dem relativistischen Ansatz (jede Kultur sollte individuelle Werte beibehalten). 4 Der Multikulturalismus, nach Žižek eine verleugnete, verkehrte, selbstreferentielle Form des Rassismus (ein Rassismus der Abstand hält), soll mir hier als „Nahtstelle“ zwischen beiden Ansätzen dienen. Zudem ist zu Beginn eine Klärung des Begriffes „Rassismus“ erforderlich. Eine anschließende Analyse meines zweites Essays: „Zur Konstruktion von „Wir“ - Gruppen - Islam(ismus) als Gemeinschaftsideologie“ soll die Schwierigkeiten darstellen, mit denen der Multikulturalismus konfrontiert ist. Dadurch möchte ich die Frage klären, ob der Multikulturalismus (wenn auch unbeabsichtigt) zu einer Triebfeder der Formung des Fundamentalismus als Gesellschaftsordnung in Reaktion auf den Globalisierungsprozess wurde?
Wie bereits erwähnt stützt sich die Wortbedeutung von „Rasse“ auf eine genetisch kategorische Unterteilung von Individuen und Gruppen. Rassismus gilt als eine Ideologie, die die Menschheit aufgrund realer körperlicher (Hautfarbe) oder zugeschriebener Merkmale (Mentalität) in Rassen zu teilen versucht und unterschiedlich bewertet. Für eine nähere Begriffserklärung verweise ich an dieser Stelle auf Mark Terkessidis, der eine gehaltvolle Theoriediskussion über die unscharfe Verwendung des Begriffs Rassismus formulierte. 5 Der Multikulturalismus hingegen ist ein Rassismus, der seine eigene Position von jeglichem positiven Inhalt [seiner eigenen Rasse] freimacht und somit multikulturalistischen Respekt gegenüber vor der Besonderheit des anderen besitzt. Synonym zu dieser Žižekschen Wesensbestimmung verwendet Taguieff die Apperzeption des Antirassismus. Zur Verdeutlichung: „Antirassismus bezeichnet alle Ansätze, die zur Bekämpfung, Überwindung oder Dekonstruktion von Rassismus beitragen, und will die Freiheit aller Menschen. Es setzt sich für die Gleichberechtigung aller Menschen und gegen Diskriminierung ein.“ 6 Nach dieser Illustration lässt sich nicht nur ein Antagonismus zwischen Rassismus und Antirassismus vermuten. Hier wird vielmehr der falsche Eindruck erweckt, dass sich Multikulturalismus deutlich vom Universalismus distanziert. Stattdessen baut die Konzeption des Multikulturalismus auf die humanistischen Werte der aufgeklärten Moderne in der westlichen Welt auf. Somit neigt der Multikulturalismus dazu eurozentrische Inhalte zu privilegieren, um sich selbst auf seine eigene Partikularkultur zu beziehen 7 . Damit erhält der Multikulturalismus der westlichen Welt einen universalistischen Charakter. Das Problem eines unverfälschten
4 vgl. Taguieff, Pierre - Andre: Die Metharmorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus, in: Bielefeld, Ulrich: Das Eigene und des Fremde. Neuer Rassismus in der alten Welt?. S. 221 - 268
5 vgl. Terkessidis, Mark: Psychologie des Rassismus. S. 67 - 81
6 vgl. Žižek, Slavoj: Plädoyer der Intoleranz. S. 71; vgl. auch Taguieff: S. 221 - 268
7 vgl. Žižek: S. 70 - 71
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Multikulturalismus liegt darin, dass dieser nur im Naturzustand vorherrscht. Der Mensch als einzelnes Individuum ist von Natur aus nicht für das Leben geschaffen das er sich selbst einrichtet. Vielmehr neigt er dazu sich gesellschaftlich zu organisieren. Der Naturzustand kann somit als „unerträglicher“ definiert werden. Hobbes sprach in diesem Zusammenhang vom „Krieg aller gegen alle“. 8 Um den durch Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägten gesellschaftlichen Naturzustand zu überwinden, ist eine Übertragung von Macht auf einen Souverän, mit dem sich das Individuum (mehr oder weniger) identifizieren kann, notwendig. Dies geschieht durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem alle Menschen unwiderruflich ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht auf den Souverän übertragen, der sie im Gegenzug voreinander schützt. Gesellschaftstheoretisch ist somit ein „natürlicher Multikulturalismus“ unmöglich, da dieser nur ohne Gesellschaft existieren kann. Dadurch stellt sich an diesem Punkt die Frage, welche Möglichkeiten der Multikulturalismus besitzt, um sich weitestgehend vom Universalismus abzugrenzen?
Grundsätzlich kann zwischen zwei Formen des Multikulturalismus unterscheiden werden. Der liberale Multikulturalismus geht auf der einen Seite davon aus, dass rechtliche, soziale und politische Diskriminierung dem Gedanken des Multikulturalismus entgegenstehen und fordert folgerichtig deren Beseitigung und die strikte Einhaltung der Bürger- und Menschenrechte. Darüber hinaus sollen alle kulturellen Gruppen unterstützt werden, ihre eigene kulturelle Identität zu wahren, die als Voraussetzung für das Wohlergehen eines Individuums gesehen wird. Der radikale Multikulturalismus erkennt diesen Rahmen einer gemeinsamen politischen Kultur nicht an. Die eigene Identität der kulturellen Gruppen ist existentiell. Die Ausübung und das Überleben der Kulturen muss garantiert werden. Dabei fordert er weitgehende politische Selbstbestimmung jener Gruppen und eine Verankerung von Gruppenrechten in der Gesellschaft.
Das kapitalistische Weltsystem im heutigen globalisierten Zeitalter beeinträchtigt das Entfalten eines Multikulturalismus. Häufig werden kulturelle Differenzen als Folge der kapitalistischen Globalisierung stillschweigend akzeptiert, damit die basale Homogenität des kapitalistischen Weltsystems intakt bleibt. Multikulturalismus ist die Neutralisierung von realen Differenzen, die Verwandlung von politischen Positionen in unterschiedliche "Life-Styles". Insofern sei der Multikulturalismus nicht so unschuldig, wie er sich gebe. Er sei vielmehr die Ideologie des globalen Kapitalismus. 9 Es verwundert deshalb nicht, dass die Toleranz liberaler Multikulturalisten, so Žižek, in einem Teufelskreis gefangen ist, indem
8 vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan, in: http://www.bartleby.com/34/5/13.html
9 Charim, Isolde: Slavoj Žižeks provokanteste These: Erweist sich der Multikulturalismus als Form von Rassismus? in: http://www.taz.de/pt/2004/12/07/a0185.1/text
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Arbeit zitieren:
Christian Müller-Thomas, 2006, Folgen spezifischer Differenzkonstruktionen, München, GRIN Verlag GmbH
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