographischen Straßennamen zählen auch die Richtungsstraßennamen, die topographische Orte in einem bestimmten Umkreis als Ziel einer
Straßenverbindung angeben. Die Zielangabe kann aber auch von der Weite der
Entfernung her unsinnig sein wie z. B. bei der in St. Pölten gelegenen, 1933 so
benannten Südtiroler Straße, die zudem keine Ausfalls-, sondern eine
Seitenstraße in einem Siedlungsgebiet darstellt. Mit diesem Hodonym ist also
keine topographische Information verbunden, sondern es dient lediglich dazu,
die Erinnerung an das 1919 von Österreich abgetrennte Südtirol wachzuhalten. 63
Wir bezeichnen solche Straßennamen als pseudotopographisch und rechnen sie den kulturellen Straßennamen zu. 64
Zu den topographischen Straßennamen zählen neben den genuin toponymischen Straßenbezeichnungen letztlich auch die Anwohnerstraßennamen. Der Name Schreinergasse vergibt durchaus eine topographische Information, nämlich daß
dort holzverarbeitende Betriebe ansässig sind. Die Bildung solcher
Anwohnerstraßennamen ist beileibe nicht nur im Mittelalter erfolgt, der Typ ist -
wenn auch in sehr geringem Maße - bis heute produktiv geblieben: 1927 etwa
wurde die St. Pöltner Neugasse, in welcher der stadtbekannte
Feuerwehrhauptmann und Gymnasialprofessor Karl Schneck seinen Wohnsitz
hatte 65 , in Schneckgasse
umbenannt, und noch 1991 wurde in St. Pölten eine 62 Natürlich besitzt auch ein kultureller Straßenname wie etwa Dr. Alois Schrattenholzer-Gasse eine gewisse deskriptive Qualität: Durch das Grundwort Gasse wird auf die relative Beschaffenheit des Verkehrsweges verwiesen.
63 Ähnlich den weitverbreiteten Straßennamen nach Städten und Regionen der ehedem deutschen Ostgebiete in den alten Bundesländern Deutschlands.
64 Dazu zählen auch die oft Cluster bildenden Blumen- und Bäumestraßennamen auf ehemaligen Acker- oder Augrundstücken, die an eine derartige Blütenpracht als Muster der Benennung wirklich nicht leicht glauben machen.
65 „Karl Schneck wurde am 17. November 1846 in St. Pölten geboren (Gasthaus Berger). [...] Er starb am 4. Dezember 1926 im Hause Nr. 24 der nach ihm benannten Gasse.“ Heimatkundliche Straßennamen (3. Fortsetzung). In: MK 11 (1962), Nr. 6, S. 24 „Schneck Karl, [...]. Neugasse 24“ AdB 1912, S. 55 „Schneck Karl, [...], Neug. 24“ AdB 1923, S. 193
15
Gebertstraße nach der Gründer- und Besitzerfamilie der am Ende dieser Straße
ansässigen Firma Geberit benannt. 66
Zu den kulturellen Straßennamen zählen wir zunächst einmal die große Gruppe
der anthroponymischen Straßennamen - die dadurch gekennzeichnet ist, daß ihr Bestimmungswort immer ein Anthroponym ist - sowie die historischen
Straßennamen. Letztere zerfallen wieder in primär historische - zum Zeitpunkt der Erstbenennung war das namenspendende Objekt bereits real nicht mehr
vorhanden, sondern nur mehr in der historischen Erinnerung präsent 67 - und
sekundär historische Straßennamen. Jene entstehen aus topographischen Straßennamen, denen das namenspendende Objekt durch die Zeitläufte quasi
abhanden gekommen ist. Die Erstbenennung entspringt also nicht einem
historischen Bewußtsein der Namengeber, sondern diese Straßennamen
rekurrieren erst sekundär auf Historisches. So führte etwa die St. Pöltner
Klostergasse zum Zeitpunkt der Erstbenennung 68 (und noch Jahrhunderte
danach) zum Kloster der Augustiner Chorherren, nach der Aufhebung desselben
im Jahr 1785 ist die Straßenbezeichnung jedoch sekundär historisch geworden 69 .
Zu den kulturellen Hodonymen zählen wir auch noch die
Abstraktstraßennamen 70
, die dadurch charakterisiert werden können, daß ihre Bestimmungwörter immer Abstrakta sind.
Letzten Endes gliedern wir also die Hodonyme in die beiden Klassen der
topographischen Straßennamen und der kulturellen Straßennamen. Erstere besteht aus den Subklassen der toponymischen Straßennamen, der Richtungsstraßennamen und der Anwohnerstraßennamen. Letztere besteht aus den Subklassen der anthroponymischen Straßennamen, der „Schneck Karl, [...], Neugasse 24“ AdB 1925, S. 203 66 Kein Tippfehler: Die Familie heißt Gebert, ihre Firma Geberit.
67 So war 1915 - zum Zeitpunkt der Erstbenennung der Kupferbrunnstraße - der Kupferbrunn durch den Bau der Kaiserin Elisabeth-Westbahn bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert versiegt. 68 „Die Klostergasse wird schon 1290 als „strata claustrali“ genannt.“ Heimatkundliche Straßennamen (2. Fortsetzung). In: MK 11 (1962), Nr. 5, S. 133 69 Als toponymischer Straßenname hätte sie wohl *Bischofsgasse zu lauten, da sie zum Bischofssitz führt. 70 Zu diesem Typ zählt zum Beispiel das 1927 in St. Pölten vergebene Hodonym Freiheitsplatz.
16
Abstraktstraßennamen, der pseudotopographischen Straßennamen und der historischen Straßennamen, die wiederum in primär historische und sekundär historische Straßennamen unterteilt werden können. Zwei weitere, in ihrem Verhältnis zueinander dichotomische Klassen der
Hodonyme sind innengeleitete und außengeleitete Straßennamen. So verweist etwa das Bestimmungswort des Namens Schillerplatz in jedem anderen Ort als
des Dichters Geburts- oder Wirkungsort auf Überregionales, während etwa das
Bestimmungwort des in St. Pölten vergebenen Straßennamens
Zehengruberstraße auf ein „langjähriges Mitglied der [St. Pöltner]
Gemeindevertretung“ 71 und einen „Ehrenbürger von St. Pölten“ 72 , also auf eine
strikt regionale Erscheinung verweist. BERING, von dem wir unsere
Begrifflichkeit in diesem Fall entlehnt haben, spricht von „innengeleitete[n] und
außengeleitete[n] Städte[n]“ 73 und erläutert gleichnishaft die Dichotomie anhand
der Straßennamenkorpora der beiden deutschen Kommunen Lingen an der Ems
und Celle:
„Fragt man [...] nun nach dem, was für die Straßennamen und das
Gedächtnis der Stadt besonders wichtig ist, so werden die
Emslandbewohner 74 ihren Blick eher nach draußen ins Freie wenden,
ihrer Stadt also den Rücken kehren. Alles was sie in dieser Stellung
sehen, zählt bei ihnen vorzüglich als namenwürdig. Die Celler aber
werden, an strukturidentischen Stellen stehend, ihren Blick -
umgekehrt - eher auf die Mitte der Stadt richten und alles, was dann
in ihrem Gesichtskreis auftaucht, für vornehmlich namengeeignet
und erinnernswert halten.“ 75
Ein außengeleitetes Straßennamenkorpus also 71 AdB 1923, S. 10 72 Ebd., S. 10 73 BERING 1994, S. 14 An anderer Stelle desselben Aufsatzes spricht er auch von „örtlich/regional verhaftet“ versus „national/international verhaftet“ (BERING 1994, S. 19).
74 Lingen an der Ems liegt im Emsland.
75 BERING 1994, S. 20
17
„gravitiert nicht so sehr auf die eigene Stadt, sondern es ist eher nach
außen gerichtet. Außenbezüge scheinen wichtiger als die Geschichte
des eigenen Gemeinwesens.“ 76
Ein Gemeinwesen mit außengeleitetem Straßennamenkorpus wird man wohl als
„eher gleichgültig gegen die eigene Geschichte und gegen die eigenen sozialen
Strukturen“ 77 und als in der Straßennamengebung „fixiert auf die Außenwelt“ 78
bezeichnen müssen.
Topographische Straßennamen sind per se innengeleitet. Es erschiene unsinnig,
zum Beispiel einen Rathausplatz nach dem Rathaus einer anderen als der
eigenen Kommune zu benennen oder etwa eine St. Pöltner Brückenstraße nach
einer Brücke in Krems oder anderswo. Dagegen wird bei den kulturellen
Straßennamen die Grenze zwischen innen- und außengeleitet manchmal
durchaus fließend verlaufen. So wurde etwa die 1996 erfolgte Benennung des
großen Platzes im Kulturbezirk des niederösterreichischen Regierungsviertels
als Franz Schubert-Platz von offizieller Seite 79 damit begründet, daß sich der
Komponist „oft und gerne in St. Pölten aufgehalten“ 80
habe. 76 Ebd., S. 17 77 Ebd., S. 18 78 Ebd., S. 18 79 In der Presse äußerte sich Dipl.-Ing. Norbert Steiner, der Vorstandsvorsitzendes der NÖPLAN, die von Seiten der niederösterreichischen Landesregierung mit der Planung und Errichtung des Regierungsviertels in St. Pölten beauftragt ist.
80 SERVUS 1996, S. 10 Zu Schuberts übrigens einzigem Aufenthalt in St. Pölten siehe auch:
DOBNER, Walter: „Oft in der Brühl“. Walter Dobner über den „Niederösterreicher“ Franz Schubert. In: morgen 21 (1997), Nr. 111, S. 12 - 13 EDER, Alois: Franz Schubert und St. Pölten. In: St. Pölten konkret mit amtlichen Mitteilungen der Landeshauptstadt St. Pölten 20 (1997), Nr. 6, S. 40 - 41
18
3) Versuch einer morphologischen Klassifikation 81
Eine vernünftige, nicht zu komplexe morphologische Systematik, die den Raster
für die anschließende Analyse des St. Pöltner Korpus nicht zu unhandlich
werden läßt, wird zunächst wohl zwischen präpositionalen Straßennamen wie z. B. An der Dürnau
und dualen Straßennamen aus Bestimmungswort und Grundwort wie z. B. Petzoldstraße unterscheiden.
Bei den dualen Straßennamen interessieren sicherlich noch Art und Anzahl der
verwendeten Grundwörter sowie die Verteilung eingliedriger wie Eybnerstraße,
zweigliedriger wie Ferdinand Straßerweg und dreigliedriger Straßennamen wie
Dr. Hans Hörler-Straße. 81 „Die Formanalyse scheint zunächst unwichtig. Aber es sagt doch etwas aus, ob eine Stadt eine hohe Variation von Grundworten hat oder ob bestimmte in ihr gar nicht vorkommen, daß z. B. die Industriestadt Wolfsburg weit weniger als 1% Gassen hat. Auch Bildeweisen mit Präpositionen haben Signalwirkung: Eine veritable Ortsangabe kommt jetzt! Und es dürfte einiges sagen, daß viele, vor eine Wahl gestellt, lieber Am Acker wohnen als auf der Ackerstraße - , [...].“ BERING 1994, S. 13
19
4) St. Pöltner Straßennamengebung im 19. Jahrhundert
In seiner verdienstvollen, 1930 erschienenen „Geschichte der Stadt
St. Pölten“ datiert HERMANN 82 den Beginn der erstmaligen amtlichen
Beschäftigung mit den Straßennamen der damals landesfürstlichen Kreisstadt
folgendermaßen:
„Nach einer Aufzeichnung des Bürgers Johann Trestler vom Jahre
1836 war zuletzt 1771 jedes Haus numeriert und 1795 jede Gasse
beschrieben 83 worden [...].“ 84
HERMANNS Quelle für diese Datierung ist nun nicht etwa ein Aktenkonvolut
oder ähnliches jener städtischen, grundherrschaftlichen, geistlichen oder
landesfürstlichen Behörde, welche die Häuser damals erstmals numerieren und
die Gassennamen an den Hausmauern anschreiben ließ, sondern
„[...] ein graues Heft, das sich im Nachlasse des Professors
Fahrngruber 85 vorfand. Ein gewisser J o h a n n T r e s t l e r hat es
im Jahre 1836 geschrieben; ein alter St. Pöltner Bürger und
Rosenkranzschreiber [...].“ 86
In diesem „Heft“ berichtet TRESTLER auf nicht einmal drei Druckseiten mit
großer Bestimmtheit etwa von den Unternehmungen des römischen Kaisers
Julian im Gebiet des heutigen St. Pölten über „erschreckliche Wassergüße“ 87 im
Jahr 1483 bis zu Napoleons Übernachtungen in St. Pölten 1805 und 1809. Im
Sinne einer hier durchaus angebrachten Quellenkritik merkte schon der St. 82 „[...] durchforschte der Gymnasialprofessor August Herrmann das städtische Archiv und bereitete eine zweibändige Geschichte der Stadt vor, die bis heute das Standardwerk geblieben ist.“ GUTKAS 1980, S. 48 83 Vgl. auch:
„Paris ordnete 1728 an, am Anfang jeder Strasse sei je an einem Haus eine Blechtafel anzubringen, auf der in schwarzer Schrift auf gelben Grund der Strassenname steht.“ WEBER 1990, S. 23:
84 HERMANN 1930, S. 183 85 „[...] Johann Fahrngruber, geb. am 27. November 1845 in Rotte Weißenbach, Pfarre Plankenstein, Theologieprofessor, Altertumsforscher und Historiker. Er schrieb „Aus St. Pölten“, 1885, und eine Glockenkunde der Diözese St. Pölten, gest. 13. August 1901 zwischen Dimaro und Campiglio in Südtirol.“ SCHUBERT 1950, S. 65 86 JUNGWIRTH 1909, S. 61
20
Pöltner Lokalhistoriker JUNGWIRTH, der diese Aufzeichnungen „eines naiven
Biedermeiers“ 88 1909 ediert hat, an, daß TRESTLERS „Skizze, [...] Phantasie
und Wahrheit konfus verbindet.“ 89 .
Über hodonymische Belange weiß die Quelle folgendes zu berichten:
„Im Jahre 1771 wurde das ganze Land beschrieben und jedes Haus
nummeriert.
[...]
Im Jahre 1795 ist in jeder Gasse der Nahme aufgeschrieben
worden.“ 90
Bedenkt man die in der sich gerade etablierenden Bürokratie des josephinisch-
franziszeischen Zentralstaates nicht unübliche Verzögerung zwischen der
Durchführung von neuen Verwaltungsmaßnahmen in der Residenz und in der
Provinz, so dürfte Trestlers Mitteilung, daß in St. Pölten 1795 „in jeder Gasse
der Nahme aufgeschrieben worden“ ist, wohl auf „die Anordnung Kaiser Josefs
II. vom 4.2.1782, [die Straßennamen] zu Beginn jeder Gasse an den Hausmauern
anzuschreiben“ 91 , rekurrieren. UHER nennt diese Anordnung wohl mit Recht
den „Anfang einer feststehenden Straßenbenennung“ 92 .
Ob 1795 in St. Pölten oder 1782 in Wien, eines gilt gleichermaßen:
„Es ist nicht bekannt, wer über die Wahl der anzuschreibenden
Straßennamen entschied.“ 93
Ebenso ist nicht bekannt, welche Straßennamen damals in St. Pölten auf- und
damit festgeschrieben wurden.
94 87 Ebd., S. 61 88 Ebd., S. 61 89 Ebd., S. 61 90 Ebd., S. 63 91 UHL 1946, S. 2 92 UHER 1971, S. 2 Vgl. auch:
„Für die Wiener Straßennamen war die Anordnung Kaiser Josefs II. vom 4.2.1782, sie zu Beginn jeder Gasse an den Hausmauern anzuschreiben, von entscheidender Bedeutung. Seit es eine Geschichte unserer Stadt gibt, gibt es auch Straßennamen, aber niemand hatte sich mit ihnen befaßt, [...].
UHL 1926, S. 1 93 UHER 1971, S. 2
21
Für die Zwecke dieser Arbeit greifen wir zur Erschließung der St. Pöltner
Straßennamen des 19. Jahrhunderts daher auf drei amtliche Straßenverzeichnisse
aus den Jahren 1850, 1877 und 1893 zurück 95 .
Straßenverzeichnis 1850 1877 1893
Absolut % Absolut % Absolut %
Anzahl der StrN 27 100 48 100 63 100
1 Topographische StrN
1.1 Toponymische StrN 18 66,7 32 66,6 34 54
1.2 RichtungsStrN 3 11,1 6 12,5 7 11,1
1.3 AnwohnerStrN 5 18,5 6 12,5 6 9,5
2 Kulturelle StrN
2.1 Anthroponymische StrN 1 2,1 13 20,6
8 61,5 96
2.1.1 Innengeleitet 1 100
2.1.2 Außengeleitet 5 38,5
2.2 Primär historische StrN 2 4,2 2 3,2
2.3 Sekundär historische StrN 1 3,7 1 2,1 1 1,6
94 Im St. Pöltner Stadtarchiv existiert kein entsprechendes Straßenverzeichnis. Auch periodische
Lokalpublikationen, die von der Gassenbenennung Notiz hätten nehmen können, existieren zu dieser Zeit noch
nicht. Erst 1848 erscheint „Das Traisenblatt“, die erste „St. Pöltner Neuigkeits- und Geschäftszeitung“ - wie es
im Untertitel dieser Wochenzeitung heißt (Die periodischen Publikationen in St. Pölten vor 1918. In:
Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 23 (1974), Nr. 6, S. 22).
95 Ungedruckt, also für den amtsinternen Gebrauch:
Häuserverzeichnis der k.k. l.f. Kreisstadt St. Pölten. Im Jahre 1850. In: StA St. Pölten, Inventar-Nr. 2178
Gedruckt vorliegend:
GEMEINDE-VORSTEHUNG (Hg.): Häuser-Verzeichnis der Stadt St. Pölten in alphabetischer Ordnung der
Straßen und Plätze. Herausgegeben und verlegt von der Gemeinde-Vorstehung. St. Pölten: Gemeinde-
Vorstehung 1877
GEMEINDE-VORSTEHUNG ST. PÖLTEN (Hg.): Häuser-Verzeichnis der Stadt St. Pölten. Herausgegeben
und verlegt von der Gemeinde-Vorstehung St. Pölten. St. Pölten: Gemeinde-Vorstehung 1893
Genau die gleichen Straßennamen wie das Verzeichnis von 1850 enthält das ebenfalls ungedruckte:
Häuser Verzeichniß der lf Kreisstadt St. Pölten. Im Jahre 1857. In: StA St. Pölten, Inventar-Nr. 2176
Weiters liegt im Stadtarchiv auch noch ein Häuserverzeichnis aus dem Jahre 1848 auf, das allerdings keine
Straßennamen, sondern nur die Namen der Hausbesitzer und Mieter nennt.
Neben den Protokollen der Gemeindevertretung mit Benennungsbeschlüssen ab den Siebziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts - es hätte den Umfang dieser Arbeit (und vor allem des Lexikons) wohl endgültig
gesprengt, wenn diese auch noch ausgewertet worden wären - sind diese vier genannten Verzeichnisse wohl die
einzigen umfassenden Quellen für die St. Pöltner Straßennamen des
19. Jahrhunderts.
96 Als innengeleitet sind 61,5%, als außengeleitet sind 38,5% aller anthroponymischen Straßennamen des
Verzeichnisses zu bewerten.
22
2.4 Pseudotopographische StrN
2.5 AbstraktStrN
3 Innengeleitete StrN 58 91,1
4 Außengeleitete StrN 5 7,9
5 Präpositionale StrN
44 97 91,6 57 98 90,5 6 StrN aus Grundwort 27 100
und Bestimmungswort
6.1 Eingliedrige StrN 23 85,2 44 100 54 94,7
6.2 Zweigliedrige StrN 4 14,8 3 5,3
6.3 Drei- oder mehrgliedrige StrN
7 Anzahl der Grundwörter 2 7 7
Tabelle 1
Straßenverzeichnis 1850:
Ad 1.1: Brunn Gasse 99 , Dom Gasse, Dom Platz, Garten Gasse, Haupt Platz,
Herrn Platz 100 , Hofstatt Platz, Kirchen Gasse, Kugel Gasse 101
, Markt Gasse, 97 Als nicht präpositionale Straßennamen ohne hodonymisches Grundwort werden im Straßenverzeichnis von
1877 die Bezeichnungen Bahnhof, Hofstatt, Kalvarienberg und Roßmarkt gewertet. 98 Als nicht präpositionale Straßennamen ohne hodonymisches Grundwort werden im Straßenverzeichnis von
1893 die Bezeichnungen Bahnhof, Hofstadt, Kalvarienberg, Prater, Roßmarkt und Wasenmeisterei gewertet. 99 „Am 1. August 1886 wurde die Brunngasse auf Bitten der Anrainer zur allgemeinen Fahrstraße erhoben und über die Promenade bis zum Bahndamm verlängert. In diesem Zusammenhang war schließlich die Entfernung des Brunnens begründet, 1891 wurde im Gemeinderat ein diesbezüglicher Beschluß gefaßt und im Jahre 1893 bestimmte man die Tieferlegung des Brunnenbassins unter das Straßenniveau.“ Deshalb heißt sie... Brunngasse. In: ABN 5 (1982), Nr. 11, S. 17 100 „1609 erwarben dann die Grafen von Trautson die Grundherrschaft St. Pöltens, und das Palais Trautson befand sich als „Herrenhaus“ an der Stelle des heutigen Hauses Wiener Straße 12, das nunmehr das Postamt beherbergt. 1782 ging die Grundherrschaft St. Pöltens von den Trautsons an die Auerspergs über, welche sie bis 1848 behielten. 1893 wurde der Bau dann durch das von Architekt Eugen Sehnal konzipierte Stadtpostgebäude ersetzt.“ Deshalb heißen sie... Herrenplatz Herrengasse. In: ABN 6 (1983), Nr. 1, S. 22 „Das 1782 in Auersperg’schen Besitz übergegangene Herrenhaus [...]. 1867 gelangte das Haus an den St. Pöltner Sparkassenverein, der es für militärische und offizielle Einquartierungen an die Stadt vermietete, ehe er ab 1894 nach Plänen Eugen Sehnals (Baubewilligung vom 27.2.1894) durch Heinrich Wohlmeyer den heutigen Neorenaissancebau aufführen ließ.“ KARL, Thomas: Geschichte des Hauses Wiener Straße 12 in St. Pölten. In: ABN 19 (1996), Nr. 2, S. 34 - 35 101 Es kann im Rahmen dieser Arbeit nicht der Frage nachgegangen werden, ob das für die Gasse namengebende „Gasthaus zur Goldenen Kugel“ 1850 noch existiert hat. Wenn dem nicht so gewesen wäre, läge bereits 1850 ein sekundär historischer Straßenname vor.
Vgl. auch:
23
Obere Land Strasse, Obere Rathhaus Gasse, Roßmarkt Platz, Schul Gasse, Spital
Gasse, Stadel Gasse, Untere Land Strasse, Untere Rathhaus Gasse
Ad 1.2: Kremser Gasse, Linzer Gasse, Wiener Gasse
Ad 1.3: Franziskaner Gasse, Fuhrmanns Gasse 102 , Lederer Gasse 103 , Schmied
Gasse, Schreiner Gasse
Ad 2.3: Kloster Gasse 104
Ad 4: Gasse, Platz
Straßenverzeichnis 1877:
Ad 1.1: Alumnatsgasse, Bahnhof, Brauhausgasse, Brunngasse, Dom-Allee,
Domgasse, Domplatz, Hammerweg, Herrengasse, Herrenplatz, Hofstatt,
Kaserngasse, Kalvarienberg, Kugelgasse, Magazingasse, Marktgasse, Mühlweg,
Neugasse, Neugebäudeplatz, Park-Promenade, Rathhausgasse, Rathhausplatz,
Roßmarkt, Spitalgasse, Schießstatt-Promenade, Schießstatt-Ring,
Schlachthausgasse, Schulgasse, Schul-Promenade, Schulring, Teichgasse,
Theatergasse
Ad 1.2: Kremser Gasse, Kremser Landstraße, Linzerstraße, Mariazellerstraße,
Viehofnergasse, Wienerstraße „Die Kugelgasse soll nach dem benachbarten Gasthaus „Zur Goldenen Kugel“ benannt worden sein. Das Gasthaus wurde 1758 zum ersten Male mit diesem Schild bezeichnet.“ Heimatkundliche Straßennamen (2. Fortsetzung). In: MK 11 (1962), Nr. 5, S. 133 „Die meisten anderen Gassen im Ledererviertel tragen ihre Namen nach Zünften oder ehemaligen handwerklichen Berufen - die Kugelgasse wurde nach dem Gasthof „Zur Goldenen Kugel“ benannt, der sich damals anschließend an das Eckhaus in der Wiener Straße befand. Schon im Jahre 1758 wurde dieses Gasthaus mit einer großen Kugel als namengebendes Schild versehen.“ Deshalb heißt sie... Kugelgasse. In: ABN 5 (1982), Nr. 7, S. 16 - 17 Für die Zwecke dieser Arbeit wird das namengebende Gasthaus quasi per definitionem im 19. Jahrhundert als existent, im 20. Jahrhundert als nicht mehr existent angesehen.
102 Mit Ausnahme der Lederergasse kann bei den Anwohnerstraßennamen nach ansässigen Handwerkerkonzentrationen aus der vorliegenden lokalhistorischen Literatur nicht eruiert werden, ob 1850 (bzw. 1877 und 1893) noch Vertreter der jeweiligen Profession in diesen Liegenschaften tätig waren. Ein St. Pöltner Häuserbuch, das diese und andere Fragen zu klären hätte, ist bisher nur ein Desiderat. Es könnte sich daher bei all diesen Namen mit Ausnahme der Lederergasse bereits im 19. Jahrhundert um sekundär historische Straßennamen gehandelt haben. Für die Zwecke dieser Arbeit werden die fraglichen Anwohnerstraßennamen im 19. Jahrhundert als (noch) topographische, im 20. Jahrhundert jedoch als sekundär historische und damit kulturelle Straßennamen gewertet.
103 „Erst um 1900 wurde die letzte Gerberei aufgelassen (Lederergasse 8).“ Heimatkundliche Straßennamen (2. Fortsetzung). In: MK 11 (1962), Nr. 5, S. 134 104 Das Kloster der Augustiner Chorherren, von dem die Gasse ihren Ausgang nimmt, wurde 1784 von Joseph II. aufgehoben (Der Dom zu St. Pölten (I). In: ABN 12 (1989), Nr. 4, S 34).
24
Ad 1.3: Franziskanergasse, Fuhrmannsgasse, Lederergasse, Riemerplatz, Schmidgasse, Schreinergasse Ad 2.1.1: Steinergasse Ad 2.2: Grenzgasse, Stiftgasse Ad. 2.3: Klostergasse Ad 4: -Allee, -gasse, -platz, -Promenade, -Ring, -straße, -weg
Straßenverzeichnis 1893:
Ad 1.1: Alumnatsgasse, Bahnhof, Bräuhausgasse, Brunngasse, Dom-Allee, Domgasse, Domplatz, Hammerweg, Herrengasse, Herrenplatz, Hofstadt, Kalvarienberg, Kaserngasse, Kugelgasse, Marktgasse, Mühlweg, Neugasse, Neugebäudeplatz, Parkpromenade, Prater, Praterstraße, Rathhausgasse, Rathhausplatz, Roßmarkt, Schießstattpromenade, Schießstattring, Schlachthausgasse, Schulgasse, Schulpromenade, Schulring, Theatergasse, Teichgasse, Waldstraße, Wasenmeisterei Ad 1.2: Goldeggerstraße, Kremsergasse, Kremserlandstraße, Linzerstraße, Mariazellerstraße, Viehofnergasse, Wienerstraße Ad 1.3: Franziskanergasse, Fuhrmannsgasse, Lederergasse, Riemerplatz, Schmiedgasse, Schreinergasse Ad 2.1.1: Daniel Granstraße, Führerstraße, Heßstraße, Kerensstraße, Ofnergasse, Prandauerstraße, Ranzonigasse, Steinergasse Ad 2.1.2 und 4: Andreas Hoferstraße, Josefstraße, Maria-Theresiastraße, Radetzkystraße, Rudolfstraße Ad 2.2: Grenzgasse, Stiftgasse Ad 2.3: Klostergasse Ad 4: -Allee, -gasse, -platz, -promenade, -ring, -straße, -weg
Betrachtet man nun die in Tabelle 1 aufgetragenen Werte, so fällt zunächst die starke Zunahme der bloßen Zahl an Straßennamen in der zweiten Hälfte des 19.
25
Jahrhunderts auf. Im Verzeichnis von 1850 finden wir 27 Hodonyme, 1877 bereits 48, und das Straßenverzeichnis von 1893 umfaßt immerhin schon 63 Straßennamen. Diese Vermehrung wurde ohne Eingemeindung erzielt und korreliert mit der Zunahme der St. Pöltner Bevölkerung in diesem Zeitraum. Hatte die damalige landesfürstliche Kreisstadt 1848 erst 4.540 Einwohner, so waren es 1869 7.779, 1880 schon 10.053 und 1890 bereits 10.906 105 .
„In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzog St. Pölten den Wandel von der verträumten Kleinstadt zur profilierten Mittelstadt. Nach dem Bau der Westbahn waren die Mauern 106 abgetragen
worden und 1879 befaßte sich die Stadtgemeinde erstmals mit der Stadtregulierung, die schließlich ein Jahrzehnt danach zum Beschluß erhoben wurde, um die für den Verkehr behindernden Engpässe an verschiedenen Punkten der Altstadt zu beseitigen und die Verbreiterung der Straßen zu ermöglichen. Durch die Niederreißung einzelner Häuser [...] wurde die unmittelbare Umgebung der Stadt für die Bewohner anders verwertbar, ja es bildeten sich in Richtung Viehofen und Spratzern neue Stadtteile, in denen sich vornehmlich jene Mitbürger ansiedelten, die es sich nicht leisten konnten, im Zentrum zu bauen.“ 107
Von der Hodonymie her betrachtet präsentiert sich die Stadt noch 1850 als völlig auf sich selbst konzentriert: 96,3% der Straßennamen sind topographisch, beschreiben also tatsächliche Gegebenheiten, geben Richtungsangaben nach Zielorten oder beziehen sich wie ehedem auf die Anwohner einer Straße 108 .
Selbst das einzige kulturelle Hodonym im Straßenverzeichnis von 1850 - die 105 MAGISTRAT DER LANDESHAUPTSTADT ST. PÖLTEN (Hg.). Statistischer Jahresbericht. Landeshauptstadt St. Pölten 1993. 42. Jahrgang. St. Pölten: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten 1994, S. 1 106 NASKO meint hier die Stadtmauern, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammende Befestigung der Stadt.
107 NASKO 1980, S. 530 108 „Wie in anderen Orten wohnten auch in Sankt Pölten die Vertreter des gleichen Gewerbes in der gleichen Straße oder auf dem gleichen Platze. Noch heute zeugen Straßennamen in unserer Stadt von dieser Organisation [...].“ Die ehemalige Hafnergasse. In: Mitteilungsblatt des Kulturamtes der Stadt St. Pölten 11 (1962), Nr. 5, S. 131 26
Klostergasse - ist als sekundär historischer Name einst aus der Deskription erwachsen.
Erst mit dem Anschluß an moderne Verkehrswege wendet sich offenbar der Blick der St. Pöltner nach außen.
„Als im Jahre 1856 mit dem Bau der Kaiserin Elisabeth-Westbahn begonnen wurde, als zwei Jahre später die erste Lokomotive in den kleinen Bahnhof vor dem Kremser Tor einpfauchte, war ein Tor in die Welt aufgestoßen. In wenigen Stunden konnte man nicht nur in die Hauptstadt, sondern auch nach Linz, Salzburg und München fahren, der Güterverkehr war nicht mehr auf die elenden Straßen oder den Wasserweg der Donau angewiesen, die Post konnte wenigstens auf der wichtigsten Strecke rasch und sicher befördert werden.“ 109
Diese Entwicklung - der Öffnung der „verträumten Kleinstadt“ in allen Lebensbereichen - kann auch an den Hodonymen abgelesen werden. 1893 haben kulturelle Straßennamen bereits einen Anteil von einem Viertel des Korpus, und es gibt bereits 7,9% explizit außengeleitete Straßennamen, die bis dato in St. Pölten völlig ungebräuchlich waren.
Aus den in Tabelle 1 aufgetragenen Werten läßt sich also für die Straßennamengebung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein eindeutiger Trend ablesen: Die Entwicklung geht von der Deskription zur Präskription, von topographischen, vorwiegend toponymischen, hin zu kulturellen und hier vor allem zu anthroponymischen Straßennamen.
Im nächsten Kapitel werden wir zu verfolgen haben, ob sich dieser Trend auch im 20. Jahrhundert fortsetzt. 109 GUTKAS 1980, S. 45 27
5) St. Pöltner Straßennamengebung im 20. Jahrhundert
Die Periodisierung in diesem Kapitel beruht auf der Annahme, daß die Straßennamen in verschiedenen historischen Epochen auch unterschiedlichen politisch-ideologischen Zwecken gedient haben.
„In der Stadtlandschaft tragen Straßennamen zusammen mit Denkmälern und Gedenktafeln zu einer semiotischen Präsenz der herrschenden Ideologie bei, [...].“ 110
So dürften etwa - so unsere Annahme - den Nazis als Straßennamengeber lokale Gegebenheiten weitgehend gleichgültig gewesen sein, die Hodonyme hatten sehr vordergründigen, propagandistischen Zwecken und dem Personenkult dieses Regimes zu dienen, wie das in ganz Deutschland und Österreich praktisch in jeder größeren Stadt vorhanden gewesene Hodonym Adolf Hitler-Platz bzw. - Straße quasi als onomastisches, ubiquitäres Leitfossil zeigt. Wechselt die herrschende Ideologie, wechselt auch ein Gutteil der Straßennamen, denn diese sind zumindest im 20. Jahrhundert nichts anderes als „offizielle Übermittler ideologischer Inhalte von nationaler Bedeutung neben lokalen Beiträgen und Sonderheiten, die sich aus der Geschichte und der Geographie eines Ortes ableiten.“ 111
Die in diesem Kapitel praktizierte Periodisierung folgt den großen Umbrüchen und Zäsuren der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die natürlich auch auf die kommunale Ebene durchgeschlagen
haben.
Der 12. November 1918 bedeutet das offizielle Ende der österreichisch- ungarischen Doppelmonarchie, an diesem Tag kommt es in Wien zur Ausrufung der Republik Deutschösterreich durch die Provisorische Nationalversammlung. Dieses Ereignis fand natürlich auch auf lokaler Ebene seinen Niederschlag. „Am 12. November [1918] wurde schließlich der St. Pöltner 110 AZARYAHU 1992, S. 16 111 Ebd., S. 16 28
Rathausplatz Veranstaltungsort eines großen „republikanischen Meetings“. Tausende Arbeiter sind trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit aus Traisen, Lilienfeld, Wilhelmsburg, Hohenberg, St. Aegyd, Herzogenburg, Traismauer, Hainfeld, Rohrbach usw. angereist. Eine Gruppe Arbeiter zog mit roten Fahnen durch die Innenstadt, deren Geschäfte und Betriebe geschlossen hatten. Die Volkswehr beteiligte sich [...] und die Eisenbahnerkapelle intonierte die Marseillaise. Am Rathaus wurde die rotweißrote Fahne der jungen Republik gehißt, auf der Karmeliterkirche hißte ein Soldat die rote Fahne.“ 112
Lokal bedeutete dieser Umbruch auch das Ende der bis dahin in St. Pölten dominierenden deutschnationalen Liberalen und den Aufstieg der Sozialdemokratie, die bis heute - unterbrochen nur durch das autoritäre Dollfuß- Regime und die nationalsozialistische Periode - jeweils den Bürgermeister stellt, zur führenden politischen Kraft. Daneben etablierte sich eine relativ starke christlich-soziale Fraktion im Gemeindeausschuß.
Vom 12. bis 15. Februar 1934 tobt der Bürgerkrieg zwischen dem militärischen Arm der Sozialdemokratie, dem Republikanischen Schutzbund, auf der einen Seite und der christlich-sozialen Parteiarmee, der Heimwehr, sowie Kräften des Bundesheeres, der Gendarmerie und der Polizei auf der anderen Seite. Am 1. Mai 1934 wird von der siegreichen Regierung Dollfuß die Verfassung des Autoritären Ständestaates verkündet.
Auch in St. Pölten kam es noch bis 15. Februar 1934 zu Gefechten 113 , und die
Niederlage der Sozialdemokratie (und der Demokratie) war ebenso total wie auf Bundesebene.
„Den Sozialdemokraten waren bereits am 14. Februar [1934] die Mandate aberkannt, die SDAP St. Pölten war aufgelöst und 112 NASKO 1978, S. 556 113 NASKO 1984, S. 23 29
Bürgermeister Stephan Buger abgesetzt worden. [...]. Von der Landesregierung wurde vorerst der christlich-soziale Glasermeister, Kommerzialrat Ludwig König, zum Stadtverwalter bestellt. [...], doch wurde schließlich [...], der Gymnasialprofessor Dr. Heinrich Raab, mit 19. Februar [1934] von der NÖ. Landesregierung zum Stadtverwalter ernannt.“ 114
Am 12. März 1938 überschreitet die deutsche Wehrmacht die Grenze nach Österreich, und einen Tag später verfügt Adolf Hitler in Linz den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich: Finis Austriae.
„Als um 19.50 Uhr [des 11. März 1938] die Abschiedsrede Bundeskanzler Dr. Schuschniggs im Rundfunk ausgestrahlt wurde, sammelten sich auch in St. Pölten die Massen, um einen NS-Fackelzug zu veranstalten. [...]. Mittlerweile hatte die in der Bezirkshauptmannschaft konsignierte Gendarmerieabteilung eine große Hakenkreuzfahne gehißt, die Gendarmen liehen sich von SA-Leuten Armbinden. Der St. Pöltner Sturm 1/10 war unterdessen in die Jahnturnhalle marschiert und hat dort unter Führung des Blutordensträgers Honisch die während der Verbotszeit in Verwahrung gewesene alte Sturmfahne geholt. Am Rathaus war um etwa 18.15 Uhr vorerst eine kleine Hakenkreuzfahne gehißt worden, die nach wenigen Stunden durch eine große Fahne am Turm ersetzt wurde. An die 20.000 Menschen sollen sich zum Fackelzug formiert haben, [...].“ 115
Am 27. April 1945 proklamieren Vertreter der drei antifaschistischen Parteien SPÖ, ÖVP und KPÖ die Wiederherstellung der Republik Österreich und die Unabhängigkeit. Die Bundesverfassung vom 1. Oktober 1920 in der Fassung von 1929 wird am 1. Mai 1945 wieder in Kraft gesetzt. 114 Ebd., S. 23 115 NASKO 1980 (II), S. 148 30
„Das XVIII. Sowjetische Panzerkorps erreichte in der Nacht vom 14. zum 15. April die Traisenbrücken in St. Pölten und Spratzern,
die Stadt wurde unter Artilleriebeschuß genommen und schließlich – ohne auf größeren Widerstand zu stoßen - von sowjetischen Soldaten [...] besetzt.“ 116
Am 15. Mai 1955 wird der Staatsvertrag in Wien unterzeichnet, und bis 26. Oktober 1955 zieht auch der letzte Besatzungssoldat aus Österreich ab.
5.1) Straßennamengebung in St. Pölten zwischen 1900 und 1918
BÜTTNER bezeichnet in seinem Standardwerk „St. Pölten als Standort industrieller und großgewerblicher Produktion seit 1850“ die Periode von 1901 bis 1914 ausdrücklich als die „St. Pöltner Gründerzeit“ 117 . Tatsächlich endete
spätestens in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts für die bis dahin relativ beschauliche landesfürstliche Kreisstadt die noch nicht weit zurückliegende „Ackerbürgerzeit“ 118 . Relativ abrupt setzte eine Industrialisierungswelle ein, welche die Stadt im wesentlichen bis heute prägt. 119
„Für St. Pölten ist diese Periode die Zeit der großen
Fabriksgründungen; erst mit diesen wurde es eine Fabriksstadt. Die Spätblüte des Liberalismus hatte hier die Fortschrittspartei im Gemeinderat zur Herrschaft gebracht. Bürgermeister Wilhelm Voelkl jun. (1900-1905) bemühte sich um die Ansiedlung neuer Industriezweige und die Errrichtung städtischer Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung.“
120 116 NASKO 1980 (III), S. 210 117 BÜTTNER 1972; S. 30 118 REUSSE 1966, S. 100 119 Dem eigenen Selbstverständnis nach sieht sich St. Pölten gegenwärtig einerseits als Prandtauer- und Barockstadt, andererseits aber auch als Industrie- und Eisenbahnerstadt. Die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts angesiedelten Großbetriebe - Voith, Glanzstoff, ÖBB-Hauptwerkstätte - zählen heute noch zu den größten Arbeitgebern.
120 BÜTTNER 1972, S. 30 31
Voelkls Anstrengungen waren nicht nur relativ rasch von Erfolg gekrönt, sondern ließen die Stadt auch rasant anwachsen.
„Der erste Erfolg seiner Bemühungen war die Gründung der Maschinenfabrik Voith 121 , bald folgte die Errichtung der Ersten Österreichischen Glanzstoff-Fabrik 122 und wenig später der Bau der Hauptwerkstätte der Staatsbahnen 123 . Die Arbeitskräfte dieser
Fabriken kamen meist von außen, erforderten einen verstärkten Wohnungsbau und ließen die Einwohnerzahl der Stadt binnem einem Jahrzehnt auf 21.000 hinaufschnellen.“ 124 Tatsächlich hatte die Volkszählung des Jahres 1900 14.533 Einwohner 125 für St. Pölten ergeben, die des Jahres 1910 jedoch bereits 21.805 126 . In diesem kurzen
Zeitraum stieg die Bevölkerungszahl also fast um ein Drittel an. Der Industrialisierung im großen Stil teilweise voraus, teilweise synchron mit ihr ging ein großzügiger Ausbau des Verkehrswesens in und um St. Pölten, nachdem schon 1858 die Kaiserin Elisabeth-Westbahn als Verkehrsstrecke von europäischem Rang St. Pölten erreicht hatte. „Als Eisenbahnknotenpunkt wurde St. Pölten durch die Strecke „St. Pölten - Herzogenburg - Traismauer - Tulln“ 1885, die Anbindung des oberen Traisentales durch die Strecke „Schrambach - Kernhof“ 1893, die Eröffnung der Strecken „St. Pölten – Kirchberg an der Pielach“ mit Abzweigung von Ober-Grafendorf nach Mank 121 „Friedrich Voith ging 1903 daran, eine Maschinenfabrik und Eisengießerei in Österreich zu errichten.“ BÜTTNER 1972, S. 33 - 34 122 „Am 4. April 1906 wurde das Werk, Herzogenburger Straße 69, feierlich in Betrieb genommen.“ BÜTTNER 1972, S. 41 123 „Zwischen 1904 und 1907 wurde die Hauptwerkstätte der Staatsbahnen errichtet.“ BÜTTNER 1972, S. 35 124 GUTKAS 1980, S. 50 Zur genaueren Datierung dieser industriellen Gründungen:
„Im SW [= Südwesten St. Pöltens] nahm 1904 die Maschinenfabrik J. M. Voith, 1907 die Hauptwerkstätte der Staatsbahnen den Betrieb auf, im Norden produzierte ab 1906 die Erste österreichischen Glanzstoff-Fabrik AG.“ BÜTTNER 1972, S. 30 125 MAGISTRAT DER LANDESHAUPTSTADT ST. PÖLTEN (Hg.): Statistischer Jahresbericht. Landeshauptstadt St. Pölten 1991. 40. Jahrgang. St. Pölten: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten 1992, S. 1
32
1898, von „Kirchberg bis Laubenbachmühle“ 1905 und von dort bis „Mariazell“ 1907 beträchtlich aufgewertet. Ab 1911 wurde die Mariazeller Bahn sukzessive elektrifiziert, im gleichen Jahr wurde die Harlander Straßenbahn-Vorortelinie eröffnet.“ 127
Die rasche Industrialisierung St. Pöltens sowie der ambitionierte Ausbau des Verkehrswesens erweisen sich damit wohl als die wesentlichsten Geschehnisse der Stadtentwicklung in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und hätte unserer Erwartung nach auch in der
Straßennamengebung entsprechenden Niederschlag finden müssen. Allein die Tatsache, daß die neuen Industrien unübersehbar auf zum Teil sehr umfangreichen Arealen 128 mit für St. Pölten bis dato durchaus ungewöhnlicher
Bebauung situiert waren, hätte wohl als Anknüpfungspunkt für Benennungen dienen können. Überraschenderweise jedoch nimmt die Straßennamengebung zwischen 1900 und 1918 von all diesen Umwälzungen kaum Notiz. Von den 46 in diesem Zeitraum erstmals vergebenen Hodonymen läßt sich gerade bei dreien ein Bezug zur modernen Stadtentwicklung herstellen, die gerade in dieser Periode wesentlich von industriellen Gründungen und der Schaffung eines zeitgemäßen Verkehrswesens geprägt wird. So rekurriert die 1909 benannte Werkstättenstraße auf die 1907 fertiggestellte Staatsbahnen-Hauptwerkstätte, und die 1904 benannte Leobersdorfer-Bahnstrasse nimmt die bereits 1877 in Betrieb gegangene Leobersdorferbahn 129 zur Kenntnis. Die bereits 1904
erstbenannte Heidenheimerstrasse
verweist auf das Mutterwerk der Voith in der 126 Ebd., S. 1 127 NASKO 1980, S. 530 128 Beispielsweise hatte das Werksareal der Voith 1903 ein Ausmaß von 35,4 Hektar (BÜTTNER 1972, S. 34), das der Staatsbahnen-Hauptwerkstätte war immerhin noch 25,5 Hektar groß (BÜTTNER 1072, S. 35). 129 In Betrieb gegangen als Leobersdorf-St. Pöltner-Bahn (k. k. niederösterreichische Südwestbahnen): „Leobersdorf - St. Pölten (Leobersdorf bis Kaumberg 1.9.1877 Kaumberg bis St. Pölten 3.10.1877) Scheibmühl-Schrambach 1.7.1878 Leobersdorf-Gutenstein 1.9.1877 Pöchlarn-Kienberg-Gaming 22.10.1877“ HORN 1977, S. 24 33
Württemberger Stadt Heidenheim an der Brenz und damit zumindest indirekt auf das Faktum der Industrialisierung.
Damit kann man wohl sagen, daß die durchaus vorhanden gewesene Tradition der Straßenbenennungen nach ökonomischen Gegebenheiten (Breiter Markt, Fuhrmannsgasse, Marktgasse, Riemerplatz, Schreinergasse, Schmiedgasse) nur in sehr abgeschwächter Form fortgesetzt wird.
Ein Gutteil der zwischen 1900 und 1918 gewählten Namen ist nicht der Gegenwart verhaftet, sondern weist in historische Dimensionen (Matthias Corvinusstr., Maximilianstr., Trautsohnstrasse, Passauerstraße, Schillerplatz, Schubertstrasse, Grillparzerstrasse, Wernerstrasse, Körnerstrasse, Jahnstrasse). Die historische Tiefe reicht dabei immerhin bis ins Mittelalter (Passauerstrasse). Neu ist auch das quasi hodonymische Herrscherlob, das der regierenden Habsburger-Dynastie in Form von Straßenbenennungen dargebracht wird. Noch das 19. Jahrhundert hat Straßennamen nach Mitgliedern des Herrscherhauses überhaupt nicht gekannt, nun werden bis 1918 gleich sechs dynastische Hodonyme in das Korpus eingeführt (Maximilianstr., Rainerstrasse, Kaiser Franz Joseph-Platz, Habsburgerplatz, Kaiserin Elisabeth-Promenade, Kronprinz Rudolf- Promenade). 130 Besonders das für die Zeitgenossen sicherlich
imposante sechzigjährige Regierungsjubiläum des seit 1848 an der Macht befindlichen Regenten scheinen so etwas wie ein Kristallisationspunkt für den oft auch überschießenden schwarzgelben Eifer in hodonymischen Belangen gewesen zu sein.
„Der Festausschuß beabsichtigt nach einem Berichte des Herrn G.B.R. Pittner die Abhaltung eines Kinderfestes und eines Vereinsfestes aus Anlaß des Regierungs-Jubiläums in Vorschlag zu bringen und beantragt für die Vorauslagen einen Betrage zu bewilligen; [...]. Gleichzeitig stellt G.B.R. Pittner im Namen des 130 Pikanterweise wird auch nach König Matthias Corvinus, in der Historie als pronocierter Gegner der Habsburger bekannt, eine Straße benannt.
34
Festausschusses den Antrag, die Schießstattpromenade Elisabethpromenade und den Schießstattring Kaiser-Franz Josef- Ring zu benennen. Der Vorsitzende verweist den Antragsteller darauf, daß dieser Antrag der Vorberatung bedürfe und nicht auf der Tagesordnung stehe und GBR Schoinz erklärt überhaupt, daß für diesen Antrag ein Beschluß des Festausschusses gar nicht vorliege. Der nach Mitteilung des Vorsitzenden ohnehin mehrere Straßenbenennungen zu vollziehen sind, so wird beschlossen die Anträge der Baukommission einzuholen.“ 131 Zu konstatieren ist auch erstmals die Tendenz, die abgetretenen Bürgermeister in Straßennamen zu verewigen. Nachdem im 19. Jahrhundert gerade einmal die Steinergasse nach einem ehemaligen Gemeindeoberhaupt benannt wurde, so beginnt sich am Anfang des 20. Jahrhunderts die lokalpolitsche Führungsschicht durch Benennungen nach gewesenen Bürgermeistern (August Hassackstrasse, Dr. Ofnergasse, Ertlstrasse, Fröstl-Platz, Kranzbichlerstrasse, Schöpferstrasse, Voelkl-Platz), Stadtrichtern (Wernerstraße) und Gemeindemandataren (Franz Binderstrasse, Zehengruberstrasse) quasi selbst zu feiern: ein Trend, der - das sei hier im Vorgriff auf Kommendes angefügt - , das ganze 20. Jahrhundert hindurch eifrig fortgeführt wird.
Überspitzt formuliert könnte man abschließend feststellen, daß sich die St. Pöltner Straßennamengebung in den letzten beiden Jahrzehnten der Monarchie der Moderne weitgehend verweigert. Ihren geistigen Halt sucht sie im 19. Jahrhundert und davor. Man bleibt hinter der eigenen Zeit zurück.
5.1.1) Datenteil (Straßennamengebung zwischen 1900 und 1918)
Absolut % Neu vergebene StrN 46 100 131 Protokoll aufgenommen in der Gemeindeausschuß-Sitzung am 23. Juni 1908, S. 10. In: 35
1.1 Toponymische StrN 6 13
1.2 RichtungsStrN 3 6,5
1.3 Anwohner StrN
2 Kulturelle StrN
2.1 Anthroponymische StrN 34 73,9
2.1.1 Innengeleitet 17 50
2.1.2 Außengeleitet 17 50
2.2 Primär historische StrN 1 2,2
2.3 Sekundär historische StrN
2.4 Pseudotopographische StrN 2 4,4
2.5 AbstraktStrN
3 Innengeleitete StrN 27 58,7
4 Außengeleitete StrN 19 41,3
5 Präpositionale StrN
6 StrN aus Grundwort
und Bestimmungswort 46 100
6.1 Eingliedrige StrN 38 82,6
6.2 Zweigliedrige StrN 7 15,2
6.3 Dreigliedrige StrN 1 2,2
7 Anzahl der Grundwörter 5
Tabelle 2
Ad 1.1: Feldgasse, Leobersdorfer-Bahnstrasse, Rennbahnstraße,
Schwaighofstraße, Steinfeldstraße, Werkstättenstraße
Ad 1.2: Hafingerweg, Herzogenburgerstraße, Teufelhoferstrasse,
Ad 2.1.1: August Hassackstrasse, Buchmayerstrasse, Dr. Peppertstrasse,
Ertlstrasse, Franz Binderstrasse, Frintstrasse, Fröstl-Platz, Kalcherstrasse,
Ausschuß Sitzungs Protokoll 1908
36
Keimstrasse, Kranzbichlerstrasse, Schöpferstrasse, Schwammelstrasse, Sommerpromenade, Trautsohnstrasse, Voelkl-Platz, Wernerstraße, Zehengruberstrasse Ad 2.1.2: Gabelsbergerstraße, Grillparzerstrasse, Habsburgerplatz, Hammerlingplatz, Hammerlingstraße, Hasnerstrasse, Jahnstrasse, Kaiser Franz Joseph-Platz, Kaiserin Elisabeth-Promenade, Körnerstrasse, Kronprinz Rudolf- Promenade, Matthias Corvinusstr., Maximilianstr., Rainerstrasse, Roseggerstrasse, Schillerplatz, Schubertstrasse 132
Ad 2.2: Kupferbrunnstraße Ad 2.4: Heidenheimerstrasse, Passauerstrasse Ad 7: -gasse, -Platz (-platz), -Promenade, -straße (-strasse)
Absolut % Abgekommene StrN 7 100 1 Topographische StrN
2 28,6 1.1 Toponymische StrN 2 28,6 1.2 RichtungsStrN 1.3 Anwohner StrN 2 Kulturelle StrN
5 71,4 2.1 Anthroponymische StrN 5 71,4 2.1.1 Innengeleitet 1 20 2.1.2 Außengeleitet 4 80 2.2 Primär historische StrN 2.3 Sekundär historische StrN 2.4 Pseudotopographische StrN 2.5 AbstraktStrN 132 „Zur Gründungszeit des Stadttheaters im Herbst 1821 weilte auch der Liederfürst Franz Schubert als Gast des Bischofs Johann Dankesreither in St. Pölten und wohnte teils im Dreikronenwirtshaus auf dem Herrenplatz, teils im bischöflichen Schloß Ochsenburg, während in der Wohnung des Barons Münk in der Rathausgasse Schubertiaden stattfanden. Während dieses Aufenthalts entstand die Vertonung der beiden ersten Akte der Oper „Alfonso und Estrella“.“ 37
3 Innengeleitete StrN 3 42,9 4 Außengeleitete StrN 4 57,1 5 Präpositionale StrN 6 StrN aus Grundwort
und Bestimmungswort 7 100 6.1 Eingliedrige StrN 7 100 6.2 Zweigliedrige StrN 6.3 Dreigliedrige StrN 7 Anzahl der Grundwörter 4 Tabelle 3
Ad 1.1: Schlachthausgasse, Teufelhofweg Ad 2.1.1: Frintstraße Ad 2.1.2: Hammerlingplatz, Habsburgerplatz, Jahnstraße, Körnerstraße, Jahnstraße Ad 7: -gasse, -platz, -straße, -weg
5.2) Straßennamengebung in St. Pölten zwischen 1919 und 1933
Auch im dritten und vierten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wächst St. Pölten. 1920 133 werden 23.061, 1923 31.575 und 1934 134 bereits 36.247 Einwohner gezählt. 135 Ein Gutteil des Bevölkerungszuwachses ist allerdings auf umfangreiche Eingemeindungen 136 zurückzuführen.
„Eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte der Stadt während dieser Jahre war die Schaffung von Groß-St. Pölten im Jahre 1922. Die Eingemeindung von Spratzern mit Teufelhof im GUTKAS 1980, S. 44 133 Volkszählung vom 7.3.1920.
134 Volkszählung vom 22.2.1934.
135 MAGISTRAT DER LANDESHAUPTSTADT ST. PÖLTEN (Hg.): Statistischer Jahresbericht. Landeshauptstadt St. Pölten 1991. 40. Jahrgang. St. Pölten: Magistrat der Landeshauptstadt St. Pölten 1992, S. 1 136 Übrigens die ersten Eingemeindungen nach St. Pölten, seit es in Österreich überhaupt Gemeinden als eigene Gebietskörperschaft gibt, also seit 1848.
38
Quote paper:
Mag. Manfred Wieninger, 1997, Veränderungen im Straßennamenkorpus der Landeshauptstadt St. Pölten zwischen 1900 und 1996, Munich, GRIN Publishing GmbH
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