Aristoteles, die als erste Schriftdenker fundierte, systematische und ausführliche Analysen durchgeführt haben, die für eine kritische Auseinandersetzung mit der Gedächtnisproblematik ausreichen.
In seiner Beschäftigung mit dem Terminus Gedächtnis (mnémè) ist Platon bestrebt, die Erkenntnisfrage zu untersuchen. Als Erkenntnis bezeichnet er eine Wiedererinnerung (anamnesis) der Seele an die Ideen, die sie in ihrem früheren Zustand, d.h. vor ihrem Eintritt in die menschliche Existenz, geschaut hat. 3 Gedächtnis ist nach Platon ein geistiger und transzendenter Akt (d.h. es manifestiert sich ausschließlich im übersinnlichen Bereich), der die Erinnerung und somit den Erwerb von Wissen überhaupt ermöglicht. Während das Zurückrufen der Ideen ins Gedächtnis ein Lernprozess ist, hat die Anamnesis selbst die Erkenntnis der Wahrheit zum Ziel. 4
Die Konsequenz, die sich aus dieser platonischen Überlegung ergibt, ist dass das Gedächtnis nun als ein geistiger Prozess begriffen wird, dessen Funktion darin besteht, autonome sowie erworbene Gedanken in das Bewusstsein einzutragen oder im Gehirn dauerhaft zu speichern. Per Analogie wirkt das Gedächtnis wie ein immaterieller Computer, der vergangenen Ideen, Erlebnissen und Erfahrungen überhaupt lebendige Aktualität zu verleihen sowie das Bewusstsein so zu aktivieren vermag, dass es das Vergessen des vorher Gewussten, Gesehenen und Erlebten verhindert. Das Gedächtnis gilt in dieser Hinsicht zudem als ein intellektuelles Dispositiv, welches das Gewesene als ein lebendiges Gegenwärtiges und zugleich unvergängliches oder immerwährendes Geschehnis erfahrbar macht. Aristoteles stimmt der platonischen Grundthese zur Anamnesis zu, hebt aber hervor, dass das Zurückrufen der Ideen ein intentionaler Akt sei, d.h. von Absichten abhänge. 5 Spricht Aristoteles davon, dass Gedächtnis „der Vergangenheit teilhaftig“ 6 sei, so betrachtet er es nicht als ein Werk der Zeit, weil die Zeit nach seiner Ansicht ein stetiges und gleichmäßiges Kontinuum sei, an dem alle Bewegungen im Bewusstsein und im Gedächtnis gemessen werden. Gedächtnis gilt demnach als ein individueller Erkenntnisprozess, der von der Zeit unabhängig ist und zugleich an der Zeit teilhat. Das Gedächtnis ermöglicht daher das Denken der Zeit in der Zeit sowie deren Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Heidegger, Paul Ricœur etc.
3 Siehe Platon, „Menon“ und „Phaidon“, in: Werke in acht Bänden (Griechisch-Deutsch), Sonderausgabe, hrsg. von G. Eigler, Darmstadt 1990.
4 Einzelheitem bei C.E. Huber, Anamnese bei Platon, München 1964; M. Suhr, Platon, Frankfurt 1992.
5 Diese These hängt allerdings mit seiner empiristischen Auffassung zusammen, der zufolge alle Erkenntnis auf sinnliche Erfahrung oder Wahrnehmung zurückzuführen sei. Einzelheiten bei W. Jaeger, Aristoteles. Grundlegung einer Geschichte seiner Entwicklung, Berlin 1923; H. Schmitz, Die Ideenlehre des Aristoteles, 2 Bde, Bonn 1987.
6 Aristoteles, „Über Gedächtnis und Erinnerung“, in: ders., Kleine naturwissenschaftliche Schriften, Stuttgart 1997, S. 87.
Das wirkliche Werk der Zeit ist nach Aristoteles letztlich nicht das Gedächtnis selbst, sondern das Vergessen, wie Paul Ricœur hervorhebt. 7 Das Gedächtnis dient lediglich dazu, das Vergessen, d.h. die Abwesenheit der Erkenntnisse in der Seele, zu verhindern. 8 Ist das Gedächtnis eine immaterielle Entität, kann es nach Aristoteles dennoch auch aus der sinnlichen Erfahrung hervorgehen. Doch seine Funktion besteht stets darin, die Verbindung zwischen den Ideen im Geiste und ihrer empirischen Objektivierbarkeit in der Zeit und im Raum herzustellen. So gelingt es dem Gedächtnis, auch reinen transzendenten Momenten reale Existenz zu verleihen.
Die vorliegende Untersuchung ist als Versuch zu verstehen, eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚kollektives Gedächtnis‘ vorzunehmen. Es sei dabei zwischen transzendentalem Gedächtnis, welches dem individuellen Erkennen, Handeln und Erinnern dient, und kommunikativem Gedächtnis unterschieden, welches kulturimmanent ist. Während das hier als transzendental bezeichnete Gedächtnis aus einer autonomen Tätigkeit des menschlichen Geistes resultiert, die weder messbar noch kollektivierbar ist, gilt als kommunikativ dasjenige Gedächtnis, das sich aus der gemeinsamen Erfahrung der Menschen mit der Geschichte ergibt. 9
Mit anderen Worten hängt die kollektive Geschichtlichkeit von den Erinnerungen ab, die möglichst viele Menschen mit ihren individuellen Verletzungen, Trauererlebnissen, Verlust-und Schuldgefühlen einander verbinden. Geschichte, Gesellschaft und Kultur (Religion, Tradition, Wissenschaft etc.) dienen hierbei als die prägenden Momente des Bewusstseins, die nicht nur positive Erinnerungen wachrufen, sondern auch künstliche Bilder hervorrufen können, die das subjektive Erleben und Bewusstsein oft beeinflussen. 10 Dazu zählen nicht zuletzt die vielen obrigkeitlichen Anordnungen religiöser und politisch-ideologischer Natur mit ihren negativen Auswirkungen auf das menschliche Gedächtnis. Dabei können bestimmte Bilder willkürlich selektiert und konstruiert oder historische Dokumente und Quellen so verfälscht und manipuliert werden, dass sie mit dem tatsächlich Gewesenen nicht übereinstimmen. Die damit verbundene Gefahr ist, dass man den politisch und ideologisch motivierten Missbrauch des Gedächtnisbegriffs kaum verhindern kann. 11 Die Philosophie allein ist nicht in der Lage, die Dialektik zwischen transzendentalem und
7 Vgl. Paul Ricœur, Das Rätsel der Vergangenheit. Vergessen - Erinnern - Verzeihen, Göttingen 1998, S. 88.
8 Vgl. auch D. Jervolino, Paul Ricœur. Une herméneutique de la condition humaine, Paris 2002, S. 75 ff.
9 Ein profunde Untersuchung des Verhältnisses zwischen Geschichte und Gedächtnis findet sich bei Paul Ricœur, Temps et récit, Tome I und III, Paris 1983 und 1985; Paul Nora, Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990.
10 Nach Paul Ricœur können Wiedererinnern und Gedenken zu einer Wechselwirkung zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis führen. Paul Ricœur, Das Rätsel der Vergangenheit, a.a.O., S. 74 ff.
11 Einzelheiten bei R. Ofshe und E. Watters, Die mißbrauchte Erinnerung, München 1996.
kommunikativem Gedächtnis aufzulösen. Doch sie kann zumindest auf die allgemeinen Aporien der auf Kollektivismustheorien beruhenden Gedächtnisdeutung verweisen, indem sie im Falle der kolonialen Forschung beispielsweise auf die möglichen ideologisch bedingten Konstrukte und Fälschungen aufmerksam macht. Das besagt, dass angesichts der bisherigen wissenschaftlichen Diskurse kein Preis zu hoch ist, um die Frage zu beantworten, ob es ein universales Prinzip der kolonialen Wahrnehmung geben kann, das die Verwendung der Kategorie ‚kollektives Gedächtnis‘ erlauben würde. Der Beitrag der Philosophie zur Erinnerungsarbeit besteht zudem darin, Afrikanern und Europäern zu der Einsicht zu verhelfen, dass sie trotz ihrer Erinnerungsdifferenzen eine gemeinsame Zukunft aufbauen können und müssen.
2. Das Unrecht des Kolonialismus und die Frage nach dem ‚kollektiven Gedächtnis‘.
Ungeachtet aller philosophischen Kritik sind die gegenwärtigen Gedächtnisdebatten aus interkultureller Sicht durchaus sinnvoll. Denn sie können zumindest dazu beitragen, die Schattierungen des Kolonialismus aus verschiedenen kulturellen Perspektiven zu untersuchen sowie einen effizienten Umgang mit dem kolonialen Erben sowohl in Afrika als auch in Europa zu finden. Leider wird die Formulierung „kollektives Gedächtnis“ zu einer Zeit verwendet, in der die europäisch-afrikanischen Beziehungen noch unter den negativen Folgen der Kolonisation leiden. Die durch den Sklavenhandel und Kolonialismus geschlagenen Wunden haben sich sehr tief ins Gedächtnis der Afrikaner eingegraben. 12 Indessen ist die Zeit für eine lebendige Kultur der Versöhnung gekommen. Man sollte den begonnenen Dialog deshalb nicht mit an Trivialität kaum zu überbietenden Aussagen belasten, die nicht nur die ganze Erinnerungsaktion unglaubwürdig machen, sondern auch als Beleidigung oder Provokation empfunden werden können. Tatsächlich erscheint die Bezeichnung „kollektives Gedächtnis“ den Afrikanern nicht nur wie ein Witz. Denn für manche von ihnen handelt es sich dabei nur um eine euphemistische Kategorie, die keineswegs der objektiven Untersuchung der Wahrheit über das koloniale Unrecht dient. Es ist daher zu verstehen, dass die meisten afrikanischen Intellektuellen den aktuellen Gedächtnisdebatten misstrauen. Dabei werfen sie den Europäern vor, die während der kolonialen Eroberung und Herrschaft begangenen Verbrechen in Afrika mit billigen und zynischen Begriffen herunterspielen zu wollen.
Mag die Kategorie ‚kollektives Gedächtnis‘ auch wissenschaftlich gebräuchlich sein, so kann sie vor dem Hintergrund der erhobenen Bedenken doch nicht sinnvoll dazu beitragen, das Wesen des Kolonialismus adäquat zu untersuchen, geschweige denn die Dimension der
12 Vgl. u.a. Ali A. Mazrui, The African Condition, London 1977; Wole Soyinka, Die Last des Erinnerns. Was Europa Afrika schuldet und was Afrika sich selbst schuldet, Düsseldorf 2001.
kolonialen Wahrnehmung in Afrika angemessen zu beschreiben. Unabhängig davon sollte man gerade heute darauf achten, dass afrikanische Meinungen nicht, wie in der Vergangenheit oft geschehen, einfach ignoriert oder durch scheinheilige eurozentrisch-historizistische Theorien schlechthin verdrängt werden. Es wäre daher ratsam, auf die Formulierung ‚kollektives Gedächtnis’ im Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte zu verzichten, um die Europäer nicht mit dem Vorwurf zu konfrontieren, sie wünschten ein baldiges Vergessen der kolonialen Barbarei und Brutalität herbei.
Der Erinnerungsdiskurs sollte vielmehr ethische Perspektiven aufzeigen, indem er zur Festlegung moralischer Handlungsmaßstäbe für Europäer und Afrikaner im Umgang mit dem kolonialen Unrecht verhilft. Es ist begrüßenswert, dass ausgerechnet die Europäer auf Afrikaner zugehen, um mit ihnen gemeinsam über die koloniale Erinnerung nachzudenken. Doch ein neuer Umgang zwischen beiden ist nur möglich, wenn ethische Prinzipien und Regeln festgelegt werden können, die den Handlungen aller an der Erinnerungskooperation Mitwirkenden zugrunde liegen.
Unterdessen sind gerade Afrikaner und Europäer nicht zuletzt wegen des atemberaubenden Tempos der so genannten Globalisierung zu einem gegenseitigen Schulterklopfen verurteilt. Bei allen Divergenzen in der Vergangenheitsbewältigung sind sie gefordert, Regeln zu definieren, die sie verpflichten, ihre Beziehungen zu normalisieren und zu einem produktiven Dialog zu kommen. Dies setzt allerdings voraus, dass sich afrikanische und europäische Ideen und Konzepte gegenseitig beeinflussen. Denn nur so kann ein effektiver Austausch von Erfahrungen, Wahrnehmungen und Vorstellungen zwischen den Völkern beider Kontinente stattfinden, die nicht mehr an ihre Erinnerungen gekoppelt, sondern auf die Zukunft gerichtet sind. Mit anderen Worten: Die Bildung eines gemeinsamen ethischen Prinzips ist unabdingbar für eine ideologiefreie sowie kulturtranszendente und -invariante Interpretation der Geschichte.
Erwarten die Afrikaner auch von den Europäern eine eindeutige Verurteilung der Kolonisation als Unrechtssystem, so sollten sie weder eine Entschuldigung insbesondere von Politikern verlangen noch die Frage der Verantwortlichkeit für das koloniale Unrecht in den Mittelpunkt stellen. Denn gerade dieser Aspekt bringt die heutigen Europäer stets in Verlegenheit, indem man ihnen ein Verbrechen anlastet, das sie nicht selbst, sondern ihre damaligen Regime begangen hatten. Diese Verantwortlichkeitsfrage mag juristisch und politisch lösbar erscheinen, bleibt aber ethisch bedenklich. Dies sollte jedoch für die Europäer kein Grund sein, dieser Frage aus Angst vor finanziellen Forderungen aus Afrika auszuweichen. Umgekehrt dürften die politischen Eliten Afrikas die koloniale Schuldfrage nicht ständig ideologisch instrumentalisieren, um bestimmte ökonomische Vorteile zu erreichen. Sie scheinen sich mit dieser Dauerstrategie gravierend zu täuschen. Denn aus der Sicht der Europäer handelt es sich dabei um eine Erpressungspolitik, auf die sie ihrerseits mit
Arbeit zitieren:
PD Dr. Dr. Jacob Emmanuel Mabe, 2005, Vom kollektiven Gedächtnis zur Konvergenzhistorik - Afrikanische und europäische Erinnerungen an den Kolonialismus philosophisch hinterfragt., München, GRIN Verlag GmbH
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