Inhalt
Inhalt 2
1. Einleitung. 3
2. Franzas als Vertreterin einer mythischen Vorzeit 5
2.1 Franzas mythisches Denken in Bezug auf das Kind. 6
2.1.1 Die Mumifizierung des Kindes. 7
2.1.2 Verzehr des Herzens 8
2.2 Franzas „heidnischer“ Glaube 10
3. Bezug der Figuren zum Mythos von Isis und Osiris 11
3.1 Franza als Isis. 11
3.1.1 Der untergegangene Tempel. 11
3.1.2 Das Bad im Nilschlamm 12
3.1.3 Franza als mütterliche Isis 13
3.1.4 Isis als Gegengöttin. 14
3.2 Martin als Osiris und Horus. 15
3.2.1 Ertrinkungstod, Rettung, Unterrichtung 15
3.2.2 Aufforderung zur Rache 16
3.2.3 Ambivalenz 17
3.2.4 Blick, Sonne und Gerechtigkeit 17
3.3 Jordan als Seth 18
3.3.1 Verkörperung als Krokodil 19
4. Franza und der christliche Glaube. 21
4.1 Von Horus zu Moses. 21
4.2 Negierung der christlichen Religion 21
4.3 Franzas gescheiterte Gottesbegegnung. 22
4.4 Kritik an der Kirche 23
5. Zusammenfassung 25
7. Literaturverzeichnis 26
1. Einleitung
Ingeborg Bachmanns Fragment gebliebener „Todesarten“-Roman „Das Buch Franza“ ist grundiert mit einem Subtext intertextueller, mythologischer und religiöser Bezüge. Diese Art des „Zusammenhang-stiftenden Schreibens“ 1 ist kennzeichnend für Ingeborg Bachmanns Werk. Christa Wolf entdeckt in Bachmans Schreiben eine Gewebestruktur, eine Verwobenheit der motivischen Fäden, die das Erzählte in andere, größere Zusammenhänge rückt.
Gewebe schließlich durch das Zerschreiben des unaufhörlich Fortschreitenden. Es hebt den Vorrang des bloß Linearen auf und schafft das Nebeneinander des Vorher, Jetzt und Noch-Nicht. Die zeitlichen und räumlichen Grenzen übergreifend entsteht im Gewebe erzählter Gleichzeitigkeit das Bild des großen Zusammenhangs, der Erlösung verspricht. 2
Vor allem zwischen dem altägyptischen Mythos von Isis und Osiris und dem „Buch Franza“ besteht ein ganzes System komplexer Bezüge. Vermittelt wird der Mythos auch - aber nicht ausschließlich - über intertextuelle Bezüge zu Robert Musils Gedicht „Isis und Osiris“ und über die Utopie eines „anderen Zustands“, die Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ entwirft. Diese Hausarbeit vertritt die These, dass Ingeborg Bachmann ihre Figuren bewusst so angelegt hat, dass sie sich zu den Protagonisten des altägyptischen Mythos in Analogie setzen lassen, wobei die Autorin an entscheidenden Stellen eine genaue Umkehrung der mythischen Erzählung vornimmt. Einige dieser Parallelen zwischen dem Mythos und dem Buch Franza sollen in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden, darunter auch solche, die bisher von der Forschung nicht oder wenig beachtet wurden.
1 Peter Beicken: „So eine Geschichte ist ja ein Gewebe.“ Zum Schreiben Ingeborg Bachmanns.
In: Gudrun Brokoph-Mauch, Anette Daigger (Hrsg.) Ingeborg Bachmann. Neue Richtungen in
der Forschung? St. Ingbert, 1995, S.11-28, hier S. 11.
2 Ebd. S. 27.
Franza erscheint im Lichte des Mythos als die Vertreterin einer archaischen Vorzeit. Auch die Funktion Martins lässt sich über die Parallelen zu den altägyptischen Gottheiten Osiris und Horus erhellen. Über eine ikonographische Traditionslinie schließlich lässt sich das Motiv des Horus mit der Figur Moses verknüpfen. Über diese zahlreichen und komplexen Verbindungen ergibt sich eine Lesart des Textes, in der Franza zur Vertreterin einer „Gegenreligion“ wird. Um diese These zu belegen, untersucht diese Arbeit die genannten Bezüge. Dazu ist es nötig, auch mythologische Untersuchungen aus dem Bereich der Ägyptologie und der religionsgeschichtlichen Forschung als Quellen mit heranzuziehen.
2. Franzas als Vertreterin einer mythischen Vorzeit
Das Geschwisterpaar Franza und Martin wird im Text früh in Bezug gesetzt zum königlich-göttlichen Geschwister-Ehepaar des altägyptischen Mythos, Isis und Osiris. Dies geschieht vermittelt durch den „Kult-Satz“ der Geschwister: „Unter hundert Brüdern dieser eine. Und er aß ihr Herz . Und sie das seine.“ 3 Der Kultsatz ist die leicht variierte Schlusszeile aus Robert Musils Gedicht „Isis und Osiris“: „Aller hundert Brüder dieser eine. Und er isst ihr Herz, und sie das seine.“ 4
Musils Gedicht bezieht sich wiederum auf den altägyptischen Mythos, in dem es nach Plutarchs Überlieferung heißt:
Isis und Osiris aber liebten einander schon vor ihrer Geburt und wohnten einander im Mutterleibe in der Finsternis bei. Einige behaupten, auf diese Weise sei Harueris 5 gezeugt worden. 6
Der Kultsatz, von Ingeborg Bachmann im Vergleich zu Musils Vorlage in die Vergangenheit gesetzt, kennzeichnet die Kindheit der Geschwister über die doppelte Referenz als eine vergangene, mythische, aus der Zeit gehobene Erfahrung. Über den Kult-Satz imaginiert Franza die Beziehung der Geschwister im Kindheitsparadies als Utopie einer inzestuösen, gewaltfreien Liebesbeziehung, die sich jedoch nie in der inzestuösen Handlung manifestiert. Als „unwiderstehlich“ bezeichnet ist diese Liebe zugleich verboten, als auch von größter Intensität. Wie Ortrud Gutjahr formuliert, wird über den Kultsatz das „kulturelle Gedächtnis der Kinder, in welchem durch die Zivilisationsentwicklung
3 Ingeborg Bachmann: Das Buch Franza. Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche.
München/ Zürich, 2004. S.53.
4 Robert Musil: Isis und Osiris. In: Ders.:Gesammelte Werke I: Prosa und Stücke. Kleine Prosa.
Aphorismen. Autobiographisches. Hrsg. v. Adolf Frisé. Hamburg 1978, S. 465.
5 Die alten Ägypter kannten Horus als eine doppelte Gottheit, wobei Harueris der Name des
älteren Horus ist. Beide Götter sind aber miteinander identisch, in ähnlicher Weise, wie das
Jesuskind mit dem erwachsenen Christus identisch ist. Vergl. Hederich: Lexikon der Mythologie,
S.1294.
6 Plutarch: Über Isis und Osiris. Text, Übersetzung und Kommentar von Theodor Hopfner, 1940,
Prag. S. 3.
überwundene und ausgegrenzte Erfahrungsweisen wieder erlebbar werden“ 7 angesprochen. Die Kindheit der Geschwister wird so als ein Urzustand definiert, der von der Zivilisation „der Weißen“, das heißt - in diesem Kontext - der rational geprägten, christlichen, faschistischen, westlichen Zivilisation, nicht beeinflusst oder zerstört werden konnte. Die mythisch erlebte Kindheit prägt Franzas Denken und macht sie zu einer „magisch“ denkenden und erlebenden Vertreterin einer geschichtlichen Vor-Zeit, zu einer „Papua“, 8 einer „mythische(n) Figur“ 9 . Franza tritt damit aus der weißen Rasse aus und lebt fortan, ein „Fossil“, in „Magie und in Bedeutung“ 10 Solange sie sich im Paradies der Kindheit befinden, sind Martin und Franza in das versetzt, was Robert Musil die „Utopie des anderen Zustands“ nennt.
2.1 Franzas mythisches Denken in Bezug auf das Kind
Franzas „archaische“ Denkweise wird besonders deutlich in der Passage, die Franzas Schwangerschaftsabort thematisiert. Wie in der Forschung nur selten beachtet wurde, 11 ist die Abtreibung, der sich Franza auf Jordans Willen hin unterzieht, der direkte Auslöser für Franzas Flucht aus der zerstörerischen Beziehung zu Jordan. Die Tötung des Fötus ist also ein auslösender Moment. Franza verschwindet aus einer Klinik in Baden, wo sie, so erfährt Martin beim ersten Aufeinandertreffen der Geschwister in Galicien, nicht, wie es ihm gegenüber vorgegeben wurde, wegen „der Schwefelbäder gewesen war, sondern wegen einer Operation.“ 12 Um welche Art Operation es sich handelte, erfährt Martin erst später auf der Schiffspassage, als die weiße Umgebung der Schiffskabine das Trauma der erzwungenen Abtreibung in Franza wiedererweckt, woraufhin sie diese erneut durchlebt und somit auch für Martin erfahrbar macht.
7 Ortrud Gutjahr: Fragmente unwiderstehlicher Liebe. Zur Dialogstruktur literarischer
Subjektentgrenzung in Ingeborg Bachmanns "Der Fall Franza", Würzburg, 1988. S.86.
8 Bachmann: Franza, S.76.
9 Ebd., S.20.
10 Ebd.,S.45.
11 vergl. z.B. Gutjahr: Fragmente, S.144 ff.
12 Bachmann: Franza, S.31.
Das Schiff evoziert in Franza den Operationssaal weil „alles zu weiß war für sie“ 13 (wobei „weiß“ und „die Weißen“ im ganzen Text für ein faschistisches Verhalten steht.)
2.1.1 Die Mumifizierung des Kindes
Franza, so erfährt Martin, äußert dem Arzt gegenüber den Wunsch, den Fötus in einem mit Spiritus gefüllten Einsiedeglas nachhause nehmen zu dürfen. Sie wolle „wenn schon mit keinem Kind, dann mit einem Fleischfetzen zurückkommen zu dem Fossil, ihm den hinstellen, damit er das ansehen konnte bis ans Ende seiner Tage“ 14 .Über diese geplante „Mumifizierung“ und Ausstellung des Fötus wird ein Bezug hergestellt zur ägyptischen Praxis der Mumifizierung und speziell zum dem Kapitel, in dem sich Franza mit Martin in einer Museums-Grabkammer mit ausgestellten, einbalsamierten Königsleichen befindet. In beiden Szenen wird der Umgang der Weißen mit menschlichen Leichen von Franza als absolut abstoßend und schockierend, als Leichenschänderei empfunden. Die geplante Konfrontation Jordans mit dem mumifizierten Fötus ist eine Konfrontation des faschistoiden Weißen mit seinem eigenen, barbarischen Verhalten. Dem Umgang mit menschlichen Leichen, als seien sie Anschauungsobjekte in einem Fall, oder Abfall im andern („Damit es nicht in den Verbrennungsofen kam“ 15 ), setzt Franza eine Wiederherstellung des Todes -Tabus entgegen. Im ersten Fall will sie, durch eine Wiederherstellung der ursprünglichen Begräbnissituation, die Toten „dem Dunkel zurückerstatten, damit ihr wieder regiert“ 16 im zweiten das Kind essen, um es so zu einem Teil ihrer selbst zu machen, es also in einem anderen Zustand weiterleben zu lassen. In beiden Fällen manifestiert sich Franzas Verständnis eines nicht-endgültigen Todes, sondern eines Weiterlebens in einem anderen Zustand - ein Gegenentwurf zur Praxis der „christlichen“ Weißen, deren Verhalten als unmenschlich und faschistisch entlarvt wird.
13 Ebd. S.93.
14 Bachmann: Franza, S.93.
15 Ebd.
16 Ebd., S.118.
Arbeit zitieren:
Julia Büttner, 2006, Glaube, Mythos, Gegenreligion - Mythologische Bezüge in Ingeborg Bachmanns „Das Buch Franza“, München, GRIN Verlag GmbH
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