Institut für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Univ.-Prof. DDr. Reinhold Esterbauer „Humanismusbriefe (SE)“ SS 2002
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1.1. BIOGRAPHIE 5
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3.1. DIE DEN META-SKANDAL AUSLÖSENDEN PASSAGEN 6
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4.1. ARTIKEL VON MARTIN MEGGLE IN DER FRANKFURTER RUNDSCHAU, 24.07.99. 10
4.2. ARTIKEL VON RAINER STEPHAN IN DER SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, 29.07.99. 11
4.3. REPLIK SLOTERDIJK IN DER FRANKFURTER RUNDSCHAU, 31.07.99 12
4.4. ARTIKEL VON ENNO RUDOLPH IN DER FRANKFURTER RUNDSCHAU VOM 20.08.99 13
4.5. ZEIT-ARTIKEL VON THOMAS ASSHEUER („DAS ZARATHUSTRA-PROJEKT“), 02.09.99 14
4.6. ARTIKEL VON REINHARD MOHR IM SPIEGEL, 06.09.99 15
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5.1. SLOTERDIJKS OFFENE BRIEFE IN DER ZEIT AN ASSHEUER UND HABERMAS, 09.09.99. 18
5.2. ANTWORT HABERMAS IM LESERBRIEFRAUM DER ZEIT, 16.09.99 20
5.3. OFFENER BRIEF AN SLOTERDIJK VON MANFRED FRANK IN DER ZEIT, 23.09.99 21
5.4. ARTIKEL VON ANTJE VOLLMER IN DER FAZ, 27.09.99 21
5.5. LEITARTIKEL VON THOMAS ASSHEUER IN DER ZEIT, 30.09.99 23
5.6. ARTIKEL VON ROGER DE WECK IN DER ZEIT, 25.10.99 24
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Es sollte eine Rede anlässlich einer Heidegger-Tagung auf Schloss Elmau werden und entwickelte sich zu einem emotional überladenen Gelehrtenstreit. Peter Sloterdijks Rede 5HJHOQ IU GHQ 0HQVFKHQSDUN (LQ $QWZRUWVFKUHLEHQ ]XP %ULHI EHU GHQ +XPDQLVPXV³ Denn Sloterdijk
äußerte nicht nur gewagte Thesen zur Situation des Humanismus, es waren vor allem anthropotechnische ,,Zukunftsvisionen“, die die Gelehrten-Gemüter erregten. Dabei hatte Sloterdijk nur aufgegriffen, was bereits seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert wird, sowohl in Hinblick auf den Humanismus, als auch bezüglich einer bioethischen bzw. anthropotechnischen Entwicklung. Doch ganz im Sinne Sloterdijks - der Grad der Provokation entscheidet über die Effektivität einer wie auch immer gearteten Diskussion - entstand ein ausladender und umsichgreifender Gelehrten-Disput.
In dieser Arbeit werde ich die Elmauer Rede in ihren wichtigsten Zügen wiedergeben, sowie die durch sie ausgelöste Medien-Debatte abhandeln.
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öffentlicher Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung. Er hat Gastprofessuren in Paris, Zürich, Wien und New York wahrgenommen. Seine Ä.ULWLNGHU ]\QLVFKHQ9HUQXQIW³, 1983 - 15. Auflage 1999 - gilt als das meistverkaufte philosophische Buch
deutscher Sprache seit dem Zweiten Weltkrieg. Er erhielt den Ernst Robert Curtius Preis für Essayistik (Bonn, 1993) sowie den Friedrich Merker Preis für Essayistik (München, 2000). Mit seinem Hauptwerk Ä6SKlUHQ ,³, 1998, und Ä6SKlUHQ ,,´, 1999, hat er für die aktuelle
Diskussion über Probleme der Globalisierung neue Maßstäbe gesetzt.
Sloterdijk schrieb zahlreiche Aufsätze zu Fragen der Zeitdiagnostik, der politischen Philosophie, zur Globalisierung, der traditionellen und modernen Kunst, der Psychologie und Psychotherapie, sowie der Unternehmensberatung.
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1997 findet in Basel anlässlich der Humanismus-Feierlichkeiten eine Tagung über „Neue Wege des Humanismus“ statt. Peter Sloterdijk hält dort eine Rede mit dem Titel: Ä5HJHOQ IU GHQ 0HQVFKHQSDUN(LQH$QWZRUWDXIGHQ+XPDQLVPXVEULHI³ Ausgehend von einer Definition des
Humanismus als Lese-, Schreib- und Briefkultur bezieht er sich darin auf Platon und Friedrich Nietzsche und sucht die direkte Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Ä%ULHI EHU GHQ +XPDQLVPXV³ von 1946.
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Es kommt in Basel zu keiner Kontroverse, geschweige denn zu einem Skandal. Ein solcher entsteht erst im Sommer 1999, als Peter Sloterdijk seinen Baseler Vortrag anlässlich eines Heidegger-Symposiums auf Schloss Elmau bei Garmisch wiederholt. Als Thema dieses Symposiums hat der Veranstalter Dieter Müller „Jenseits des Seins - Philosophie nach Heidegger. Die ethischtheologische Wende der Philosophie nach Heideggers Destruktion der Ontotheologie“ angegeben und neben sechzehn Philosophen auch zwei Theologen eingeladen. Mitorganisatoren sind das Van-Leer-Institut Jerusalem und das Franz-Rosenzweig-Center der Hebräischen Universität Jerusalem; eine Tatsache, die für den ersten Teil der späteren Debatte noch von Bedeutung sein wird. Diese Debatte allerdings entsteht langsam und findet als Inszenierung in drei Akten statt. Gegenstand der weiteren Ausführungen ist es demnach, Anlässe, Aufbau und die zum Teil deutlich erkennbare Inszenierung des Ä0HWD6NDQGDOV³ 1 seitens der Beteiligten offenzulegen und
gegebenenfalls zu interpretieren. Dabei soll zunächst eine kurze Zusammenfassung und Analyse der umstrittenen Passagen der Rede vom 17. Juli 1999 folgen.
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'LHGHQ0HWD6NDQGDODXVO|VHQGHQ3DVVDJHQ
Schon der Titel der sogenannten „Elmauer Rede“ - Ä5HJHOQ IU GHQ 0HQVFKHQSDUN (LQH $QWZRUW DXI GHQ +XPDQLVPXVEULHI³ - erregt im Verlauf der Debatte Anstoß. Der Redetext selbst ist von Sloterdijk als direkte Auseinandersetzung mit Martin +HLGHJJHUV Ä%ULHI EHU GHQ +XPDQLVPXV³ von 1946 konzipiert; er nimmt zudem Bezug auf Friedrich Nietzsches Ä=DUDWKXVWUD³ und Platons Ä3ROLWHD³ und Ä3ROLWLNRV³. Kritiker definieren Sloterdijks Vortrag
jedoch als Interpretation und Fortschreibung des Heideggerschen Briefes.
Diese sei der Form nach brillant, in ihrer Intention aber nichts weniger als ungeheuerlich. 2
Sloterdijk entwickelt in seinem Text zunächst eine völlig neue Geschichte des Humanismus, indem er von einer Definition des Humanismus als Lese-, Schreib- oder Briefkultur ausgeht - einer Kultur des geschriebenen Wortes also.
Seiner Ansicht nach existiert der Humanismus nur innerhalb einer literarischen Gesellschaft. Deren Muster erweitere sich in den bürgerlichen Nationalstaaten des 19. und 20. Jahrhunderts zur Norm der politischen Gesellschaft.
1 Sloterdijk, Peter: Die Kritische Theorie ist tot. Offener Brief an Thomas Assheuer und Jürgen Habermas, in: ZEIT 54 / 37 (1999).
2 Stephan, Rainer: SZ (1999). 6 Seite - -
ÄGXUFKDOSKDEHWLVLHUWH Die Völker seien in diesem Zeitraum demnach
=ZDQJVIUHXQGVFKDIWVYHUElQGH³, eingeschworen auf einen im jeweiligen Nationalraum verbindlichen Ä/HNWUHNDQRQ³. So habe der Humanismus in der Zeit von 1789 bis 1945, der Zeit
des Nationalhumanismus, den Alt- und Neuphilologen als Vollmacht dafür gedient, der Jugend die Klassiker aufzuzwingen. 3
Dadurch jedoch werden auch die bürgerlichen Nationen selbst in Sloterdijks Verständnis zu literarischen Produkten. Die heutige Gesellschaft, eine von der Telekommunikation geprägte Massengesellschaft,könne nicht durch die Literatur zusammengehalten werden. So sei diese Epoche unwiderruflich abgelaufen, denn Ä[PRGHUQH]*URJHVHOOVFKDIWHQN|QQHQLKUH SROLWLVFKH XQGNXOWXUHOOH 6\QWKHVLV QXUQRFKPDUJLQDOEHUOLWHUDULVFKHEULHIOLFKHKXPDQLVWLVFKH 0HGLHQSURGX]LHUHQ>@'LHbUDGHVQHX]HLWOLFKHQ+XPDQLVPXV>DOV6FKXOXQG%LOGXQJVPRGHOO@ LVW DEJHODXIHQ ZHLO GLH ,OOXVLRQ VLFK QLFKW OlQJHU KDOWHQ OlVVW SROLWLVFKH XQG |NRQRPLVFKH *URVWUXNWXUHQ N|QQWHQ QDFK GHP DPLDEOHQ 0RGHOO GHU OLWHUDULVFKHQ *HVHOOVFKDIW RUJDQLVLHUW ZHUGHQ³ 4
Damit wird, nach Sloterdijks Ansicht, Literatur zur Subkultur und die somit post-literarische Gesellschaft gleichzeitig auch post-humanistisch.
Sloterdijk leitet nun über zur Diskussion der Fragen, die sich aus seiner These ergeben. Dabei interpretiert er zunächst die Zielsetzung des Humanismus neu: Der Humanismus habe immer ein Ä:RJHJHQ³ gehabt, nämlich die Ä%HVWLDOLVLHUXQJGHV0HQVFKHQ³. So sei das Ziel des Humanismus
der Versuch, den Menschen durch das Lesen zu entbestialisieren. 5
Nun entsteht Sloterdijks zweite und wichtigste These des Vortrages in der genauen Auseinandersetzung mit Martin HeideggersÄ%ULHIEHUGHQ+XPDQLVPXV³ (von 1946). Sloterdijk interpretiert Heideggers Absage an den Begriff „ Humanismus“ als Strategie, um die ÄZLUNOLFKH 'HQNDXIJDEH³ wiedererfahren zu können, welche ÄLQ GHU KXPDQLVWLVFKHQ RGHU PHWDSK\VLVFKHQ 7UDGLWLRQEHUHLWVDOVJHO|VWVFKHLQHQZROOWH³ 6
3 Sloterdijk, Peter: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortbrief über den Humanismus, in: Geerk, Frank (Hg.): Kultur und Menschlichkeit. Neue Wege des Humanismus, Basel: Schwabe 1999, 275. 4 Ebd., 276.
5 Ebd., 277. 6 Ebd., 280. 7 Seite - -
Für Heidegger könne der Humanismus in seinen drei Spielarten Christentum, Marxismus und Existentialismus nicht die Lösung sein, da ÄGHU 0HQVFK VHOEVW PLWVDPW VHLQHQ 6\VWHPHQ PHWDSK\VLVFKHU6HOEVWEHUK|KXQJXQG6HOEVWHUNOlUXQJGDV3UREOHP³ 7 sei. Heidegger erkläre zudem, dass ÄLQVHLQHP:HUNYRQ6HLQXQG=HLWJHJHQGHQ+XPDQLVPXVJHGDFKW >ZHUGH@ QLFKW ZHLO GLHVHUGLHKXPDQLWDVEHUVFKlW]WKDEHVRQGHUQZHLOHUVLHQLFKWKRFKJHQXJ DQVHW]H³ 8
Deshalb wolle Heidegger den Menschen in eine Zähmung einbeziehen, die tiefer gehe als die ÄKXPDQLVWLVFKH(QWEHVWLDOLVLHUXQJ³ 9 ; er wolle ihn in eine Ä(QWVSUHFKXQJ]XP6HLQ³ 10 binden, den
Menschen zumÄ+WHUGHV6HLQV³ 11 machen. Damit stelle er den Menschen damit unterdas Sein.
Heidegger habe damit die Epochenfrage formuliert:
Was zähmt noch den Menschen, ÄZHQQ GHU +XPDQLVPXV DOV 6FKXOH GHU 0HQVFKHQ]lKPXQJ VFKHLWHUW"³ 12
In einem Rekurs auf Nietzsche formuliert Sloterdijk weiter: Der Mensch sei ohnehin selbst bereits Züchter des Menschen gewesen, durch die Verhaltensnormen der Gesellschaft beispielsweise. Sloterdijk setzt dann, mit einem weiteren Sprung in seiner Argumentation, die Begriffe Ä=lKPHQ³ und Ä=FKWHQ³ gleich. Diese dritte These bildet den Ausgangspunkt für seine weiteren Ausführungen über die sogenannten Ä$QWKURSRWHFKQLNHQ³ - seine Wort-Neuschöpfung für die
Möglichkeiten der Gentechnik und der vorgeburtlichen Diagnostik.
Der Mensch habe, indem er die Ä6HOEVW]FKWXQJ³ betrieb, den Rahmen des Humanismus verlassen, da dieser immer nur bis zur Ä=lKPXQJVXQG(U]LHKXQJVIUDJH³, aber niemals weiter denken dürfe.
Heute müsse sich das Denken dieser Aufgabe stellen, das Denken der Domestikation sei das große Ungedachte:
Ä(VLVWGLH6LJQDWXUGHVWHFKQLVFKHQXQGDQWKURSRWHFKQLVFKHQ=HLWDOWHUVGDVV0HQVFKHQPHKUXQG PHKUDXIGLHDNWLYHRGHUVXEMHNWLYH6HLWHGHU6HOHNWLRQJHUDWHQDXFKRKQHGDVVVLHVLFKZLOOHQWOLFK LQGLH5ROOHGHV6HOHNWRUVJHGUlQJWKDEHQPVVWHQ>@(VJLEWHLQ8QEHKDJHQLQGHU0DFKWGHU :DKOXQGHVZLUGEDOGHLQH2SWLRQIU8QVFKXOGVHLQZHQQ0HQVFKHQVLFKH[SOL]LWZHLJHUQGLH 6HOHNWLRQVPDFKWDXV]XEHQGLHVLHIDNWLVFKHUUXQJHQKDEHQ³ 13
7 Sloterdijk, Menschenpark, 280.
8 Ebd., 281. 9 Ebd., 282. 10 Ebd.
11 Ebd. 12 Ebd., 284. 13 Ebd., 290. 8 Seite - -
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Thorsten Schreiber, 2002, Der Sloterdijk-Skandal, München, GRIN Verlag GmbH
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am Friday, October 01, 2004-