3. Anmerkungen und Diskussion 29
3.1 Zur Aussagekraft der Quellen 29
3.2 Mögliche Konsequenzen: Anregungen für die deutsche Schulreformdiskussion 29
3.2.1 Die notwendige Förderung der Schwachen 30
3.2.2 Die positive Einstellung 31
3.2.3 Das dreigliedrige Schulsystem: Umstrukturierung in eine Gesamtschule 32
4. Literaturhinweise 34
4.1 www 35
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1. PISA 2000: Traumergebnisse für Finnland? Seit der PISA-Studie (PISA 2000) ist Finnland hierzulande in aller Munde. Jeder weiß von den beeindruckenden Ergebnissen, die Finnland offensichtlich ein erfolgreiches schulisches Konzept bescheinigen.
Zwei ausgewählte Beispiele der Ergebnisse der PISA-Studie sollen das hervorragende Abschneiden zusammenfassen und auf den Punkt bringen.
1.1 Die Gesamtskala Lesen
Die linke Abbildung zeigt die Testleistungen im Bereich der Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler in den Teilnehmerstaaten im Vergleich. Auffallend an dem finnischen Ergebnis ist die
nicht einmal die Kompetenzstufe I erreichen konnten. Am anderen Ende gibt es zwar auch eine „Spitze“, die auf der Kompetenzstufe V liegt, sie ist im Verhältnis allerdings recht gering und kann über den schwachen Durchschnitt (Kompetenzstufe III) kaum hinwegtäuschen. Da Lesen eine kulturelle Grundtechnik ist, ein Werkzeug für die Aneignung, Organisation und Anwendung von Wissen, ein Mittel zum Aufbau, zur Erweiterung, Revidierung und Bestätigung von Wissensstrukturen und unserem Denken allgemein (vgl. PISA 2000, S. 69ff), stellt es die Basis für alle anderen Wissensgebiete und Disziplinen dar. Wie kann das deutsche Schulsystem es zulassen, so viele schwache Schüler hervorzubringen, die man beinahe als Analphabeten bezeichnen könnte (vgl. Beispieltestaufgaben und Zuordnungen zu den Kompetenzstufen, z.B. PISA 2000, S. 88 ff)? Und wie ist andererseits die geringe oder sogar nicht vorhandene Zahl an wirklich schwachen Schülern in Finnland zu erklären, die diese grundlegende Kulturtechnik nicht oder kaum beherrschen?
1.2 Die sozialen Gradienten der Lesekompetenz für ausgewählte Staaten
Eine Teilerklärung des oben dargestellten Ergebnisses liefert die folgende Grafik, die andererseits wieder neue Fragen aufwirft. Die Grafik veranschaulicht den Zusammenhang zwischen sozialer
Herkunft und Lesekompetenz. Jugendliche aus gehobeneren Sozialschichten erreichen im Durchschnitt bessere Leistungen als Jugendliche aus Familien mit einem sozioökonomisch niedrigen Status.
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Dieser Zusammenhang ist weitgehend linear, aber keinesfalls deterministisch, da es zahlreiche Ausnahmen gibt. Der soziale Gradient für Deutschland ist einerseits der steilste – hier ist also die soziale Herkunft mit dem Kompetenzerwerb am stärksten gekoppelt, andererseits beträgt die Leistungsdifferenz zwischen den finnischen und den deutschen Schülern bei Kontrolle der Sozialschichtzugehörigkeit fast eine Kompetenzstufe. Es mag überraschen, dass der soziale Gradient selbst in den Vereinigten Staaten auf höherem Niveau und flacher verläuft als bei uns. Außerdem ist der Abbildung zu entnehmen, dass sich die Schere im unteren sozialen Bereich öffnet (oben wird sie durch den Gradienten Finnlands, unten durch den Deutschlands begrenzt), während sie im oberen Bereich relativ konvergent ist.
Finnland entkoppelt die soziale Herkunft vom Kompetenzerwerb ohne einen Niveauverlust in Kauf zu nehmen, im Gegenteil, das Gesamtniveau ist im Vergleich – durch die Lockerung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Schulerfolg – sogar am höchsten. Diese „Optimierung beider Gesichtspunkte – Sicherung eines hohen Kompetenzniveaus und Verminderung sozialer Disparitäten – hängt maßgeblich vom Erreichen eines befriedigenden Niveaus der Lesekompetenz in den unteren Sozialschichten ab.“ (vgl. PISA 2002, S. 386ff; Zitat: S. 389)
In Deutschland erreichen 10% der Schüler nicht einmal die unterste Lesekompetenzstufe, 13% kommen über die unterste nicht hinaus. Diese Schüler haben meist einen sozioökonomisch schwachen Hintergrund, der wiederum häufig ein Migrationshintergrund ist: 20% der 15-Jährigen mit Migrationshintergrund erreichen nicht einmal die unterste Lesekompetenzstufe, ganze 50% kommen über die unterste nicht hinaus.
Wie beugt das finnische Schulsystem solchen Ergebnissen vor? Was können wir an unserem System ändern, um Kinder aus den unteren Sozialschichten nicht zu benachteiligen? Insbesondere im letzten Kapitel dieser Arbeit werde ich auf diese Fragen zurückkommen.
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2. Mögliche Gründe für das überragende Abschneiden im internationalen
Vergleich
Wie sind die beachtlichen Ergebnisse Finnlands, wie ist dieser Erfolg zu erklären? Bereits beim Betreten finnischer Schulen bzw. beim Gespräch mit Involvierten und Verantwortlichen erhält der Besucher einen Gesamteindruck, der sich von den Zuständen in Deutschland stark unterscheidet: Piri und Domisch sprechen von einer „Schulkultur der Kooperation und Innovation“, deren Verantwortliche eine „unbefangene, offene und pragmatische Betrachtungsweise“ hätten. Als einen weiteren Faktor für die positiven Ergebnisse finnischer Schüler nannten ihnen die Besucher fast ausnahmslos „die gute und zukunftsoptimistische Grundeinstellung bei der Arbeit von Lehrern und Schülern.“ (vgl. Piri/Domisch, 2002, S. 43). Eine positive Ausnahmesituation sehen die Autoren an den finnischen Schulen jedoch nicht.
„Ist Finnland das gelobte Land blühender Schullandschaften, in denen paradiesische Zustände Lehrer und Schüler in den siebten Himmel der Pädagogik versetzen? Bestimmt nicht. Ist die finnische Jugend von den Lastern und Versuchungen der modernen Zivilisation am Rande Europas verschont geblieben? Auch das nicht. [...] Die [...] Erziehungsprobleme in Familien und Schulen – wie z.B. der Rückzug der Familien aus der Erziehungs-verantwortung, zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen oder zunehmende Drogengefahr – sind in Finnland in demselben Maße vorhanden wie sonst wo.“ (vgl. Piri/Domisch, 2002, S. 43)
Demnach ist Finnland bei weitem kein Schulparadies. Trotzdem ist Schule dort anders als bei uns, da irgendwie diese „positive Grundeinstellung“ zur Schule und zum Lernen entstanden sein muss und sich sogar halten kann, obwohl es – wie oben beschrieben - auch in Finnland ähnliche Gesellschafts- und Erziehungsprobleme wie bei uns gibt.
Viele haben ihren Blick in den letzten Monaten auf Finnland gerichtet: Pädagogen, Journalisten, Kultusminister, Lehrer und viele mehr. Sie alle suchen nach den Gründen für das überragende Abschneiden dieses unscheinbaren Landes. Um den Ursachen auf den Grund zu kommen, müssen zwei Bereiche beachtet werden: einerseits der institutionelle bzw. schulische Bereich und andererseits der soziokulturelle Bereich. Innerhalb dieser Bereiche gibt es Überschneidungen. Schulreformen, ebenso wie didaktische Prinzipien sind im Grunde von dem kulturellen Hintergrund kaum zu trennen, da dieser soziokulturelle Hintergrund immer eine Voraussetzung für alle Handlungsprinzipien darstellt.
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Arbeit zitieren:
Anke Reuschling, 2003, Das finnische Schulsystem, München, GRIN Verlag GmbH
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