I
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. III
Abbildungsverzeichnis IV
1 Einleitung 1
2 Terminologische Grundlagen. 2
3 Neurobiologische Grundlagen und
neuro ökonomische Methoden 4
3.1 Das Gehirn des Konsumenten. 4
3.1.1 Das Neuron 5
3.1.2 Gehirnareale und deren Funktionen. 8
3.1.2.1 Der Neokortex 9
3.1.2.2 Das limbische System 11
3.1.3 Arbeitsweise des Gehirns. 14
3.2 Die neuroökonomischen Methoden 15
3.2.1 Allgemeine Grundlagen der elektrophysiologischen Verfahren 16
3.2.1.1 Elektroenzephalographie (EEG) 16
3.2.1.2 Magnetenzephalographie (MEG) 17
3.2.2 Allgemeine Grundlagen der bildgebenden Verfahren 17
3.2.2.1 Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) 18
3.2.2.2 Positronen-Emissions-Tomographie (PET) 20
3.2.3 Zwischenfazit 20
4 Das Konsumentenverhalten aus neurobiologischer Sicht 22
4.1 Begriff und Phänomen des Konsumentenverhaltens. 22
4.2 Klassische Modellansätze zur Erklärung des Konsumentenverhaltens 24
4.2.1 Die psychischen Determinanten des Konsumentenverhaltens 29
4.2.1.1 Aktivierende psychische Vorgänge. 29
4.2.1.2 Kognitive psychische Vorgänge 31
II
4.3 Limbic - Ein evolutionärer Erklärungsansatz zum
Konsumentenverhalten. 37
4.3.1 Limbic Map - Das Motivations- und Emotionssystem als
Verhaltensrahmen von Konsumenten 39
4.3.2 Gehirntypen 44
4.3.2.1 Geschlechterunterschiede 47
4.3.2.2 Altersunterschiede 48
4.4 Der Entscheidungsvorgang im Kopf des Konsumenten. 49
4.5 Die Wirkungskraft der Marke bei Konsumentenentscheidungen 52
5 Stand der Forschung im Neuromarketing. 54
6 Leistungsvermögen des Neuromarketing 60
6.1 Potenziale des Neuromarketing 60
6.2 Grenzen des Neuromarketing 63
7 Zusammenfassung und Ausblick 65
Anhang 68
Literaturverzeichnis 72
Abkürzungsverzeichnis
CT Röntgen-Computertomographie
EEG Elektroenzephalographie
fMRI funktionelle Magnetresonanztomographie
fTCD funktionelle transkranielle Doppler-Sonographie
MEG Magnetenzephalographie
mPFK medialer präfrontaler Kortex
MRT Magnetresonanztomographie
OFK orbitofrontaler Kortex
PET Positronen-Emissions-Tomographie
PFK präfrontaler Kortex
S-O-R Stimulus-Organismus-Response-Modell
SPECT Einzelphotonen-Emissions-Computertomographie
S-R Stimulus-Response-Modell
ZNS zentrales Nervensystem
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Neuroökonomie an der Schnittstelle verschiedener Wissenschaften.
Abbildung 2: Morphologische und funktionelle Abschnitte des Neurons.
Abbildung 3: Unterteilung des Neokortex in Hirnlappen und Lokalisierung elementarer Funktionen
Abbildung 4: Das limbische System (vereinfachte Darstellung der wesentlichen Teile)
Abbildung 5: Überblick der neuroökonomischen Methoden und ihre einzelnen Verfahren
Abbildung 6: Neuroökonomische Methoden in Abhängigkeit technischer Eigenschaften
Abbildung 7: Das neobehavioristische S-O-R-Paradigma
Abbildung 8: Das Motivations- und Emotionssystem der Limbic Map
Abbildung 9: Einteilung von Gehirntypen innerhalb der Limbic Map.
Abbildung 10: Im Kopf des Konsumenten - Wie das Gehirn emotional entscheidet
1 Einleitung
Mit der Erforschung des Konsumentenverhaltens befassen sich viele Wissenschaften. Dabei reklamierten insbesondere die Psychologie sowie die klassische Marktforschung, das Verhalten erklären zu können. Durch Beobachtungen, Panels und insbesondere Befragungen sollen hierbei Erkenntnisse über den Konsumenten gewonnen werden. 1 Bedient man sich jedoch derartiger Methoden, so sind deren hinlänglich bekannte Defizite ein Grund, weshalb man noch nicht weiß, was im Kopf des Konsumenten vorgeht. Das Verhalten ist nach neuen Erkenntnissen der Gehirnforschung das Ergebnis zumeist unbewusster und zutiefst emotionaler Entscheidungen im Innern des Konsumenten. Daher kann es nicht einfach durch standardisierte Befragungen und Beobachtungen ergründet werden. Dieser Zusammenhang deutet die Grenzen der klassischen Marktforschung an.
Um Erkenntnisse über die wahren Hintergründe des Konsumentenverhaltens zu erlangen, was den Konsumenten antreibt und wie dieser Entscheidungen fällt, sind Einblicke in das Gehirn des Konsumenten nötig. Im Jahrzehnt des Gehirns bietet hierfür nun die moderne Gehirnforschung neue Methoden und Verfahren an. Eines dieser Verfahren ist die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI). Dieses bildgebende Verfahren ermöglicht es, während psychischer Vorgänge die Aktivierung verschiedener Gehirnareale am Computerbildschirm mitzuverfolgen. Die dabei gewonnenen bildhaften Ergebnisse werden in der Fach- und Publikumspresse unter dem Stichwort ,,Neuromarketing“ publiziert. Aus dem Blickwinkel des Neuromarketing ergeben sich völlig neue Chancen, das Verhalten des Konsumenten besser zu verstehen. Im Rahmen marketingrelevanter Fragestellungen wird hierbei die Wirkung von Marken, Produkten und Kommunikation erforscht. 2 Aus neurobiologischer Sicht werden diejenigen Gehirnareale sowie psychischen Vorgänge identifiziert, die das Konsum- und Kaufverhalten steuern. 3 Aufbauend auf diesen Erkenntnissen ergibt sich ein neues Konsumentenbild.
Die vorliegende Arbeit befasst sich zunächst mit den terminologischen Grundlagen des Neuromarketing und erläutert dabei den interdisziplinären Charakter dieser neuen Forschungsrichtung. Ergänzend werden dann im dritten Kapitel die biologischen und
1 Vgl. Häusel, H.-G., 2004b, S. 15
2 Vgl. Scheier, C./Held, D., 2006, S. 13 3 Vgl. Häusel, H.-G., 2004b, S. 10
methodischen Grundlagen vermittelt. Aufbauend auf den Neuronen und den Gehirnarealen sowie deren Funktionen wird die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns beleuchtet. Des Weiteren sollen nach einer Übersicht der verschiedenen neuroökonomischen Methoden auch deren Vor- und Nachteile aufgezeigt werden. Im vierten Kapitel wird das Konsumentenverhalten aus neurobiologischer Sicht behandelt. Ausgehend von klassischen Erklärungsansätzen zum Konsumentenverhalten wird anschließend der neue Limbic-Ansatz eine entsprechende Beachtung finden. In diesem Zusammenhang werden die dominierenden Determinanten des Konsumentenverhaltens identifiziert und neue Gehirntypen bzw. Zielgruppen definiert, bevor anschließend der Entscheidungsvorgang im Kopf des Konsumenten anschaulich erläutert wird. Des Weiteren wird die Wirkungskraft der Marke bezüglich des Konsumentenverhaltens verdeutlicht. Das fünfte Kapitel stellt ausgewählte Studien zum Stand der Forschung im Neuromarketing vor. Anschließend werden im sechsten Kapitel die Potenziale und Grenzen des Neuromarketing aufgezeigt. Kapitel sieben bildet mit einer Zusammenfassung aller relevanten Folgerungen und einem kritischen Ausblick zum Neuromarketing den Abschluss dieser Arbeit.
2 Terminologische Grundlagen
Zur Erklärung des Konsumentenverhaltens ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich, die letztendlich auch Disziplingrenzen auflösen kann. Hierunter versteht man die Anwendung oder zumindest die Berücksichtigung fachfremder Erkenntnisse, Ansätze und Methoden für marketingspezifische Fragestellungen. Das Neuromarketing bedient sich interdisziplinärer Fachgebiete und bietet somit die Möglichkeit eines Erkenntniszuwachses bezüglich des Konsumentenverhaltens. Ausgehend von der Neuroökonomie wird im Folgenden der Begriff des Neuromarketing in seinem Kontext erläutert.
In den Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften steht nicht selten das menschliche Verhalten im Mittelpunkt des Interesses. Da unser Verhalten vom Gehirn gesteuert wird, bietet sich die Möglichkeit, durch die Erforschung des Gehirns eine Brücke zwischen diesen beiden Wissenschaften zu schlagen. 4 Die Naturwissenschaften
4 Vgl. Esch, F.-R./Möll, T., 2005, S. 81
beinhalten u. a. die Neuro- und Kognitionswissenschaften als selbstständige Fachgebiete. Ihnen stehen die Wirtschaftswissenschaften bzw. Ökonomie als benachbartes Fachgebiet der Geisteswissenschaften gegenüber. Diese drei Fachgebiete lassen sich wiederum in verschiedene Disziplinen aufteilen. Im Groben zählen hierzu die Neurobiologie, die Verhaltenspsychologie und das Marketing. An deren Schnittstellen bildet sich schließlich der interdisziplinäre Forschungszweig der Neuroökonomie bzw. des Neuromarketing aus, wie in folgender Abbildung dargestellt. 5
Abbildung 1: Die Neuroökonomie an der Schnittstelle verschiedener Wissenschaften
[Quelle: Eigene Darstellung]
Das Neuromarketing ist ein Teilgebiet der neuroökonomischen Forschung. Untersuchungsgegenstand des Neuromarketing ist die Beziehung zwischen Marketing-Stimuli, Gehirnaktivitäten und dem Konsumentenverhalten auf Sachverhalte wie z. B. Kaufentscheidungen oder Markenpräferenzen. 6 Hierbei werden die neuronalen Vorgänge identifiziert, welche das Verhalten maßgeblich prägen und steuern. Dazu bedient man sich neuroökonomischer Methoden und interdisziplinärer Erkenntnisse aus der modernen Gehirnforschung sowie der Psychologie. 7 Das Grundlagenfach der Gehirnforschung ist die Neurobiologie, welche zugleich das theoretische Fundament des Neuromarketing bildet. 8 Durch die Erforschung neurobiologischer Gehirnaktivitäten im Rahmen der Neurowissenschaften können unbewusste und emotionale psychische
5 Vgl. Lindner, M., 2005, S. 18
6 Vgl. Esch, F.-R./Möll, T., 2005, S. 81 7 Vgl. Kenning, P. et al., 2002, S. 6 8 Vgl. Häusel, H.-G., 2004b, S. 22
Vorgänge identifiziert und analysiert werden. Damit erweitert man die Grenzen der Kognitionswissenschaften, die bis dato lediglich bewusste und kognitive psychische Vorgänge zufrieden stellend beschreiben konnten. 9 Nun erst bietet sich die Möglichkeit, das Konsumentenverhalten mit Hilfe neurobiologischer Erklärungsansätze besser zu verstehen. Ziel ist es, durch das Studieren sowie Beobachten des Gehirns und seiner Aktivitäten zukünftig Marketingtätigkeiten effektiver und effizienter zu gestalten.
3 Neurobiologische Grundlagen und neuroökonomische Methoden
Die neurobiologischen Grundlagen sind das theoretische Fundament des Neuromarketing, während die neuroökonomischen Methoden das technische Gerüst dieser jungen Forschungsrichtung darstellen. Insofern darf die neuroökonomische Forschung bzw. das Neuromarketing nicht auf die Ergebnisse bildgebender Verfahren beschränkt werden. Vielmehr gilt es, bereits gewonnene Erkenntnisse der Gehirnforschung und ihres Grundfachs, nämlich der Neurobiologie, erstmals gezielt für das Marketing zu nutzen. Erst durch das Verständnis grundlegender Funktionen verschiedener Gehirnareale und der anschließenden psychologischen Interpretation der beobachteten Gehirnaktivitäten können brauchbare Ergebnisse für das Marketing abgeleitet werden. In den folgenden Ausführungen werden daher zunächst die neurobiologischen Grundlagen behandelt, bevor anschließend die neuroökonomischen Methoden mit ihren älteren bekannten und neueren modernen Verfahren beschrieben werden.
3.1 Das Gehirn des Konsumenten
Der Begriff Neuromarketing deutet mit der Silbe ,,Neuro“ an, dass es vonnöten ist, einen Überblick über das Nervensystem und hierbei vor allem über das Gehirn zu erhalten. Daher werden an dieser Stelle die grundlegenden neuronalen Vorgänge sowie der strukturelle und funktionelle Aufbau des Gehirns dargestellt. Anschließend wird die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns erläutert.
9 Vgl. Esch, F.-R./Möll, T., 2005, S. 71
3.1.1 Das Neuron
Das zentrale Nervensystem (ZNS) besteht aus dem menschlichen Gehirn und dem Rückenmark. Die kleinste Baueinheit innerhalb des zentralen Nervensystems ist das Neuron, welches umgangssprachlich als Nervenzelle bezeichnet wird. Das Neuron stellt die funktionelle Grundeinheit des menschlichen Gehirns dar. Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn aus 100 Milliarden Neuronen besteht. Diese Neuronen können mit anderen Neuronen ungefähr zehntausend synaptische Kontakte aufweisen. Somit ist die Anzahl möglicher Kontakte zwischen den Neuronen im Gehirn größer als die Anzahl aller uns bekannten Atome im Universum. 10 Grundsätzlich sind die Neuronen für die Informationsverarbeitung verantwortlich, also beispielsweise dafür, wie ein Konsument etwas erkennt, denkt, lernt, sich bewegt, Emotionen empfindet oder Entscheidungen trifft. 11 Die Neuronen können mittels ihrer Fortsätze, den so genannten Axonen, Informationen mit allen fünf Sinnen, allen Skelettmuskeln und Organen austauschen. 12 Aufgrund der neuronalen Struktur des Gehirns existiert eine außerordentliche Nähe. Diese hat zur Folge, dass für eine lokale Information lediglich vier synaptische Verbindungen ausreichen, damit diese sich irgendwo anders auswirkt. Insgesamt bedeutet dies, dass bei der neuronalen Informationsverarbeitung eines Vorgangs (z. B. dem Sehen), welcher in einem bestimmten Bereich des Gehirns abläuft, viele verschiedene Gehirnareale zusätzlich beteiligt sind. So läuft kein sensorischer oder motorischer Vorgang ohne eine emotionale Beteiligung bzw. Bewertung ab. 13 Welche gewichtige Rolle die Emotionen für das Konsumentenverhalten darstellen und wo diese topographisch anzutreffen sind, wird in den noch folgenden Kapiteln erläutert. Zunächst werden der Aufbau eines Neurons und die grundlegenden neuronalen Vorgänge näher beschrieben. Diese Ausführungen sind der erste Schritt zum Verständnis des Gehirns von Konsumenten. 14
Aufbau und Funktionen eines Neurons
Das Neuron lässt sich idealtypisch in vier morphologische Abschnitte differenzieren, wobei jeder Abschnitt unterschiedlichen Funktionen der Informationsverarbeitung dient (s. Abbildung 2, S. 6). Der Zellkörper des Neurons, der so genannte Soma, weist viele
10 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 13-14
11 Vgl. Pöppel, E., 2005, S. 9 12 Vgl. Speckmann, E.-J./Wittkowski, W., 1998, S. 56 13 Vgl. Pöppel, E., 2005, S. 9 14 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 41
kurze astförmige Fortsätze, die Dendriten, auf. Vom Zellkörper aus und über den Axonhügel hinweg erstreckt sich zusätzlich ein schlauchförmiger Fortsatz, nämlich das Axon. Das Axon verfügt am Ende über Verzweigungen, die in Synapsen münden. 15
Abbildung 2: Morphologische und funktionelle Abschnitte des Neurons
[Quelle: Eigene Darstellung]
Wenn man umgangssprachlich den Begriff ,,graue Zellen“ benutzt, so ist biologisch die graue Substanz gemeint. Anhand von frischen Schnitten durch das Gehirn sind rötlichgraue und weiße Gebiete zu erkennen. Dies ist auf die unterschiedliche Verteilung der Neuronenfortsätze zurückzuführen. Die graue Substanz beinhaltet die Zellkörper, die Dendriten und den Axonhügel, während die weiße Substanz lediglich die Axone der Neuronen darstellt. 16
Dendriten - Informationsaufnahme
Die Dendriten (griechisch: dentros = Baum) vergrößern die reizaufnehmende Oberfläche des Zellkörpers. Die Anzahl dieser astförmigen und nanometerlangen Fortsätze bzw. Fasern reicht von einigen wenigen bis zu einer riesigen Menge. Das Neuron nimmt mit den Dendriten Informationen aus der inneren und äußeren Umwelt auf. Dies geschieht mittels Synapsen, die sowohl die Dendriten als auch den Zellkörper
15 Vgl. Anderson, J.-R., 2001, S. 16
16 Vgl. Braitenberg, V./Schütz, A., 2000, S. 8; Thompson, R.-F., 1994, S. 24
übersäen. Dadurch ist der Zellkörper mit tausenden anderer Neuronen verbunden und kann Signale innerhalb der Input-Region empfangen. 17
Zellkörper - Informationsbearbeitung
Der Zellkörper bearbeitet die eingehenden Informationen von Sinnesorganen, anderen Nervenzellen sowie Hormonen. Dies geschieht in erster Linie durch bioelektrische Potenzialänderungen, die entweder erregend (exzitatorisch) oder hemmend (inhibitorisch) wirken. Durch die Verrechnung, d. h. das Aufsummieren der einzelnen erregenden und hemmenden Einflüsse bzw. Informationen und anschließende Subtraktion der hemmenden von den erregenden Einflüssen, kommt es innerhalb des Zellkörpers zu einem bioelektrischen Ergebnis. Von diesem Ergebnis ist es nun abhängig, ob am Axonhügel so genannte Aktionspotenziale - Aktionspotenziale sind bioelektrische Signale, in denen die Informationen verschlüsselt sind - entstehen, also ob die Information weitergeleitet wird oder nicht. Dieser beschriebene Vorgang ist die Grundlage für menschliche Kognitionen. 18
Axon - Informationsweiterleitung
Ein Axon stellt den schlauchförmigen Fortsatz des Neurons dar. Es kann sich mehr als 1m innerhalb des Körpers erstrecken. Das Axon ist oftmals mit einer lipidreichen Myelinscheide umgeben, dadurch ist es elektrisch isoliert. 19 Die zwei Hauptfunktionen des Axons sind die Weiterleitung von Informationen vom Zellkörper zu den Synapsen in Form von Aktionspotenzial (bioelektrisch) sowie die Weiterleitung von chemischen Substanzen (biochemisch) vom Zellkörper aus zu den Synapsen hin und umgekehrt. 20 Bei der bioelektrischen Übertragung der Informationen entlang des Axons können, in Abhängigkeit der Stärke der Myelinscheide, die Geschwindigkeiten bis zu 130 Meter pro Sekunde betragen. 21 Dabei folgt die bioelektrische Übertragung dem Alles-oder-Nichts-Prinzip. D. h., dass die Amplitude des Aktionspotenzials über die gesamte Axonlänge konstant bleibt. Die Aktionspotenziale werden durch viele Reize (Farben, Gerüche, Töne, Formen) aus unserer Umgebung ausgelöst und unterscheiden sich nicht voneinander. Beispielsweise sind die bioelektrischen Signale einer akustischen
17 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 53-55
18 Vgl. Anderson, J.-R., 2001, S. 17-19 19 Vgl. Kandel, E.-R., 1996, S. 23 20 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 48-50 21 Vgl. Anderson, J.-R., 2001, S. 18
Information dieselben wie die einer olfaktorischen Information. Es ist letztendlich die Aufgabe des Gehirns, gewisse Muster neuronaler Aktivität (Erregungsmuster) von eintreffenden Signalen zu analysieren und folglich zu interpretieren. Auf diese Weise entstehen für den Menschen täglich eine Vielzahl von visuellen, akustischen, gustatorischen, olfaktorischen und haptischen Eindrücken. 22 Wieso aber der Himmel nicht für jeden gleich blau ist und Konsumenten unterschiedlich empfinden und sich verhalten wird im Kapitel vier dieser Arbeit beschrieben.
Synapsen - Informationsübertragung
Die feinen Verzweigungen am Ende des Axons stehen in Kontakt mit anderen Neuronen. Die Kontaktpunkte innerhalb der Output-Region werden als Synapsen bezeichnet. Die Synapsen übertragen aufgrund bioelektrischer Erregung die Informationen durch biochemische Nervenbotenstoffe, auch Neurotransmitter genannt. Es gibt verschiedene Neurotransmitter, die entweder Signale direkt in Millisekunden übertragen (z. B. Glutamat und Glycin), andere Neurotransmitter in ihrer Wirkung modifizieren (z. B. Noradrenalin und Dopamin) oder längerfristig im Gehirn wirken (z. B. Endorphine und Hormone). 23 Menschen verfügen geschlechts- und altersspezifisch über verschiedene Konzentrationen von Neurotransmittern und Hormonen im Körper. 24
3.1.2 Gehirnareale und deren Funktionen
Das menschliche Gehirn wiegt in etwa 1.400 g und besteht, wie bereits erwähnt, aus Milliarden von einzelnen Neuronen, die zusammengeballt ein strukturiertes Netzwerk bilden. 25 Durchschnittlich ist das Gehirn von Männern etwas schwerer als das von Frauen. Dies ist zum Teil auf das geringere Körpergewicht der Frauen zurückzuführen. 26 Frauen haben ein E (Empathie)-Gehirn, während Männer über ein S (System)-Gehirn verfügen. Damit werden die geschlechtsspezifischen Verhaltensunterschiede wie beispielsweise beim Empfinden, Denken und Entscheiden begründet. 27 Das
22 Vgl. Kandel, E.-R., 1996, S. 22-24
23 Vgl. Roth, G., 2001, S. 101, 110 24 Vgl. Häusel, H.-G., 2004b, S. 136 ff. 25 Vgl. Carlson, N.-R., 2004, S. 87 26 Vgl. Roth, G., 2003, S. 11-12 27 Vgl. Häusel, H.-G., 2004b, S. 118
Gehirngewicht hat jedoch nichts mit diesen Unterschieden zu tun. Genauso wenig kann Intelligenz ins Verhältnis zum Gehirngewicht gesetzt werden. 28
Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und hierbei insbesondere der modernen Gehirnforschung tragen zum Verständnis der strukturellen und funktionellen Organisation des menschlichen Gehirns bei. Von Interesse sind die mentalen bzw. geistigen Leistungen wie Wahrnehmen, Empfinden, Erinnern, Denken, Bewerten, Entscheiden und Planen von Handlungen. 29 Dabei unterscheidet sich das menschliche Gehirn keineswegs von dem des Konsumenten, wie die Kapitelüberschrift 3.1 vielleicht gedeutet werden kann. Eher werden von dem Untersuchungsobjekt, dem Konsumenten, die neurobiologischen Korrelate der wichtigsten mentalen Leistungen vorgestellt. Dafür sind im ersten Schritt die verschiedenen Strukturen des Gehirns anschaulich erläutert, bevor in einem weiteren Schritt die wesentlichen Funktionen lokalisiert werden.
3.1.2.1 Der Neokortex
Das menschliche Gehirn ist nach makroskopischer und evolutionsgeschichtlicher Ansicht in fünf Hauptbereiche untergliedert (vgl. Anhang: Abbildung A). Vom Nacken aufwärts zählt dazu das verlängerte Mark, das Kleinhirn, das Mittelhirn, das Zwischenhirn (Teil des limbischen Systems) sowie das Großhirn mit seiner Hirnrinde, dem Neokortex. Die unteren und inneren Hirnbereiche wie das Zwischenhirn und das limbische System sind im Vergleich zum Großhirn bzw. Neokortex die wesentlich älteren Hirnbereiche, d. h., diese Bereiche haben sich in der Evolutionsgeschichte weitaus früher herausgebildet. 30 Dementsprechend steuern die unteren und inneren Teile des Gehirns eher grundlegende Funktionen. Dabei steuert beispielsweise das verlängerte Mark die Atmung, Verdauung oder den Herzschlag. Darüber, im Bereichen des limbischen Systems, werden unter anderem die Primärbedürfnisse wie beispielsweise Hunger und Durst reguliert. 31
Das Großhirn wird von einer ca. 3 mm dicken Hirnrinde, dem Neokortex, ummantelt. Diese dünne Randschicht besteht aus grauer Substanz (Zellkörper als Bestandteil von Neuronen) und ist durch viele Windungen und Furchen ähnlich einer Walnussschale anatomisch charakterisiert. Mittels der darunter liegenden weißen Substanz (Axone als
28 Vgl. Roth, G., 2003, S. 11-12
29 Vgl. Roth, G., 2003, S. 7 30 Vgl. Markowitsch, H.-J., 2002, S. 20-22 31 Vgl. Anderson, J.-R., 2001, S. 21
Bestandteil von Neuronen) wird die Verbindung sowie die Kommunikation zwischen den verschiedenen Hirnbereichen gesichert. Der Neokortex wird des Weiteren in so genannte Hirnlappen unterteilt, denen werden wiederum bestimmte Funktionen zugesprochen. Ihrer Lage nach sind der Frontallappen, Scheitellappen, Schläfenlappen und der Hinterhauptslappen zu unterscheiden (s. Abbildung 3), wobei je nach Auffassung noch ein fünfter Lappen, der limbische Lappen, genannt werden kann. 32 Dieser partizipiert von den übrigen vier Hirnlappen und deutet die Struktur des limbischen Systems an, welches vom Großhirn umschlossen wird. Oberflächlich betrachtet lässt sich erkennen, dass das Großhirn aus zwei halbkugelförmigen Hälften besteht. Diese so genannten Hirnhemisphären verfügen jeweils über einen der Hirnlappen. Um die Komplexität des Gehirns etwas herunterzubrechen, werden folglich die wesentlichen Bereiche beschrieben.
Abbildung 3: Unterteilung des Neokortex in Hirnlappen und
-Lokalisierung
elementarer Funktionen
Der Frontallappen erfüllt im hinteren Teil motorische Funktionen und ist im vorderen Teil, dem präfrontalen Kortex (PFK), bei der Planung von Handlungen aktiv. Unterhalb des präfrontalen Kortex ist der Sitz des orbitofrontalen Kortex (OFK), welcher bei der Bewertung von Entscheidungen involviert ist. Aufgabe des Scheitellappens sind einige sensorische Funktionen. Dabei sind sensorisch empfindlichere Bereiche des menschlichen Körpers überproportional repräsentiert. Beispielsweise können taktile
32 Vgl. Markowitsch, H.-J., 2002, S. 21
Reize an Händen oder im Gesicht feinfühliger differenziert werden als Reize am Rücken oder an den Beinen. Der Schläfenlappen erfüllt hingegen primär auditive Funktionen und ist daher auch an der Spracherkennung beteiligt. Am Hinterhauptslappen, dem hinteren Ende des Gehirns, befindet sich der visuellen Kortex. Er ist das Sehzentrum im Gehirn. Hier werden primär die visuellen Informationen aus der Umwelt neuronal verarbeitet und wahrgenommen. 33 Demnach sind verschiedene und elementare Funktionen lokal im Gehirn präsentiert.
3.1.2.2 Das limbische System
Eines der wichtigsten Areale im Innern des Gehirns ist das limbische System (entlehnt vom Lateinischen: limes = Wall, Grenze). Ausgehend vom Zwischenhirn breitet es sich wallartig unterhalb des Großhirns aus. Zu seinen wesentlichen Teilen zählen u. a. die Amygdala (lateinisch: Mandelkern), der Hippocampus (lateinisch: Seepferdchen) und Regionen der Großhirnrinde sowie der orbitofrontale Kortex (s. Abbildung 4). 34
Abbildung 4: Das limbische System (vereinfachte Darstellung der wesentlichen Teile)
[Quelle: Eigene Darstellung]
Die Regionen der Großhirnrinde (limbischer Kortex = Gyrus cinguli) umlaufen den Balken (Corpus callosum), welcher die beiden Hirnhemisphären miteinander verbindet. Der Fornix ist ein dickes Nervenfaserbündel und zählt ebenfalls zum limbischen System. Er dient dazu, die verschiedenen Teile des limbischen Systems miteinander zu
33 Vgl. Anderson, J.-R., 2001, S. 22-26
34 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 30
verbinden. Die Struktur des limbischen Systems weist insgesamt eine starke Verknüpfung bzw. starkes neuronales Netzwerk auch zu entfernten Bereichen des Gehirns sowie zum Thalamus auf. 35 Die rundlichen Formen sind auf Zusammenballungen von Nervenzellen zurückzuführen. 36 Die genaue Abgrenzung von Gehirnbereichen, die zum limbischen System zählen, fällt schwer. In der Literatur werden beispielsweise einzelne Strukturen wie der Thalamus teils dem Neokortex und teils dem limbischen System zugeordnet. 37 Erschwerend kommt hinzu, dass Teile des limbischen Systems, wie auch des übrigen Gehirns, über mehrere Funktionen verfügen. Daher werden hier die wesentlichen Strukturen mit ihren dominanten Funktionen betrachtet.
Nach übereinstimmender Auffassung ist die Amygdala hochgradig an der Entstehung und Steuerung von Emotionen beteiligt. Neben der Steuerung von elementaren Affektzuständen wie beispielsweise der Nahrungsaufnahme oder Sexualität ist sie an weiteren psychischen Vorgängen mitbeteiligt. 38 Die Amygdala ist aufgrund neuronaler Bahnen beispielsweise eng mit dem Hippocampus verbunden. Die Funktion des Hippocampus besteht darin, sensorisch aufgenommene neue Informationen ins Langzeitgedächtnis zu transferieren. 39 In diesem Zusammenhang ist er also auch an Lernvorgängen beteiligt, aus denen sich letztendlich unsere Erfahrung formiert. Damit verfügt die Amygdala über einen gedächtnisbezogenen Eingang zu erlernten sowie emotional eingefärbten Erfahrungen, Wissen und Verhalten. Durch die emotionale Einfärbung bzw. Komponente wird die Konsolidierung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses im Hippocampus gefördert. 40
Der orbitofrontale Kortex liegt direkt über den Augenhöhlen. Er ist ein Teil des Frontallappens und befindet sich somit im Großhirn, genauer dem Neokortex. Trotzdem ist er aufgrund seiner Funktion sowie engen Zusammenarbeit mit der Amygdala rein limbischer Natur. Es ist auch denkbar, ihn als Schnittstelle des limbischen Systems mit dem Neokortex aufzufassen. 41 Der orbitofrontale Kortex befasst sich mit motivbedingten emotionalen Aspekten der Verhaltensplanung. Dabei werden basierend
35 Vgl. Thompson, R.-F., 1994, S. 30-31
36 Vgl. Markowitsch, H.-J., 2002, S. 21
37 Vgl. Carlson, N.-R., 2004, S. 99; Roth, G., 2001, S. 234; Thompson, R.-F., 1994, S. 31 38 Vgl. Roth, G., 2001, S. 246, 252 39 Vgl. Esch, F.-R./Möll, T., 2005, S. 73 40 Vgl. Roth, G., 2001, S. 252 41 Vgl. Behrens, G./Neumaier, M., 2004, S. 16
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Dipl.-Wirtsch.-Ing. Boban Ceranic, 2006, Konsumentenverhalten aus dem Blickwinkel des Neuromarketing, München, GRIN Verlag GmbH
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