Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Mitteleuropa im 18. und 19. Jahrhundert. 6
3. Biographische Überblicke. 8
3.1 Tomáš Garrigue Masaryk 8
3.2 Friedrich Naumann 10
4. Mitteleuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 12
5. „Mitteleuropa“ gegen „Das neue Europa“ 14
5.1 Bedeutung des Krieges 15
5.2 Begründung der Europakonzepte. 17
5.3 Charakterisierung der Nachbarvölker. 19
5.4 Charakterisierung der Donaumonarchie 23
5.5 Charakterisierung des Westens. 25
5.6 Europaverständnis. 28
5.7 Demokratieverständnis 30
6. Ausblick: Mitteleuropa - Tot oder lebendig? 34
7. Schlussbetrachtung 36
8. Quellen- und Literaturverzeichnis 2
8.1 Quellen. 2
8.2 Sekundärliteratur. 2
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1. Einleitung
„Mitteleuropa im ganzen ist zerschlagen, als sei es eine vergrößerte Balkanhalbinsel [sic!].“ 1 schrieb Friedrich Naumann 1918 in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Mitteleuropa“. „Unser ganzes Volk ist frei und unabhängig und tritt, geachtet und gestützt durch die allgemeine Sympathie, in die Geschichte der europäischen Nationen. Leben wir im Märchen?“ 2 fragte Thomáš G. Masaryk im selben Jahr in seiner ersten Rede als Präsident der neu entstandenen Tschechoslowakischen Republik. Diese beiden Aussagen kennzeichnen nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch das vorläufige Ende einer Debatte um die Zukunft des europäischen Kontinents. 3 1915 war Naumanns Buch „Mitteleuropa“ erschienen und fand in der durch die deutschen Kriegserfolge ausgelösten Euphorie reißenden Absatz. 4 Der national-liberale Politiker Naumann forderte einen wirtschaftlichen und militärischen Bund zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, um so England und Frankreich auf der einen und Russland auf der anderen Seite einen starken mitteleuropäischen Block unter deutscher Führung entgegenzusetzen. 5 Drei Jahre später schrieb Masaryk „Das Neue Europa“, eine essayistisch formulierte Kampfschrift gegen die „pangermanistischen“ Mittelmächte und ein Plädoyer für das
Selbstbestimmungsrecht der Völker und Nationen, welches aber erst 1920 in der Tschechoslowakei und 1922 in Deutschland erschien. 6
Trotz der stark divergierenden Ansichten innerhalb desselben inhaltlichen Bezugsrahmens und des Antwortcharakters von Masaryks Buch wurde noch keine umfassende vergleichende Studie beider Schriften, geschweige denn beider Persönlichkeiten und ihres Werkes angestellt. Lediglich zwei Aufsätze versuchen
1 NAUMANN, FRIEDRICH, Werke Bd. 4, Schriften zum Parteiwesen und zum Mitteleuropaproblem, hrsg. v. THEODOR SCHIEDER, Köln - Opladen 1964, S. 974.
2 MACHOVEC, MILAN, Thomas G. Masaryk, Graz-Wien-Köln 1969, S. 314.
3 Siehe Kap. 6 dieser Arbeit.
4 HEUSS, THEODOR, Friedrich Naumann. Der Mann, das Werk, die Zeit, München-Hamburg 3 1968, S. 363.
5 NAUMANN, FRIEDRICH, Mitteleuropa. Volksausgabe mit Bulgarien und Mitteleuropa, Berlin 1916.
6 MASARYK, THOMÁŠ GARRIGUE, Das neue Europa. Der slavische Standpunkt, Berlin 1991.
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einen groben 7 , respektive einen tieferen, aber in der Breite eingegrenzten 8 Vergleich von „Mitteleuropa“ und „Das neue Europa“ anzustellen und kommen dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen. Rudolf Jaworski vergleicht Entstehungsbedingungen, Konstruktionsprinzipien und Hauptanliegen beider Entwürfe. 9 Im Ergebnis charakterisiert er Naumanns Schrift als ruhig und unpolemisch, Masaryks Buch dagegen als polemisierend und konfrontativ. Er betont den reformativen Charakter der Naumannschen Absichten und den radikalen Duktus des tschechischen Exil-Politikers. 10 Christian Rühmkorf nähert sich dagegen dem Problem des Fremd- bzw. Eigenbildes, welches er durch Herauslösung und inhaltliche Neuverstrebung bestimmter Aspekte beider Bücher konstruiert. 11 Er kommt zu dem Schluss, dass beide Autoren emotional stark aufgeladene Bilder benutzen, die zur jeweiligen Hervorhebung bzw. Herabsetzung der eigenen bzw. fremden Nation dienen 12 und dass sie dabei die eigene Geschichte massiv konstruieren, um diese Stereotypen zu stützen. 13
Beide Vergleiche bieten interessante Zugänge, die zur Weiterführung anregen. Der Verfasser dieser Hausarbeit will versuchen, den Vergleich zwischen Naumanns „Mitteleuropa“ und Masaryks „Das neue Europa“ weder nur oberflächlich, noch auf wenige Aspekte beschränkt durchzuführen. Dabei soll in der Gesamtschau auch dem Vorwurf begegnet werden, Naumann sei ein Wegbereiter der NS-Ideologie. 14 Der Vergleich soll vorgenommen werden, indem ähnlich wie bei Rühmkorf die Inhalte aus ihren direkten Kontexten gelöst und neu in Beziehung zueinander gesetzt werden. Weitreichende Themen wie Krieg, Europa, der Westen, Demokratie u.a. sollen als Kriterien mit inhaltlichen Bildern des jeweiligen Autors gefüllt werden und die Argumentationsstrukturen offen gelegt werden.
7 JAWORSKI, RUDOLF, Naumann vs. Masaryk - Zwei Europaversionen im Ersten Weltkrieg, in: Pousta, Zdeněk/Seifter, Pavel (Hrsg.), Occursus - Setkání - Begegnung. Sbornik k poctĕ 65 narozenin Prof. Dr. Jana Křena, Prag 1996,123-134.
8 RÜHMKORF, CHRISTIAN, „Volkswerdung durch Mythos und Geschichte“. Die deutsch-slawischen Beziehungen bei Friedrich Naumann und T.G. Masaryk, in: Bohemia 41 (2000), S. 295-326.
9 JAWORSKI, S. 124.
10 Ebd., S. 128-130.
11 RÜHMKORF, S. 300.
12 Ebd., S. 315
13 Ebd., S. 324
14 Vgl. ELVERT, JÜRGEN, Mitteleuropa! Deutsche Pläne zur europäischen Neuordnung (1918-1945), Stuttgart 1999, S.11.
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Dass dabei die Auswahl und Zuordnung von Aussagen teilweise streitbar ist, da die Stringenz und Chronologie der Ausführungen weniger berücksichtigt und sie aus ihrem Zusammenhang gelöst betrachtet werden, ist dem Verfasser bewusst und liegt in der Methode begründet.
Letztendlich soll der Vergleich der Positionen dieser beiden politisch bedeutsamen Persönlichkeiten Aufschluss über einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Diskurs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben, ergänzt um die Darstellung der Idee von Mitteleuropa vor 1914 und einen kurzen Ausblick auf die diskursive Langlebigkeit des mehr fiktionalen als empirischen Gebildes Mitteleuropa.
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2. Mitteleuropa im 18. und 19. Jahrhundert
Mitteleuropa ist ein sehr ambivalenter Begriff. In der Gegenwart wird er schnell genutzt, z.B. bei der Wettervorhersage, ohne dass eigentlich genau geklärt ist, was man sich darunter vorzustellen hat. Im Gegensatz zu Ostmitteleuropa 15 ist Mitteleuropa keine historiographische Raumkategorie, die in der Geschichtswissenschaft durch ein Cluster von Strukturmerkmalen relativ eng eingegrenzt werden konnte. Vielmehr lassen unterschiedliche methodische Perspektiven oder politische Standpunkte verschiedene Ausdehnungen und inhaltliche Füllungen zu. 16
Als deutscher politisch-ideologischer Begriff taucht Mitteleuropa erst mit Naumanns Buch auf, 17 doch ist das Konzept kein völlig neues, sondern wurde schon 1844 vom deutschen Ökonomen Friedrich List in seiner Schrift „Nationales System der politischen Ökonomie“ als „Bezugspunkt der deutschen und österreichischen Handels- und Entwicklungspolitik“ 18 genutzt. Die Idee der Mitte geht auf die Aufklärung zurück. Im 18. Jahrhundert entstand überhaupt erst ein Bild von Europa jenseits der Christenheit, als Hort der Zivilisation und des Fortschritts, allerdings beschränkt auf den Westen, auf England und Frankreich. Das ehemals nordische Europa, zu dem die skandinavischen Staaten, Polen, Preußen und Russland gezählt wurden, wurde langsam geographisch verschoben und als „Osteuropa“ konstruiert. Das aufgeklärte Europa erfand sein Gegenstück: den barbarischen, rückständigen oder einfach anderen Osten. Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts schließlich gewann Mitteleuropa einen Platz im Denken deutscher Köpfe wie Johann Gottfried Herder oder Friedrich Schlegel. Denn, wenn man nicht zum Westen dazugehörte oder höchstens als Peripherie, aber auch
15 Einen sehr verständlichen und komprimierten Überblick bietet der Aufsatz von: SCHRAMM, GOTTFRIED, Polen-Böhmen-Ungarn: Übernationale Gemeinsamkeiten in der politischen Kultur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: BAHLCKE, JOACHIM (Hrsg.), Ständefreiheit und Staatsgestaltung in Ostmitteleuropa. Übernationale Gemeinsamkeiten in der politischen Kultur vom 16. - 18. Jahrhundert, Leipzig 1996, 13 - 38. Das Standardwerk bleibt: HALECKI, OSKAR, Grenzraum des Abendlandes. Eine Geschichte Ostmitteleuropas, Salzburg 1956.
16 Vgl. LE RIDER, JAQUES, Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffs, Wien 1994, S. 7.
17 „Vor 1914 gab es in der deutschen Geschichte keine mitteleuropäische Ideologie“, betont: MEYER, HENRY CORD, „Mitteleuropa“ als Symptom der gegenwärtigen europäischen Krise, in: Welt als Geschichte 15 (1955), S. 188-195, hier: 188.
18 HADLER, FRANK, Mitteleuropa - Zwischeneuropa - Ostmitteleuropa. Reflexionen über eine europäische Geschichtsregion im 19. und 20. Jahrhundert, in: Slovanské Študie 1 (1996), S. 14 -21, hier: 16.
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keinesfalls dem Osten zugerechnet werden wollte, musste ein neues Konzept entwickelt werden. Die Mitte wurde als harmonischer Ausgleich zwischen den Extremen, dem revolutionären Frankreich und dem zaristischen Russland glorifiziert. 19
Es beschäftigten sich nicht nur deutsche Geographen und Völkerkundler mit dem Raum in Europas Mitte, und charakterisierten ihn als Einheit verschieden vom europäischen Westen wie Osten, sondern auch Historiker anderer Völker. Besonders in Böhmen, aufgrund der politischen und kulturellen Verflechtung mit dem Reich, nahm man sich der Idee von der Mitte an. 20 Der Historiker František Palacký, „unter den Tschechen gewiß der größte [Mitteleuropäer, Anm. d. Verf.]“ 21 richtete sich damit Mitte des 19. Jahrhunderts gegen den Panslawismus, den er als russisches Expansionsprogramm ansah und somit als Bedrohung für die Integrität der Tschechen im Habsburgischen Machtblock. Die Erhaltung der Zugehörigkeit zur österreichischen Monarchie galt ihm als erstrebenswerter als die mögliche Unterdrückung durch das russische Zarenreich, aber auch ein Anschluss an das deutsche Reich. 22 Diesen Austro-Slawismus, die Anerkennung der Habsburgermonarchie als staatlichen Rahmen für das tschechische Volk, unterstrich Palacký mit dem Ausspruch: „Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müßte im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.“ 23
Im 18. und 19. Jahrhundert dominierten also vor allem ökonomische Überlegungen, die sich auf den Raum Mitteleuropa konzentrierten, sowie ein recht diffuses Gefühl der Andersartigkeit im Vergleich zur dem Westen zugeschriebenen Zivilisation und zur im Osten verorteten Barbarei, welches besonders Protagonisten der Romantik pflegten.
19 Vgl. BUGGE, PETER, The Use of the Middle. Mitteleuropa vs. Střední Evropa, in: European Review of History 6 (1999), S. 15-34, hier: S. 16-19.
20 Vgl. KOŘALKA, JIŘI, Anpassung oder Widerstand? Zu den tschechischen Reaktionen auf die deutsche Mitteleuropaidee vor und nach dem Jahre 1914, in: PLASCHKA, RICHARD/HASELSTEINER, HORST/SUPPAN, ARNOLD u.a. (Hrsg.), Mitteleuropakonzeptionen in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts, Wien 1995, S. 25-37, hier: S. 25.
21 KŘEN, JAN, Palackýs Mitteleuropavorstellungen (1848-1849), in: PREČAN, VILÉM (Hrsg.), Acta Creationis. Unabhängige Geschichtsschreibung in der Tschechoslowakei 1969-1980, Bukarest 1980, S. 119-146, hier: S. 146.
22 Vgl. ebd., 122-123 und 128.
23 Zitiert nach: ebd., 128.
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Es gab keine politische Bewegung, die ein konkretes Konzept vertreten hat, sondern romantisch verklärte Beschwörungen der Mitte und nationalökonomische Analysen, die aber über Vorschläge zu Zoll- und Handelsgesetzgebung nicht hinausgingen. Mitteleuropa kann so auch als Reaktion auf europäische Krisen betrachtet werden, wie während den revolutionären Erhebungen 1848/49 oder den Kriegen 1866 und 1871. 24
3. Biographische Überblicke
3.1 Tomáš Garrigue Masaryk 25
Der erste Präsident der tschechoslowakischen Republik wurde 1950 in einfachen Verhältnissen in Hodonín (mährische Slowakei) geboren. Trotzdem besuchte er Gymnasien in Brünn und Wien und studierte 1872-1876 in Wien und Leipzig. Seit 1882 war er Professor für Philosophie in Prag. Außerdem engagierte er sich ab Mitte der 80er Jahre in der Politik, war seit 1891 als Mitglied bei den Jungtschechen und nach dem Bruch mit der Partei für seine eigene, die „Realistische Partei“ im Reichsrat. Bekannt wurde er vor allem im so genannten „Handschriftenstreit“, als er den Historiker Václav Hanka enttarnte, der angeblich aus dem 13. Jahrhundert stammende tschechische Gedichte in der Königshofer Kirche gefunden hatte. Mit Hilfe dieser Handschriften sollte die tschechische Frühgeschichte glorifiziert, sowie anti-deutsche Ressentiments gestärkt werden. Ein Grund für seinen Austritt aus der radikal nationalen jungtschechischen Partei und die Gründung der „Realisten“, war, dass auch er, ähnlich wie der von ihm bewunderte Historiker Palacký, eine Selbstständigkeit Böhmens außerhalb der Habsburgermonarchie für unrealistisch hielt.
24 Vgl. LE RIDER, S 10.
25 Biographische Angaben, soweit nicht anders belegt, entnommen aus: MACHOVEC, Masaryk.
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„[Er war, Anm. d. Verf.] Kritiker und Spötter derer, die eine ‚Selbstständigkeit’ (sei es im Rahmen eines föderalisierten Staatensystems oder gar nach einem direkten Zerfall Österreichs) als Allheilmittel oder gar als die einzig mögliche Grundlage des weiteren Weges ansahen.“ 26
Wenn er auch dringend Reformen anmahnte, so sah er die Monarchie immer noch als Schutz gegen deutsche oder russische Expansionspläne an. Während des Ersten Weltkrieges änderte er radikal seine Einstellung gegenüber der Monarchie und sah die einzig mögliche Zukunft des tschechischen Volkes in der Losung „Weg von Österreich!“ 27 In dem englischen Historiker Seton-Watson fand Masaryk im Exil einen Mitstreiter zur Zerschlagung Österreich-Ungarns 28 und im September 1918 initiierte er in den USA die „Democratic Mid-European Union“. Sein Ziel erreichte er mit der Gründung der tschechoslowakischen Republik. Als Präsident führte er die ostmitteleuropäische „Insel der Demokratie“ 29 bis zu seinem Tod 1937.
26 Ebd, S. 214.
27 So der Titel einer Quellensammlung, die den Briefwechsel von Masaryk und Beneš in den Weltkriegsjahren enthält: HADLER, FRANK (Hrsg.), Weg von Österreich! Das Weltkriegsexil von Masaryk und Beneš im Spiegel ihrer Briefe und Aufzeichnungen aus den Jahren 1914 - 1918. Eine Quellensammlung, Berlin 1995.
28 Vgl. CAPEK, KAREL, Gespräche mit Masaryk, Stuttgart-München 2001, S. 213.
29 HOENSCH, JÖRG K., Demokratie und autoritäre Systeme in Ostmitteleuropa, in: LEMBERG, HANS (Hrsg.), Ostmitteleuropa zwischen den beiden Weltkriegen. 1918-1939, Marburg 1997, S. 53-72, hier: 65.
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