Einleitung
"Analytiker sind nicht weiser und abgeklärter als andere Leute. Sie sind überhaupt nicht anders als andere Leute (...) Sobald der Analytiker aus seinem Sprechzimmer tritt, verringert sich sein Vorsprung, und er wird zum Jedermann und benimmt sich wie andere Leute auch (...). Ich selber habe mich weniger verändert als einige von mir analysierte Patienten." (Aaron Green, in Malcolm, 1983, S. 130f).
Devereux (1967) interpretiert die Trennung von Forscher und Forschungsobjekt in der zeitgenössischen Psychologie als Angst des Forschers vor der Gegenübertragung. Um der möglichen Zuneigung der Versuchspersonen zu entgehen, reagiere der Forscher mit Gegenabwehr in Form strenger Methoden.
Mit der Berücksichtigung von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen kommt die Beziehung zwischen Analytiker und Analysand ins Blickfeld. In der heutigen Psychoanalyse (PA) geht es nicht mehr nur um eine Einsicht in frühkindliche Konfliktzusammenhänge, sondern immer stärker auch um die Analyse des gegenwärtigen Beziehungsgeschehens in der analytischen Situation. 1. Das Phänomen der Übertragung
Freud beschreibt 1905 anhand eines eigenen therapeutischen Mißerfolgs, dem Fall "Dora", wie ihm im Nachhinein die große Bedeutung der Übertragung für die PA bewußt wurde. Bei Dora hatte er während der Behandlung 1900 nicht erkannt, daß sich eine bestimmte Übertragungsreaktion auf ihren Geliebten, nicht auf ihren Vater bezog. Sie agierte, indem sie anstelle ihres Geliebten Freud verließ, d.h. nach drei Monaten die Behandlung vorzeitig abbrach. Seitdem bezeichnet Freud die Übertragung sowohl als einen der wichtigsten Bundesgenossen für den Erfolg der Behandlung als auch als einen der häufigsten Gründe für das Mißlingen der Therapie.
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1.1. Begriffs- und Funktionsbestimmung
Übertragung ist nicht immer nur Widerstand, obwohl sie Freud zum ersten Mal in diesem Zusammenhang auffiel. Beide, Widerstand und Übertragung, enthalten wesentliche Informationen über die frühere, verdrängte Lebensgeschichte des Patienten: "Übertragung ist das Erleben von Gefühlen, Trieben, Einstellungen, Phantasien und Abwehr gegenüber einer Person in der Gegenwart, die zu dieser Person nicht passen, sondern die eine Wiederholung von Reaktionen sind, welche ihren Ursprung in der Beziehung zu wichtigen Figuren der frühen Kindheit haben und unbewußt auf Figuren der Gegenwart verschoben werden. " (Greenson, 1986, S.167).
Wir unterscheiden positive Übertragungen (sexuelles Begehren, Sympathie, Liebe, Respekt) und negative Übertragungen (Zorn, Abneigung, Haß, Verachtung) gegenüber dem Analytiker. Statt sich zu erinnern, neigen Patienten dazu, zu wiederholen. Die Wiederholung ist ein Wi-derstand gegen die Erinnerung. Wird aber die Übertragungsanalyse richtig eingesetzt, führt sie zu Erinnerungen, über diese zu Rekonstruktionen und im günstigen Fall zur Einsicht und zur Beendigung der Wiederholungen.
Thomä (1984) warnt vor der Gefahr des Mißbrauchs von Übertragungsdeutungen. Würden realitätsgerechte Wahrnehmungen ständig als Übertragungen aus der Vergangenheit gedeutet, könne es zu "chaotischen Übertragungsneurosen oder gar Übertragungspsychosen" kommen (S.54-56).
1.2. Allgemeine Kennzeichen des Übertragungsphänomens nach Greenson
- Unangemessenheit
- Intensität
- Ambivalenz ("keine Liebe ohne Haß" usw.)
- Launenhaftigkeit (besonders zu Beginn der Analyse)
- Zähigkeit (vor allem in späteren Phasen)
Übertragungsreaktionen kommen bei allen Menschen vor, sie entwickeln sich auch in jeder Analyse. Allerdings ist PA riskant, wenn der Patient nicht die Fähigkeit partieller und reversibler Regression besitzt. Freud verwendete den Begriff "Übertragungsneurose" zur Kenn-
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zeichnung von Patienten, die diese Fähigkeit haben (im Unterschied zu den narzißtischen Neurosen, die er nicht psychoanalytisch behandeln wollte). 1.3. Zeitpunkt zum Analysieren von Übertragungen
- wenn sie Widerstandsfunktion annimmt, wobei der Rapport zwischen Analytiker und Patienten bereits entwickelt sein muß.
- wenn ein optimales Intensitätsniveau erreicht ist, d.h. wenn das Übertragungserlebnis für den
Patienten emotional bedeutsam ist, ihn aber nicht überwältigt. Um die Übertragungsneurose maximal zu fördern, wahrt der klassische Psychoanalytiker eine relative Anonymität, hält die Abstinenzregel ein und zeigt ein "Spiegelverhalten". Da die Übertragungsneurose ein Artefakt der analytischen Situation ist und als Übergang von der Krankheit zur Gesundheit dient, indem sie an die Stelle der allgemeinen Neurose des Patienten tritt, kann und darf sie nur durch die analytische Arbeit aufgelöst werden. In Kurzverfahren der PA - so wird befürchtet - geschieht die erforderliche Arbeit nur selektiv und partiell oder gar nicht. Oft würden Übertragungsreaktionen befriedigt und manipuliert, was nur kurzfristige "Übertragungsheilungen" zur Folge habe.
2. Das Phänomen der Gegenübertragung
Dem Begriff der Übertragung auf der Seite des Patienten entspricht das Konzept der Gegenübertragung des Analytikers.
Freud spricht zum ersten Mal 1912 in seiner Abhandlung "Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung" über die Gegenübertragung. Hier weist er dem Analytiker die Rolle der "undurchsichtigen Spiegelplatte" zu, die dabei helfen soll, die Übertragung auch wieder zu lösen.
Die Gefühle und Gedanken des Analytikers über seine Patienten enthalten natürlich genau wie die des Patienten über ihn unbewußte infantile Komponenten. Die Konflikte mancher Patienten liegen nun näher bei denen des Analytikers als die anderer Patienten. Wenn ein
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Psych. Renate Schallehn, 1995, Spezielle Probleme der Psychotherapie Älterer: Übertragung und Gegenübertragung, München, GRIN Verlag GmbH
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