1
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Die Sudetendeutschen, das Münchener Abkommen und die
Liquidierung der Tschechoslowakei 4
2.1 Die Sudetendeutschen 4
2.2 Die Maikrise und das Abkommen von München 6
2.2.1 Die Maikrise 6
2.2.2 Das Abkommen von München 7
2.3 Die Liquidierung der Tschechoslowakei 9
3 Die NS-Herrschaft im Gebiet des Protektorats 11
3.1 Die Massaker von Lidice und Ležáky 12
4 Der Weg zur Vertreibung 15
4.1 Die Pläne und Aktivitäten der Exilregierung und die Haltung der
Alliierten 15
4.2 Die endgültige Entscheidung zur Vertreibung 17
5 Die Vertreibung 19
5.1 Der Prager Aufstand und die wilden Vertreibungen 19
5.2 Die geregelten Aussiedlungen 20
5.3 Die Opferzahlen 22
6 Schlussbemerkungen 24
Quellenverzeichnis 25
Primärquellen 25
Sekundärquellen 25
2
1 Einleitung
Die „Überwindung der Teilung Europas [gibt] uns die Freiheit, nun gemeinsam auch mit unseren Nachbarn über die Vergangenheit zu sprechen - über die eigene Leidensgeschichte und über die Leidensgeschichte unserer Nachbarn. Darum ist es gut und begrüßenswert, dass sich immer mehr Menschen mit diesem Thema beschäftigen. […]
Warum? Weil ich überzeugt davon bin, dass wir auch weiterhin über dieses Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte sprechen und nachdenken müssen, damit wir den Weg in die Zukunft finden. Wir müssen darüber sprechen, weil die Menschen, denen unermessliches Leid widerfahren ist, Anspruch auf unser Mitgefühl und unsere Solidarität haben. Wir müssen darüber sprechen, weil die Kultur und die Geschichte der Vertriebenen zu unserer Identität gehören.
Und wir müssen das Gespräch darüber mit unseren polnischen, tschechischen, slowakischen, ungarischen Nachbarn, den anderen Nachbarländern und Freunden suchen, weil zu einer gemeinsamen guten Zukunft auch gehört, dass wir aufrichtig und auf Versöhnung bedacht mit unserer Vergangenheit umgehen.“ 1
Dieser Appell des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler ist geradezu ein Aufruf
an alle Historiker, sich mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zu beschäftigen.
Köhler erkennt, dass die Versöhnung zwischen Deutschland und seinen östlichen
Nachbarn noch lange nicht vollendet ist und, dass gerade nach der Öffnung der
Europäischen Union nach Osten es wichtig ist, den Dialog mit diesen Ländern
voranzutreiben um hier zu einer echten Aussöhnung zu kommen. Die Kritik vom
polnischen Premierminister Jaroslaw Kaczynski 2 und die Diskussion um das mögliche
Ende für Minderheitenrechte Deutscher in Polen 3 zeigen, dass Köhler mit seiner Rede
den Finger in eine wunde Stelle der Beziehungen Deutschlands mit seinen östlichen
Nachbarn legt.
Die vorliegende Arbeit soll diesen Aufruf Köhlers aufgreifen. Allerdings beschäftigt sie
sich nicht mit dem Nachbarn Polen, sondern mit den Vertreibungen in und aus der
Tschechoslowakei. Diese Arbeit soll aber keine Anklageschrift gegen die
Tschechoslowakei sein, vielmehr soll der Versuch unternommen werden, den Dialog in
einer vermittelnden Haltung zu fördern. Daher ist es auch das wichtigste Anliegen der
Arbeit, die Vertreibungen in und aus der Tschechoslowakei nicht als Fehlverhalten
einer Gruppierung zu interpretieren, sondern auch die Vorgeschichte und Hintergründe
zu beleuchten und die Geschichte der Vertreibungen auf dem Boden der
1 Köhler, Horst: Rede beim Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September
2006 in Berlin, http://www.bundespraesident.de/Anlage/original_632737/Rede-beim-Tag-der-Heimat-des-Bundes-der-Vertriebenen.pdf, Stand: 09.09.06, S. 3f.
2 sueddeutsche.de: Polen: Premier kritisiert Köhlers Auftritt bei Vertriebenen,
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/292/84208, Stand: 09.09.06.
3 Urban, Thomas: Vorstoß der polnischen Nationalisten: Deutsche sollen Sonderrechte
verlieren, http://www.sueddeutsche.de/,tt4m3/ausland/artikel/139/85054, Stand: 09.09.06.
3
Tschechoslowakei als eine Anhäufung von Fehlern auf allen Seiten, nicht nur, aber vor allem, auf tschechoslowakischer und deutscher Seite, zu beschreiben. Die Arbeit will also keine Schuldzuweisungen unternehmen, sondern alle Seiten dazu aufrufen, die Aussöhnung voranzutreiben.
Diesem Anspruch folgend, nehmen die ersten beiden Themenkomplexe auch einen großen Bereich der Arbeit ein. So werden die Entwicklung bis zur Proklamation des Protektorats „Böhmen und Mähren“ und die Verhältnisse im Protektorat ausführlich beschrieben. Vom Umfang her etwa gleichgesetzt folgen dem die Planung der Vertreibung der Deutschen und die Vertreibung selbst. Mit einigen abschließenden Bemerkungen werden die Ausführungen schließlich beendet.
4
2 Die Sudetendeutschen, das Münchener Abkommen und die
Liquidierung der Tschechoslowakei
2.1 Die Sudetendeutschen
Die Tschechoslowakei wurde bei ihrer Gründung im Jahr 1919 als Vielvölkerstaat konzipiert. 4 Wesentliche Bevölkerungsgruppen waren Tschechen, Slowaken, Deutsche, und Ungarn (Magyaren). Die größte ethnische Gruppe bildeten nach einer Volkszählung von 1930 die Tschechen (51,2 %), gefolgt von den Deutschen (22,3 %), Slowaken (15,6 %), Ungarn (4,8 %) und Ukrainern (Ruthenen, 3,8 %). Juden, Polen, Zigeuner und andere stellten nur einen kleineren Teil der Bevölkerung (Abbildung 1).
4 vgl. Erdmann, Karl Dietrich: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933-
1939 (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte: Band 20), Deutscher Taschenbuch- Verlag, 11. Auflage, München 1999, S. 247f.
5
Die Deutschen stellten damit von insgesamt ca. 14,5 Millionen Staatsangehörigen knapp über 3,2 Millionen. Die größten Siedlungsgebiete der Deutschen lagen in Böhmen und Mähren-Schlesien, wo sie 32,4 bzw. 22,9 % der Staatsangehörigen ausmachten, wohingegen die Slowakei, vor allem aber die Karpato-Ukraine nur sehr dünn von Deutschen besiedelt waren (4,5 bzw. 1,9 % der gesamten staatsangehörigen Bevölkerung). 5
Die sudetendeutsche Minderheit wurde durch die „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ (DNSAP) und die „Deutsche Nationalpartei“ (DNP) vertreten. 6 Beide Parteien bekundeten öffentlich ihre Sympathie für den deutschen Nationalsozialismus 7 und traten für die Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich ein. 8 Aus diesen Gründen wurden beide sudetendeutschen Parteien im Oktober 1933 verboten und nach ihrer freiwilligen Liquidierung am 11. November 1993 offiziell für aufgelöst erklärt. Bei ihrer Auflösung empfahlen die Parteien ihren Mitgliedern allerdings den Beitritt in die vom Turnlehrer Konrad Henlein geführte „Sudetendeutsche Heimatfront“ (SHF). 9 Zur Parlamentswahl am 19. Mai 1935 wurde die SHF unter dem Titel „Sudetendeutsche Partei“ (SdP) schließlich als Partei formiert und zur Wahl zugelassen. Ihr Wahlkampf und die laufenden Ausgaben wurden mit Wissen Hitlers vom Deutschen Reich finanziert. 10 Aus den Wahlen ging Henleins SdP als stärkste deutsche Partei hervor, welche für sich 44 von 66 deutschen Sitzen im Parlament beanspruchen konnte. 11 Nach der tschechischen Agrarpartei (45 Sitze) war die SdP zweitstärkste Partei im Parlament, welches sich insgesamt aus 291 Abgeordneten aus 13 Parteien zusammensetzte. 12
Spätestens ab diesem Zeitpunkt erkannte Hitler den Nutzen, den die SdP für seine Politik besaß. 13 Durch die wachsende enge Verknüpfung der SdP mit den deutschen Nationalsozialisten hatte er starke Einflussmöglichkeiten auf innenpolitische Prozesse
5 vgl. Bohmann, Alfred: Das Sudentendeutschtum in Zahlen, Sudetendeutscher Rat, München
1959, S. 13.
6 vgl. Erdmann 1999, S. 248.
7 vgl. Hoensch, Jörg K.: Geschichte der Tschechoslowakischen Republik, Kohlhammer, 2. Auflage, Stuttgart 1978, S. 57.
8 vgl. Erdmann 1999, S. 48.
9 vgl. Hoensch 1978, S. 57ff.
10 vgl. ebd., S. 60f.
11 vgl. Erdmann 1999, S. 249.
12 vgl. Mípiková Alena/Segert Dieter: Republik unter Druck, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung: Tschechien (Heft 276), Bonn 2002. Online-Ausgabe: http://www.bpb.de/publikationen/T80IHC,0,0,Republik_unter_Druck.html, Stand: 25.07.06.
13 vgl. Hoensch 1978, S. 70.
6
der Tschechoslowakei und in Henleins Partei ein bestens geeignetes Instrument um die Aufspaltung und Liquidierung der Tschechoslowakei zu forcieren.
2.2 Die Maikrise und das Abkommen von München
2.2.1 Die Maikrise
Nach der Besetzung Österreichs im März 1938 wurde bald klar, dass Hitler sein Augenmerk nun der Tschechoslowakei zuwenden werde. Hitlers Plan war es, die Tschechoslowakei nicht ohne Vorwand in einem Zug zu besetzen, vielmehr wollte er durch diplomatische Manöver eine Krise provozieren, welche mit einem Krieg gegen die Tschechoslowakei endete. Als Auslöser für diese internationale Krise hatte er die sudetendeutsche Frage ausgemacht. 14 Hier konnte er vor allem auf seine Verbindungen zur SdP um Henlein bauen, da dieser sich schon im Jahr 1937 eindeutig als Anhänger des Nationalsozialismus zu erkennen gegeben hatte. 15 Während eines Besuches Henleins in Berlin gab Hitler ihm am 28. März die Anweisung, die tschechoslowakische Regierung mit unannehmbaren Forderungen zu konfrontieren. 16 Im „Karlsbader Programm“ der SdP von Ende April wurden weit reichende Forderungen an die Regierung festgeschrieben, wie etwa eine vollständige Autonomie, welche für die Tschechoslowakei einen totalen Umbau des Staates bedeutet hätten. 17 Eine stärkere Autonomie oder gar die Abspaltung des Sudetenlandes hätte für die Tschechoslowakei sowohl wirtschaftlich als auch militärisch einen sehr großen Verlust bedeutet, da hier nicht nur ein großer Teil der tschechoslowakischen Industrie beheimatet war, sondern auch die Befestigungsanlagen der tschechoslowakischen Armee zur Abwehr eines deutschen Angriffes errichtet waren. 18 Hitler forcierte die Entwicklung in der Tschechoslowakei und gab zu erkennen, dass er die „tschechische Frage noch im Herbst mit Gewalt lösen“ 19 wolle. Auch ein Eingreifen der Partner der Tschechoslowakei, Frankreich und England, würde ihn nicht von dieser Meinung abbringen können. 20 Nach verstärkten Truppenverschiebungen des deutschen Heeres in Schlesien, Sachsen und Bayern wurde von der
14 vgl. Sirois, Herbert: Zwischen Illusion und Krieg: Deutschland und die USA 1933-1941, Schöningh, Paderborn 2000, S. 119.
15 vgl. Erdmann 1999, S. 249.
16 vgl. ebd., S. 251.
17 vgl. Hoensch 1978, S. 76f.
18 vgl. Sirois 2000, S. 119.
19 von Weizsäcker: Aufzeichnung vom 19. August 1938, in: Akten zur deutschen Auswärtigen Politik (ADAP) D II, Nr. 324, S. 473, zitiert nach: Michaelis, Klaus: 1938: Krieg gegen die Tschechoslowakei, Michaelis, Berlin 2004, S. 157.
20 vgl. ebd.
Quote paper:
Diplom-Politologe Martin H. Hetterich, 2006, Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Der Flächennutzungs- und Bebauungsplan als Instrument der kommunalen P...
Geography / Earth Science - Demographics, Urban Management, Planning
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Der Weg nach München - Wie kam es zur Münchener Konferenz und was ware...
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 31 Pages
Diskussion über die Benes-Dekrete aus Anlass des EU Beitritt Tschechie...
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Die Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 21 Pages
Analyse des Telekommunikationsmarktes der EU-Beitrittsländer am Beispi...
Engineering - Industrial Engineering and Management
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Schemata in der Wahrnehmung - Scripts und ihre Verletzung in Karel Cap...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Minderheiten und Minderheitenpolitik in der Tschechischen Republik im ...
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 15 Pages
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Die Aufsplittung und Eingliederung der Tschechoslowakei in das Deutsch...
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Zwischen Neutralität und Fehleinschätzung - Hitlers 'großzügiges A...
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholarly Essay, 17 Pages
Rilkes symbolistisches Schaffen in Prag am Beispiel der Gedichtsammlun...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Internationale Minderheiten in Tschechien
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Die Vertreibung der Sudetendeutschen
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Martin H. Hetterich has published the text Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei
Martin H. Hetterich has uploaded a new text
Geschichte der deutschen Literatur 2: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gege...
Bengt Algot Sørensen
Deutsche Texte der Salierzeit - Neuanfänge und Kontinuitäten im 11. Ja...
Stephan Müller, Jens Schneider
Die deutschen Kunstakademien im 19. Jahrhundert
Künstlerausbildung zwischen Tr...
Ekkehard Mai
Kursthemen Deutsch. Schreibweisen des Realismus. Vom 19. Jahrhundert b...
Dietrich Erlach, Bernd Schurf
0 comments