Inhalt
Einleitung 2
Ein Akt misslungener Vergangenheitsbewältigung. 3
„Happening“ als Aktionsform der Pop-Art. 6
Kommerzialisierung von Auschwitz. 8
Shoa als Identitätsfaktor 9
Schluss. 13
Bibliographie. 14
Werkausgabe : 14
Monographien : 14
Aufs ätze: 14
1
Einleitung
Thomas Gunzig, 1970 in Brüssel geboren, gehört als Nachkomme von Überlebenden des Holocaust bereits zur dritten Generation. Seine Großeltern, polnische und tschechische Juden, lernten sich bei den Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg kennen. 1933 wurde ihr Sohn, Gunzigs Vater also, in Spanien geboren, vor der Deportation seines Großvaters. Gunzig ist hauptberuflich als Buchhändler in Brüssel tätig und veröffentlichte Erzählungen, Essays sowie eine musikalische Komödie. „Gut organisiert“ („Gentils Organisateurs“), stammt aus der Erzählung „Il y avait quelque chose dans le noir qu’on n’avait pas vu“ (etwa: „Es war etwas im Dunkeln, das man nicht sah“), 1997 herausgekommen bei Juillard in Paris. 1 Der Autor zeigt auf groteske Weise, wie Überlebende und ihre Nachkommen versuchen, ihre Vergangenheit zu bewältigen und zu verhindern, dass das Gedenken daran ausgelöscht wird. Dies erhoffen sie sich durch die Teilnahme an einem „Happening“, das ihnen verspricht, selbst Zeuge zu werden und “Kampf“ und „Widerstand“ zu leisten gegen ein Wiederaufkommen eines Völkermords. Im Folgenden möchte ich untersuchen, wie in dem Stück Formen der Vergangenheitsbewältigung zum Ausdruck kommen, wie diese in der Darstellung des Geschehens als „Happening“, einer Form der Pop-Art der 60er Jahre, scheitern, und wie Gunzig damit deutlich macht, dass die Shoa einen Teil der jüdischen Identität auch in Zukunft bilden wird, aber auch, dass man sich mit dem Leid anderer nicht identifizieren kann.
Das Kunstmittel des Happening verstärkt diese Tatsache, macht das Scheitern dieser Art von Bewältigung eines Traumas besonders deutlich, da sich die Handlung verselbständigt. Indem alles aus dem Ruder läuft, weil die Schergen die Grenze zum Ernst überschreiten, da den Mitspielern der Ablauf selbst überlassen bleibt und und in dem Paradox, dass nur, wer bis zum Tod durchhält, ein Diplom bekommt, wird das Zynische am ganzen Vorhaben entblößt. Zudem wird das Leiden der Teilnehmer an ihrem Trauma von der „karitativen Vereinigung“ kommerziell ausgebeutet.
1 Olga Mannheimer/Ellen Presser: Kurz geklärt (statt eines Nachworts), in: Nur wenn ich lache. Neue jüdische Prosa, hg. v. O. Mannheimer/E. Presser, München (dtv) 2002, S. 347-360.
2
Ein Akt misslungener Vergangenheitsbewältigung
„Der kleine Levi, [...]wegen seines Großvaters hier, der in Warschau ein wahrer Märtyrer gewesen sein soll und dem er es schuldig ist, bis zum Ende durchzuhalten.“ [204] „[Levi] ist hier, um sein Andenken hochzuhalten.“ [211]
„Diejenigen, die bei der geringsten Drohung, bei der geringsten Ohrfeige ihre Losung preisgeben, [...] so daß, sollte der Krieg von neuem ausbrechen, man davon ausgehen könnte, daß der Feind bei uns ein Menschenmaterial, daß sich ohne weiters weichkochen läßt, vorfinden und uns zu Recht mit dummem Federvieh oder verkommenen Kötern vergleichen würde.“ [204] „[...] sich die Erinnerungen der alten einzuverleiben, eine Form von Widerstand gegen das Wiederaufleben der Barbarei und eine Art Kampf gegen das daraus entstehende Unheil.“ [205] „[...] ihrem Vater sei es sehr wichtig, daß sie bis zum Ende durchielt, aus ethischen Gründen und als Sühne für die Märtyrer.“ [208]
Die oben zitierten Ziele und Motive der Teilnehmer hängen mit der Traumatisierung der Überlebenden der 1. - zu der vielleicht zumindest auch Hubert Javeau gehört - und der nachfolgenden Generationen zusammen. Da haben unvollständige Trauerprozesse stattgefunden und Betroffene wurden von Gefühlen der Überlebensschuld geplagt. 2 Plötzlich fanden sie sich nach der Befreiung der Konzentrationslager als einzige Überlebende ihres jüdischen Umfeldes wieder. Solche Gefühle können teilweise auch vom Holocaust nicht direkt Betroffene befallen, deren enge Verwandte aber wie Eltern oder Großeltern umgekommen waren und die meinen, es ihnen „schuldig“ zu sein wie „der kleine Levi“.
Auch auf Nachkommen wurde das Trauma der ersten Generation oft weitergegeben. Die Überlebenden führen ihr Verhalten, das sie durch die Umstände während der Verfolgung angenommen haben, weiter und übertragen es unbewusst auf ihre Kinder. Das passiert weniger auf verbale Weise als durch Interaktionen, die z.B. durch ihre Erwartungshaltung ihren Kindern gegenüber entstehen. 3 So versucht Minitrip das Gebot ihres Vaters einzuhalten, weil es ihm „wichtig“ sei. Für ihn selbstverständlich, denn „Sie wird durchhalten. Sie ist sehr stark, wissen Sie.[...] Sie hat Mut“ 4 . Rosenthal fand heraus, dass die dritte Generation sogar noch deutlichere und sichtbarere Spuren hinterlässt als die Kinder der Opfer, da die Enkel die Folgen deutlicher ausagieren würden. Das läge daran, dass die Kindergeneration noch zu sehr mit der Unterstützung der Eltern und dem Aufbau des eigenen Lebens beschäftigt gewesen sei
2 zu Überlebensschuldgefühlen siehe: Ilka Quindeau: Trauma und Geschichte. Interpretationen autobiographischer Erzählungen von Überlebenden des Holocaust, Frankfurt/M. 1995.
3 Hans Keilson: Jüdische Kriegswaisen und ihre Kinder, in: Ererbte Traumata, hg. v. Louis M. Tas/Jörg Wiesse, Göttingen/Zürich 1995, S. 39.
3
und deshalb keine Zeit gehabt hätte, Störungen zu entwickeln. Dabei spielten Verschweigen und Familiengeheimnisse eine starke Rolle. Sie gelten als wirksamste Mechanismen beim Fortwirken traumatischer Familienvergangenheiten und würden deutlich durch vorsprachliche Gesten, Andeutungen sowie wiederkehrende „Interaktionen“. Kinder und Enkel assoziierten dazu Bilder bzw. Handlungsvorgänge während der Verfolgungssituation. Auch Leitmotive bei immer wiederkehrenden Beschwörungen, z.B. in Form eines Lebensmottos seien typisch. 5 Die Teilnehmer sind der Meinung, es wäre ihre Aufgabe statt die der Täter oder deren Nachkommen - wie man als Unbeteiligter meinen müsste - das Leid ihrer Vorfahren durch eigenes Nacherleben zu sühnen. Dass man das Leid anderer nicht durch den Versuch des Nacherlebens wiedergutmachen kann, macht Gunzig vor allem durch seine groteske Ich-Erzählweise deutlich. Der Erzähler als Mitspieler unter vielen zeigt wie alle Teilnehmer keine Anteilnahme am Geschehen, keine Betroffenheit. Er hält es ebenso für seine Pflicht, für seine (eventuelle) Großelterngeneration den Kopf hinzuhalten. Für ihn gehören alle, die „gleich in den ersten Tagen auspackten, [...] zur Kategorie der Arschkriecher, der Verräter, der Rang-und Wertlosen, der Hinterhältigen [...].“ Er will sich beweisen, dass er nicht zum „Menschenmaterial“ gehört, „das sich ohne weiteres weichkochen lässt, [...] und [...] zu Recht mit dummem Federvieh oder verkommenen Kötern vergleichen [lässt].“ 6 Deshalb bedauert er weder seine noch die Verletzungen anderer, und nimmt auch nicht wahr, dass das Spiel seine Wende zum Ernst nimmt. Mit dem Ausspruch reiht er sich ein unter diejenigen der zweiten Generation, die ihren Eltern vorwarfen, „sich wie Schafe auf die Schlachtbank führen lassen“ zu haben. Ob Schafe oder Geflügel, auch diese zweite Generation hatte wie der Erzähler, - der nicht die Intention des Autors wiedergibt - nicht die blasseste Ahnung davon, wie schnell man zum Opfer werden kann.
Indem der Autor bis auf Minitrip alle vor dem Ziel ausscheiden lässt und die Schergen dass Spiel so weit treiben, bis Minitrip, die nicht ausscheiden kann, (scheinbar) stirbt, zeigt er das Widersinnige dieser Art mit der Vergangenheit umzugehen. Am Beispiel von Minitrip wird das Paradoxe deut
4 Gunzig, S. 209.
5 Gabriele Rosenthal: Die Shoah im intergenerationellen Dialog. Zu den Spätfolgen der Verfolgung in Drei-Generationen-Familien, in: Alexander Friedmann (Hg.): Überleben der Shoah - und danach, Wien 1999, S. 68-88.
6 ebd., S. 204.
4
Arbeit zitieren:
Ulrike Stürzkober, 2004, Shoah als identitätsbildender Faktor in Thomas Gunzigs Erzählausschnitt "Gut organisiert", München, GRIN Verlag GmbH
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