„So wie Wolfgang Koeppen nicht ohne William Faulkner ist Horst Buchholz nicht ohne James Dean und Wim Wenders nicht ohne Francis Ford Coppola zu denken,“ schreibt Heinz Bude in der Einleitung seines Buches Westbindungen: Amerika in der Bundesrepublik.Ohne amerikanischen Kulturtransfer behauptet er also, hätten deutsche Schriftsteller, Schauspieler und Regisseure anders gewirkt. Bedeutet dies also, dass es eine kulturelle Amerikanisierung in der amerikanischen Besatzungszone und der BRD gegeben hat, wenn Kulturmuster von bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens kopiert worden sind? Dies gilt es im Nachfolgenden an Hand von Beispielen zu hinterfragen.
Um dies nachprüfen zu können, beschäftigt sich die Verfasserin zuerst mit der Problematik der Kulturdefinition in der amerikanischen Besatzungszone und der BRD, um dann auf das Bild Amerikas als Kulturnation in Nachkriegsdeutschland einzugehen Anschließend hat sich diese Arbeit zur Aufgabe gemacht, die Re-education-Politik und den damit verbundenen US-Kulturtransfer intensiver zu betrachten. Dabei wird auf zwei Institutionen näher eingegangen: Die so genannten Amerikahäuser und der Radiosender AFN. Hierbei soll analysiert werden, inwieweit diese eine eventuelle Amerikanisierung einzelner kultureller Bereiche vorangetrieben haben.
Aus diesen Überlegungen gewinnt die Verfasserin die Überzeugung, dass von einer kulturellen Amerikanisierung der amerikanischen Besatzungszone und der BRD im Allgemeinen zwar nicht gesprochen werden kann, dass es in einzelnen Bereichen der Kultur innerhalb einzelner Bevölkerungsgruppen aber eine Amerikanisierung oder zumindest Ansätze einer solchen gegeben hat.
Zum Erstellen dieser Arbeit wurden vor allem Zwischen Abendland und Amerika und Moderne Zeiten von Axel Schildt sowie Tatjana Domentat Coca Cola, Jazz und AFN verwandt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Problematik der Kulturdefinition
3. Amerika als Kulturnation?
Das Bild des kulturellen Amerikas nach 1945
4. Die Re-education-Politik
4.1 Amerikahäuser
4.2 American Force Network
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die These einer kulturellen Amerikanisierung der US-Besatzungszone und der späteren Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1945 bis 1970, indem sie das komplexe Wechselspiel zwischen US-amerikanischem Kulturtransfer und deutscher Rezeption analysiert.
- Die Problematik der Kulturdefinition im Nachkriegsdeutschland
- Das ambivalente deutsche Amerikabild und die Rolle der Stereotypen
- Die Ziele und Maßnahmen der US-amerikanischen Re-education-Politik
- Die Funktion der Amerikahäuser als kulturelle Informationszentren
- Der Einfluss des Soldatensenders AFN auf die deutsche Radiolandschaft
Auszug aus dem Buch
4.1 Amerikahäuser
Eine der wohl umfassendsten und einflussreichsten Initiativen im Sinne der Re-eduaction-Politik war die Gründung von American Information Centers in der US-Besatzungszone und der BRD. Diese ab 1947 auch Amerikahäuser genannten Einrichtungen wurden zuerst in der ganzen US-amerikanischen, später auch in der britische Besatzungszone, nach dem Vorbild von U.S. public libraries gegründet. Zusätzlich zur Möglichkeit Bücher auszuleihen, sollte dementsprechend ein reichhaltiges Kulturprogramm geboten werden.
Mit dieser Initiative griffen die USA ein traditionelles Konzept amerikanischer auswärtiger Kulturpolitik auf, das im 19. Jahrhundert mit dem Versenden von Büchern US-amerikanischer Autoren ins Ausland seinen Anfang nahm. Besonders bewährt hatte sich das System der US-Bibliotheken im Ausland bereits in Lateinamerika, wo besonders während der NS-Zeit viele ähnliche Einrichtungen gegründet wurden, um den antidemokratischen deutschen Einfluss in den südamerikanischen Länder zurückzudrängen. Der gleiche Gedanke stand hinter den Gründungen von Amerikahäusern in der amerikanischen Besatzungszone und der BRD. US-Kulturgut in Form von Büchern, Filmen, Vorträgen und ähnlichem sollte unterbewusst ein westliches Demokratieverständnis vermitteln und die Amerikahäuser somit als „kulturelles Fenster zum Westen“ fungieren.
Darüber hinaus ging es natürlich darum, ein positives Bild der Besatzungsmacht zu zeichnen, über die USA zu informieren und vor allem Stereotype zu zerstreuen. Amerikanische Kultureinrichtungen sollten das weit verbreitete Bild der USA als kulturlose Nation konterkarieren. In der Selbstdefinition der information center heißt es 1946 darum auch: „An Information Center is a carefully planned combination of Documentation Center and public relations agency.“ Mit der Verschärfung des Ost-West-Konflikts wurde die antikommunistische Positionierung der Amerikahäuser fokussiert, ab 1947 stattete man die Büchereien verstärkt mit antikommunistischer Literatur aus. Antisowjetische Themen wurden zunächst kaum ins Kultur- und Informationsprogramm der Häuser aufgenommen, um nicht den Anschein der information center als Propagandainstitutionen zu erwecken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung erläutert den amerikanischen Kulturtransfer und formuliert die Fragestellung nach einer kulturellen Amerikanisierung in Deutschland.
2. Die Problematik der Kulturdefinition: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Schwierigkeiten, den Kulturbegriff in der Nachkriegsgesellschaft neu zu definieren und gegen bürgerliche Vorbehalte abzugrenzen.
3. Amerika als Kulturnation?: Hier wird die zwiespältige Haltung der Deutschen gegenüber den USA beleuchtet, die zwischen Bewunderung für den Modernitätsgrad und der Ablehnung durch das Bildungsbürgertum schwankte.
4. Die Re-education-Politik: Dieses Kapitel analysiert die Maßnahmen der US-Militärregierung, um durch den Export von Medien und Bildung demokratische Wertvorstellungen in Deutschland zu verankern.
4.1 Amerikahäuser: Es wird die Rolle der Information Centers als Institutionen für den kulturellen Austausch und zur Verbreitung US-amerikanischer Werte untersucht.
4.2 American Force Network: Dieses Kapitel zeigt auf, wie der Radiosender AFN durch moderne Musikformate die deutsche Radiolandschaft nachhaltig prägte.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit stellt fest, dass eine flächendeckende Amerikanisierung nicht nachweisbar ist, wohl aber selektive Übernahmen in spezifischen Bereichen durch bestimmte Bevölkerungsgruppen.
Schlüsselwörter
Amerikanisierung, Kulturtransfer, Re-education, Westbindungen, Amerikahäuser, AFN, Populärkultur, Demokratisierung, Besatzungszone, Nachkriegsdeutschland, Massenkultur, Identitätsbildung, Radiokultur, US-Militärregierung, Kulturdefinition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen des amerikanischen Kulturtransfers auf Deutschland zwischen 1945 und 1970 unter der speziellen Betrachtung, ob eine tiefgreifende „Amerikanisierung“ der Kultur stattgefunden hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Re-education-Politik, der Einfluss von US-Institutionen wie den Amerikahäusern sowie die Rolle der amerikanischen Popkultur und Radiosender für das deutsche Nachkriegspublikum.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu überprüfen, inwieweit die US-amerikanischen Einflüsse von der deutschen Bevölkerung aktiv angenommen und in das eigene Kulturverständnis integriert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche Analyse, die den Diskurs über Kulturdefinitionen mit einer Untersuchung spezifischer Institutionen und deren Wirkung auf verschiedene soziale Gruppen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Kulturdefinition, die Rolle von Amerika als vermeintlicher Kulturnation, die Re-education-Politik sowie die detaillierte Betrachtung der Amerikahäuser und des AFN-Radiosenders.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Amerikanisierung, Kulturtransfer, Re-education, Information Centers, AFN und die soziokulturelle Transformation im Nachkriegsdeutschland.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen „Hochkultur“ und „Populärkultur“ eine so wichtige Rolle?
Die Arbeit zeigt, dass die Ablehnung amerikanischer Einflüsse oft über den Schutz einer elitären „Hochkultur“ begründet wurde, während die Bevölkerung die US-amerikanische Populärkultur als attraktive Alternative wahrnahm.
Wie bewertet die Autorin den Erfolg der Amerikahäuser?
Die Amerikahäuser waren zwar populär, wurden aber primär von einer jungen, urbanen Elite genutzt. Ihr Erfolg ist laut der Autorin eher auf den Mangel an eigenen kulturellen Angeboten im zerstörten Deutschland zurückzuführen als auf eine tiefe kulturelle Identifikation.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der „Amerikanisierung“?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass von einer generellen Amerikanisierung nicht gesprochen werden kann, da die Übernahme kultureller Muster selektiv erfolgte und stark vom Willen des Rezipienten abhing.
- Arbeit zitieren
- Janine Schildt (Autor:in), 2005, Der Amerikanische Kulturtransfer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/67185