Vaterseelenallein Daß ich mein Herz auf der Zunge trag
Oft den falschen Ton anschlag
Daß ich in jeden Fettnapf tret’
Mein Temperament mit mir durchgeht
Daß ich kein lautes Wort vertrag’
Meine Seele offen trag
Mimosenhaft empfindlich bin
Eine Traumtänzerin
Der sich schnell Geduld verliert
Keine Seelenruhe spür’
Hab ich wohl von dir geerbt
Das hat sicher abgefärbt Irgendetwas treibt mich voran
Daß ich nicht loslassen kann
Daß ich auf der Suche bin
Ewige Selbstzweiflerin
Sehn mich so nach deiner Hand
Die immer für Stärke stand
Doch alles was mir von dir bleibt
Ist diese Todtraurigkeit Daß du mich einfach sitzen lässt
Kein sterbenswörtchen hinterlässt
Der kühle Kopf sieht alles ein
Nur das Herz kann nicht bei uns sein Daß du mich einfach so sitzen lässt
Kein sterbenswörtchen hinterlässt
Der kühle Kopf sieht alles ein
Nur das Herz kann nicht bei uns sein Vaterseelenallein, Vaterseelenallein Allein
Liedtext der Sängerin Pe Werner aus dem Album „Los!“ (1996)
INHALT
Verzeichnis der Abbildungen 1
Kapitel 1: Einleitung. 2
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie 8
2.1 Historische Entwicklung 8
2.2 Vaterentbehrung. 15
2.2.1 Vaterlosigkeit. 15
2.2.2 Vaterverlust. 16
2.2.3 Vaterabwesenheit. 16
Kapitel 3: Kinder in der Adoleszenz und ihre Väter 20
3.1 Jugendalter 20
3.2 Beziehung zwischen Vätern und Jugendlichen 30
3.2.1 Bedeutung des Vaters für den männlichen Adoleszenten 32
3.2.2 Bedeutung des Vaters für die weibliche Adoleszentin 36
Kapitel 4: Folgen einer Scheidung für Jugendliche und Ihre Väter. 39
4.1 Scheidung. 39
4.1.1 Scheidung als Prozess. 41
4.1.2 Modell der Scheidungs-Stress-Bewältigung. 44
4.2 Situation der Väter und Kinder im Scheidungsprozess 46
4.2.1 Väter in der Scheidungssituation 48
4.2.2. Jugendliche in der Scheidungssituation. 54
4.3 Ausgewählte Studien. 61
4.3.1 Zusammengefasste Ergebnisse der akuten Krise. 62
4.3.2 Zusammengefasste Ergebnisse der Konsolidierungsphase. 65
4.4 Auswirkungen des Stressors „Vaterabwesenheit“ 68
4.4.1 Vaterabwesenheit. 69
4.4.2 Töchter 76
4.4.3 Söhne 80
Kapitel 5: Schlussbetrachtung. 89
5.1 Zusammenfassung 89
5.2 Unterstützungsansätze für Scheidungsväter und betroffene
Jugendliche. 95
Literaturverzeichnis 105
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 1: Scheidungszahlen und betroffene Kinder in Deutschland
Abb. 2: Alleinerziehende nach Familienstand
Abb. 3: Scheidung als Prozess
Abb. 4: Modell der Scheidungs-Stress-Bewältigung.
Abb. 5: Scheidungsspezifische und -unspezifische Folgen der Vaterabwesenheit.
Abb 6: Mittelbare und unmittelbare Auswirkungen der Vaterabwesenheit
Kapitel 1: Einleitung Seite 2
Kapitel 1: Einleitung
Der zitierte Liedtext „Vaterseelenallein“ der Sängerin Pe Werner beschreibt ihre persönliche Geschichte zu ihrem abwesenden Vater und ihre damit verbundenen Gefühle. Es war vor allem dieses Lied, das die Verfasserin der vorliegenden Arbeit dazu bewegte, sich mit den Folgen der von ihr selbst und ihrem Bruder erlebten Vaterabwesenheit auseinanderzusetzen.
Viele familiäre Gespräche hatten bereits aufgezeigt, dass die Verarbeitung und Wahrnehmung der Vaterabwesenheit der Geschwister Unterschiede aufwies. Die Neugier der Verfasserin war geweckt, ob Söhne und Töchter eine Vaterabwesenheit unterschiedlich erleben und auch unterschiedliche Reaktionen daraufhin zeigen.
Aber nicht nur persönliche Motive, sondern vor allem aktuelle Gesellschaftsentwicklungen sind Anlass, sich mit dem Thema Vaterabwesenheit als Folge von Scheidung auseinanderzusetzen. Im Jahr 2004 machte der Anteil der Alleinerziehenden an allen Familien in Deutschland bereits ein Fünftel aus. In Ostdeutsch-land lag er mit 25 % höher als in Westdeutschland mit 19 %. 2 Die Scheidungsfälle stiegen zwischen 1994 und 2004 von 166.052 auf 213.691 und die Zahl betroffener Kinder unter 18 Jahren von 135.318 auf 168.859 (siehe Abb. 1).
1 Der Lyriker, Dramatiker und Kinderbuchautor Peter Härtling, zit. in AIGNER 2002, o. S..
2 STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 26.
Kapitel 1: Einleitung Seite 3
Somit stellen Geschiedene auch den größten Anteil an den Alleinerziehenden dar. Der Anteil wuchs von 1996 bis 2004 von 37% auf 40% (siehe Abb. 2).
3 STATISTISCHES BUNDESAMT 2005, o. S..
4 STATISTISCHES BUNDESAMT 2006a, S. 29.
Kapitel 1: Einleitung Seite 4
Da heute etwa ein Viertel 5 aller Kinder in unvollständigen 6 Familien aufwächst und somit oftmals mit der Trennung vom Vater konfrontiert wird, ist die Frage nach den Auswirkungen von Vaterabwesenheit für Kinder von großem gesellschaftlichem Interesse. Eine der hauptsächlich diskutierten Fragen ist, ob vaterlos aufwachsende Kinder unter den Folgen des fehlenden Vaters derartig leiden, dass es zu psychosomatischen und psychischen Beeinträchtigungen kommen kann, die auch bis ins Erwachsenalter anhalten können. 7
Da die Scheidung die Hauptursache von Vaterabwesenheit ist, hat die vorliegende Diplomarbeit zum Ziel, sich mit den Auswirkungen der Vaterabwesenheit infolge Scheidung auf betroffene Kinder auseinanderzusetzen. Dabei stehen jugendliche Scheidungskinder im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit. Das Jugendalter wurde »in der Scheidungsforschung bisher eher vernachlässigt, was mit der geringeren Vulnerabilität für familiären Stress begründet wird.« 8 . Diese Vernachlässigung motivierte die Verfasserin der vorliegenden Diplomarbeit, das Jugendalter schwerpunktmäßig zu betrachten. So gilt ihr Interesse den Besonderheiten dieser Lebensphase und den damit verbundenen Entwicklungsaufgaben im Hinblick auf die Verarbeitung der elterlichen Scheidung und vor allem auf den entscheidenden Stressor der Vaterabwesenheit.
Die vorliegende Arbeit hat das Anliegen, Eltern und Fachleute aus der Familien-und Scheidungsberatung über die Auswirkungen von Vaterabwesenheit infolge der Scheidung zu informieren und für die Bedürfnisse der betroffenen Jugendlichen in diesem Zusammenhang zu sensibilisieren. Im Sinne dieser Zielsetzung sollen folgende Fragen bearbeitet werden:
5 STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, o. S..
6 Mit „unvollständiger Familie“ wird keine Abwertung von Alleinerziehenden oder insbesonde-
re von Scheidungsfamilien vorgenommen. Lediglich die Tatsache, dass das Kind in einer Ein-
elternfamilie bzw. in einer Scheidungsfamilie aufwächst, soll deutlich werden.
7 Vgl. z. B. BODE/WOLF 1995, S. 10.
8 HETHERINGTON/ANDERSON/STANLEY HAGAN 1991, zit. in SCHWARZ 1999, S. 53.
Kapitel 1: Einleitung Seite 5
• Welche Bedeutung hat ein Vater für die Entwicklung und insbesondere die Identitätsbildung von Kindern im Jugendalter?
• Welche Prozesse und Stressoren kennzeichnen eine Scheidung?
• Wie empfinden und verarbeiten Jugendliche eine Scheidung?
• Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigen sich in der Reaktion der Jugendlichen auf die väterliche Abwesenheit?
• Wie könnten Unterstützungsangebote für geschiedene Väter ausgestaltet werden, um ihr Erziehungs-Engagement zu fördern?
• Was kann Scheidungskindern im Jugendalter bei der Bewältigung des Kontaktabbruchs zum Vater helfen?
Die vorliegende Diplomarbeit bearbeitet diese Fragestellungen in folgender Gliederung:
Da die Bedeutung des Vaters für seine Kinder einer der zentralen Untersuchungsobjekte der vorliegenden Arbeit ist, erfolgt in dem zweiten Kapitel zunächst eine Auseinandersetzung mit der Rolle des Vaters in der Familie. Dabei gibt ein erster Abschnitt des Kapitels einen Überblick über die historische Entwicklung der Vaterrolle, um die heutige Situation von Vätern in der Gesellschaft und Familie erklären, einordnen und verstehen zu können. Des Weiteren werden in Kapitel 2 die unterschiedlichen Formen von Vaterentbehrung dargestellt und der Begriff der Vaterabwesenheit definiert.
Das dritte Kapitel thematisiert die Beziehung zwischen Vätern und Kindern im Jugendalter. Die wichtigsten Entwicklungsstufen des Jugendalters werden vorgestellt und die Bedeutung des Vaters für die Adoleszenten beleuchtet. Denn erst, wenn die Bedeutung des Vaters und somit seine Erziehungsfunktion für die Jugendlichen deutlich ist, kann herausgearbeitet werden, welche Auswirkungen Vaterabwesenheit in dieser Lebensphase haben kann.
Das vierte Kapitel befasst sich mit der Situation von Vätern und Jugendlichen infolge einer Scheidung. Zunächst wird die Scheidungssituation als kritisches Lebensereignis untersucht und die damit verbundenen Bewältigungsanforderun-
Kapitel 1: Einleitung Seite 6
gen an die betroffene Familie insgesamt thematisiert. Anschließend liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels auf der spezifischen väterlichen und jugendlichen Auseinandersetzung mit dem Scheidungsprozess. So wird dargestellt, was es für Väter im Zusammenhang mit ihrer männlichen Identität bedeutet, eine Scheidung zu erleben, da hier Ursachen für die Abwesenheit des Vaters vermutet werden können. Außerdem steht im Fokus der Betrachtung, wie betroffene Kinder in der krisenreichen Zeit der Jugend eine familiäre Krise verarbeiten. Um die Situation der Jugendlichen während und nach der elterlichen Scheidung aufzuzeigen, werden Ergebnisse ausgewählter Längs- und Querschnittstudien vorgestellt. Das vierte Kapitel dient der Analyse der Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Jugendlichen nach der elterlichen Scheidung, um anschließend bezeichnende Auswirkungen des Stressors „Vaterabwesenheit“ infolge einer Scheidung auf betroffene Kinder im Jugendalter herauszuarbeiten. Die Argumentation greift auf die in Kapitel 3 identifizierten Besonderheiten des Jugendalters genauso zurück, wie auf die Bedeutung der Vaterrolle während der Adoleszenz der Kinder. Das Kapitel arbeitet insbesondere geschlechtsspezifische Reaktionen auf das Fehlen des Vaters heraus.
Das fünfte und letzte Kapitel fasst die gewonnen Ergebnisse der Diplomarbeit zusammen, bewertet den Stand der Forschung und skizziert Unterstützungsangebote für die betroffenen Familienmitglieder. Dabei greift die Verfasserin zum großen Teil auf eigene Überlegungen zurück und verfolgt das Ziel, Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene aufzuzeigen, um die Vaterabwesenheit infolge einer Scheidung zu reduzieren oder die negativen Folgen zu mindern. Den Themenkomplex „Auswirkungen der elterlichen Trennung und Folgen von Vaterabwesenheit für die Kinder“ haben nur wenige aktuelle Studien zum Ge-genstand. Die Verfasserin musste zum Teil auf sehr alte Untersuchungen zurückgreifen, die auch nicht immer im Original vorlagen. Die hier fehlende Aktualität zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass die aktuelle vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlichte Studie „Facetten der Vaterschaft“ zwar auch neue Forschungsergebnisse liefert, die in die vorliegende
Kapitel 1: Einleitung Seite 7
Arbeit eingeflossen sind, aber sich auch auf Studien beruft, die z. T. aus den 60er Jahren stammen. 9
Die meisten Studien verzichten auf eine Differenzierung der Begriffe „Scheidung“ und „Trennung“. Stellvertretend für viele Autoren vertritt Figdor die Auffassung, dass eine Scheidung im Vergleich zu der Trennung einer nichtehelichen elterlichen Lebensgemeinschaft keine direkten unterschiedlichen Folgen für das kindliche Erleben des Trennungsprozesses beinhaltet. 10 Das seit dem 1. Januar 2000 in Kraft getretene neue Scheidungsrecht hat in Bezug auf Sorgerechtsfragen ebenfalls zu einer Vereinheitlichung der Trennung verheirateter und unverheirateter Eltern beigetragen 11 . Die Begriffe „Trennung“ und „Scheidung“ werden deshalb von der Verfasserin synonym verwendet. Alle Ergebnisse können i. d. R. auch auf Trennungssituationen nicht verheirateter Eltern übertragen werden. Die vorliegende Arbeit verzichtet zur besseren Lesbarkeit auf die weibliche und männliche Doppelformulierung. Die nicht gewählte Form ist jedoch inhaltlich immer mit eingeschlossen.
9 BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND 2006.
Gleiches gilt für neuere Veröffentlichungen wie z. B. ERHARD/JANIG 2003 oder
SCHWARZ 1999.
10 Vgl. FIGOR, 1991, S. 27.
11 Vgl. BURKART/TRACHSEL 2001, S. 15.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 8
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie
2.1 Historische Entwicklung
Die Rolle des Mannes als Vater hat sich im Verlauf der Geschichte kaum in eine eindeutige Richtung entwickelt. In Abhängigkeit von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Schicht und Religion zeigt sich bis heute eine Vielzahl von Charakteristika, die die Rolle des Vaters innerhalb der Familie kennzeichnen. Um die Entwicklung zum heute bestehenden Vaterbild verständlich zu machen, gibt die vorliegende Diplomarbeit einen historischen Überblick der tendenziellen Aufgaben und Rollenzuschreibungen des Vaters zu unterschiedlichen Zeiten. »Im 18. und 19. Jahrhundert wird die traditionelle bürgerliche Familie geschaffen, in der die Vaterfigur Zentrum, Spitze und Oberhaupt der Familie ist.« 12 Vor allem aufgrund wirtschaftlicher Gegebenheiten wurde dem Vater primär die Rolle des Patriarchen zugeschrieben. Beispielsweise arbeiteten die Familienmitglieder unter der autoritären und dominanten Führung des Mannes als Einheit auf dem familiären Bauernhof und sicherten sich so gemeinsam ihren Lebensunterhalt. Im Hinblick auf die väterliche Autorität gab es wenig Konkurrenz von anderen Institutionen, so dass Kinder von ihrem eigenen Vater nur informell unterrichtet wurden und dieser auch über ihre Berufswahl und Heirat entschied. Der Vater-Sohn-Beziehung wurde eine höhere Bedeutung als der ehelichen oder der Mutter-Kind-Beziehung zugesprochen.
Die Frauen, die fast ausnahmslos heirateten, wechselten von der Unterwerfung gegenüber dem eigenen Vater zur Unterwerfung gegenüber dem eigenen Ehemann, der im Durchschnitt 5 Jahre älter war als seine Partnerin. Walbiner verweist darauf, dass die Lebensbedingungen dieser Zeit väterliches Engagement in der Familie eher gefördert als retardiert haben, »da es keine eindeutige Trennung zwischen häuslichem und Arbeitsleben« 13 gab. Trotz eines strengen autoritären Vaterbildes im 18. Jahrhundert gab es folglich auch viele lie-
12 WALTER 2002, S. 6.
13 Vgl. WALBINER 2006a, S. 5f..
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 9
bevolle und verantwortungsbewusste Vätertypen, die mit ihren Kindern beteten, spielten, sie unterrichteten und - wenn diese krank waren - ihre Betreuung übernahmen. 14
Eine Reihe gesellschaftlicher Veränderungen, wie beispielsweise der Wechsel von der Agrarwirtschaft zu der industriellen Gesellschaft, sowie die Wandlung der Wertvorstellungen, führten zur Umgestaltung der patriarchalischen Ordnung und Kontrolle innerhalb der Familie.
Die Rolle des Mannes war im 19. Jahrhundert durch eine geringere Einflussnahme auf das Leben der eigenen Kinder, eine generelle Reduzierung der väterlichen Au-torität innerhalb der Familie und eine Verminderung des väterlichen Engagements gekennzeichnet. Somit wurde der Mann aus der Mittelschicht aufgrund der geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung der Arbeitsbereiche von Männern und Frauen verstärkt zum Ernährer der Familie. Seine Autorität stützte sich von nun an auf materielle Ressourcen außerhalb der Familie wie Besitz, Karriere und Beziehungen. Die Rolle der Frau hingegen bezog sich vor allem auf die Organisation des familiären Haushaltes. Zudem wurde ihr die Erziehung und moralische Anleitung der Kinder erstrangig zugesprochen. Demnach sollten sich die Frau im Inneren des Hauses und der Mann draußen in der „feindlichen“ Welt als eine harmonische Einheit ergänzen. 15
In der Arbeiterklasse waren die ökonomischen Rahmenbedingungen durch Löhne am Existenzminimum und kurzfristige Beschäftigungszeiträume geprägt, weshalb weiterhin beide Ehepartner auf die Berufstätigkeit angewiesen waren. Die Einflussnahme und Präsenz des Vaters in der Familie im Vergleich zur Mutter hatte nach wie vor Bestand.
Insgesamt verhieß die ökonomische Situation des Mannes zunehmend Erfolg und Aufstieg, konnte jedoch auch Versagen bedeuten, so dass sich der berufliche Druck des Mannes erhöhte. Es galt für ihn nicht länger nur, der Ernährer der Fa- 14 Vgl. MATZNER 2004, S. 138.
15 WALBINER 2006a, S. 7 und HAUSEN 2001, S. 29.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 10
milie zu sein. Er musste zudem ein „guter Ernährer“ sein. 16 Diese mit Druck belastete Situation führte in vielen Fällen zu einem erhöhten Alkoholkonsum und hatte des Weiteren viele abwesende und misshandelnde Väter zur direkten Folge. Diese konnten das Versagen in der Erfüllung ihrer Rollenaufgabe nicht bewältigen und entzogen sich so ihrer familiären Verantwortung. 17 Die Abnahme der väterlichen Bedeutung für die Kinder in dieser Zeit wurde auch durch rechtliche Änderungen in Bezug auf das Sorgerecht deutlich. So übertrug man ab Mitte des 19. Jahrhunderts bei einer Scheidung das Sorgerecht nicht mehr vorrangig dem Vater, sondern vermehrt der Mutter.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden eine aktive, partnerschaftliche Rolle des Vaters, sowie sein Engagement in Ehe und Familie gefordert. Diese Forderung begründete sich vor allem in der Befürchtung, dass eine ausschließlich weibliche Betreuung der Söhne diese verweichlichen könnte. Es wurden daher Gesetzte erlassen, die fehlende familiäre Unterstützung des Mannes und Misshandlungen von Frau und Kindern strafrechtlich verfolgten. Außerdem entwickelte man Maßnahmen zur Reduzierung der fortan steigenden Scheidungsrate. 18 In der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung war es vor allem die wirtschaftliche Depression, die dazu beitrug, dass viele arbeitslose Männer ihren Status als Entscheidungsträger und ihr damit verbundenes Selbstbewusstsein verloren. Oft wandten sie sich von der Familie ab und verhielten sich selbstzerstörerisch und gewaltvoll.
Einige Jahre später brachte der Beginn des Naziregimes eine erneute Rückkehr der traditionellen Vaterrolle. Folglich wurde der Vater als Beschützer, Versorger und Disziplinierungsperson angesehen.
Während der Kriegsjahre wurden vermehrt die Folgen von Vaterabwesenheit thematisiert. So befürchtete man verstärkt soziale Probleme wie das Ansteigen jugendlicher Delinquenz bei Jungen oder sexuelle Promiskuität bei Mädchen.
16 Vgl. BURGEES 1998, S. 30.
17 Vgl. WALBINER 2006a, S. 8.
18 Vgl. FTHENAKIS et al. 1999, S. 21f..
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 11
Eine weitere Sorge bestand darin, dass die väterliche Abwesenheit, die oftmals eine aufkommende mütterliche Überbesorgtheit zur Folge hatte, bei Jungen Homosexualität fördere. 19
In der Nachkriegszeit wurden diese Diskussionen im Hinblick auf die Bedeutung eines abwesenden Vaters bei der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder weitergeführt. Väter wurden zu dieser Zeit aufgefordert, ein geeignetes Rollenmodell vorzuleben und als Disziplinierungsperson zu agieren. Diese Aufforderung beschränkte sich darauf, mit den Kindern zu spielen und etwas zu unternehmen. Die Übernahme von Pflegeaufgaben bezüglich der Kinder oder die Mithilfe im Haushalt wurden dagegen nicht verlangt.
Parallel dazu wurde die Mutter weiterhin als emotionale Bindungsperson und Versorgerin der Kinder angesehen. Nach den Untersuchungen von Rosen und d’Andrade wurde der Mutter somit die emotionale warme Stütze in der Erziehung zugewiesen und der Vater als sachlich-objektiver Pol angesehen. 20 Die Grundüberzeugung, dass die Mutter zu den Kindern ins Haus gehört und die väterliche Wirkungskraft sich auf die Berufswelt und die politische Öffentlichkeit bezieht, wurde somit auch in der Nachkriegszeit weiterhin aufrechterhalten. Viele der aus dem Krieg heimkehrenden Männer konnten die von der Gesellschaft geforderte väterliche Rolle in der Familie lange nicht erfüllen. Sie, die mit Verletzungen an Leib und Seele aus dem verlorenen Krieg zu ihren Familien zurückkehrten, verlangten in vielen Fällen eher nach der fürsorgenden Mütterlichkeit ihrer eigenen Ehefrauen, anstatt ihre Kinder in ein Muster männlicher Autorität einzuweisen. 21
Allgemein kann auf zwei historische Entwicklungstendenzen hingewiesen werden, die die Rolle des Vaters in den letzten Jahren entscheidend geprägt haben: 1. Der Ersatz des Familieneinkommens durch das individuelle Einkommen und 2. zunehmende Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung.
19 Vgl. FTHENAKIS et al. 1999, S. 22.
20 Vgl. ROSEN/D’ANDRADE 1959, zit. in DRINCK 1999, S. 23.
21 Vgl. HAUSEN 2001, S. 35.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 12
Diese beiden Gegebenheiten haben dazu beigetragen, das väterliche Engagement in der Familie zu schwächen, sowie Vaterschaft als selbstbestimmten und freiwilligen „Luxus“ in der Erziehung des Kindes anzusehen.
In den 60er und 70er Jahren wurde die Rolle des Mannes in der Familie besonders wegen der hohen Scheidungsrate Mittelpunkt von politischen und wissenschaftlichen Diskussionen. So wurde zentrales Thema dieser Diskussionen, dass das Ausbleiben von ökonomischen, psychologischen und emotionalen Beiträgen der Väter katastrophale Auswirkungen für die Familie bedeuten könnten. Gegen die geschlechtsspezifischen Rollendefinitionen, die vor allem durch die Erkenntnisse der Bindungstheorie 22 verstärkt wurden, begannen sich insbesondere Frauen, aber auch Männer immer stärker aufzulehnen, so dass eine Neuordnung des familiären Lebens entstand. 23
Demnach kam es zum Aufbrechen dieser starren Rolleneinteilung von Mann und Frau. Den Vätern 24 wurde einerseits ermöglicht, sich ihren Kindern wieder anzunähern. Andererseits wurden die Mütter befähigt, eine weitere Rolle anzunehmen: die der Berufstätigen.
Der steigende Eintritt der Frauen in die Berufswelt stellte die männliche Rolle des Ernährers stark in Frage. Frauen gewannen an ökonomischer Selbstständigkeit und erlebten Gleichberechtigung. Sie definierten sich mehr denn je über ihren Beruf und Karriere. Für die Männer hatte dies einerseits ein verstärktes berufliches
22 Die ursprünglichen Erkenntnisse der Bindungstheorie besagen, dass Kinder während ihrer
ersten Lebensjahre nur zu einer Person eine enge Bindung aufbauen können und die Mutter
von Natur aus dazu bestimmt ist, diese primäre Bezugsperson darzustellen. Dem Vater wird
dagegen für die emotionale Entwicklung des Säuglings und des Kleinkindes keine Bedeutung
zugemessen (vgl. BOWLBY 1969, zit. in PEITZ 2006, S. 30).
23 Vgl. FTHENAKIS et al. 1999, S. 23f..
24 Dazu verhalfen auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die belegten, dass Kinder zu meh-reren Personen, so auch zu Vätern eine enge Bindung aufbauen können. Entscheidend hierfür
ist ein einfühlsamer Umgang mit dem Kind. Und sowohl Väter als auch Mütter verfügen über
die biologischen Voraussetzungen für einen derartigen Umgang mit ihren Kindern
(vgl. NICKEL 2002, S. 578).
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 13
Engagement zur Folge, andererseits versuchten sie durch freiwillige Partizipation in der Familie Misserfolg im Berufsalltag zu kompensieren. 25 Von heutigen Vätern verlangt die Gesellschaft mehr als die alleinige Gewährleistung der finanziellen Absicherung der Familie. Vielmehr soll er aktiv und mitver-antwortlich am Geschehen seiner Kinder beteiligt sein. Dabei geht es um die Erfüllung zweier weiterer Funktionen: Zum einen die soziale Funktion, die beinhaltet, für das Kind ein Beziehungspartner zu sein, und zum anderen eine instrumentelle Funktion, durch die dem Kind Wissen vermittelt wird und die seine soziale Entwicklung fördern soll.
Allgemein sollen Väter heute nicht so sehr qualitative als vielmehr quantitative Betreuungsmaßnahmen verfolgen. So ergab beispielsweise die Studie von Fthenakis über Vorstellungen von der idealen Verteilung kindbezogener Aufgaben, dass der Frau weiterhin vorrangig die Zuständigkeit für das Kind zugewiesen wird. Männer sollen dagegen ein angemessenes Gleichgewicht zwischen beruflichem und familiärem Engagement herstellen. 26 In der alltäglichen Realität wird von vielen Vätern die dringliche Forderung, für die Kinder anwesend zu sein und sich für diese zu engagieren, nicht erfüllt. Studien aus den 90er Jahren zeigten diesbezüglich, dass die tatsächliche Zeitspanne, die ein Mann aktiv mit seiner Familie verbringt, stetig abnimmt. 27
Ein Prinzip innerhalb der historischen Wandlungen ist gleich geblieben: Autorität und Respekt des Mannes in der Familie stehen bis zur heutigen Zeit in enger Verbindung mit seinem ökonomischen und sozialen Status außerhalb der Familie. 28 Der hier dargestellte historische Überblick über die Wandlung des Vaterbildes verdeutlicht nach Matzner, dass die »Konzepte und das Handeln von Vätern […] nicht nur durch deren Primärsozialisation und Persönlichkeitsentwicklung oder das Verhalten ihrer Frauen bestimmt [werden], sondern auch durch historische
25 Vgl. WALBINER 2006a, S. 11.
26 Vgl. FTHENAKIS/MINSEL 2002, S. 34 und WALBINER 2006b, S. 32f..
27 Vgl. z. B. KÜNZLER 1994, S. 208ff. und BACHER/WILK 1992, S. 216ff.
28 Vgl. WALBINER 2006a, S. 10.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 14
und gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Lebens- und Wirtschaftsformen, Einflüsse der Region, Leitbilder, Normen, Sitten, Ideologien und Gesetzte« 29 . Vaterschaft gestaltet sich demnach je nach soziokultureller Umgebung verschiedenartig und ist demographischen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen unterworfen. Vaterschaft stellt einen komplexen, lang andauernden und entwicklungsbezogenen Prozess dar, in den über die Generationen hinweg tradierte Aspekte der Entwicklung von Männern und Kindern und dessen Wohlergehen integriert werden. 30
Es gibt auch in der modernen Gegenwart nicht den einen alleinigen Vatertypen, sondern viele unterschiedliche Männer mit vielfältigen Vorstellungen von Vaterschaft. So lässt sich beispielsweise auch heute noch das Bild des traditionell eingestellten Mannes beobachten, der als alleinigen Ernährer und Entscheider der Familie angesehen wird, wogegen die Frau für die Erledigung des Haushaltes und die Betreuung der Kinder zuständig ist. 31
Demgegenüber steht die Einstellung des „neuen Mannes“, der beide Partner für die Sicherung des Familieneinkommens verantwortlich sieht und auch in der innerfamiliären Aufgabenverteilung eine gleichberechtigte Aufteilung verfolgt. Die seit 2001 mögliche geteilte Elternzeit bewertet dieser Männertyp als bereichernd. 32
29 MATZNER 2004, S. 133.
30 Vgl. FTHENAKIS et al. 1999, S. 32.
31 Das erst kürzlich von Eva Hermann erschiene Buch: „Das Eva-Prinzip“ hat eine kontroverse
Diskussion über die Rollenzuschreibung der Geschlechter in Deutschland ausgelöst. Die The-
sen beziehen sich unter anderem auf die Forderung nach den traditionellen Geschlechterrollen
- demnach die Frau als Mutter und der Mann als der starke und beschützende Teil der Familie.
32 Zulehner und Volz kamen aufgrund einer im Jahr 1998 in Deutschland an 1.200 Männer
durchgeführten Befragung, die sich auf das Selbstbild , die Vorstellungen vom Geschlechter-
verhältnis und die gewünschten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau bezog, zu einer
Differenzierung von „Männertypen“. Dabei war sowohl der traditionelle als auch der neue
Mann mit jeweils 19 Prozent vertreten (vgl. ZULEHNER/VOLZ 1999, S. 35f. und o. V. in
2006, o. S.).
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 15
Wie das Kapitel bereits beschrieben hat, lenkte sich in einigen Zeitspannen das Interesse der Vaterrolle in der Familie besonders auf sein Fehlen und die damit zusammenhängenden Auswirkungen für die gesamte Familie. In der heutigen Zeit, in der beinahe jede dritte Ehe geschieden wird und ca. 7% aller minderjährigen Kinder (zu 5 % unter 3jährige; 7,7% 3 bis unter 6jährige; 11,3% 6 bis unter 10jährige; 13,1 % 10 bis unter 15jährige und zu 13,5% 15 bis unter 18jährige betroffene Kinder und Jugendliche) 33 demnach bei einer getrennt lebenden oder geschiedenen Mutter aufwachsen, ist das Thema aktueller denn je. Als Grundlage für eine aktuelle Diskussion soll im folgenden Kapitel zunächst dargestellt werden, was der Begriff der Vaterentbehrung bedeuten kann.
2.2 Vaterentbehrung
Die synonymen Begriffe Vaterentbehrung und Vaterdeprivation stehen für mehrere Ausprägungen des Vatermangels im Leben eines Kindes. Sie fassen die drei Hauptformen Vaterlosigkeit, Vaterverlust und Vaterabwesenheit zusammen. 34 Diese sollen in den folgenden Abschnitten näher erläutert werden.
2.2.1 Vaterlosigkeit
Der Begriff der Vaterlosigkeit impliziert, dass das jeweilige Kind keine bewussten Erfahrungen mit dem leiblichen Vater vorweisen kann und ohne dessen Mitwirken aufgewachsen ist. Ein späteres Zusammentreffen und Kennen lernen des Vaters ist oftmals aussichtslos.
Vaterlosigkeit entsteht beispielsweise dadurch, dass der Vater, als das Kind noch sehr klein war, bereits verstorben ist oder weil es zwischen Mutter und Vater während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt zur Trennung kam und seither der Kontakt abgebrochen ist.
33 Vgl. WALPER/SCHWARZ 2002, S. 9.
34 Vgl. PETRI 1999, S. 53f..
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 16
Nach einem biologischen Verständnis gibt es keine Vaterlosigkeit. Auch nach einem psychologischen Verständnis ist zu bedenken, dass ein nie gekannter Vater dennoch im Inneren des Kindes einen bedeutsamen Platz einnimmt. Das Kind entwickelt immer durch Vorstellungen und Phantasien über den Vater ein eigenes inneres Vaterbild. 35
2.2.2 Vaterverlust
Bei dem Vaterverlust handelt es sich in Abgrenzung zur Vaterlosigkeit um eine zeitlich begrenzte Erfahrung mit dem leiblichen anwesenden Vater. Ab einem bestimmten Zeitpunkt steht dieser dem Kind nicht mehr zur Verfügung, so dass es sich bei dieser Bezeichnung ebenfalls um ein endgültiges Ereignis handelt. Dieses Ereignis kann ein Kind beispielsweise durch den Tod des Vaters vom ersten Lebensjahr bis zur Pubertät und Adoleszenz erleben.
Im Hinblick auf die seelischen Folgen für Kinder ist der Zeitpunkt des Vaterverlustes von entscheidender Bedeutung. So variieren je nach Dauer und Intensität der väterlichen Verfügbarkeit die Identifizierungsmöglichkeiten zur Errichtung innerer Vaterbilder. 36
2.2.3 Vaterabwesenheit
Bei dem Begriff Vaterabwesenheit gestaltet sich eine eindeutige Definition schwierig, da dieser Begriff viele unterschiedliche Abwesenheitszustände impliziert. So ist ein abwesender Vater beispielsweise derjenige, der zur See fährt, ein erfolgreicher Profifußballer, der mehrwöchig dauernde Turniere spielt, ein Unternehmer, der 14 Stunden pro Tag in seinem Büro verbringt oder ein Scheidungsvater, der seine Kinder nur am Wochenende sehen kann oder den Kontakt gänzlich zu seinen Kindern abbricht. 37
35 Vgl. PETRI 1999, S. 48.
36 Vgl. PETRI 1999, S. 54f..
37 Vgl. BODE/WOLF 1995, S. 10.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 17
Der väterliche Rückzug nach einer Scheidung stellt im Übrigen die häufigste Form von Vaterabwesenheit im Leben eines Kindes dar. So haben ungefähr 40% der deutschen Männer nach drei Jahren der Scheidung keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern. Vereinbarte Besuchszeiten werden demnach nicht mehr befolgt. 38 Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen auch Nave-Herz und Schmidt in ihrer Studie. So hatten im Laufe der Jahre ein Drittel der von ihnen untersuchten geschiedenen Väter den Kontakt zu ihren Kindern verloren. 39 Kinder, die einen abwesenden Vater erleben, begleiten immer Ungewissheit, Unberechenbarkeit und Zweifel, ob, wann und für wie lange der Vater wieder auftauchen wird. Somit kann im Gegensatz zu der Vaterlosigkeit und des Vaterverlustes ein Kind, das einer Vaterabwesenheit ausgesetzt ist, den eigentlichen Trennungsschmerz nie endgültig verarbeiten, da es ständig auf das Wiedersehen und ein dauerhaftes Zusammensein mit dem Vater hofft. Das Kind ist oftmals einer Zerreißprobe seiner Gefühle ausgesetzt und die verbliebene Familie ist in ihrer weiteren Entwicklung blockiert. Grossenbacher-Boss spricht in diesem Zusammenhang von einem »uneindeutigen Verlust«. 40 Da die Familienmitglieder nicht eindeutig entscheiden können, ob ein Familienmitglied außerhalb oder innerhalb des Familiensystems steht, können der Trauerprozess und die Reorganisation der bisherigen Familienstruktur kaum abgeschlossen werden. Die verbleibende Hoffnung auf eine Wiederkehr des Vaters und die Tatsache, dass die Vater-Kind-Beziehung somit nie endgültig abbricht, kann allerdings auch positive Aspekte mit sich bringen. Es kann ein Gefühl der Kontinuität entstehen, so dass die inneren beständigen Vaterbilder die Bindung zum Vater aufrechterhalten. 41
Bezüglich der Abwesenheitszustände von Vätern gibt es keine verlässlichen, allgemein gültigen Aussagen hinsichtlich der Qualität der Vater-Kind-Beziehung
38 Vgl. SASS 1997, S. 126.
39 Vgl. NAVE-HERZ/SCHMIDT 1996, S. 166.
40 GROSSENBACHER-BOSS 1993, S. 162.
41 Vgl. PETRI 1999, S. 80.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 18
und den Grad der möglichen negativen Auswirkungen für das Kind. 42 Vielmehr sind die beschrieben Abwesenheitszustände immer im Kontext des Familiensystems zu sehen. Bei einem intakten Familiensystem bleibt bei längerer und wiederkehrender Abwesenheit der Vater trotz allem ein integriertes Mitglied im funktionierenden System. Er behält für die Kinder demnach seine Funktionen, die den Kindern verhelfen, die altersentsprechenden Entwicklungsstufen zu durchlaufen. Bei einer Scheidungssituation dagegen zerbrechen in den meisten Fällen die Strukturen des Familiensystems. Die betroffenen Kinder sind daher oftmals nicht in der Lage, eine innere „Familienrepräsentanz“ auszubilden. Auch wenn einige Väter ihren Kindern nach der Trennungssituation zeitlich mehr zur Verfügung stehen als in der Ehe, haben sie häufig eine verminderte Möglichkeit, diesen ein inneres und äußeres Familienbild zu vermitteln. 43
Ob dieser Aufbau eines Familienbildes unerlässlich für die Ausbildung einer Gesamtpersönlichkeit und Identität ist, wird bisweilen in der Familienforschung diskutiert und soll in Kapitel 4.4 näher untersucht werden. Die Tatsache der Vaterabwesenheit infolge einer Scheidung sagt also noch wenig über die Qualität der Vater-Kind-Beziehung und mögliche psychopathologische Auswirkungen für die betroffenen Kinder aus 44 . Vielmehr müssen weitere Ein-flussfaktoren, die sich innerhalb einer Scheidungssituation als direkte Folge ergeben können, analysiert und auf ihre Bedeutsamkeit im Hinblick auf die kindliche Entwicklung geprüft werden.
42 Vgl. PETRI 1999, S. 70.
43 Vgl. PETRI 1999, S. 80.
44 Der Psychoanalytiker Lacan stellt die These auf, dass Bedeutung und Wirkung des Vaters
weder an die Dauer noch an die Art und Weise seiner körperlichen Anwesenheit gebunden
sind. Sein Konstrukt des "nom du père" spricht dem Vater lediglich die Funktion eines Auto-ritätsvermittlers zu, die auch von der Mutter oder einem Dritten, also einem „symbolischen
Vater“ übernommen werden kann (vgl. EVANS 2002, S. 197 und S. 326). Die moderne Ent-
wicklungspsychologie kritisiert allerdings die Reduzierung des Vaters auf die Funktion eines
Repräsentanten und Garanten des Gesetzes als zu eng gefasst.
Kapitel 2: Die Rolle des Vaters in der Familie Seite 19
Bevor die Scheidungssituation für Väter und ihre Kinder im Jugendalter konkretisiert wird, werden zunächst die Besonderheiten dieser Lebensphase sowie die Be- schreibung der Vater-Kind-Beziehung in dieser Zeit vorgenommen.
Kapitel 3: Kinder in der Adoleszenz und ihre Väter Seite 20
Kapitel 3: Väter und ihre Kinder in der Adoleszenz
3.1 Jugendalter
Wichtige Aspekte, die das Jugendalter charakterisieren und für die Fragestellung der Diplomarbeit von Bedeutung sind, werden im Folgenden erläutert. Die Merkmale des Jugendalters sind so facettenreich, dass die Ausführungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können.
Das Jugendalter ist eine Lebensphase, in der es zu vielfältigen biologischen, sozialen und intellektuellen Veränderungen kommt. Für den Jugendlichen bedeutet dies, eine Übergangsperiode zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt zu überwinden. Es gilt somit einerseits, Verhaltensweisen und Privilegien der Kindheit aufzugeben und andererseits, die Aufgaben der Erwachsenenwelt zu bewältigen und die dafür notwendigen Kompetenzen zu erlernen. In dieser Übergangsperiode kommt es für den Jugendlichen zu einer Erschütterung seiner Identität, so dass das damit verbundene »Ich-bin-ich-Gefühl« 45 zeitweise verschwindet. Der Psychoanalytiker Erikson spricht in diesem Zusammenhang von einer Identitätskrise in der Jugendzeit. 46 Das Jugendalter kann mit den beiden Begrifflichkeiten Pubertät und Adoleszenz umschrieben werden. 47
Die Pubertät beschreibt mit dem Eintreten der Geschlechtsreife den Beginn des Jugendalters und wird demnach häufig innerhalb der biologischen Fachwelt verwendet, da diese ihren Fokus grundlegend auf die geschlechtsspezifischen biologischen Veränderungen während der Jugendphase richtet. Die Geschlechtsreife beginnt bei Mädchen zwischen dem 9. und 11. Lebensjahr und damit tendenziell zwei Jahre früher als bei Jungen. 48
In den Sozialwissenschaften ist der Begriff der Pubertät weitestgehend von dem Terminus Adoleszenz ersetzt worden. Somit wird das Jugendalter nicht nur auf
45 KOHNSTAMM 1999, S. 106.
46 ERIKSON 1995, S. 264f..
47 Vgl. OERTER/DREHER 2002, S. 259.
Kapitel 3: Kinder in der Adoleszenz und ihre Väter Seite 21
die alleinige Betrachtung der körperlichen Veränderungen von Jungen und Mädchen in dieser Zeit reduziert, sondern darüber hinaus werden weitere entwicklungsbezogene Veränderungen herausgestellt. Diese beziehen sich vor allem auf psychische und soziale Aspekte. Damit wird deutlich, dass es sich bei der Adoleszenz um eine längere und differenzierte Phase einer Altersgruppe mit zeitlicher Eingrenzung handelt. 49
»Zur Differenzierung der Veränderungsdynamik werden drei Phasen mit jeweils zugeordneten Altersbereichen unterschieden«: 50
• frühe Adoleszenz zwischen 11 und 14 Jahren,
• mittlere Adoleszenz zwischen 15 und 17 Jahren und
• späte Adoleszenz zwischen 18 und 21 Jahren.
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Einblicke in die Anforderungen zu bieten, die Jugendliche in der Adoleszenz insgesamt zu bewältigen haben. Diese Grundlage ist für das Verständnis wichtig, welche Bedeutung einer Scheidung in dieser Lebensphase zukommt. Bei der Beschreibung der Adoleszenz verzichtet die vorliegende Arbeit auf die strenge Differenzierung der oben genannten Phasen. 51 Somit stehen weniger zeitliche Aspekte als vielmehr die gesamten Anforderungen des Jugendlichen unabhängig von der zeitlichen Detailbetrachtung im Fokus der vorliegenden Arbeit. Zum einen, weil »qualitativ wie quantitativ sehr heterogene Entwicklungsprozesse« 52 eine trennscharfe Differenzierung der
48 Es ist anzumerken, dass die Entwicklungsprozesse der Adoleszenz individuell variieren kön-nen. So hängt der Beginn beispielsweise von genetischen Bedingungen oder von bestimmten
Umweltfaktoren ab (vgl. KOHNSTAMM 1999, S.17).
49 Vgl. BAACKE 2003, S. 41.
50 STEINBERG 1989, S. 5.
51 Im Einklang mit der entwicklungspsychologischen Literatur, in der die Jugend nicht als ein
klar definierter Altersabschnitt gilt. So ist beispielsweise Hurrelmann der Auffassung, dass
»eine altersmäßige Festlegung der Jugendphase nicht möglich und nicht sinnvoll« sei
(HURRELMANN 1994, S. 18).
52 OERTER/DREHER 2002, S. 259.
Arbeit zitieren:
Vanessa Klask, 2006, Auswirkungen der „Vaterabwesenheit“ infolge von Scheidung auf die betroffenen Kinder , München, GRIN Verlag GmbH
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