Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Das Vaterbild im Wandel der Zeit. 5
2.1 Zur Begrifflichkeit: Das Vaterbild. 5
2.2 Das Vaterbild in der römischen Antike bis zum Mittelalter 6
2.3 Das Vaterbild im 18. Jahrhundert. 7
2.4 Das Vaterbild im 20. Jahrhundert. 8
2.5 Das aktuelle Vaterbild in der Öffentlichkeit. 11
3 Der Adoleszenzroman 16
3.1 Definition und Kennzeichen des Adoleszenzromans 16
3.2 Abgrenzung zu anderen Gattungen 19
3.3 Der klassische Adoleszenzroman 25
3.4 Der moderne Adoleszenzroman 27
3.5 Der postmoderne Adoleszenzroman. 28
4 Inhaltliche Betrachtung der ausgewählten Jugendbücher 30
4.1 Doing it, Melvin Burgess 30
4.2 Martyn Pig, Kevin Brooks 31
4.3 Wir Goonyas, ihr Nungas, Phillip Gwynne 32
4.4 Ich habe einfach Glück, Alexa Henning von Lange 34
4.5 Ein Meer dazwischen, eine Welt entfernt,
Lensey Namioka 35
4.6 Prinz William, Maximilian Minsky und ich,
Holly -Jane Rahlens 36
5 Analytische Erfassung des Vaterbildes in exemplarisch
ausgew ählten Texten 39
5.1 Das innerfamiliäre Beziehungsmuster 39
5.2 Die Vater-Kind-Beziehung. 49
5.2.1 Die Vater-Tochter-Beziehung 50
5.2.1.1 Der väterliche Freund in
Prinz William, Maximilian Minsky und ich. 50
5.2.1.2 Der randständige und emotional labile Vater in
Ich habe einfach Glück. 56
5.2.1.3 Der tolerante und liberale Vater in
Ein Meer dazwischen, eine Welt entfernt 61
5.2.2 Die Vater-Sohn-Beziehung. 65
5.2.2.1 Der gewalttätige und degenerierte Vater in
Martyn Pig 65
5.2.2.2 Der archetypische und abwesende Vater in
Wir Goonyas, ihr Nungas 70
5.2.2.3 Der traditionelle und zugewandte Vater in
Doing it. 74
6 Resümee. 79
7 Literaturverzeichnis 84
Einleitung 2
1 Einleitung
„WAS VATERSEIN SO BESONDERS MACHT“ 1 und „WIE VIEL VATER BRAUCHT EIN KIND?“ 2 - die Schlagzeilen auf den Titelblättern der Zeitschriften Psychologie heute und GEO zeigen, wie aktuell die gegenwärtige Väterdiskussion ist.
Es ist von einem neuen Vater und einer neuen positiven Väterlichkeit die Rede, die sich durch gezeigte Vaterliebe und Alltagsver-antwortung deutlich von der einst autoritären oder marginalen Väterlichkeit unterscheidet.
Das Bild vom Vater hat sich in unserer Gesellschaft stark gewandelt. Das belegt die in Kapitel 2 aufgezeigte überblicksartige Beschreibung des Vaterbildes im Wandel der Zeit. Hierin wird dargestellt, wie innerhalb einer bestimmten Epoche über Väter und Vaterschaft gedacht, gesprochen und geschrieben wurde. Dabei werden die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe aufgezeigt, die zu einem veränderten Vaterbild geführt haben. Eine Einschränkung findet sich jedoch in dem Punkt, dass in dieser Arbeit ausschließlich über das Vaterbild der westlichen Gesellschaft geschrieben wird, denn es darf dabei nicht vergessen werden, dass je nach kulturellem und historischem Kontext in der Vergangenheit die Vaterrolle immer unterschiedlich gestaltet wurde - so stellt sich beispielsweise die abendländische Vaterschaft ganz anders dar. 3
Die vorliegende Untersuchung zum Vaterbild im aktuellen Adoleszenzroman beschäftigt sich nun mit der Frage, wie sich der Vater in den aktuellen Texten der Kinder- und Jugendliteratur präsentiert. Welche Vatertypen zeigen die Romane auf und welche Rolle spielt der Vater im familiären Gefüge der literarischen
1 Kucklick et al. 2001 2 Franz 2004
3 weiterführende Literatur: Das Vaterbild im Abendland von H. Tellenbach
Einleitung 3
Handlung? In welcher Beziehung steht er zu seinem Kind - hat er, in seiner Persönlichkeit und in seinem Erziehungsverhalten, eine große, eine kleine oder gar keine Bedeutung für den Protagonisten? Thematisieren die Autor/innen möglicherweise die neuen, öffentlich konstatierten Rollenvorbilder von Väterlichkeit in ihren Texten?
Der Adoleszenzroman (Kapitel 3) ist eine relativ neue Gattung in der Kinder- und Jugendliteratur und aufgrund seiner besonderen Thematik für eine Analyse des Vaterbildes sehr gut geeignet, denn er handelt vornehmlich von den Problemen des Erwachsenwerdens. Im Fokus der Handlungen steht ein jugendlicher Protagonist, auf der Suche nach seiner eigenen Identität, und die damit verbundene Ablösung von den Eltern. Eine mehr oder weniger problematische Eltern-Kind-Beziehung wird dabei nicht selten thematisiert.
Der meiner Untersuchung zugrunde liegende Textkorpus umfasst sechs Adoleszenzromane. In Kapitel 4 werden in einer kurzen inhaltlichen Zusammenfassung der Rahmen der Handlung aufgezeigt und ein Einblick in die inhaltliche Struktur des jeweiligen Romans gegeben.
Bei der Textauswahl handelt es sich um Adoleszenzromane, die in den Jahren 2001 bis 2005 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch nominiert wurden. Die Einschränkung auf diese Bücher begründet sich aus der hohen gesellschaftspolitischen Bedeutung dieses Preises: Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige staatliche Literaturpreis, der herausragende Kinder- und Jugendbücher auszeichnet und damit das öffentliche Interesse an der Qualität dieser Bücher fördert.
In Kapitel 5 wird nun versucht, das Vaterbild in den ausgewählten Adoleszenzromanen zu skizzieren. Mehr als eine Skizze kann die Arbeit aber schon deshalb nicht sein, weil sie nur eine kleine Auswahl an aktueller Jugendliteratur präsentiert. Das hierin erfasste
Einleitung 4
Vaterbild kann somit längst nicht repräsentativ für die gesamte Jungendliteratur dieser Zeit gesehen werden. Die Grundlage für die inhaltsanalytische Erfassung des Vaterbildes bilden die Darstellung des innerfamiliären Beziehungsmusters und die Vater-Kind-Beziehung - als Analyseeinheit wurde jeweils ein gesamtes Buch herangezogen.
Die zahlreichen, gelegentlich umfangreichen Zitate aus der Primärliteratur verfolgen den Zweck, die Darstellung des Vaterbildes so anschaulich wie möglich zu vermitteln, zumal davon ausgegangen werden muss, dass die vorgestellten Bücher nicht bekannt oder verfügbar sind.
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 5
2 Das Vaterbild im Wandel der Zeit
2.1 Zur Begrifflichkeit: Das Vaterbild
Im Vaterbild spiegelt sich wider, „wie innerhalb einer bestimmten Epoche und Kultur über Väter und Vaterschaft gedacht, gesprochen und geschrieben wurde bzw. wird. Vaterbilder können sowohl Stereotypen - also die Wahrnehmungen in der Gesellschaft über das angebliche Denken, Fühlen und Handeln von Vätern - als auch Idealbilder der Gesellschaft darüber beinhalten, wie Väter denken, fühlen und handeln sollen. Mit dem Begriff des Vaterbildes steht derjenige der Vaterfunktion in engem Zusammenhang. Vaterfunktionen umfassen die Stellung und Aufgaben des Vaters innerhalb seiner Familie sowie der Gesellschaft. Ein bestimmtes Vaterbild muss nicht unbedingt die gesellschaftliche Realität widerspiegeln, was das tatsächliche Handeln von Vätern betrifft, kann aber als Leitbild im Zusammenspiel mit anderen Einflüssen durchaus verhaltensprägend auf Väter und Mütter wirken“. 4
Bis in das 18. Jahrhundert hinein existierte über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ein weitgehend eindeutiges und einheitliches Vaterbild in europäischen sowie in anderen Hochgesellschaften. Erst aufgrund des Wandels der Lebens- und Arbeitsform im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung ist es zu umfassenden Veränderungen im Vaterbild gekommen. 5
Der nun folgende geschichtliche Diskurs soll skizzieren, welche Faktoren im Laufe der Zeit die Herrschaftsverhältnisse und hierarchischen Strukturen innerhalb der Familie begründeten, welches Vaterbild bis in das 18. Jahrhundert bestand und welchem Wandel es sich in der Neuzeit unterzogen hat.
4 Matzner 1998
5 Macha 1991
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 6
2.2 Das Vaterbild in der römischen Antike bis zum
Mittelalter
Die Dominanz und absolute Macht des pater familias über Frau und Kind bis zum 18. Jahrhundert Der Begriff des Familien- bzw. Hausvaters geht zurück auf den Terminus pater familias im Römischen Reich 6 , das mächtigste männliche Familienmitglied als Vorstand aller zum erweiterten Familienverband gehörenden Personen, die seiner patria potestas (lat. väterliche Gewalt) unterstellt sind. Der pater familias besitzt eine lebenslängliche, unbeschränkte Vollgewalt über alle Personen, die rechtlich zum Familienverband gehören, bis hin zur Todesstrafe und der Tötung von Neugeborenen. Er verkörpert in seiner Person Rechte wie auch Pflichten: Er bestimmt die äußere und innere Struktur der Familie, also Heirat, Scheidung und Annahme von Neugeborenen. Er hat das Recht, Ehen zu schließen oder zu untersagen und uneheliche Kinder anzuerkennen. Ihm unterstehen alle beweglichen Güter und Liegenschaften, Tiere, Sklaven, Kinder, Verwandte und die Ehefrau. Das Vaterbild ist in Analogie zu Gott entworfen. Er ist sozusagen König, Richter und Priester der Familie. Auf der anderen Seite schützt er das gesamte Hauswesen vor äußeren Feinden, sorgt für den Unterhalt der Familie und verwaltet das Vermögen. Die Ehefrau und Mutter der Kinder ist rechtlich jahrhundertelang dem Mann unterstellt. Schutz- und Fürsorgefunktion des pater familias stehen im Widerspruch zur disziplinierenden Funktion, das heißt, neben Milde und Fürsorge fließt in das Vater-Kind-Verhältnis ebenso Zucht und Strenge wie auch Strafe und Zorn. Auch ist zu dieser Zeit nicht die biologische Vaterschaft wichtig, denn oft ist der pater familias nicht identisch mit dem leiblichen Vater. 7 Dies ändert sich im Mittelalter: Der leibliche Vater wird jetzt mehr und mehr Vorstand der Familie, die nun die leiblichen Kinder, die Frau und das Vermögen umfasst.
6 Oberndorfer/Rost 2005
7 Macha 1999
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 7
Nach Thomas von Aquin (Theologe des 13. Jahrhunderts) wird die Stellung des Vaters auch hier von Gott her begründet. Noch immer ist er der wichtige Faktor, der in der Erziehung die wichtigste Stelle einnimmt, indem er dem Kind die Welt vermittelt und Ernährung und Erziehung gibt. Letztere besteht aus Unterweisung, Zucht und Strafe. 8
2.3 Das Vaterbild im 18. Jahrhundert
Die Dominanz des Vaters wandelt sich vom Mittelalter zur Neuzeit, denn die Vaterrolle wird im Laufe der Entwicklung durch die Rolle der Mutter relativiert.
Im 18. Jahrhundert erfährt der Begriff des Kindes einen Wandel: Rousseau, Pestalozzi und Fröbel propagieren das Eigenrecht des Kindes und dessen Anspruch auf eine kindgemäße Umwelt, Lebensweise und einen Schonraum. Die neuen Erziehungsmaximen verlangen den Verzicht auf Strafen und Prügel als dominierende Erziehungsmittel. So wird eine Reduktion der Vaterautorität zwar gefordert 9 , aber nicht umgesetzt.
Da sich nun auch die berufliche Struktur der Gesellschaft verändert, wird der Vater immer mehr aus der Familie verdrängt: Die Einheit von Familie, Haus und Beruf, wie sie im Mittelalter noch weitgehend bestand, wird in der Neuzeit durch das Manufakturwesen und später die Industrialisierung auseinander gerissen. Wohnen und Arbeiten finden an getrennten Orten statt, der Vater hält sich während der Arbeitsstunden überwiegend außerhalb der Familie auf, während sich nun die Mutter den Fragen der Kindererziehung widmet. Ihr Platz in der Familie wird somit neu entdeckt, aufgewertet und öffentlich gewürdigt. Nach Pestalozzi und Fröbel könne die Mutter
8 Specht 1978
9 Matzner 1998
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 8
den Erziehungs- und Lehrprozess des Kindes am besten leiten, da sie dem Kind emotional und biologisch näher sei als der Vater. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass aufgrund der Entdeckung der Kindheit und der geänderten Familienstrukturen die Erziehung des Kindes nun vor allem in den Händen der Mutter liegt; die Rolle des Vaters in der Erziehung wird entsprechend geringer. 10 Trotz der zunehmenden außerhäuslichen Berufstätigkeit als Ernährer der Familie verliert der Vater dennoch nicht seine beherrschende Stellung gegenüber Frau und Kindern, denn die herrschenden Regeln am Ausgang des 19. Jahrhunderts verlangen unbedingt die Wahrung der männlichen Autorität, welche in den Augen vieler Väter durch zu enge emotionale Bindung zum Kind gefährdet werden kann. Die Beschäftigung mit den Kindern gilt eher als „unmännlich“. Die Zuschreibung von Vernunft, Disziplin und Härte an den Mann und Vater bewirkt dessen „Zuständigkeit“ innerhalb der Erziehung als „oberster Normenvollstrecker“. 11 Der Vater hat einen schlechten Ruf. Er ist autoritär, hart, grob und strafend. Er kontrolliert, greift ein und greift durch. Er ist laut, streitsüchtig und unnachgiebig. Er ist gefühlskalt und gleichgültig. Er vernachlässigt sein Kind, missachtet dessen Bedürfnisse und vergreift sich an ihm. 12
2.4 Das Vaterbild im 20. Jahrhundert
Die Vaterkrise und die Suche nach dem Vater
Zwei Phasen im Wandel des Vaterbildes zeichnen sich im 20. Jahrhundert ab:
In der ersten Phase thematisiert Alexander Mitscherlich in den 50er Jahren den unsichtbaren Vater in seiner sozialpsychologischen Gesellschaftsanalyse “Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“. Dabei denkt Mitscherlich an ein „Erlöschen des Vaterbildes“ - eine „Entväterlichung“ des Sozialisations- und Erziehungsgeschehens,
10 Macha 1999
11 Matzner 1998 12 Hinze 2005
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 9
was bedeutet, dass der Vater aufgrund der Trennung von Arbeitswelt und familiärer Welt und seiner damit verbundenen Abwesenheit nicht mehr die Möglichkeit habe, dem Kind im alltäglichen Leben anschauliche väterliche Unterweisungen zu geben. Damit habe sich die Autorität des Vaters immer mehr entleert, gleichzeitig seine innerfamiliäre Machtposition verringert, wodurch sich die Vater-Kind-Beziehung entscheidend verändert habe. Dieser Mangel an strukturbildender Vaterfunktion könne für die moralische Entwicklung des Kindes sehr ungünstig sein. (1963) 13 Im Machtverhältnis zwischen Mann und Frau vollzieht sich innerhalb der überwiegenden Mehrheit der Familien seit den fünfziger Jahren ein bedeutender Wandel. Der Mann verliert seine beherrschende Stellung als Familienvorstand über Frau und Kinder. Mann und Frau entwickeln sich in vielen Familien zu gleichberechtigten Partnern. Die damit verbundene zunehmende Emanzipation der Ehefrau führte zu einer verbesserten rechtlichen Stellung der Frau in der Gesellschaft und Familie, zu einer zunehmenden Bildungsbeteiligung und Erwerbstätigkeit und zu einer gesellschaftlichen Aufwertung und Professionalisierung der Hausfrauenrolle. Einhergehend damit verliert der Familienvater an Autorität. 14 Das daraus entspringende Vaterbild zeichnet sich wie folgt ab: Schülein äußert zum Vaterbild dieser Zeit: „Der Vater hat in dem Maße, in welchem seine ökonomische wie politische Macht und Funktion schwanden, auch als Sozialisationsinstanz sowohl Bedeutung als auch Konturen verloren.“ (1977) 15 Die gesellschaftliche erkannte Vaterkrise beschreibt Maureen Green mit den Worten: „In einem dreiviertel Jahrhundert hat sich das Vaterbild so radikal gewandelt, wie man es seiner Zeit wohl nicht für möglich hielt - vom mürrisch-würdigen, alttestamentarischen
13 Mitscherlich 1963
14 Matzner 1998 15 Schneider 1989
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 10
Patriarchen zum Statisten der Fernsehwerbung, der das Weiß der Wäsche oder das Aroma des Kaffees bewundern darf.“ (1977) 16 Martin konstatiert: „Während die Väter früherer Generationen ihre Position als Familienoberhaupt mindestens vordergründig unangefochten innehatten, ist heutzutage alles in Mißkredit geraten, was auch nur entfernt mit Autorität zu tun haben könnte.“ (1982) 17 Nach Canitz waren schließlich die Autoritätsdiskussion, die Frauenbewegung, die Antibabypille und die Enttabuisierung der Sexualität die Gründe für die Abtretung des allein herrschenden Patriarchen. (1982) 18
Die Vaterkrise dieser Zeit wird demzufolge als ein Zerbrechen des Leitbildes vom traditionellen Vater bewertet. 19
In der zweiten Phase der Väterdiskussion in den 80er Jahren schlägt die Frage nach dem Vater und die damit verbundene Vaterkrise um in die Suche nach einem neuen Vaterbild. Ein neues Rollenverständnis wird gefordert - nach einer neuen Väterlichkeit wird verlangt. So veröffentlicht die Illustrierte STERN im Januar 1986 einen Beitrag über das Vaterbild unter dem Titel “Die sanfte Revolution“. Darin heißt es: „Männer sind jetzt dort zu finden, wo sie früher selten gesichtet wurden: an der Wickelkommode, am Herd beim Breikochen und auf den Spielplätzen. Sie übernehmen diese Pflichten freiwillig, weil sie entdeckt haben, daß es nicht nur Spaß macht Vater zu werden, sondern auch Vater zu sein.“ 20 Im Unterschied zu früheren Zeiten wird in den 80er Jahren innerhalb der zunehmenden Vaterforschung vor allem der Nutzen eines engagierten, gefühlvollen, partnerschaftlichen und kompetenten Vaters für die Entwicklung des Kindes sowie für das Wohlergehen aller Familienangehörigen in den Vordergrund gestellt. In der
16 Green 1977
17 Martin 1982 18 Canitz 1982 19 Schneider 1989 20 Schneider 1989
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 11
Wissenschaft und der Öffentlichkeit hat sich nun die Bedeutung des Vaters grundlegend geändert. 21
Heißt es bei Bowlby 1969 noch: „Der Vater ist von keinerlei direkter Bedeutung für die Entwicklung des Kleinkindes, er kann nur insofern von indirektem Wert sein, als er die finanzielle Absicherung gewährt und oft eine emotionale Stütze für die Mutter ist.“ 22 , so scheint der Vater in den 80er Jahren für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung seines Kindes nahezu unverzichtbar. 23
2.5 Das aktuelle Vaterbild in der Öffentlichkeit
Der „neue“ Vater
Heute im 21. Jahrhundert hat sich der Trend vom Sinnen und Philosophieren über Väter, Vaterrolle und Vaterschaft längst nicht gelegt. Die Vaterschaftsvorstellungen von Männern und Vätern haben sich grundlegend gewandelt und somit hat sich auch das gesellschaftliche Vaterbild geändert. Es ist die Sprache von einer positiven Väterlichkeit, die sich durch gezeigte Vaterliebe und Alltagsverantwortung deutlich von einer autoritären oder marginalen Väterlichkeit unterscheidet. 24 In wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Diskussionen ist der neue Vater ein viel zitierter Begriff geworden. Dahinter verbirgt sich ein partnerschaftlich verantwortungsvoller Vater, der die Erziehungsverantwortung mit der Mutter teilt.
Das Bild vom Vater als Ernährer der Familie hat an Aktualität verloren. In einer vom Bundesministerium für Familie in Auftrag gegebene Studie über Vaterschaft in Deutschland, die von W. E. Fthenakis und Beate Minsel 2001 durchgeführt wurde, sehen sich zwei Drittel der Väter als Erzieher ihrer Kinder, was auch von den
21 Matzner 1998
22 Bowlby 1980 23 Matzner 1998 24 Matzner 1998
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 12
Partnerinnen bestätigt wurde. Nur noch ein Drittel der Väter verstehen sich noch als Ernährer der Familie. 25 Bei den Vätern hat sich offenbar „eine neue soziale Norm“ etabliert. Dies zeigt sich ebenso in einer Studie, die die Zeitschrift „Eltern“ 2005 auf ihrer Internetseite vorstellt: Hier sehen fast 80 % der Frauen und mehr als 70 % der Männer den Vater nicht mehr als Ernährer, sondern als Erzieher seiner Kinder. 26 Mit der letzten Bezeichnung ist gemeint, dass sich der Vater um die gesamte Entwicklung seines Kindes und um die Beziehung innerhalb der familiären Konstellation sorgt, während sich der Vater als Ernährer lediglich um die äußeren Belange kümmert. (2005)
„Die neuen Väter“, so heißt es in einem Artikel „Was Väter so besonders macht“ der Zeitschrift GEO von 2001, „leisten sich im Verhältnis zu ihrem Nachwuchs heute Gefühlsoffenheit, Weichheit, Zärtlichkeit, Fürsorglichkeit, ja sogar Schwäche. [...] Früher galt vor allem die instrumentelle Rolle des Vaters in der Familie als bedeutsam - sein Einsatz als Ernährer und Versorger. Nun stellt sich heraus: Väter sind auch durch ihren emotionalen Beitrag entscheidend für die Kindesentwicklung.“ (2001) 27 In einem Interview der WELT AM SONNTAG beschreibt Petri, Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychoanalytiker in Berlin, den neuen Vater als einen Vater mit sozialer und emotionaler Verantwortung, der mehr Freizeit aufbringt, um mit seinen Kindern zusammen zu sein. (2004) 28
Nach Gebauer zeichnet sich der neue Vater unter anderem dadurch aus, dass er sich in die Wünsche und Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder einfühlen und diese auch in seinem Handeln berücksichtigen kann. In diesem Zusammenhang ist seine
25 Fthenakis/Minsel 2001
26 Eltern.de 2005 27 Kucklick 2001 28 Petri 2004
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 13
Kommunikationsfähigkeit hinsichtlich der vielen Entscheidungen, die das alltägliche Leben verlangt, gefragt. (2004) 29 Hinze, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, charakterisiert den neuen Vater als einen engagierten und innerlich gewandelten Erzieher, der gefühlvoll und einfühlsam, zärtlich und fürsorglich, kooperativ und partnerschaftlich ist. Er übernimmt zunehmend mehr Aufgaben in der Pflege und Erziehung des Kindes und übt sich im Karriereverzicht. (2005) 30
Und wenn weiterhin über die berufsbedingte Abwesenheit der Väter gesprochen und ihm damit ein Defizit an Verfügbarkeit, Interesse, Engagement und Verantwortungsbereitschaft in der Kinderver-sorgung vorgeworfen wird, so betrachtet Petri dies in seiner umfangreichen Analyse über „Die Bedeutung der Vaterrolle für den Mann“ als Vorurteil und meint dazu: „Früher wurden Väter über ihre Abwesenheit definiert. Heute weiß man, dass nicht so sehr das zeitliche Ausmaß, sondern die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit von Bedeutung ist.“ 31
Werneck teilt die heutigen Väter in drei Gruppen ein: Die neuen Väter befürworten eher egalitäre Partnerstrukturen und stehen traditionellen Rollenaufteilungen, im Sinne einer
Zuschreibung familiärer Belange an die Mutter und der beruflichen Aufgaben an den Vater, vergleichsweise ablehnend gegenüber. Doch befinden sich die neuen Väter noch in der Minderheit. Eine größere Gruppe bilden die familienorientierten Väter, die sich durch eine ausgeprägte familiäre Orientierung charakterisieren und denen ihre Position als Familienoberhaupt sehr wichtig ist, dabei halten sie ihr berufliches Weiterkommen stets im Auge. Die größte Gruppe findet sich unter den eigenständigen Vätern, die dem Zusammensein der Familie, im Vergleich zu den beiden anderen Väter-Gruppen die geringste Bedeutung beimisst. Obwohl die Gruppe der neuen Väter nach wie vor die deutliche Minderheit bildet, liegt dennoch der Trend
29 Gebauer 2004
30 Hinze 2005 31 Petri 2004
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 14
vor, dass sich die heutige Vätergeneration grundsätzlich aufgeschlossener und positiver gegenüber einer neuen Vaterschaft, im Sinnes eines hohen familiären Engagements und einer gleichberechtigten, partnerschaftlichen Aufteilung der Elternrollen, zeigt. 32 Desgleichen weisen Oberndorfer und Rost darauf hin, dass zwar ein zunehmend größerer Anteil von Männern traditionelle Geschlechterrollen ablehne, aber sich dies noch nicht auf der Verhaltensebene zeigt. Denn Väter, die Elternzeit nutzen oder Teilzeit arbeiten, sind nach wie vor selten. 33
Auch Hinze bestätigt dies und konstatiert, dass das alte Vaterbild fortbesteht und sich die Trendwende als ein Leitbild mit Wunschbildcharakter erweist. Der neue Vater lebt vor allem in dessen Kopf. In der Praxis wird der neue Vater aber nach wie vor von seinem alten bestimmt. 34
Eine kritische Stimme zur neuen Väterlichkeit zeigt Burkhard Strassmann in seinem Artikel „Haltungs-Schwäche“ in der Zeitung DIE ZEIT auf. Sein Bild vom neuen Vater ist ein ganz anderes: „Der neue Vater ist ein Wurm. Ein Jammerlappen. Als Körper gerade noch anwesend, ist er als Person blass, schwächlich, beinahe inexistent. Er verfügt weder über Autorität noch Profil, scheut Auseinandersetzungen, ist harmoniesüchtig und nachgiebig bis zur Charakterlosigkeit. Für seine Kinder eine konturlose Figur, die zur Identifikation nichts taugt; ein Wesen, das keine Regeln lehrt, keine Orientierung gibt und keinen Weg aus der Kuschelgemeinschaft Familie in die Welt zeigt.“ Die Kinder dieser Väter haben, laut Strassmann, massive Störungen: „Sie sind aggressiv, egozentrisch, antisozial und der Empathie unfähig. Sie werden zu den quengelnden, unzufriedenen, gelangweilten und verwöhnten Narzissten, denen man heute überall und massenhaft begegnet. Der Neue Vater ist schlimmer als der alte.“(2004) 35
32 Werneck 2004
33 Oberndorfer/Rost 2005 34 Hinze 2005 35 Strassmann 2004
Das Vaterbild im Wandel der Zeit 15
Ein Wandel des Vaterbildes in der Öffentlichkeit hat sich vollzogen; das belegen eindeutig die zahlreichen Positivbilder über den Vater. Das lange Zeit vorherrschende patriarchale Vaterbild wird weitgehend abgelehnt, die einst abwesenden Väter sind wieder anwesend und der neue Vater mit einer neuen Väterlichkeit zeichnet das gegenwärtige Vaterbild äußerst facettenreich.
Dennoch muss man hier auf Matzners Definition zum Vaterbild (Kapitel 2.1) zurückverweisen, in der es heißt, dass das Vaterbild der Öffentlichkeit nicht unbedingt die gesellschaftliche Realität widerspiegelt. Das bedeutet, dass zwar ein Umdenkprozess im Hinblick auf das Vaterbild stattgefunden hat, inwieweit es sich hierbei um das in der Realität tatsächliche Handeln von Vätern oder aber nur um einen Wunschbildcharakter handelt, lässt sich anhand der oben genannten Darstellungen nicht aufzeigen.
Die mittlerweile etablierte Vaterforschung hat jedoch festgestellt, dass das väterliche Engagement statistisch gesehen stark zugenommen hat. Somit lassen sich wiederum die entsprechenden Tendenzen zur neuen Väterlichkeit unterstreichen.
Der Adoleszenzroman 16
3 Der Adoleszenzroman
3.1 Definition und Kennzeichen des Adoleszenzromans
Adoleszenzroman ist ein relativ neuer Gattungsbegriff, der erst seit Ende der 80er Jahre in den Forschungen zur Kinder- und Jugendliteratur Verwendung findet, sich als Terminus Anfang der 90er Jahre durchgesetzt hat und heute im 21. Jahrhundert eine bedeutenden Gattung der Kinder- und Jugendliteratur darstellt, nicht nur in Deutschland, sondern auch international, vor allem in den USA und in den skandinavischen Ländern.
So neu der Gattungsbegriff Adoleszenzroman ist, so reichen seine Ursprünge jedoch bis ins 18. Jahrhundert zurück. Mit Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ liegt bereits 1774 eine markante Ausprägung des Adoleszenzromans vor. Jedoch waren diese Texte ausschließlich der Erwachsenenliteratur vorbehalten. Erst Ende der 80er Jahre wurde die Gattung des Adoleszenzromans ein wichtiger Bestandteil der Jugendliteratur.
Literaturwissenschaftler und Didaktiker der deutschen Sprache wie Günter Lange, Carsten Gansel und Hans-Heino Ewers haben sich seit den 80er Jahren eingehend mit der Entwicklung des Adoleszenzromans, dessen Abgrenzung gegenüber benachbarten Gattungen und seinen thematischen Schwerpunkten auseinander gesetzt und diese Erkenntnisse wissenschaftlich dargelegt.
Der Begriff Adoleszenzroman ist in Anlehnung an die angloamerikanische adolescent novel gebildet worden und findet gegenwärtig hauptsächlich Anwendung auf Romane des 21. Jahrhunderts, die sich mit dem Thema des Erwachsenwerdens beschäftigen. 36
36 Ewers 1989
Der Adoleszenzroman 17
Erwachsenwerden, also der Abschied von der Kindheit und der Eintritt in das Erwachsenenalter, wird in der Entwicklungspsychologie und Jugendsoziologie als Adoleszenz bezeichnet.
Während Pubertät lediglich den biologischen Prozess der körperlichen Entwicklung und sexuellen Reifung eines Jugendlichen meint, ist der Begriff der Adoleszenz sehr viel weiter gefasst: Er beinhaltet den langwierigen Prozess der Integration des Jugendlichen in die Welt der Erwachsenen. 37 Nach Nickel ist dieser Integrationsprozess geprägt von einer Rollen- und Statusunsicherheit des Heranwachsenden, seinem Streben nach Selbstständigkeit und der damit verbundenen Ablösung von der Familie, vor allem von den Eltern und ihrer Autorität. 38 Die Selbstreflexion, ein Nachdenken über sich selbst und über seine Position in der Gesellschaft, rückt in den Vordergrund. Immer stärker werden das Interesse an psychischen Vorgängen bei sich und bei anderen, die Suche nach einem neuen Ich-Ideal, schließlich dessen Entwurf und der Versuch seiner Realisierung. Des Weiteren setzt sich der Jugendliche zunehmend intensiver mit den gesellschaftlichen Normen, Werten und Institutionen auseinander. Die Fragen nach der Lebens- und Zukunftssicherung (Beruf, Arbeit usw.) spielen, neben den ersten Erfahrungen mit Sexualpartnern, eine immer größere Rolle und werden gegen Ende der Adoleszenzzeit beherrschend. 39 Eine altersmäßige Festlegung der Adoleszenz ist nur annähernd möglich, grundsätzlich wird von einer Zeitspanne zwischen dem 11./12. bis zum 25. Lebensjahr ausgegangen. 40
Diese entwicklungspsychologischen und jugendsoziologischen Aspekte bilden das Bezugsfeld für den Adoleszenzroman der Gegenwart. In Anlehnung an die Charakteristika der Adoleszenzzeit
37 Lange 2000
38 Nickel 1975 39 Nickel 1975 40 Gansel 2002
Arbeit zitieren:
Tina Demirel, 2006, Das Vaterbild im aktuellen Adoleszenzroman, München, GRIN Verlag GmbH
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