„Sollte es einen neuen Urbanismus geben, dann wird sich dieser nicht auf die Zwillings- phantasien von Ordnung und Omnipotenz stützen; er wird Unsicherheit stiften; er wird sich nicht länger mit der Planung mehr oder weniger dauerhafter Objekte befassen, sondern bestimmte Areale mit all dem düngen, was möglich sein könnte; er wird nicht mehr auf feste Strukturen zielen, sondern auf die Bereitstellung von Möglichkeitsfeldern für Prozesse, die sich dagegen sträuben, eine endgültige Form anzunehmen.“ (Rem Koolhaas)
Zwischennutzung von Brachen Neue Perspektiven für die schrumpfende Stadt
Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Problemstellung 1
1.2 Forschungsfragen und Zielsetzung 2
1.3 Thesen und Aufbau der Arbeit 2
2 Städtische Brachflächen in der Stadtentwicklung 4
2.1 Der Zyklus städtischer Brachen 4
2.1.1 Begriffsklärung Brache 4
2.1.2 Entstehungsbedingungen für Brachen 5
2.2 Brachen als Übergänge zu neuen Nutzungen 7
2.2.1 Chancen für eine nachhaltige Stadtentwicklung 7
2.2.2 Neunutzungshindernisse 9
2.3 Zwischenfazit: Brachflächen als Katalysatoren für Stadtentwicklung 10
3 Zwischennutzung von Brachen - Neue Perspektiven für die schrumpfende Stadt 12
3.1 Was sind Zwischennutzungen 12
3.1.1 Inhaltliche Unterscheidung 13
3.1.2 Organisatorische Unterscheidung 15
3.1.3 Zeitliche Einordnung 17
3.2 Welche Voraussetzungen stellen Zwischennutzungen 19
3.2.1 Anforderung an Orte 19
3.2.2 Beteiligte Akteure 20
3.3 Was können Zwischennutzungen für die Stadtentwicklung leisten 22
3.3.1 Potenziale von Zwischennutzungen 23
3.3.2 Gefahren von Zwischennutzungen 25
3.4 Zwischenfazit: Zwischennutzungen Potenziale für eine nachhaltige
Stadtentwicklung 26
4 Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern 28
4.1 Handlungsempfehlungen an die Kommunen 28
4.2 Handlungsempfehlungen an die Eigentümer 31
4.3 Handlungsempfehlungen an die Zwischennutzer 32
4.4 Handlungsempfehlungen an die Planungspolitik 34
5 Schlussbetrachtung: Zwischennutzungen Das (bisher) ungenutzte Instrument 36
Literaturverzeichnis 39
Anmerkung:
Alle in dieser Arbeit verwendeten allgemeinen personenbezogenen Formulierungen umfassen
- unabhängig von ihrer grammatikalischen Zugehörigkeit - Menschen beiderlei Geschlechts
sofern aus dem Zusammenhang nichts anderes hervorgeht
i
Zwischennutzung von Brachen – Neue Perspektiven für die schrumpfenden Stadt Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
1 Einleitung
Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts haben postindustrielle Veränderungen in Deutsch- land und in Europa zu sehr differenzierten sozialen, ökonomischen und räumlichen Konditio- nen in den Städten geführt. Manche Städte haben einen unerwarteten wirtschaftlichen Boom erlebt, während in anderen Städten nach der Schließung der Industrien eine Vielzahl von in- nerstädtischen Flächen brachliegen, für die keine Investoren gefunden werden können. Im Umgang mit diesen Brachflächen hat sich besonders in Ostdeutschland das Thema der Zwi- schennutzungen 1 etabliert. Diese Arbeit erörtert das Potenzial von temporären Nutzungen zur Entwicklung von Brachflächen in den von Investoren weniger begünstigten Städten. Dabei sollen in erster Linie nicht einzelne Beispiele vorgestellt, sondern vielmehr grundsätzliche Fragen behandelt werden.
1.1 Problemstellung
Thema dieser Arbeit ist die Zwischennutzung von Brachflächen. Sie stellen ein erhebliches innerstädtisches Flächenpotenzial dar. Mit ihrer Revitalisierung kann das Lebensumfeld der Bewohner einer Kommune aber auch die Attraktivität der Stadt für Investoren erheblich ge- steigert werden. Bei zunehmender Finanzknappheit kommunaler Haushalte und einer hohen Anzahl innerstädtischer Brachflächen in schrumpfenden Städten ist mit einer zügigen Revita- lisierung aller brachgefallenen Areale allerdings nicht zu rechnen. So entstehen „unerwünsch- te Lücken in der Stadt, welche jedoch in Form von Nischen“ (Scheven 2004: 3) auch als Po- tenzial für eine Stadtentwicklung unter ökonomisch ungünstigen Bedingungen betrachtet werden können. Die Herausforderung der Planung ist es für diese Lücken in der Stadt innova- tive Potenziale zu entwickeln.
In diesem Handlungsfeld etabliert sich das Thema der Zwischennutzungen. Durch solche werden Brachen wieder in den Nutzungszyklus integriert, dieses fördert wiederum ein positi- ves Image. Allerdings ist dieses Thema noch relativ unerforscht, was sich schon darin zeigt, dass der Begriff Zwischennutzung nicht eindeutig definiert ist. Auch herrschen noch nicht ausreichend positive Bedingungen zur Initiierung solcher Nutzungen in Deutschland. Dies ist darauf zurückzuführen, dass jegliches Entwicklungsdenken bisher stets von Wachstum aus- ging und für ein lebenswertes Schrumpfen neue Rahmenbedingungen im Sinne einer prozess- orientierten Stadtentwicklung gefunden werden müssen.
1 In dieser Arbeit wird der Begriff Zwischennutzungen synonym mit den Begriffen temporäre bzw. befristete Nutzungen respektive Aktivitäten verwendet. Eine Definition von Zwischennutzungen ist in Abschnitt 3.1 nach- zulesen.
1
Zwischennutzung von Brachen – Neue Perspektiven für die schrumpfenden Stadt Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
1.2 Forschungsfragen und Zielsetzung
Aus der oben beschriebenen Problemstellung ergeben sich folgende Forschungsfragen:
Ø Was sind Zwischennutzungen und unter welchen Umständen entwickeln sie sich? Ø Welche Wirkungen erzeugen sie in der Stadtentwicklung und welche Risiken gehen mit ihnen einher?
Ø Wie lassen sich Zwischennutzungen für eine bürgerschaftlich getragene Stadterneue- rung fördern?
Ziel dieser Arbeit ist es, den Terminus Zwischennutzungen in seiner Bedeutung für die Stadt- entwicklung durch eine mehrdimensionale Definition greifbar zu machen. Über die Betrach- tung wo, durch wen und wie temporäre Nutzungen initiiert werden, soll ein Rückschluss auf die Potenziale und Gefahren, welche sie in der Entwicklung der Städte in ökonomisch un- günstigen Lagen haben, getroffen werden. Schließlich werden Handlungsempfehlungen an die Kommunen, die Eigentümer, die Zwischennutzer und an die Planungspolitik ausgespro- chen, um einen gezielten Einsatz von Zwischennutzungen in der Stadtentwicklung zu fördern.
1.3 Thesen und Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei Teilbereiche, denen jeweils eine erkenntnisleiten- de These zugrunde liegt:
Ø Schrumpfende Städte weisen Brachflächen auf, die in der Öffentlichkeit ein negatives Image haben, aber als Nischen für Ungeplantes ein großes Innovationspotenzial besit- zen.
Ø Bürgerschaftlich organisierte, temporäre Nutzungen entwickeln innerstädtische Brach- flächen zu lebendigen Orten und haben eine positive Langzeitwirkung für die Stadt- entwicklung.
Ø Zwischennutzungen lassen sich zukünftig mit geringem Mitteleinsatz gezielt als In- strument für eine prozessorientierte und bedarfsgerechte Stadterneuerung einsetzen.
Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit Brachflächen, den Entstehungsräumen von Zwi- schennutzungen. Nach einer Begriffsklärung wird die Entstehung von Brachen aus demogra- fischen, geschichtlichen und ökonomischen Gründen erläutert. Daraufhin werden die Ent- wicklungschancen und Neunutzungshindernisse brachliegender Areale dargelegt. Im a n- schließenden Zwischenfazit wird die Katalysatorfunktion von Brachflächen für die Stadtent- wicklung reflektiert.
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Zwischennutzung von Brachen – Neue Perspektiven für die schrumpfenden Stadt Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
Im zweiten Teil der Arbeit wird zunächst der bisher nicht klar definierte Begriff Zwischen- nutzungen eingegrenzt. Dabei wird auseinandergesetzt, wie temporäre Nutzungen inhaltlich, organisatorisch und in ihrer zeitlichen Einordnung zur regulären Nutzung unterschieden wer- den können. Daraufhin wird ein Überblick gegeben, an welchen Orten sie entstehen und wel- che Akteure in welcher Weise Einfluss auf sie nehmen. Anschließend erfolgt eine kritische Betrachtung der Potenziale und Gefahren von Zwischennutzungen in der Entwicklung von Standorten in ökonomisch schwachen Städten. Im nachfolgenden Zwischenfazit eine Reflexi- on, ob temporäre Nutzungen langfristig einen positiven Einfluss auf die Stadtentwicklung nehmen.
Im konzeptionellen Teil der Arbeit werden aufbauend auf den theoretischen Grundlagen zu und den bisherigen Erfahrungen mit Zwischennutzungen Handlungsempfehlungen an die auf temporäre Nutzungen Einfluss nehmenden Akteure gegeben. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, welche Voraussetzungen vorhanden sein bzw. geschaffen werden müssen, da- mit Zwischennutzungen gezielter in den Prozess der Stadtentwicklung integriert werden kön- nen.
In der abschließenden Schlussbetrachtung werden die aufgestellten Thesen verifiziert und allgemeingültige Schlussfolgerungen für den strategischen Einsatz von Zwischennutzungen in der Stadtentwicklung gezogen.
3
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2 Städtische Brachflächen in der Stadtentwicklung
In Kapitel 2 werden die Potentiale einer Revitalisierung städtischer Brachflächen für eine nachhaltige Stadtentwicklung dargestellt. Zunächst wird daher der Begriff Brache definiert und ihre Entstehung erläutert (siehe Abschnitt 2.1.). Anschließend werden die Bedeutung und Funktion von Brachflächen in der Stadtentwicklung beschrieben (siehe Abschnitt 2.2.). Im darauffolgenden Zwischenfazit wird die Katalysatorfunktion der Stadtbrachen für eine Neu- orientierung der Stadtentwicklungspolitik reflektiert.
2.1 Der Zyklus städtischer Brachen
Brachflächen spielen in der Stadtentwicklung eine besondere Rolle. Sie stellen die „Bruch- stellen in der Geschichte der Stadt am Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft“ (Feldtkeller 2001: 7) dar. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Brachen als Symbole des Verfalls und des Niedergangs alter Strukturen bekannt. Sie gehören zu den zwischenzeitlich funktionslosen Räumen in der Stadt, die von einer vorherigen Nutzung verlassen und noch von keiner neuen Nutzung vereinnahmt sind und somit Gefahr laufen, marginalisierte Funkti- onen wie z. B. Müllablagerung zu übernehmen (vgl. Hauser 2001: 65).
2.1.1 Begriffsklärung Brache
Der Ursprung des Begriffs „Brache“ liegt in der vorindustriellen Landbewirtschaftung. Der Begriff bezeichnet Flurstücke, die im Rahmen der Zwei-, Drei- oder Mehrfelderwirtschaft umgebrochen und nicht bestellt werden. Der Boden wird dabei sich selbst überlassen. Das Brachliegen der Felder war ein notwendiges Element im landwirtschaftlichen Zyklus, um zu neuer Fruchtbarkeit im Wechsel der Jahreszeiten und Nutzungen zu gelangen (vgl. Hoffmann- Axthelm 1998: 54). Im städtischen Kontext wird der Begriff Brache seit den 1970er Jahren für Räume im Siedlungsbereich verwendet.
Während in der Landwirtschaft das Brachliegen ein geplanter Prozess ist, welcher der Rege- neration des Bodens dient, weist eine städtebauliche Brache andere Merkmale auf. Die städti- sche Brachfläche bezeichnet aufgegebene, liegengelassene, von ursprünglichen Nutzungen teilweise oder vollständig verlassene Wohn-, Gewerbe-, Industrie-, Verkehrs- oder Militärflä- chen und deren Gebäude, die von Investoren, Eigentümern und Nutzern vernachlässigt wer- den. Sie sind für eine unbestimmte Zeit aus ihrem herkömmlichen Nutzungsstereotyp und somit aus dem wirtschaftlichen Produktionszyklus herausgefallen (vgl. Kil 2004: 125). Selbst wenn planungsrechtlich die ehemaligen Zweckbestimmungen bestehen bleiben (z. B. Ver- kehrs-, Wohn- oder Gewerbefläche), sind Stadtbrachen zunächst undefiniert bzw. frei von Funktion und werden auf unbestimmte Zeit zu Zwischenräumen in der Stadt (vgl. Kruse 2003: 23 f.). Durch diese scheinbare Funktionslosigkeit haftet der städtischen Brachfläche in
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Zwischennutzung von Brachen – Neue Perspektiven für die schrumpfenden Stadt Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
der Gesellschaft ein negatives Image
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an. Brachen stehen folglich für einen Bruch mit der traditionellen Flächennutzung und für den Niedergang von einstmals prosperierenden Regio- nen (vgl. Kowarik 2003: 102).
Philipp Oswalt bezeichnet das Brachliegen von Flächen innerhalb einer Stadt jedoch als ge- nauso unverzichtbar, wie das Brachliegen von Ackerflächen für die Mehrfelderwirtschaft. Er betont die Gemeinsamkeiten, die in einer qualitativen Verbesserung der Fläche durch ein zeitweiliges Liegenlassen zu sehen sind. „Erst die städtische Brache erlaubt die Erneuerung der Stadt“ (Oswalt 2000: 60). Seiner Ansicht nach stimulieren städtische Brachen die Kreati- vität von Bewohnern und eröffnen innovative Chancen und Perspektiven für die Stadtent- wicklung. Eine Brachfläche bedarf einer Neuorientierung in der Planung. Bei knappen öffent- lichen Kassen bedeutet dies die Förderung neuer, kreativer Ansätze. Somit kann die Brachflä- che als „Keimzelle für einen anderen Urbanismus“ (Oswalt 2002: 45) bezeichnet werden. Bevor jedoch die Chancen von innerstädtischen Brachflächen erläutert werden, wird zunächst auf die Entstehung dieser eingegangen.
2.1.2 Entstehungsbedingungen für Brachen
Das Brachfallen von innerstädtischen Arealen kann unterschiedliche Gründe haben. Einerseits ist es in der Umstrukturierung und Aufgabe von innerstädtischen Produktionsstandorten zu sehen, die Folge von veränderter Beschäftigungs- und Produktionsstruktur in den Unterneh- men des industriellen Wirtschaftssektors sind. Zunehmende Globalisierung 3 der Produktion, Auslagerung von Produktionsstandorten und Deindustrialisierung verursachen in ehemals prosperierenden Industrieregionen das Brachfallen großer Areale (vgl. Schelte 1999: 16ff).
In Deutschland sind weitere Gründe für die Brachflächenproblematik geschichtlichen bzw. politischen Ursprungs. Viele Städte sind heute noch durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg geprägt und weisen Baulücken im Gebäudebestand auf. Baulücken sind unbebaute oder unzulänglich bebaute Flächen zwischen bebauten Grundstücken, die aus rechtlichen, persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen nicht bzw. dem städtebaulichen Kontext nicht angemessen genutzt werden (vgl. Scheven 2004: 28). Die markantesten Beispiele hierfür sind
2 Der Begriff Image stammt aus dem Englischen und Französischen und bedeutet Eindruck oder Bild. Im Rah- men dieser Arbeit sind damit raumbezogene Images gemeint. Sie sind die Gesamtheit aller Aussagen, die zur Charakterisierung eines Raumes sowie der dort verorteten Individuen und sozialen Gruppen verwendet werden. Das Image eines Stadtteils beeinflusst individuelle und Investitionsentscheidungen und wirkt sich somit als Standortfaktor aus (vgl. Zimmermann 1975).
3 Globalisierung in diesem Zusammenhang meint die Internationalisierung des Handels, der Kapitalmärkte und der Produkt- und Dienstleistungsmärkte. Insbesondere weltweite Datennetze und Kommunikation sowie compu- tergestützte Logistik und hoch entwickelte Verkehrsmittel machen Arbeit und Produktion unabhängig (vgl. Brockhaus 1996)
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Zwischennutzung von Brachen – Neue Perspektiven für die schrumpfenden Stadt Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt fördern
sicherlich in Berlin zu finden, wo nach dem Abriss der Mauer viele innerstädtische Brachflä- chen entstanden sind, die zum Teil bis heute keine neue Nutzung erfahren haben.
Andere Gründe, die insbesondere ostdeutsche Städte und altindustrielle Regionen in West- deutschland betreffen, sind in der Stagnation des Wachstums bzw. im Schrumpfungsprozess zu sehen. In altindustriell geprägten Regionen, in denen viele Arbeitsplätze vom produzieren- den Sektor abhängen, kommt es (wenn überhaupt) zu einer krisenhaften Umstrukturierung in eine Dienstleistungs- und Konsumwirtschaft (vgl. Müller 2003: 28). Der dadurch verursachte Mangel an Arbeitsplätzen und die sich verschlechternden Lebensbedingungen führen zu einer Wanderbewegung aus den Krisenregionen in die vom Strukturwandel weniger betroffenen Regionen. Verstärkt wird die Schrumpfung zusätzlich durch die negative natürliche demogra- fische Entwicklung (vgl. ebd.: 30). So liegt die Geburtenziffer 4 beispielsweise in Ostdeutsch- land bei einem Wert von 1,2; damit wird die jeweilige Elterngeneration nur noch zu zwei Dritteln durch Kinder ersetzt (vgl. Statistisches Bundesamt 2003: 5).
Auch städtebauliche Fehlplanungen verursachen weitere Brachflächen. Von der Planung bis zur Umsetzung eines Projektes ist ein langer Zeitraum zu überbrücken, der Risiken birgt. Verändern sich in der Zwischenzeit die wirtschaftliche Situation oder die Nachfrage, führen diese Entwicklungen mitunter zu Verwerfungen ursprünglicher Planungen und rufen Leer- stände hervor. Sie schaffen damit Räume, die dem normalen Zyklus der ökonomischen Ver- wertung von Flächen, wie auch dem Alltag der Bevölkerung entzogen sind: „Immer wieder tauchen Lücken der Fehlplanungen auf, unvermeidliche Irrtümer, der Tribut an die Langsam- keit des Bauens“ 5 (Oswalt 2000: 59).
Brachflächen entstehen auch aus dem wirtschaftlichen Prozess selbst: „Die Produktionsflä- chen von heute sind die Brachflächen von morgen, so dass es sich bei der Flächenentwicklung um einen Kreislauf handelt“ (Aring 1999: 205). In wachsenden Regionen können diese Flä- chen genau so schnell wie sie auftreten wieder einer neuen Nutzung zugeführt werden. Die Brachflächen existieren in diesen Regionen nur vorrübergehend und gelangen mit der Zeit in eine neue Nutzung (vgl. Oswalt 2000: 60). In Regionen, in denen der Nachfragedruck nicht so hoch ist, wie es beispielsweise in Ostdeutschland oder in westdeutschen, altindustriellen Re- gionen der Fall ist, entwickeln sich Einzelfälle zu einer Dauererscheinung, treten als Massen- phänomen auf und ergeben stadtentwicklungstechnische Probleme, weil keine angemessene Folgenutzung gefunden werden kann.
4 Die Geburtenziffer gibt an, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich in ihrem Leben bekommt.
5 Philipp Oswalt bezieht dieses Zitat auf Berlin. Es kann aber als eine allgemeine Aussage aufgefasst werden.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Ing. Nenad Rosic, 2006, Zwischennutzung von Brachen - Neue Perspektiven für die schrumpfende Stadt. Handlungsempfehlungen an die Akteure: Zwischennutzungen gezielt Fördern, München, GRIN Verlag GmbH
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