Als offizielles Uraufführungsdatum der sinfonischen Dichtung »Sehnsucht« datiert der 6. Juni 1895. An diesem Tag, seinem 26. Geburtstag, leitete Siegfried Wagner die Komposition in seinem zweiten Londoner Konzert.
Aber bereits im Februar desselben Jahres hatte er sein Opus mit einer Militärkapelle in Bay- reuth ausprobiert und am 6. März in einem Konzert in Pest zum Vortrag gebracht, allerdings offenbar in einer von der endgültigen Version noch stark abweichenden Fassung. Nach der Londoner Aufführung dirigierte Siegfried Wagner seine erste Komposition in einem Münch- ner Konzert, anschließend nahm der Dirigent Anton Seidl sie ins Programm seiner im selben Jahr startenden Amerika-Tournee auf. Auf Anfrage eines Verlegers jedoch antwortete Sieg- fried Wagner bereits im Juni 1895: für die freundliche Absicht, meine symphonische Dichtung »Sehnsucht« verlegen zu wollen, bestens dankend, bedaure ich, auf dieselbe nicht eingehen zu
können, da ich zunächst noch nicht die Absicht habe, dieselbe erscheinen zu lassen. 3
Unwahrscheinlich, dass an dieser unsicheren Haltung Hans Richters Urteil schuld gewesen sein könnte, der sich mit diesem Werk weniger einverstanden zeigte, denn Hans Richter fand
es zu lisztisch, 4 wie Siegfried Wagner in einem Brief offen zugibt. Nun ist das »Lisztische« an
diesem Werk durchaus richtig erkannt und wohl auch kein Makel, denn um neben dem Werk- schaffen seines Vaters als Komponist bestehen zu können und nicht in hoffnungsloses Epigo- nentum zu verfallen, orientierte sich Siegfried Wagner als Musikdramatiker an Vorläufern seines Vaters – Marschner, Weber – , sowie an dessen Antipoden – Bizet, Mussorgski, Rossi- ni und besonders Verdi – und als Sinfoniker an Hector Berlioz und Franz Liszt. Wie Liszts Sinfonische Dichtungen, so folgen auch die Vorspiele zu den Opern Siegfried Wagners einer außermusikalischen Vorlage, von der sie mehr die innere Stimmung als die äußeren Vorgänge zum Ausdruck bringen.
Die sinfonische Dichtung »Sehnsucht« wurde von den Biographen Siegfried Wagners ver- nachlässigt. So wird sie etwa in Otto Daubes Handbuch »Siegfried Wagner und sein Werk« überhaupt nicht erwähnt, obgleich Daube in seinem Werkverzeichnis sogar früheste Werke
des Schülers Siegfried Wagner berücksichtigt. 5 Paul Pretzsch, der in seinem musikalischen
2 Siegfried Wagner, Erinnerungen, Stuttgart 1923, S. 44.
3 in Privatbesitz; Kopie beim Verfasser.
4 In Privatbesitz; Abschrift beim Verfasser
5 Otto Daube, Siegfried Wagner und sein Werk, Ein Handbuch, Bayreuth 1925, S. 134f.
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Führer »Die Kunst Siegfried Wagners« 6 die bis zum Jahre 1918 entstandenen Opern und Or-
chesterwerke analysiert, lässt »Sehnsucht« unerwähnt und führt sie erst 1931, ein Jahr nach dem Tod des Komponisten, in einem Werkverzeichnis als ungedruckte symphonische Dich-
tung, mit der Klassifizierung Jugendwerk an. 7 Tatsächlich sind nach dem Uraufführungsjahr
für über 85 Jahre keine weiteren Aufführungen der »Sehnsucht« nachweisbar.
Auf meine Anfrage, Mitte der Siebzigerjahre, antwortete Winifred Wagner, die Witwe des Komponisten, die Originalpartitur sei seit Kriegsende verschollen. Im Jahr 1979 fand jedoch Friedelind Wagner, die Tochter des Komponisten, in einem Speicherraum des Bayreuther Festspielhauses die bei der Lithographischen Anstalt C. G. Röder in Leipzig gedruckte Parti- tur »Sehnsucht« mitsamt dem ebenfalls gedruckten, vollständigen Aufführungsmaterial. Nun erfolgten zahlreiche Wiederaufführungen, u. a. in Paris, Luzern, Berlin, Peking, Shanghai, Chicago und Berlin.
Im Richard Wagner-Nationalarchiv in Bayreuth befinden sich Fragmente einer – von der ge- druckten Partitur – stark abweichenden Niederschrift des Komponisten, sowie handschriftli- che Orchesterstimmen (ebenfalls Autographen des Komponisten) und Kompositionsskizzen zu einer frühen Fassung, die noch mit einer 4/4-Einleitung beginnt. Zweifellos hat Siegfried Wagner an seiner ersten Partitur – ganz im Gegensatz zu seinen späteren Werken – einiges getüftelt und experimentiert, und in dieser Hinsicht handelt es sich tatsächlich um ein Ju- gendwerk.
Doch das intensive Ringen um eine endgültige Version stellt keinen hinreichenden Grund für die Tatsache dar, dass Siegfried Wagner sein Erstlingswerk bereits ein Jahr nach der Urauf- führung nicht mehr in seine Konzertprogramme aufgenommen hat. Offenbar war es weniger die Reserviertheit dem Jugendwerk gegenüber, als vielmehr die Geheimhaltung eines Rezep- tes: »Sehnsucht« sollte nicht im Nachhinein als Opernpotpourri missverstanden werden. Be- reits im Jahre 1899 soll der Komponist seinen Freunden einmal beiläufig die Reihenfolge der nächsten fünf Opernpläne genannt haben: Nr. 1 (»Der Bärenhäuter«) sei seinen Freunden wohlbekannt; Nr. 2 (»Herzog Wildfang«) werde ein Lustspiel sein, Nr. 3 (»Der Kobold«) ei- nen »sehr traurigen« Gegenstand behandeln, Nr. 4 (»Bruder Lustig«) in seinem heiteren Ge- halt wieder dem »Bärenhäuter« verwandt sein, Nr. 5 (»Sternengebot«) erhielt, wenn wir nicht
6 Paul Pretzsch, Die Kunst Siegfried Wagners, Ein Führer durch seine Werke, Leipzig 1919.
7 Paul Pretzsch (Hrsg.), Siegfried Wagners Werke (Werkverzeichnis), Bayreuth 1931.
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Prof. Dr. Peter P. Pachl, 2005, Ein mit Schillers "Sehnsucht" verknüpfter Opernkosmos, Munich, GRIN Publishing GmbH
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