Wintersemester 2000/2001 Seminar Archetypen des Städtebaus
Weise zur Akkumulation von Wissen bei. Die 12000 in Toledo leben-
den Juden bezeichnen die Stadt als „zweite Heimatstadt“ nach Jeru- salem. Wiederfinden lassen sich die Einflüsse in der Stadtstruktur, den Sakral- und Profanbauten ebenso wie in der Vielfalt der Kon-
- Keltisch-Iberische Kultur, von den Römern 192 v.Chr. erobert (Tole- tum), Verteidigung gegen barbarische Atacken
- 554 Span. Hof geht nach Toledo, kurz darauf wird Toledo Haupt-
- 589 tritt der Monarch zum Katholizismus über, Christentum wird
- 711 Eroberung durch die Araber, Toledo verliert Hauptstadtstatus,
- 1058 Eroberung durch den christlichen König Alfonso VI
- 1492 Juden werden aus Stadt vertrieben, die Katholischen Könige
- 1563 Madrid wird Hauptstadt, Toledo fällt wirtschaftlich ab
- seit 1983 ist Toledo Hauptstadt der Junta de Castilla-La Mancha Toledo empfängt den Besucher herrschaftlich auf dem Felsen thro- nend, denn der Reisende nährt sich der Stadt von unten her an. Der Ursprüngliche Hauptzugang befand sich an der Puente de Alcántara im Süden. Weitere Zugänge durch Stadttore im Mauerring befanden Der Granitsporn, auf dem Toledo entstanden ist, befindet sich ca. Detail - Straßenraum 100 m über der Geländehöhe des Tajo. Die Stadt liegt dabei kei- neswegs auf einem Tafelberg, sondern auf 12 Gipfeln - in der Ver- gangenheit und heute wichtige Orte der Stadt liegen dabei auf den Gipfeln.
In „Stadt und Topografie“ sagt Paul Zucker: „In der Fixierung der Stadt an einem geographisch und topografisch bestimmten Punkt der Erdoberfläche ist (...) die Tonart angegeben, innerhalb derer ihre formalen Entwicklungsmöglichkeiten überhaupt liegen.“ Für Toledo bedeutet das konkret: Die Stadt ist in drei Richtungen durch den Fluß beschränkt, zum Tajo hin ist das Gefälle sehr stark und schränkt damit die Stadtentwicklung ein.
Sich in der Stadt zu bewegen ist ziemlich anstrengend, denn durch die zwölf Hügel geht es unentwegt bergauf und bergab. Die Topografie prägt die Stadt, die Erschließung und die Sonderbau- steine beziehen sich auf das Gelände. Überlagert man die Höhenli- nien mit einem Schwarzplan wird der Zusammenhang deutlich.
Entwicklung:
Räumlich und stadtstrukturell wurde Toledo in der Zeit der Araber geprägt, also vom Zeitpunkt der Eroberung im 8 Jh. bis zur end-
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gültigen Vertreibung im 16 Jh. In dieser Zeit hieß Toledo „Madina Tulaitula“. Heute zeugen in erster Linien die verschiedenen Mez- quiten (die zum Teil wieder christliche Kirchen sind) von den Ara- bern, ebenso ist ein Großteil der Stadtmauern arabisch. An den Namen einiger Stadttore lassen sich Einflüsse deutlich festmachen: Die „Puerta de Bisagra“ beispielsweise leitet sich vom arabischen „bib-xacra“ ab und bedeutet „die aufs Feld führt“.
Die islamische Prägung ist allgegenwärtig und heute noch erkenn-
bar. Toledo hat nach wie vor eine orientalisch geheimnisvolle Aus- strahlung und geheimnisvolle Winkel, um die sich viele Legenden ranken. Der spanische Maler El Greco hat diese Mystik in einer bekannten Stadtkarte festgehalten, denn er wurde durch Toledo
Wenn man seinen Plan betrachtet (er stellt eine der ersten „Stadt- karten“ dar), so sieht man, daß kein eindeutiges Straßenraster oder ähnliches erkennbar ist: Hier zeigen sich die islamischen Einflüsse.
„Das Prinzip der Regelmäßigkeit ... wurde vollständig aufgegeben. ... Der Islam betonte den privaten Charakter des Familienlebens, von dem möglichst nichts nach außen dringen sollte. Die Häuser ... waren so gebaut, dass man von außen ihre genaue Form und Ausstattung nicht erkennen konnte. Die Straßen waren schmal, nur sieben Fuß breit, wie es eine von Mohammed aufgestellte Regel verlangte, und bildeten ein Labyrinth von gewundenen Gassen und Passagen... Es war äußerst schwierig, sich in diesem Gewirr zu ori- entieren, und nahezu unmöglich, sich einen allgemeinen Überblick Stadtkarte von El Greco über den Verlauf der Gassen und dir Form des Stadtteils zu ver- schaffen. Die Stadt wurde zu einem von einem Mauerring umschlos- senen Organismus.“ (aus: Benevolo, Die Geschichte der Stadt)
Im Koran bzw. in den Interpretationen der Tugenden Mohameds (Hadithen) erklären sich zum Teil die städtebaulichen Grundformen. Dort heißt es zum Thema Baurecht und Nachbarschaft: „Kennt ihr die Rechte des Nachbarn? ...Ihr dürft nicht so bauen, daß ihr ihm den Wind abschneidet ohne seine Erlaubnis.“ Und zum Thema der Straßenbreite: „Wenn ihr über die Breite der Straße uneinig seid, macht sie sieben Ellen breit“ (ausreichend, damit sich zwei Lastkamele/ Tragtiere begegnen können). Die Religion hat also in diesem Fall Auswirkungen auf den Städtebau gehabt.
In Toledo wurde der Kern durch den Markt gebildet, der in der Nähe oder um die Moschee herum lag. Der Markt war Basar mit den engen Gassen der Händler. Von den Stadttoren her führten größere Straßen zum Markt hin. Die Wohnviertel erstreckten sich vom Markt ausgehend zu den Stadtmauern hin, ohne strengen Plan gebaut. Die Belichtung und Belüftung funktionierte über die Innenhöfe der Gebäude.
Wenn man die Moschee als Herz des Stadtkörpers interpretiert, dann sind die Gassen die Organe der Angleichung und die Gärten
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und Höfe die Lunge des Organismus. Die Geschlossenheit nach außen drückt dabei die islamische Lebenshaltung aus. Neben dem Wohnpalast des Herrscherst außerhalb der Mauern gab auch eine innerstädtische Burg, die al-kasr (daher der spanische Name Alcázar).
Architektur:
Die Bebauung ist sehr dicht und sehr kompakt und reicht meist bis
an die jeweilige Grundstücksgrenze. Zu den Stadtmauern hin nimmt die Dichte jedoch etwas ab. Die Häuser sind meist 3-4-geschossig und haben ein Sockelgeschoss. Diese Sockelzone der Häuser ist immer präsent, d.h. man nimmt diese sehr stark wahr, das darüber- liegende tritt weniger in Erscheinung. Im ersten Geschoss begrünen Kübelpflanzen die Austrittartigen Balkone, sonstiges Straßengrün
Das Haus, vorherrschend ist der Typ des Hofhauses, wird über eine Stufe oder Schwelle erschlossen. Die Kulturellen Einflüsse und das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit tragen also ebenso zum Typus bei wie die klimatischen Verhältnisse.
Das ursprüngliche Hofhaus des Orients ist ein Archetyp, der sich den dortigen klimatischen Bedingungen anpasst. Das Haus ist pri- Luftbild - Alcázar und Struktur märes Element und ordnet sich nicht einem Raum-Bezüge-System unter. Die Introvertiertheit gestattet das Zusammenrücken zu dem engem Gefüge., dass noch heute aus den orientalischen Städten bekannt ist.
Das Hofhaus in Kastilien ist durch orientalisch-muselmanische Ein- flüsse geprägt und durch diese entstanden. Er wird später von den Spaniern nach Mexiko „exportiert“ dort durch andere Kultureinflüsse wiederum abgewandelt zum mexikanischen Typ, der heute auch in Südamerika zu finden ist.
Die ursprünglichen Typen sind z.T. heute überformt, aber immer noch vorhanden.
Öffentlicher Raum:
Die Gassen zwischen den Häusern sind schmal und eng, es gibt in der Regel keine Bürgersteige, fast alle Straßen haben eine Stei- gung. Die Breite ist gerade ausreichend für ein Fahrzeug und zwei Fußgänger, bei jedem vorbeifahrenden Auto muß man sich in einen Hauseingang flüchten.
Die breiteren Straßen haben einen Bürgersteig, der jedoch oft nicht mal einen Meter breit ist.
Das Straßenprofil hat ein Verhältnis von bis zu 1:3. Der Straßen- raum ist durch die Enge dunkel und schattig und im Sommer auch relativ kühl. Es gibt keine Straßenbäume und nur selten extensiv begrünte Plätze, dafür gibt es z.B. Klostergärten o.ä., die aber oft hinter Mauern versteckt sind.
Die Straßenpflasterung gliedert den Raum optisch. Der Straßenbe- lag ist dabei u.a. auf die Steigung der Straßen zurückzuführen, denn die Steine beeinflussen die Rutschfestigkeit des Bodens, die bei Regen eine besondere Bedeutung bekommt.
Quote paper:
Lars Niemann, 2001, Archetypen des Städtebaus - Toledo, Munich, GRIN Publishing GmbH
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