Konversationelle Implikaturen
von Julia Reichert
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung
2. Grundlagen zu Grices Theorie der konversationellen Implikaturen
2.1 Grices Theorie des Meinens
2.2 Sagen und Implikieren in der Griceschen Theorie
3. Grices Theorie der konversationellen Implikaturen
3.1 Die Ausbeutung der Maximen
3.2 Merkmale konversationeller Implikaturen
3.3 Arten von Implikaturen
3.3.1 Konventionelle Implikaturen
3.3.2 Nicht-konventionelle Implikaturen
3.3.2.1 Nicht-konversationelle Implikaturen
3.3.2.2 Konversationelle Implikaturen
3.3.2.2.1 Partikularisierte Implikaturen
3.3.2.2.2 Generalisierte Implikaturen
4. Anwendung der Griceschen Theorie - Das Präsens im Deutschen
5. Bibliographie
1. Einleitung
Immer wieder wird in der Tradition der Linguistik versucht, den Begriff der Semantik durch die ihr zugeschriebenen Aufgaben zu definieren. Frege beispielsweise sieht die Aufgabe einer Semantik darin, die wörtliche Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken so zu definieren, daß sich die wörtliche Bedeutung eines komplexen Ausdrucks aus den wörtlichen Bedeutungen seiner einzelnen Teile und deren Anordnung ergibt. Außerdem soll die Semantik mit Hilfe der Bedeutungen eines Aussagesatzes festlegen, unter welchen Bedingungen dieser Satz wahr ist. Diese Auflagen sollen zu einer Verständigungstheorie beitragen, zu deren Hauptaufgabe es gehört zu definieren, was "mit der Äußerung eines bestimmten Satzes bei einer bestimmten Gelegenheit zum Ausdruck" gebracht und verstanden wird. Die Gebrauchstheorie der Bedeutung dagegen geht davon aus, daß die wörtliche Bedeutung eines Satzes "möglichst viel Aufschluß darüber gibt, welche kommunikative Rolle die Äußerung dieses Satzes in einer Sprachgemeinschaft spiel[t] [...], in der diese Sprache zum Zwecke der Verständigung benutzt wird" . Die Gesamtheit dessen, was mit der Äußerung eines bestimmten Satzes bei einer bestimmten Gelegenheit ausgedrückt und verstanden wird, bezeichnet den Äußerungsinhalt, also alles, was mit einer Äußerung inhaltlich übermittelt wird. Der Satzinhalt dagegen bezeichnet die Wahrheitsbedingungen, die von der wörtlichen Bedeutung einer bestimmten Äußerung bei einer bestimmten Gelegenheit festgelegt werden - also das, was der Satz selbst mit Hilfe seiner wörtlichen Bedeutung übermittelt.
Das Problem der gebrauchstheoretischen Richtung ist nun, daß die "unübersichtliche Mannigfaltigkeit der Äußerungsinhalte ein und desselben Satzes" kaum in eine kompositionale Bedeutungstheorie gezwängt werden kann, wie Frege dies von einer Semantik verlangt. Die Frege-Tradition wiederum sieht sich mit dem Problem konfrontiert, daß der enorme Abstand zwischen dem enggefaßten Satzinhalt und dem viel weiteren Äußerungsinhalt kaum durch eine Theorie überbrückt werden kann.
Einen Ansatz zur Lösung des Problems der Frege-Tradition bildet die Theorie der konversationellen Implikaturen von Paul Grice. Mit Hilfe dieser Theorie ist es möglich, von einem enggefaßten Satzinhalt auf einen inhaltlich weit entfernten Äußerungsinhalt zu schließen.
In dieser Arbeit sollen die Grundlagen zu Grices Theorie der konversationellen Implikaturen sowie auch die Theorie selbst vorgestellt und im weiteren auch angewendet werden.
2. Grundlagen zu Grices Theorie der konversationellen Implikaturen
Grices Theorie der konversationellen Implikaturen stellt eine Rekonstruktion der sprachlichen Verständigung dar. Dabei geht es aber nicht darum, was im Bewußtsein des Sprechers und des Adressaten bei einer solchen sprachlichen Verständigung vorgeht, sondern darum, wie sich der Vorgang bei einer sprachlichen Verständigung als ein rationaler Prozeß darstellen läßt. Nach Grices Theorie ist sprachliche Verständigung eine Form von rationaler Beeinflussung: der Sprecher versucht mit Hilfe einer sprachlichen Äußerung den Adressaten in einer rational gesteuerten Weise zu beeinflussen, und der Adressat überwacht diesen Versuch der Beeinflussung in rationaler Art und Weise. Eine grundlegende Auffassung der Theorie von Grice ist also der rationale Aspekt des alltäglichen Redens, aus dem sich dann der Äußerungsinhalt ergibt.
Der Kern dieser Theorie rationaler Verständigung ist Grices Theorie des Meinens, welche die Basis für seine Theorie der konversationellen Implikaturen bildet.
2.1 Grices Theorie des Meinens
Grice definiert meinen als den Versuch, mit einer Handlung bzw. sprachlichen Äußerung "dem Adressaten Gründe für eine Annahme oder Handlung seinerseits zu geben" . Der Kern dieser Theorie des Meinens ist, daß die Handlung bzw. sprachliche Äußerung, "mit der etwas gemeint wird, diese Gründe nicht allein dank ihren natürlichen Eigenschaften bereitstellt, sondern nur dank des Umstands, daß sie solche Gründe bereitstellen soll" . Da der Adressat nicht aus der Handlung selbst entnehmen kann, was er nach den Wünschen des Handelnden entnehmen soll, muß er folgenden Gedankengang anstellen:
[...]
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Julia Reichert, 2001, Konversationelle Implikaturen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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