Proseminararbeit WS 05/06
Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8 Sara Stöcklin-Kaldewey
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 1
2. Der Text in seiner Sprache und Form
2.1. Übersetzung 1
2.2. Textkritik 2
2.3. Kontextanalyse 5
2.4. Strukturanalyse 6
2.4.1. Strukturanalyse 1. Thessalonicher 6
2.4.2. Strukturanalyse 1. Thessalonicher 4,1-8 6
2.5. Sprachlich-syntaktische Analyse 7
2.5.1. Wortschatz 7
2.5.2. Wortarten und -formen 7
2.5.3. Verknüpfungen von Wörtern und Sätzen 8
2.5.4. Stilmerkmale 8
2.6. Semantik und Intertext 9
2.6.1. Wortsemantik 9
2.6.2. Textsemantik 12
2.6.3. Intertext 13
3. Der Text als Teil eines Kommunikationsvorgangs
3.1. Gattungsanalyse 15
3.2. Pragmatische Analyse 17
3.3. Historische Rekonstruktion 18
3.3.1. Autor 18
3.3.2. Adressaten 19
3.3.3. Abfassungszeit und -situation 20
4. Interpretation
4.1. skeu oj als „Frau“: Feministische Interpretation 21
4.2. skeu oj als „Körper“: Eigene Interpretation 22
4.3. skeu oj als „Werkzeug des Heiligen Geistes“: Bezug
zum heutigen Leser 24
5. Schluss 25
Bibliographie 26
i
Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
1. Einleitung
Die folgende Arbeit im Rahmen des Proseminars „Einführung in die Exegese des Neuen Testaments“ ist ein Versuch, die Perikope 1 Thess 4,1-8 einer akkuraten Analyse und Interpretation zu unterziehen.
Besagte Perikope wird bei oberflächlicher Lektüre des Neuen Testaments aus zwei Gründen gerne überflogen: Die Vieldeutigkeit oder mangelnde Transparenz mehrerer Begriffe erschweren das Verständnis und der Inhalt, so er eruiert werden kann, ist zu allgemein gefasst, um sich daran zu stossen. Die erste Hürde versuche ich mit Untersuchungen zu Wortschatz, Syntax, Semantik, aber auch Kontext und Struktur des Textes zu nehmen und hoffe, damit zu einem besseren Verständnis der Perikope in ihrer sprachlichen und strukturellen Form durchzudringen. Der zweiten, inhaltlichen Hürde versuche ich mit verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten zu begegnen, welche den Aussagen eine stärkere Kontur verleihen sollen.
Um auch die Hintergründe des Textes zu erforschen, werde ich zwischen den Untersuchungen zu Sprache und Form und den Interpretationen die Perikope in einen Kommunikationsvorgang einordnen und ihre Funktion in diesem analysieren. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem Autor, den Adressaten, Zeit und Ort der Verfassung, aber auch eine gattungsgeschichtliche und pragmatische Analyse, welche die Absichten und Botschaften „zwischen den Zeilen“ erhellen sollen.
2. Der Text in seiner Sprache und Form
2.1. Übersetzung
Für die Perikope 1 Thess 4,1-8 habe ich eine eigene, möglichst wörtliche (formaläquivalente) Arbeitsübersetzung angefertigt.
Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
4,1 Übrigens nun, Brüder, bitten wir euch und ermahnen wir [euch] im Herrn Jesus, dass, wie ihr durch uns [Weisung] empfangen habt, wie es nötig ist, ihr wandelt und Gott zu gefallen sucht - wie ihr auch wandelt -, dass ihr [darin noch] mehr hervorragt. 4,2 Denn ihr wisst, welche Weisungen wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. 4,3 Denn dies ist Gottes Wille, eure Heiligung, dass ihr euch von der Unzucht fernhaltet, 4,4 dass jeder von euch sich sein eigenes Gefäss in Heiligung und Ehrbarkeit zu gewinnen wisse, 4,5 nicht in Leidenschaft der Begierde wie die Völker, die Gott nicht kennen; 4,6 dass er sich keine Übergriffe erlaube noch seinen Bruder in der Angelegenheit übervorteile, weil der Herr Rächer ist über all dieses, wie wir euch auch zuvor gesagt und bezeugt haben. 4,7 Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern in Heiligung. 4,8 Daher nun, wer [dies] verwirft, verwirft nicht einen Menschen, sondern Gott, der auch seinen Heiligen Geist in euch gibt.
2.2. Textkritik
Ich werde an drei Stellen, die ich als relevant für die Untersuchung des Textes halte, eine Textkritik durchführen. Bei den übrigen abweichenden Lesarten innerhalb der Perikope handelt es sich um geringfügige und eher unbedeutende Änderungen.
Vers 1 3 : …kai\ a) pe/ skein qew| ~ , kaqw_ j kai\ peripatei= te, i3 na perisseu/ hte ma~ llon Bezeugt durch
N Majuskeln: ) (Codex Sinaiticus, 1. Ordnung, IV), A (Codex Alexandrinus, 1. Ordnung, V), B (Codex Vaticanus, 1. Ordnung, IV), D* (Codex Claromontanus / Bezae, 1. Ordnung, VI, ursprünglicher Text an Stelle mit Korrektur), F (Codex Boreelianus, 1. Ordnung, IX), G (Codex Seidelianus, 1. Ordnung, IX), 0183 vid (1. Ordnung, VII, Lesart nicht sicher festzustellen), 0278 (1. Ordnung, IX) N Minuskeln: 33 (1. Ordnung, IX), 81 (1044), 104 (1087), 326 (, 365 (XII), 629 (davon geringfügig abweichend 1505, 2. Ordnung, XII), al (und weitere). Mit geringfügigen Abweichungen (Auslassung durch Augensprung) 6 (häufig zitierter Zeuge, XIII), 1739 (1. Ordnung, X), 1881 (1. Ordnung, XIV) al (und weitere). N Übersetzungen: Geringfügig abweichend latt (alle lateinischen Handschriften), sy h (der syrische Text bearbeitet durch Thomas von Harkel), co (die gesamte koptische Überlieferung)
Alternative Lesart: …kai\ a) pe/ skein qew| ~ , i3 na perisseu/ hte ma~ llon Bezeugt durch
N Majuskeln: D 2 (Codex Claromontanus / Bezae, 1. Ordnung, IX, 2. Korrektor), Y (Codex Athous Laurensis, 1. Ordnung, IX/X)
2
Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
N Mehrheitstext
N Übersetzungen: sy p (Peschitta)
Die äusseren Kriterien sprechen für den Text von Nestle 27 , da dieser von einer Fülle an Zeugen erster Ordnung belegt wird, wenn auch der Mehrheitstext die alternative Lesart bevorzugt (Qualität vor Quantität!). Im Kontext des Thessalonicherbriefes macht der Einschub „kaqw_ j kai\ peripatei= te“ durchaus Sinn, da Paulus die Gemeinde mehrfach für ihr Verhalten lobt. Er benutzt ausserdem in Kapitel 4,10 („kai\ ga_ r poiei= te au) to\ “) und 5,11 („kaqw_ j kai\ poiei= te“) sehr ähnliche Audrücke. Auch das Kriterium „Lectio difficilior vs. lectio potior“ spricht für den Text von Nestlé 27 . Die erste Variante ist zwar nicht unbedingt schwieriger, verkompliziert aber den Satz als Ganzes, da sie mit dem Einschub die Struktur und den Fluss der Rede unterbricht.
Wie können sich jedoch die Abweichungen erklären lassen? Da bei der zweiten Variante eine ganze Phrase und nicht nur ein Wort oder ein Buchstabe ausgelassen wird, liegt eine inhaltliche Begründung der Abweichung näher als eine rein akustische oder formale. Gerade der „westliche“ Text (Codex D), welcher die zweite Lesart bezeugt, bietet auch an vielen anderen Stellen einen Text mit eindeutig inhaltlichen Abweichungen. Die Auslassung könnte sich dadurch erklären lassen, dass ein späterer Redaktor die spezifisch auf die damalige Gemeinde gemünzte Aussage zum Zweck der Verallgemeinerung ausliess. Vielleicht wollte er auch einfach den ohnehin schon komplizierten Satz vereinfachen, oder er war sogar der Meinung, die Christenheit zu seiner Zeit habe das Lob in der besagten Phrase nicht verdient. Aufgrund der Beurteilung der Kriterien in ihrer Gesamtheit schliesse ich darauf, dass es sich bei der ersten Lesart um die ältere und zuverlässigere Variante handelt.
Vers 3: a) pe/ xesqai u9 ma~ j a) po_ th= j pornei/ aj
Bezeugt durch
N Majuskeln: )* (Codex Sinaiticus, 1. Ordnung, IV, ursprünglicher Text an Stelle mit Korrektur), A (Codex Alexandrinus, 1. Ordnung, V), B (Codex Vatikanus, 1. Ordnung, IV), D (Codex Claromontanus / Bezae, 1. Ordnung, VI), G* (Codex Seidelianus, 1. Ordnung, IX, ursprünglicher Text an Stelle mit Korrektur), 0183 (1. Ordnung, VII), 0278 (1. Ordnung, IX)
N Minuskeln: 33 (1. Ordnung, IX), 1739 (1. Ordnung, X), 1881 (1. Ordnung, XIV) N Mehrheitstext
N Übersetzungen: lat (altlateinische und Vulgata-Handschriften), sy h (syrischer Text bearbeitet durch Thomas von Harkel), co (die gesamte koptische Überlieferung) N Kirchenväter: Tertullianus († 220), Clemens Alexandrinus († 215) Alternative Lesart 1 : a) pe/ xesqai u9 ma~ j a) po_ pashj pornei/ aj
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Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
Bezeugt durch
N Majuskeln: ) 2 (Codex Sinaiticus, 1. Ordnung, VII, 2. Korrektor), Y (Codex Athous Laurensis, 1. Ordnung, IX/X)
N Minuskeln: 104 (2. Ordnung, 1087), 365 (2. Ordnung, XII), N Wenige vom Mehrheitstext abweichende Handschriften Alternative Lesart 2 : a) pe/ xesqai u9 ma~ j a) po_ pash(j) thj pornei/ aj Bezeugt durch
N Majuskeln: F (Codex Boreelianus, 1. Ordnung, IX), G c (Codex Seidelianus, 1. Ordnung, IX, mit Korrektur von evt. späterer Hand)
Die äusseren Kriterien sprechen für den Text von Nestle 27 , da dieser von relativ vielen Zeugen erster Ordnung (*), sehr frühen Übersetzungen und frühen Kirchenvätern bezeugt wird. Die Zeugen erster Ordnung, welche die alternativen Lesarten belegen, stammen aus späterer Zeit und tragen teilweise eindeutige Korrekturen. Innere Kriterien sind keine aufzuführen, da beide Varianten gut in den Kontext passen. Die Lectio brevior spricht für die erste Lesart. Die Abweichung könnte sich dadurch erklären lassen, dass der Redaktor das Verbot der Unzucht als besonders wichtig erachtete und deshalb durch die Ergänzung mit pash(j) (thj) hervorheben wollte. Es wäre auch vorstellbar, dass die genaue Definition von Unzucht zu seiner Zeit strittig war (wie sie es im Übrigen bis heute ist) und er hier die Tragweite des Begriffs verdeutlichen wollte. Aufgrund der Beurteilung der textkritischen Kriterien in ihrer Gesamtheit schliesse ich darauf, dass es sich auch hier bei der ersten Lesart um die ältere und zuverlässigere Variante handelt.
Vers 8 3 : to\ a# gion ei0 j u9 ma~ j.
Alternative Lesart: to\ a# gion ei0 j h9 ma~ j. Bezeugt durch
N Majuskeln: A (Codex Alexandrinus, 1. Ordnung, V)
N Minuskeln: 6 (häufig zitierter Zeuge, XIII), 365 (2. Ordnung, XII), 1505 (2. Ordnung, XII), 1739 (1. Ordnung, X), 1881 (1. Ordnung, XIV) N Wenige vom Mehrheitstext abweichende Handschriften
N Übersetzungen: ar (Lat., IX), f (Lat., IX), m (Lat., X), t (Lat., VII-XI), vg cl (Clementina = Vulgata-Ausgabe von 1592), sy h (syrischer Text bearbeitet durch Thomas von Harkel)
N Kirchenväter: Ambrosius († 397), Speculum (Pseudo-Augustinus, V) Die alternative Lesart wird vorzugsweise von Zeugen aus späterer Zeit belegt. Zeugen erster Ordnung gibt es nur wenige. Die frühesten Belege finden wir bei Ambrosius, Speculum und dem alexandrinischen Text. Was den Kontext anbelangt, so spricht Paulus in Vers 6 von „euch“, in Vers 7 von „uns“. Es ist daher kontextuell nicht eindeutig
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Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
feststellbar, welches die ursprüngliche Form ist. In beiden Fällen wäre es gut möglich, dass sich der Redaktor verhört oder verschrieben hat. Aufgrund der Beurteilung der textkritischen Kriterien in ihrer Gesamtheit schliesse ich mich auch hier dem Urteil von Nestlé-Aland an.
2.3. Kontextanalyse
Bei der Perikope 1 Thess 4,1-8 handelt es sich um eine Ermahnung. Diese ist eingebettet in einen grösseren Kontext zwischen Lob auf der einen und theologisch dogmatischen Ausführungen auf der anderen Seite (Siehe 2.4.1.).
Vorhergehend finden wir innerhalb des Rückblicks von Paulus auf seine Zeit in Thessaloniki und den erfreulichen Bericht von Timotheus Dank und ausführliches Lob der Thessalonicher über ihr Ausharren und ihre Vorbildhaftigkeit im Glauben. Paulus macht deutlich, dass er mit der Entwicklung der Gemeinde äusserst zufrieden ist und drückt dies insbesondere in seinem Anliegen und seiner Sehnsucht aus, sie bald wieder zu besuchen. Unmittelbar vor der Perikope ist in einer Fürbitte dem Wunsch Ausdruck gegeben, dass der Glaube der Thessalonicher vollendet werde, dass sie noch zunehmen in der Liebe und dass sie bereit seien für die Wiederkunft Jesu. In 1 Thess 3,13, dem letzten Vers der Fürbitte, wird schon das Anliegen und Thema der nächsten beiden Abschnitte vorweggenommen: Heiligkeit und Wiederkunft Jesu. Der Vers hilft uns, die beiden in Kapitel 4 aufeinander folgenden Themen in Beziehung zueinander zu setzen: Die Heiligung soll auf die Wiederkunft vorbereiten (vgl. 1 Thess 5,23!). In den nachfolgenden Versen (9-12) wird als Übergang zu den theologischen Ausführungen eine Ermahnung zur Bruderliebe eingeschoben, wobei Paulus feststellt, dass die Thessalonicher hier eigentlich keiner Belehrung bedürfen. Trotzdem macht er den Einschub, was vielleicht im Sinne seiner Theologie aus 1 Korinther 13 zu verstehen ist; auch alle Heiligkeit ist nichts wert ohne die Liebe.
Ab Vers 13 folgen die Ausführungen zur Wiederkunft Jesu, für die sich die Gemeinde bereit machen soll.
Die Funktion der Perikope im Gesamttext ist zentral, was im Satzteil „Tou= to ga& r e0 stin qe/ lhma tou= qeou“ (Vers 3) zum Ausdruck kommt. Die besagten Worte dürfen als Hinweis verstanden werden, dass nun die zentrale Botschaft bevorsteht und besondere Aufmerksamkeit erforderlich ist. Eben diese Botschaft sollte aber, wie weiter oben ausgeführt, in Zusammenhang mit den anschliessenden theologischen Ausführungen gebracht werden. Die Ermahnung zur Heiligung hat einen konkreten Zweck, der in Kapitel 4,13-5,11 erläutert wird. Gottes Wille ist die Heiligung, damit die Thessalonicher im Herzen bereit sind für die Wiederkunft Jesu und die Entrückung.
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Exegese 1. Thessalonicher 4,1-8
2.4. Strukturanalyse
2.4.1. Strukturanalyse 1. Thessalonicher
2.4.2. Strukturanalyse 1. Thessalonicher 4,1-8
Bei der Strukturanalyse der Perikope habe ich mich grösstenteils an Hiebert 1 gehalten, dessen Strukturierung mir einleuchtend erscheint.
1 Vgl. Hiebert, The Thessalonian Epistles, S. 31
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Sara Stöcklin, 2006, Exegese von 1. Thessalonicher 4,1-8 - Aufruf zur Heiligung, München, GRIN Verlag GmbH
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