Die Entstehung der Verbalsysteme in den iberoromanischen Sprachen
von Rafael Sanchez Nitzl
Inhalt
1. Einleitung
2. Vulgärlateinische Grundlagen
2.1. Herausbildung des periphrastischen Perfekts
2.2. Substituierung des synthetischen Futurs durch ein analytisches
2.3. Weitere Entwicklungen
3. Morphologische Entwicklungstendenzen im
Spanischen, Portugiesischen und Katalanischen von der frühromanischen Phase an
3.1. Weiterentwicklung von bereits im Lateinischen vorhandenen Tempora
3.1.1. Verschiebungen innerhalb der Konjugationsklassen
3.1.2. Entwicklungen im Präsens
3.1.3. Entwicklungen im Imperfekt
3.1.4. Synthetisches Perfekt
3.1.5. Synthetisches Plusquamperfekt
3.2. Herausbildung neuer Tempusformen
3.2.1. Analytisches Perfekt / Plusquamperfekt
3.2.2. Futur / Konditional
3.2.3. Konjunktiv Futur
4. Vergleich der heutigen Verbalsysteme mit dem des Lateinischen
5. Verbalperiphrasen in den iberoromanischen Sprachen und ihre Rolle im Verbalsystem
6. Schlußfolgerungen
7. Anmerkungen
8. Bibliographie
1. Einleitung:
"Von den romanischen Sprachen besitzen die iberoromanischen Sprachen [...] eine maximale Kodierungsdichte, sie haben die Kategorien am ′vollständigsten′ ausgebildet; ihre maximalen Tempus- und ′Aspekt′-Systeme können damit quasi ein ′noematisches Netz′ zur Beschreibung aller romanischen Sprachen abgeben."
In der Tat verfügen die iberoromanischen Sprachen etwa im Vergleich zum Französischen über ein äußerst ausdifferenziertes Verbalsystem. Der im allgemeinen eher konservative Charakter der Westromania, was die Bewahrung von vulgärlateinischen Sprachzuständen anbelangt, zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, daß sich hier einige auf lateinische Tempora zurückgehende Verbformen wie das Plusquamperfekt länger als anderswo in der Romania halten konnten.
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel, zunächst die morphologische Entwicklung der einzelnen Tempusformen vom Vulgärlatein über die mittelalterlichen Sprachstufen bis zum Zustand in den heutigen iberoromanischen Sprachen nachzuvollziehen. Darauf aufbauend sollen die Verbalsysteme auf der Grundlage des Modells von E. Coseriu in ihrem semantisch-funktionalen Aufbau beschrieben und einander gegenübergestellt werden, wobei ich der Frage nachgehen werde, welche grundlegenden, das System als solches betreffende Neuerungen es beim Übergang vom lateinischen zum romanischen Verbalsystem zu verzeichnen gibt. Ferner gilt es, die Unterschiede zwischen den einzelnen iberoromanischen Verbalsystemen (falls hier von verschiedenen Systemen gesprochen werden kann) herauszustellen.
Untersucht werden das Katalanische, das Spanische oder Kastilische, das Portugiesische und, soweit Unterschiede zum Portugiesischen bestehen, das Galicische. Die Auswahl der Sprachen ist zunächst rein geographisch bedingt und impliziert kein vorschnelles Urteil über eine mögliche Ähnlichkeit der Verbalsysteme untereinander. Bei den behandelten Tempusformen mußte ich allein schon aus praktischen Gründen eine Auswahl treffen. So habe ich auf die Behandlung von Konjunktivformen weitgehend verzichten, da diese eher dem modalen als dem temporalen Bereich zuzuordnen sind. Allerdings werden im letzten Kapitel auch aspektuelle Verbalperiphrasen behandelt, da diese gerade für die iberoromanischen Sprachen von Bedeutung sind.
2. Vulgärlateinische Grundlagen:
2.1. Herausbildung des periphrastischen Perfekts:
Will man die morphologische Entwicklung der Verbformen in den einzelnen Sprachen der Iberoromania untersuchen, so muß man sich zunächst dem Vulgärlatein, also der gesprochenen Variante des Lateins, zuwenden, denn dort haben zahlreiche der späteren Tendenzen ihren Ursprung (insbesondere was die Entstehung neuer, im klassischen Latein nicht vorhandenen Tempusformen anbelangt).
Die für die Herausbildung der romanischen Verbalsysteme wohl bedeutendste Neuerung ist die Entstehung einer periphrastischen Konstruktion bestehend aus dem Verb HABERE und einem Partizip Passiv, welche die Funktion hatte, das Resultat einer vergangenen Handlung in Bezug auf die Gegenwart auszudrücken. Damit wurde eine Lücke im Tempussystem des klassischen Lateins geschlossen, welches für diese Funktion keine eigene Form besaß.
Dazu muß man sich vor Augen halten, daß die synthetische Form des lateinischen Perfekts (CANTAVI) ursprünglich zwei Bedeutungen in sich vereinte, nämlich einerseits die eines Aorists, um abgeschlossene Handlungen ohne einen Bezug zur Gegenwart auszudrücken, und andererseits die eines eigentlichen Perfekts, für das Resultat einer vergangenen Handlung in der Gegenwart. Im Vulgärlateinischen beschränkte sich das synthetische Perfekt zunehmend auf erstere Funktion, während für die zweite Bedeutung die neue periphrastische Form HABEO + Partitizip Passiv bzw. Part. Pass. + HABEO herangezogen wurde.
Dieser Gebrauch spiegelt sich mitunter bereits in der geschriebenen Sprache. So findet man bei Cicero: "In ea provincia pecunias magnas collocatas habent." Die Periphrase drückt das Ergebnis einer vorangegangenen Handlung aus, wobei das Verb HABERE noch bis weit in die romanische Zeit hinein seinen semantischen Inhalt ′haben, besitzen′ beibehält, und sich erst nach und nach zu einem grammatikalisierten Hilfsverb weiterentwickelt. Analog zur Form HABEO + Part. ist auch schon die Konstruktion mit dem Imperfekt von HABERE belegt, aus der sich dann später das Plusquamperfekt der romanischen Sprachen herausgebildet hat.
Während die Form mit HABERE zunächst auf transitive Verben beschränkt war, entstand für den Gebrauch mit intransitiven Verben, ebenfalls in vulgärlateinischer Zeit, die Periphrase Part. Pass. + ESSE ′sein′. Möglicherweise stand hierbei das Modell der lateinischen Deponensverben Pate. Verben wie LOQUI ′sprechen′ wurden formal wie Passiva gebildet, wodurch die Form locutus sum ′ich habe gesprochen′ funktional dem Perfekt der normalen Verben entsprach. Außerdem existierten im Lateinischen in Verbindung mit ESSE bereits Bildungen mit dem Partizip Futur (VENTURUS SUM) und dem Partizip Präsens (VENIENS SUM), wodurch also die Form *VENTUS SUM als Ergänzung dieses Systems zu erklären wäre.5
[...]
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Rafael Sánchez Nitzl, 1999, Die Entstehung der Verbalsysteme in den iberoromanischen Sprachen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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