Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, Institut für Pädagogik
Seminar: Wie erleben und bewältigen Kinder Armut?
Abgabedatum: 01.03.2006
(Kinder-)Armut in Deutschland
von
Chrystina Kunze
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Begriffsklärende Annäherung an das Thema Armut 4
2.1. Der ressourcenorientierte Armutsdiskurs 4
2.2. Der lebenslagenorientierte Armutsdiskurs 8
2.3. Der dynamische sowie der duale Armutsdiskurs 10
3. Die Metamorphose der Armut als soziales Problem der Gesellschaft 12
3.1. Das quantitative Ausmaß der Armut in Deutschland 16
3.2. Ursachen für die Entstehung von Armut 18
4. Kinder und Jugendliche als von Armut besonders Betroffene 24
4.1. Auswirkungen familiärer Armut auf die kindliche/juvenile Entwicklung 24
4.2. Kindliche Bewältigung familiärer Armutslagen 30
5. Fazit 33
Literaturverzeichnis 35
1. Einleitung
„Deutschland ist ein reiches Land. Der großen Mehrheit der hier lebenden Menschen geht es gut. Aber Armut und soziale Ausgrenzung sind nicht nur Randphänomene, Armutsrisiken können auch die Mitte der Gesellschaft bedrohen. Soziale Ungleichheit ist eine Tatsache, und analog zur Entwicklung am Arbeitsmarkt ist sie in manchen Bereichen in den letzten Jahren gewachsen.“1
Das Thema der Armut weist gegenwärtig in Deutschland eine hohe Brisanz und Aktualität auf und erwächst darüber hinaus - wie am Zitat des 2. Armuts- und Reichtumberichtes ersichtlich- zu einem Politikum ersten Ranges. Dabei vermittelt sie an Politik, Wissenschaft und Gesellschaft unterschiedliche Bilder und Perspektiven ihres Ausmaßes, sodass insgesamt ein unübersichtliches Konstrukt der Armut vorherrscht.
Um dieses entschlüsseln zu können, werden einführend die unterschiedlichen Begrifflichkeiten und Konzeptionen der Armutsproblematik erläutert, um daran anschließend Bezug auf die momentan betroffene Population nehmen zu können. Dabei sollen - sofern dies möglich ist - Merkmale der unter monetärer Einschränkung lebenden Menschen herausgearbeitet werden, um auf diese Weise die Risikofaktoren einer möglichen Armutsbetroffenheit benennen und auf Lösungsansätze hinweisen zu können. Das daran anschließende Kapitel beschäftigt sich mit den Kindern und Jugendlichen als eine in die Thematik besonders involvierte Bevölkerungsgruppe. Ihre Spezifik der Armutsbetroffenheit resultiert aus ihrem quantitativen Zuwachs der unter Armutsbedingungen aufwachsenden Kinder und Jugendlichen sowie aus den vielfältigen Auswirkungen auf deren Lebenssituation. In einem Fazit werden sämtliche Erkenntnisse dieser Arbeit zusammengefasst.
2. Begriffsklärende Annäherung an das Thema Armut
Gemessen an der Aufmerksamkeit und der Brisanz, die das Thema Armut gegenwärtig in der Öffentlichkeit erfährt, spielt es gesellschaftlich eine sehr imposante Rolle; mehr noch, Armut erwächst zu einem „Kampfbegriff“2, der eine Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungen aufweist. Diese Bedeutungsdivergenzen entstammen einerseits den verschiedenen Standpunkten und Intentionen, die innerhalb der öffentlichen Debatte verfolgt werden und auf diese Weise der Armut als ein gesellschaftliches Thema einen jeweils Interessen gebundenen Stellenwert zuschreiben. Andererseits verstärken die Unübersichtlichkeit und Uneinigkeit im wissenschaftlichen Diskurs diese Divergenzen zum Thema Armut. So finden mannigfaltige Konzepte und Definitionen Verwendung und erzeugen so ein uneinheitliches Verständnis von Armut. Dieses baut dabei entweder auf den zugrunde liegenden Ressourcen, den betreffenden Lebenslagen oder auf den individuellen Lebensläufen der Betroffenen auf. Jeder einzelne Diskurs beinhaltet dabei eine unterschiedliche Betrachtungs- und Herangehensweise an das Phänomen Armut, die anhand von bestimmten Kriterien und Bemessungspunkten erzeugt wird. Des Weiteren rücken verschiedene Dimensionen sowohl der Ursachen als auch der Auswirkungen von Armut in den Mittelpunkt der jeweiligen Betrachtung und erschaffen auf diese Weise ein uneinheitliches und verzerrtes Bild von Armut in der Gesellschaft. Um dieses Bild in Ansätzen zu entzerren, werden die existierenden Begriffe und Konzepte von Armut in diesem Kapitel dargestellt.
2.1. Der ressourcenorientierte Armutsdiskurs
Der ressourcenorientierte Diskurs begreift die Armut einer Person oder eines Haushaltes als einen Mangel an monetären Einkünften, die aus Vermögen, Lohn- oder Erwerbsarbeit und staatlicher und/oder privater Unterstützung hervorgehen. Die monetäre Ausstattung als einzig erfasste Dimension von Armut stellt dabei das zentrale Kriterium ihrer Bestimmung dar. Verfügt eine Person oder ein Haushalt über weniger als einen bestimmten Schwellenwert an monetären Einkünften, gilt sie/er nach dem ressourcenorientierten Diskurs als arm. Die Armutsschwelle orientiert sich dabei am „historisch und kulturell entwickelten Stand der Befriedigung von Grundbedürfnissen“3, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Ist die Grundversorgung eines Menschen aufgrund mangelnder (monetärer) Einkünfte nicht gewährleistet und gefährdet somit das physische Überleben des Betreffenden, so ist dieser Mensch als absolut arm zu betrachten. Dieses gravierendste Ausmaß der Armut existiert in Deutschland vor allem in Form der Obdachlosigkeit.
Demgegenüber lassen sich weitere Armutsschwellen unterscheiden, die mit Hilfe der Einkommensverteilung der Bevölkerung determiniert und daher als relative Armut bezeichnet werden. Anhand des äquivalenzgewichteten Nettoeinkommens definieren sie somit die „Wohlfahrtsposition“4 einer Person/Haushalt im Vergleich zum gesellschaftlichen Wohlstand. Ein immergültiger Grenzwert ist folglich nicht gegeben; vielmehr unterliegt diese Armutsbemessung dem durchschnittlichen Wohlstandsniveau des jeweiligen Landes und auch dessen Schwankungen. Die relativen Grenzwerte, die demnach Armut bzw. Armutsrisiken signalisieren, machen 40% bzw. 60% des bundesdeutschen Durchschnittsnettoeinkommens aus: somit lebt eine Person/Haushalt in strenger Armut, wenn ihr/ihm weniger als 40% des durchschnittlichen Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung stehen; die Person/Haushalt befindet sich jedoch im sog. prekären Wohlstand oder in „Armutsnähe“5, wenn ihr/sein Einkommen 60% des Durchschnittsvermögens der Bevölkerung nicht überschreitet. In diesem Zusammenhang ist hinzuzufügen, dass das monatliche Durchschnittsnettoeinkommen im Jahr 2003 laut der Einkommens- und Verbraucherstichprobe (EVS) des statistischen Bundesamtes 2771 €6 betrug, wohingegen sich der Median auf monatliche 1564 €7 bezifferte. Am letztgenannten Wert orientierte sich die ehemalige rot-grüne Bundesregierung, als sie ihren Fokus auf die „Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung [...] [als] integrale[n] Bestandteil einer teilhabefördernden Politik“8 richtete und sich dabei die zwischen den EUMitgliedsstaaten vereinbarte Risikoquote9 von 60% des bedarfsgewichteten Nettoeinkommen der Haushalte zum Maßstab für Armut nahm. Die von ihr politisierte Armutsgrenze lässt sich somit auf ein monatliches Einkommen von 938 €10 beziffern. Steht Personen zur „Sicherung des Lebensunterhaltes“11 weniger als dieser Wert zur Verfügung, so gelten diese in Deutschland folglich als arm und stellen darüber hinaus die politisch bekämpften Armen dar. Ihre Zahl bemisst sich gegenwärtig auf etwa 2,828 Mio.12 Einwohner, wobei etwa 40% 13 der Bezieher sozialstaatlicher Leistungen jünger als 18 Jahre sind. Die starke Vertretung der Kinder und Jugendlichen in der Armutsstatistik rechtfertigt die öffentliche Brisanz des Themas und erfordert ein Nachdenken über politische Lösungsmöglichkeiten, die weit über die finanzielle Unterstützung von betroffenen Familien hinausgehen muss.
[...]
1 Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.) (2004): 2. Armuts- und Reichtumsbericht, S. XVIII
2 Chassé, Karl August: Armut in einer reichen Gesellschaft. Begrifflich-konzeptionelle, empirische, theoretische und regionale Aspekte, S. 12. In: Weiß, Hans (Hrsg.) (2000): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 12 - 32
3 Chassé, Karl August: Armut in einer reichen Gesellschaft. Begrifflich-konzeptionelle, empirische, theoretische und regionale Aspekte, S. 13. In: Weiß, Hans (Hrsg.) (2000): Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen. München: Ernst Reinhardt Verlag, S. 12 - 32
4 ebenda, S. 13
5 Zimmermann, Gunter E.: Formen von Armut und Unterversorgung im Kindes- und Jugendalter, S. 69. In: Klocke, A. / Hurrelmann, K. (Hrsg.) (2001): Kinder und Jugendliche in Armut. Umfang, Auswirkungen und Konsequenzen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 55 - 76
6 vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2004): Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte – EVS 2003. Wiesbaden, S. 18
7 vgl. Tabelle. In: Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.) (2004): 2. Armuts- und Reichtumsbericht, S. 18
8 ebenda, S. 194
9 vgl. ebenda, S.6
10 Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend (Hrsg.) (2004): 2. Armuts- und Reichtumsbericht, S. 6
11 ebenda, S. 57
12 ebenda, S. 70
13 vgl. ebenda, S. 76
Quote paper:
Chrystina Kunze, 2006, (Kinder-)Armut in Deutschland, Munich, GRIN Publishing GmbH
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