Bibliographische Beschreibung:
Hrach, Clemens:
TV Genre Late Night Show. - 2005. - 72 Seiten
Mittweida, Hochschule Mittweida (FH), Fachbereich Medien, Bachelorarbeit, 2005
Referat:
Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der US-amerikanischen und der deutschen Entwicklung des Fernsehformats der Late Night Show herauszuarbeiten. Dazu werden vorab die nötigen Begrifflichkeiten erklärt und definiert. Neben einer fernsehhistorischen Einordnung des Genres in den USA wird an dieser Stelle die standardisierte Struktur einer solchen Show herausgestellt.
Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse werden im Folgenden deutsche Adaptionsversuche des Genres in ihrer Entstehung analysiert und anschließend im Hinblick auf die festgelegten Kriterien einer Late Night Show untersucht. Die Arbeit schließt mit einem direkten Vergleich zwischen den sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen des Genres in den USA und in Deutschland, gefolgt von einem kurzen Ausblick.
1
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis 4
1 Einleitung 5
2 Vorbilder - US Late Night Shows und ihr Definitionsrahmen 6
2.1 Das übergeordnete Genre der Talk Show 6
2.1.1 Die Early-Morning News Talk Magazine Show. 8
2.1.2 Die Daytime Audience-Participation Show. 10
2.1.3 Die Late-Night Entertainment Talk Show 12
2.2 Sendeplatz 14
2.3 Moderation 16
2.4 Ausstattung und Bühnenbild 18
2.5 Band und Musik. 19
2.6 Von Sidekicks, Announcern und Regulars 21
2.7 Intro und Opening Monologue 23
2.8 Standard-Rubriken und Comedy-Elemente 25
2.8.1 Top Ten List 25
2.8.2 Jay Walking und Headlines 28
2.9 Gäste. 29
3 Ursprünge des Late Night Talk in Deutschland 31
3.1 Erste Adaptionsversuche - „Je später der Abend“ 32
3.2 III nach 9 35
4 „Dualer Talk“ - Late Night im Privatfernsehen 36
4.1 Gottschalk Late Night. 37
4.2 Die RTL-Nachtshow. 39
4.3 Die Harald Schmidt Show 40
2
4.4 Anke Late Night 48
5 Konkurrenz im Late Night Slot. 52
5.1 Mehr Talk als Show - Gesprächsfernsehen zu später Stunde bei
ARD und ZDF 53
5.2 Mehr Show als Talk - Übernommene Elemente bei Pro Sieben. 55
5.3 Die Rückkehr - Harald Schmidt in der ARD 57
6 Schlussbetrachtung und Ausblick 59
I Glossar 63
II Literaturverzeichnis 65
3
Abkürzungsverzeichnis
ABC American Broadcasting Corporation
ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland
CBS Columbia Broadcasting System
CNN Cable News Network
NBC National Broadcasting Company
NDR Norddeutscher Rundfunk
RTL Radio Television Luxemburg
WDR Westdeutscher Rundfunk
ZDF Zweites Deutsches Fernsehen
4
1 Einleitung
Als zu Beginn der 50er Jahre das erste Late Night Entertainment Talk Show Format, die Tonight Show, bei dem US-amerikanischen Sender NBC Premiere feierte, haben sich deren Schöpfer sicher in keiner Weise ausmalen können, welchen Stellenwert ihr Konzept im Jahr 2005 einmal haben würde. Die Macher dieser Mischung aus schlagfertigen Kommentaren zum aktuellen Zeitgeschehen, Live-Musik und lockeren Gesprächen mit interessanten Gästen, verfolgten stets das Ziel, dem Publikum vor dem Schlafengehen noch ein humorvolles Stück Unterhaltung mit auf den Weg zu geben. Die Zuschauer nahmen dieses Angebot dankend an und verhalfen dem im allgemeinen Sprachgebrauch als Late Night Show geführten Genre zu einer Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Über fünfzig Jahre später spricht man in Deutschland von der Königsdisziplin der Fernsehunterhaltung, wenn man Late Night Entertainment meint und spätestens seit Beginn der 90er Jahre hat es dementsprechend auch hier so manchen Adaptionsversuch des vermeintlich einfach zu kopierenden Formats gegeben.
Mit der geschichtlichen Entwicklung dieses Genres wurde sich hingegen in Deutschland weit weniger auseinandergesetzt. Eine medienwissenschaftliche Diskussion des Themas erfolgte meist
ausschließlich am Rande des allgemeinen Talk Show - Phänomens Mitte der 90er Jahre oder unter soziologischen, beziehungsweise medienpsychologischen Gesichtspunkten.
Aus diesem Grund liegt es zunächst einmal Nahe, das Format Late Night Show einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, die sowohl dessen standardisierte Struktur, als auch die mediengeschichtlichen
Zusammenhänge des Genres in den USA und Deutschland detailliert beleuchtet.
Von zusätzlich zentraler Bedeutung ist bei dieser wissenschaftlichen Arbeit ein Abgleich der deutschen Adaptionen mit den zuvor gewonnenen Erkenntnissen über die wichtigsten Merkmale einer solchen Show. Es soll an dieser Stelle klar gestellt werden, ob ein Format, nur weil es von einem deutschen Fernsehsender unter Late Night Talk eingestuft wird, auch tatsächlich den US-amerikanischen Kriterien einer solchen Show entspricht.
5
Neben einem Ausblick auf zukünftige, potentielle Wandlungsprozesse des Genres erfolgt abschließend eine Zusammenfassung der Adaptionsprobleme auf Grundlage der sich stark voneinander unterscheidenden Fernsehmärkte und mediengesellschaftlichen Entwicklungen in den beiden Ländern.
2 Vorbilder - US Late Night Shows und ihr Definitionsrahmen
Wie bei kaum einem anderen Format in der Fernsehunterhaltung haben sich im Bereich des Late Night Talk diverse visuelle und
produktionstechnische Standards etabliert, die sich in nahezu jeder Show dieses speziellen Genres wieder finden lassen. Diese Grundformen, wie etwa das Studiodesign oder der stets wieder erkennbare Ablauf der Sendung, vom Eröffnungsmonolog bis hin zum Talk mit den bevorzugt prominenten Gästen, sind schon seit den 50er Jahren feste Merkmale dessen, was der Zuschauer als Late Night Show kennen und schätzen gelernt hat. Um die Entstehung dieser Merkmale in vollem Umfang nachzuvollziehen, bedarf es vorerst einer umfassenden Analyse der Hintergründe und gleichzeitig der einzelnen Segmente einer solchen Show.
2.1 Das übergeordnete Genre der Talk Show
Der mittlerweile auch in Deutschland gebräuchliche Begriff Late Night Show setzt sich aus zwei Elementen zusammen. Late Night, was nichts weiter heißt als zu später Nacht, gibt einen eindeutigen Hinweis auf die Sendezeit des Formats. Das zweite Segment Show bezeichnet im ursprünglichen Wortsinn eine zur Unterhaltung oder Information gedachte Sendung im Radio oder im Fernsehen. Selbst Krimiserien (Crime Show) oder Dokumentarreihen (Documentary Show) werden in englischsprachigen Ländern durch den Begriff Show ergänzt. Im Falle des hier behandelten Formats spricht man in den USA allerdings auch von der Late Night Talk Show, was eine zumindest bedingt intensivere Analyse möglich macht. Die Talk Show im Fernsehen wird von einer Vielzahl von Regeln oder auch Richtlinien beherrscht, die sie deutlich von anderen Formen des
6
Fernsehprogramms, wie z.B. Gameshows, Nachrichten oder Seifenopern abgrenzen. Andererseits haben sich über die Jahrzehnte auf diese Weise zahlreiche Variationen des Genres ergeben, so dass es nahezu unmöglich ist, eine einzelne allgemeingültige Definition zu erstellen. Im Folgenden wird daher auf einige der gängigsten Definitionsformen näher eingegangen, um das komplexe Spektrum des Genres zu verdeutlichen. Wirft man auch hier einen Blick auf die wörtliche Bedeutung des Genres, so erhält man wenig tief greifende Information darüber, was sich dahinter verbirgt. Wie bereits erläutert, wird in den USA nahezu jede Form von Fernsehsendung als Show bezeichnet. Der Vorsatz Talk sagt nichts weiter aus, als dass in dieser Sendung Gespräche geführt werden. Eine Eigenschaft, die vermeintlich wenig Unterhaltungswert mit sich bringt im Vergleich zur rasanten Verfolgungsjagd in einem abendfüllenden Spielfilm oder erheiternder Situationskomik in einer Komödie. Aber wie ein überwiegender Teil der Zuschauergemeinde bestätigen kann, fehlt es der Talk Show keineswegs an aufregenden Situationen, tieferer Bedeutung oder Konflikten, nur weil sie ausschliesslich auf Konversation basiert. Insofern gilt es zu allererst einen Unterschied zu machen, zwischen Television Talk und Talk Shows. Der Television Talk hat sich aus 50 Jahren Fernsehgeschichte und den davor liegenden drei Jahrzehnten
Radiogeschichte entwickelt und deckt dabei einen wesentlich breiteren Bereich ab. Er vereinbart nahezu alle Sendungen unter sich, in denen ein Teil des Inhalts dadurch transportiert wird, dass einer oder mehrere Moderatoren ein Gespräch mit einer Person führen, welche über bestimmte Sachkenntnisse verfügt. Television Talk unterliegt keinem vorgefertigten Skript, hat aber dennoch meist eine intensive Vorbereitungsphase durchlaufen.
Der Soziologe Erving Goffman hat diese Form auch als Fresh Talk bezeichnet 1 , also ein Gespräch, welches dem Zuschauer ein eher spontanes Gefühl vermittelt, egal wie geplant oder formatiert es in Wirklichkeit sein mag. Zu diesem Bereich gehören sowohl Formate wie Kochsendungen, Home Shopping oder Buchbesprechungen, als auch aktuelle, politische Berichterstattungen zu einem signifikanten Thema.
1 Vgl.Timberg, Bernard M: Television Talk: A History of the TV Talk Show. - 1. Aufl. - Austin: University of Texas Press, 2002. S.3
7
Die Talk Show als solche hingegen ist im Wesentlichen rund um den Akt der Konversation aufgebaut 2 . Sie ist eindeutig personenbezogen und schwebt dabei zwischen den Kategorien Information und Unterhaltung. Während die Urformen der Talk Show (Broadway Open House in den USA - Je später der Abend in Deutschland) vorrangig der unterhaltenden Programmsparte zugeordnet werden können, haben sich zudem im Laufe der Jahre auch zahlreiche Talk Shows etabliert, die einen deutlichen Schwerpunkt auf informative Gestaltung einer Sendung legen. Nur wenige schlagen sich dabei jedoch ausschliesslich auf eine der beiden Seiten. Solche Prioritätenverschiebungen, ebenso wie daraus resultierende Talkideen- und Konzepte unterschiedlichster Art, erschweren es der Talk Show als ein homogenes und eindeutig definiertes Genre dazustehen 3 . Ob seriöser Journalismus, Boulevardthemen, Sport oder Unterhaltung, die Vielseitigkeit der Talk Show, die es ihr erlaubt sich am gesamten Spektrum der Fernsehlandschaft zu bedienen, macht sie zu einem äußerst lebhaften Beispiel für das Entstehen von neuen Formatideen durch die Kombination von längst etablierten Sendeschemata. Begibt man sich also auf die Spuren der Talk Show-Geschichte, lässt sich dieser schon seit Jahrzehnten andauernde Prozess von permanenter Neurerfindung als hilfreicher Leitfaden zu Rate ziehen.
Abseits dieser Entwicklung haben sich im Mutterland des Talks, den USA, in den 50er und 60er Jahren jedoch drei relativ fest begrenzbare Subgenres entwickelt, die auch in Deutschland im Zuge des Wachstums des privatrechtlichen Fernsehmarktes immer mehr an Gültigkeit gewonnen haben und an dieser Stelle für eine ausreichende Kategorisierung sorgen.
2.1.1 Die Early-Morning News Talk Magazine Show
Die Early-Morning News Talk Magazine Show ist das Vorbild dessen, was man in Deutschland als so genanntes Frühstücksfernsehen kennt. Dieses Format ist in den frühen Morgenstunden wochentags angesiedelt und richtet sich an jene Zielgruppe, die noch vor Beginn des Arbeitstages die Zeit findet, sich auf meist unterhaltsame Art und Weise informieren zu
2 Vgl. Timberg, S.3
3 Vgl. Steinbrecher, Michael; Weiske, Martin: Die Talkshow: 20 Jahre zwischen Klatsch und News. München: Ölschläger, 1992. S.15
8
lassen, quasi als Ersatz für die Lektüre einer allmorgendlichen Tageszeitung.
Die Inhalte solcher Sendungen bestehen aus aktuellen Nachrichten, Boulevardthemen, Reportagen, Veranstaltungshinweisen, Gewinnspielen Eigenwerbung und Verbrauchertipps. Die Form der Ausstrahlung ist grundsätzlich Live, um ein größtmögliches Maß an Aktualität zu bieten. Jedoch wird wegen der frühen Sendezeit, zwischen 06.00 und 10.00 Uhr, auf ein Publikum verzichtet. Gespräche der Moderatoren mit Prominenten Gästen und Fachleuten zu den jeweiligen Themen machen den Talk-Anteil der Sendung aus.
Aufgrund von sehr unterschiedlichen Entwicklungen bezüglich der technischen Ausstattung der Haushalte in den USA und in Deutschland, wie auch durch die soziologischen Unterschiede zwischen den beiden Ländern, ergeben sich hier Adaptionsprobleme. Spätestens mit der flächendeckenden Verbreitung des Kabelfernsehens ab 1973, nahm das Fernsehen in den USA einen enormen Stellenwert im Alltag der meisten amerikanischen Familien ein. Zwar konnte das TV Set den klassischen Radio Tuner nie aus den Haushalten verdrängen, jedoch besitzt heute eine Amerikanische Familie im Durchschnitt fünf Rundfunkempfänger, was dazu führt, dass in vielen Fällen auch am frühen Morgen in der Küche das angebotene Fernsehprogramm konsumiert wird.
Diesem Trend verdanken Nicht zuletzt Good Morning America, The Early Show und Today ihren anhaltenden Erfolg.
In Deutschland hingegen ist der frühe Morgen eindeutig die Domäne des Radios. So gilt im Gegensatz zu den Fernsehsendern, der Zeitraum
zwischen sechs und neun Uhr morgens als Primetime der deutschen Radiosender.
Frühmorgendliche Fernsehprogramme tun sich traditionell schwer in Deutschland. 72% der Deutschen schalten zu dieser Tageszeit den Fernseher überhaupt nicht ein. Der Anteil der Zuschauer, die dies täglich tun, liegt bei 7% 4 . Sowohl Marktführer RTL, als auch der Münchener Sender ProSieben haben nach mehreren Jahren, ohne nennenswerte Quotenerfolge
4 Vgl. Rais, Bernhard: Umfrage: Nachrichten im Frühstücksfernsehen am stärksten gefragt.
URL:
9
ihre Morgenmagazine eingestellt, und den Markt den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF, sowie Sat.1 überlassen. Das Morgenmagazin, welches im wöchentlichen Wechsel von ARD und ZDF produziert und dann parallel ausgestrahlt wird, ebenso wie das private Sat.1 Frühstücksfernsehen, befindet sich allerdings auf dem Weg in vielversprechendere Quotenregionen. Das Morgenmagazin konnte von 2003 auf 2004 durchschnittlich 30.000 Zuschauer hinzugewinnen und sichert sich damit die Marktführerschaft zwischen 5.30 und 9.00 Uhr 5 .
2.1.2 Die Daytime Audience-Participation Show
Die Daytime Audience-Participation Show, welche in ihrer Urform von Moderator und Produzent Phil Donahue in Dayton, Ohio erdacht wurde, bezieht das Studiopublikum umfassend in die Sendung ein. Es ist dann dazu aufgerufen, sich im Dialog mit Experten auf der Bühne, oder prominenten Persönlichkeiten zu einem von Sendung zu Sendung wechselnden Thema austauschen. Donahue’s junges Produktionsteam war mit diesem neuartigen Konzept vor allem darauf aus, ein überwiegend weibliches Publikum zu erreichen, welches potenziell den Tag über die meiste Zeit zu Hause verbringt. Donahue gestaltete auch die Rolle des Moderators völlig neu. Anders, als in bis dahin bekannten Talk Shows bewegt sich der Host 6 während der gesamten Sendung frei im Studio umher. Je nach Bedarf kann er so das Publikum in die Diskussion mit den Experten auf der Bühne einbeziehen und eine wesentlich lebhaftere und spontanere Atmosphäre erzeugen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich dieses Format weiter und wurde zu einem weltweiten Erfolg. In dieser Sparte etablierte sich ab Mitte der achtziger Jahre auch die äußerst erfolgreiche Moderatorin Oprah Winfrey, mit The Oprah Winfrey Show. In nur zwölf Jahren eroberte sie sich eine der der mächtigsten Positionen in der US-Medienlandschaft. Mit ihrer eigenen Produktionsfirma, die neben der täglichen Talk-Sendung auch mit großem Erfolg Filme, Reportagen und Videos produziert, gehört Oprah Winfrey in den Augen des Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts, ihre Sendung wird in den USA täglich von
5
Vgl. ZDF.de: Morgenmagazin: Noch mehr Zuschauer. URL:
6 -siehe Glossar: Host -
10
14 Mio. Menschen gesehen, sie wurde bereits für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert, hat sich ein geschätztes Vermögen von weit über 500 Mio. US-Dollar erwirtschaftet und gilt somit als ein glänzendes Beispiel für die Verwirklichung des viel zitierten American Dream. Diese Fakten verdeutlichen beispielhaft die Beliebtheit der Daily-Talk-Show beim US-Publikum und ihren enormen Marktwert für die dortigen TV-Networks 7 . Winfrey ist gleichzeitig die einzige Moderatorin, die das von Donahue entworfene Konzept noch heute mit anhaltendem Erfolg umsetzt. Die Konkurrenz hat sich seit Ende der achtziger Jahre größtenteils darauf konzentriert, nachmittägliche Talk-Shows zu boulevardisieren die Protagonisten nach einem fest abgesteckten Drehplan mit dem ebenfalls instruierten Publikum interagieren zu lassen 8 . Die seit 1991 produzierte Jerry Springer Show wurde nach der Umstrukturierung des eher klassischen Konzepts Vorreiter einer neuen, sehr oberflächigen Form von Talk Show, die später auch als Trash TV Talk Show kategorisiert und mit einigen Einschränkungen weltweit adaptiert wurde. Das Prinzip der Jerry Springer Show konzentriert sich darauf, dem Zuschauer Gäste mit außergewöhnlichen Geschichten, Beziehungen oder körperlichen
Merkmalen zu präsentieren. Im weiteren Verlauf diskutieren Jerry Springer und das Studiopublikum mit den Gästen über deren Schicksale, was nicht selten zu starken Emotionsausbrüchen und am Ende der Sendung zu einer Eskalation in Form von handgreiflichen Auseinandersetzungen führt, bei der allerdings nur selten jemand ernsthaft verletzt wird. Mitte der Neunziger Jahre brach auch in Deutschland ein regelrechter Boom des Daily Talk aus. RTL machte mit der einstündigen Sendung Hans Meiser den Anfang und innerhalb von wenigen Monaten folgten zahlreiche Konkurrenzprodukte nahezu aller Vollprogramme, die immer mit dem Namen des Moderators betitelt wurden. Zeitweise waren bis zu drei Talkshows auf einem Sender hintereinander zu sehen, die sich mit den Problemen der Gäste beschäftigten. Einer ähnlich lang anhaltenden Popularität wie die der amerikanischen Vorbilder konnten sich hingegen nur die allerwenigsten erfreuen. So sind zum heutigen Zeitpunkt bis auf einige
7 - siehe Glossar: Networks -
8 Vgl. Semeria, Stefano: Die Daytime Talkshow. In: Tenscher, Jens; Schicha, Christian (Hrsg.): Talk auf allen Kanälen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH, 2002. S.167
11
wenige Ausnahmen (z.B. Britt, Die Oliver Geissen Show) alle deutschen DailyTalk Shows durch Gerichtsshows oder Dokusoaps abgelöst worden.
2.1.3 Die Late-Night Entertainment Talk Show
Im Gegensatz zur hiesigen Publikumswahrnehmung ist die Late-Night Entertainment Talk Show das Subgenre, welches die amerikanischen Zuschauer am ehesten als Talk Show einstufen. Das Prinzip der Late-Night Talk Show basiert auf Gesprächen zwischen dem Moderator und seinen zumeist prominenten Gästen. Sie ist als eine Mischung aus Talk Show und Comedy zu verstehen. Der Inhalt der Gespräche rangiert dabei zwischen spielerischer Konversation über biographische Anekdoten bis zu aktuellen Informationen über das künstlerische, politische oder gesellschaftliche Schaffen des jeweiligen Gastes. Das erste Drittel der Sendung bestreitet der Moderator klassischerweise meist allein mit einem pointierten Eröffnungsmonolog über das tagesaktuelle Geschehen, gefolgt von einem Hauptteil, in welchem dem Publikum wiederkehrende unterhaltsame Rubriken wie Viewers Mail, Der Liebling des Monats, oder die tägliche Top Ten Liste präsentiert werden 9 . In den 50er Jahren begann dieses Format der Talk Show immer größeren Einfluss auf das abendliche Programm der Networks zu nehmen. Mit Shows wie Broadway Open House und The Tonight Show konnten schon über die ersten Jahre hinweg große Zuschauerzuwächse verzeichnet werden. Den Grundstein des Genres und der Formatierung, wie sie heute noch allgemein gültig ist, legte jedoch das Multitalent Steve Allen im September 1954 mit Tonight!. Dieses Konzept, basierend auf kabarettistischen Einlagen, Musik und lockeren Gesprächen mit Gästen führte sein Nachfolger Jack Paar von 1957 bis 1962 nahezu unverändert fort. Beide hatten sich in den Jahren zuvor einen Namen als komödiantische Radiomoderatoren gemacht, und waren durchaus in der Lage ihren Charme und großen Unterhaltungswert auf das noch junge Medium Fernsehen zu übertragen. Mit der Umbenennung in The Tonight Show und der Übernahme durch das charismatische Moderationstalent Johnny Carson wurde die Sendung dann ab 1962 endgültig das Flaggschiff
9 auf hier aufgelistete Elemente wird im folgenden Verlauf der Arbeit näher eingegangen
12
in der Unterhaltungssparte von NBC. Aufgrund des weiter steigenden Erfolges der Tonight Show entschloss sich der Sender daher Mitte der achtziger Jahre zu einer weiteren Sendung gleichen Formats, welche den direkten Sendeplatz nach Carson bekam. Late Night with David Letterman war damit die erste als solche betitelte Late Late Night Show. Diese Erweiterung des Late Night Slots 10 sollte in den kommenden Jahren schon bald zum Standard werden. Die konkurrierenden Networks ABC und CBS waren bis Ende der 80er Jahre hingegen nicht in der Lage ein ähnlich beständiges und beliebtes Format wie die Tonight Show beim Publikum zu etablieren. Was ihnen fehlte, war schlicht ein Moderator wie Johnny Carson, der das Publikum von Anfang an mit seiner Mischung aus intelligentem Witz und wohldosiertem Sarkasmus begeistern konnte. Selbst der Einkauf von Superstars der 60er und 70er Jahre, wie Jerry Lewis, Sammy Davis Jr. oder Merv Griffin halfen CBS und ABC nicht, der Tonight Show nennenswerte Marktanteile streitig zu machen 11 .
Als sich Carson im Mai 1992 nach 30 Jahren und 4531 Folgen der Tonight Show aus dem Fernsehgeschäft zurückzog gab es aufgrund der ungebrochenen Beliebtheit der Sendung schon im Vorfeld einen regelrechten Kampf um den Posten eines adäquaten Nachfolgers. NBC hatte schon Jahre zuvor das Erbe der Tonight Show an David Letterman versprochen, was zu einem schweren Eklat führte, als bekannt wurde, dass Jay Leno, der gelegentliche Gastmoderator von Johnny Carson, den Posten erhalten sollte. Als Letterman daraufhin erklärte, er würde NBC verlassen und seine Late Late Night Show aufgeben, setzte ein langwieriges, millionenschweres Pokern der Networks um den Einkauf des
Unterhaltungstalents ein. NBC versuchte den Schaden zu begrenzen, indem sie Letterman einen Vertrag als Nachfolger Leno’s ab 1997 anboten, den er jedoch ablehnte. Stattdessen unterschrieb er im Januar 1993 auf Anraten seines Förderers Johnny Carson einen lukrativen 3-Jahresvertrag mit CBS über eine Gage von insgesamt 42 Millionen Dollar 12 . Seither erfreuen sich sowohl The Late Show with David Letterman als auch The Tonight Show with Jay Leno einer konstant hohen Beliebtheit beim US-
10 - siehe Glossar: Slot -
11 Vgl. Timberg (2002), S.7
12
Vgl. Auletta, Ken: Late Night Gamble. URL:
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Bachelor of Media Management (BA) Clemens Hrach, 2005, TV Genre Late Night Show - Über die Entstehung in den USA und die Adaptionsprozesse auf dem deutschen Fernsehmarkt, München, GRIN Verlag GmbH
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