Sowohl ein theoretischer als auch ein praktischer Fokus auf die Frühphasenfinanzierung von Biotechnologie-Unternehmen weist Charakteristika dieses Bereiches auf, die eine besondere Behandlung in Praxis und Wissenschaft rechtfertigen. Dabei zeichnet sich bei der grundlegenden Vorstellung der Biotechnologie insbesondere die Tatsache ab, dass für die Gründungs- und Frühphasenfinanzierung ein überproportional hoher Kapitalbedarf benötigt wird. Die in Deutschland bis vor kurzem dominierende Fremdfinanzierungskultur zeichnet sich mithin als Hemmnis für eine ausreichende Finanzierung ab, wie die noch zu geringe Eigenkapitalausstattung innovativer Biotechs illustriert. So rückt der in den 1990er Jahren in Deutschland aufkommende Beteiligungsmarkt in den Mittelpunkt der Betrachtungen dieser Arbeit. Ein zusätzliches Bild wird über die Be-stimmungsfaktoren für die Gründungs- und Frühphasenfinanzierung junger Biotechs vermittelt. Dies sind zunächst die Veränderungen der gesetzlichen und institutionellen Rahmenbedingungen in Deutschland, durch die beispielsweise mit der Einführung des Neuen Marktes die Chancen und Möglichkeiten von jungen und innovativen Wachstumsunternehmen in Deutschland verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt sind. In diesem Zusammenhang werden die staatlichen Aktivitäten für eine nachhaltige Unterstützung der Gründungs- und Frühphasenfinanzierung junger Biotechs analysiert, um in Kontext des Zitates von José Maria Gironella aufzuzeigen, dass es für die deutsche Bundesregierung unerlässlich ist, den Unternehmensgründern zur Realisierung der eigenen Idee „auch ein oder zwei Münzen in die Tasche zu stecken“.
I
Inhaltsverzeichnis
Abstract. I
Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis. IV
Tabellenverzeichnis V
Abk ürzungsverzeichnis. VI
1. Einleitung - 1 -
1.1. Beweggründe, forschungsrelevante Fragestellung und Zielsetzung - 1 -
1.2. Methodische Hintergründe der Arbeit. - 3 -
1.3. Aufbau der Arbeit - 4 -
2. Geschäftsfeld Biotechnologie im Überblick - 6 -
2.1. Zukunftsbranche Biotechnologie - 6 -
2.1.1. Zur Begriffsabgrenzung der modernen Biotechnologie. - 6 -
2.1.2. Die Segmente der modernen Biotechnologie. - 7 -
2.2. Geschäftsmodelle und Wertschöpfung. - 8 -
2.2.1. Geschäftsmodelle der Biotechnologie. - 8 -
2.2.2. Wertschöpfungskette. - 10 -
2.3. Wirtschaftliche Charakteristika junger Biotechs. - 13 -
2.4. Struktur der deutschen Biotech-Branche. - 14 -
2.4.1. Branchendaten und Rahmenbedingungen. - 14 -
2.4.2. Charakteristika und Rahmenbedingungen - 15 -
2.4.3. Europäischer und globaler Vergleich. - 18 -
3. Einführung in die Frühphasenfinanzierung. - 19 -
3.1. Kapitalbedarf und Finanzierungsentscheidung - 19 -
3.2. Die Frühphasenfinanzierung eines Unternehmens. - 20 -
3.3. Finanzierungsmöglichkeiten für junge Biotechs. - 23 -
3.4. Das System bestehender Finanzierungsarten für junge Biotechs. - 24 -
3.4.1. Abgrenzung der Eigenfinanzierung von der Fremdfinanzierung. - 25 -
3.4.2. Beteiligungsfinanzierung - 26 -
3.4.2.1. Venture Capital als formelles Beteiligungskapital. - 29 -
3.4.2.2. Finanzierung durch Business Angels - 30 -
3.4.2.3. Besonderheiten bei staatlichem Beteiligungskapital. - 31 -
3.5. Die Bewertung von jungen Biotechnologie-Unternehmen - 33 -
4. Staatliche Finanzierungsmechanismen für High-Tech-Gründer im Wandel der Zeit - 36 -
4.1. Systematisierung der öffentlichen Förderinstrumente - 36 -
4.2. Basis der öffentlichen Förderung der Biotechnologie. - 38 -
II
4.2.1. Die Förderprogramme EXIST-SEED und EXIST-GO ..............................................- 39 -
4.3. Auswirkungen der BioRegio- und Bioprofile-Wettbewerbe für die kommerzielle
Biotechnologie - 40 -
4.3.1. Der BioRegio-Wettbewerb (1997-2005) - 41 -
4.3.2. BioProfile (1999-2007) - 42 -
4.3.3. Kritische Würdigung der Auswirkungen von BioRegio und BioProfile - 43 -
4.3.4. Businessplanwettbewerbe - 45 -
4.4. Mezzanine Finanzierungsinstrumente zu Zeiten der Konsolidierung. - 46 -
4.4.1. Mezzanine Finanzierung auf Bundesebene. - 47 -
4.4.1.1. ERP-Innovationsprogramm - Kreditvariante. - 47 -
4.4.1.2. Das tbg-Frühphasenprogramm. - 48 -
4.4.2. Kritische Würdigung der Mezzaninfinanzierung des Bundes. - 49 -
4.4.3. Stille Beteiligungen auf Landesebene. - 51 -
4.5. Das 3-Säulen Konzept der Bundesregierung - 52 -
4.5.1. Der High-Tech-Gründerfonds zur Seed Finanzierung - 54 -
4.5.2. Start-Up Finanzierung durch den ERP-Startfonds - 56 -
4.5.3. Kritische Würdigung des 3-Säulen Konzeptes. - 58 -
5. Neue Formen der öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung. - 62 -
5.1. Gesamtbild der Förderungsmöglichkeiten - 62 -
5.2. Einführung industriepolitischer Instrumente. - 63 -
5.3. Bewertung der öffentlichen Förderung - 65 -
5.4. Steuerliche Anreize bei der Bildung von Eigenkapital - 66 -
5.5. Abbau administrativer Belastungen - 67 -
5.6. Nachhaltigkeit der öffentlichen Förderung: Masse statt Klasse. - 69 -
5.7. Zum Einsatz alternativer Finanzierungsinstrumente. - 70 -
6. Die Zukunft der Biotechnologie in Deutschland. - 72 -
Literaturverzeichnis VI
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Aufbau der Diplomarbeit - 4 -
Abbildung 2: Wertschöpfungskette der biopharmazeutischen Industrie - 10 -
Abbildung 3: Biotech-Landkarte Deutschlands - 17 -
Abbildung 4: Wahl der Finanzierungsquelle aus Sicht der Unternehmen. - 19 -
Abbildung 5: Finanzierungsphasen. - 22 -
Abbildung 6: Investorentypen nach Kapitaleinsatz und Managementleistung. - 23 -
Abbildung 7: Ganzheitlicher Bewertungsprozess von Biotechnologie-Unternehmen- 35 -
Abbildung 8: Förderungsmöglichkeiten deutscher Biotechs. - 37 -
Abbildung 9: Struktur der öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung - 53 -
Abbildung10 :Handlungsempfehlung für die öffentliche Gründungs- und
Fr ühphasenfinanzierung in Deutschland - 62 -
IV
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Geschäftsmodelle und Risiko/Return-Charakteristika. - 9 -
Tabelle 2: Phasen der Wirkstoffentwicklung - 12 -
Tabelle 3: Systematik der Finanzierungsform junger Biotechs - 24 -
V
Abkürzungsverzeichnis
AG Aktiengesellschaft AIM Alternative Investment Market Abs. Absatz AktG Aktiengesetz BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung BMWA Bundesministerium für Arbeit BMWI Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie BP Businessplan BP-Wettbewerb Businessplanwettbewerb BVK Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften -German Private Equity und Venture Capital Association e.V bzw. beziehungsweise CVCG Corporate Venture Capital-Gesellschaft DCF Discounted Cashflow-Methode DtA Deutsche Ausgleichsbank EK Eigenkapital EMEA European Medical Evaluation Agency etc. et cetera EU Europäische Union EUR Euro FDA Food and Drug Association F&E Forschung und Entwicklung FIBCOs Fully Integrated Biotechnology Company FK Fremdkapital FCF Free Cashflows GewStG Gewerbesteuergesetz GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung GmbHG GmbH-Gesetz HGB Handelsgesetzbuch HTGF High-Tech Gründerfonds HTS High-Throughput-Screenings i.d.R. In der Regel i.e.S. Im engeren Sinn
VI
IHK Industrie- und Handelskammer i.w.S. Im weiteren Sinn IPO Initial Public Offering KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau KMU Kleine und mittlere Unternehmen L-EA L-Eigenkapital Agentur LBO Leveraged Buy-Out MBG Mittelständische Beteiligungsgesellschaft MBI Management Buy-In MBO Management Buy-Out Mio. Millionen Mrd. Milliarden NVCA National Venture Capital Association NPV Net Present Value OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung PCA PCA Capital Advisors GmbH tbg Technologie-Beteiligungs-Gesellschaft mbH TEUR Tausend Euro SKM Standard-Kosten-Modell USA United States of America USD US-Dollar VC Venture Capital VCG Venture Capital Gesellschaft VCT Venture Capital Trust z. B. Zum Beispiel
VII
1. Einleitung
1.1. Beweggründe, forschungsrelevante Fragestellung und Zielset-
zung
Über die gesamte Evolution hinweg wurden Menschen von der Biotechnologie begleitet, denn das Aufblühen zivilisatorischer Hochkulturen ist eng mit der Anwendung von Verfahren zur Nahrungsmittelproduktion biotechnologischen Ursprungs verbunden. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat das stetig wachsende Wissen in dieser Zukunftsbranche unter Einsatz neuer Methoden, speziell der Gentechnik, zu neuen Erkenntnissen und innovativen Anwendungen geführt. Dies verleiht der Biotechnologie die weit reichenden Möglichkeiten zur Revolution vieler Wirtschaftszweige. 1
Die Biotechnologie ist als Querschnittstechnologie vieler unterschiedlicher Industrien eine Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts. Gerade Ende der 1990er Jahre wurden zahlreiche Biotechs, insbesondere in der Humanmedizin, gegründet. Dies ist in Deutschland vor allem aufgrund der Einschränkungen in der Finanzierbarkeit öffentlicher Gesundheitssysteme, der alternden Bevölkerung und neuartigen medizinischen Anwendungsgebieten von besonderem Interesse. Dabei haben insbesondere die Biotech-Börsengänge in der New Economy, regelmäßige wissenschaftliche Fortschritte, erfolgreiche Fund Closings, wie Wellington in Deutschland, die privaten Biotech-Investments des SAP-Gründers Dietmar Hopp und öffentliche Förderprogramme zu einer verstärkten Beachtung dieser jungen Branche geführt.
Obwohl die Branche ein zukunftsträchtiges Potenzial aufweist, bestehen erhebliche Probleme bei der kommerziellen Umsetzung und der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung junger Biotechs. Diese resultieren insbesondere aus einem sehr hohen Kapitalbedarf in der Frühphase und vorhandenen Unsicherheiten aufgrund ausgeprägter Risikofaktoren. Somit besteht nicht nur ein Interesse an den Entwicklungsmöglichkeiten der Biotechnologie in Deutschland sondern auch ein spezielles Forschungsinteresse im Bereich der Finanzierungsmöglichkeiten junger Biotechs mittels privater und öffentlicher Investitionen. Diese wiederum werden als Hebel für das Wachstum junger Biotechs angesehen.
1 Vgl. Consors Capital 2002, S. 3-5 und sinngemäß Wagner 2000, S. 19-24
- 1 -
Unter Berücksichtigung der signifikanten Unterschiede der Biotechnologie zu anderen Branchen und ausgehend vom überproportional hohen Kapitalbedarf und den damit einhergehenden Problemen bei ihrer Frühphasen-Finanzierung ergibt sich folgende forschungsrelevante Grundfragestellung:
Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es für junge Biotechs in Deutschland? Welche Rolle spielen dabei im Besonderen in der frühen Phase die staatlichen Förderungs- und Finanzierungsoptionen? Wie sind diese zu beurteilen? Und welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten sind dabei in Hinsicht auf die Anforderungen der Biotechnologie zu beachten?
Im Zentrum dieser Diplomarbeit steht die Diskussion möglicher Finanzierungsquellen für junge Biotechs. Darüber hinaus soll aber auch eine detaillierte Auseinandersetzung mit den staatlichen Aktivitäten für die Förderung der Entwicklung eines privatwirtschaftlichen Marktes für Frühphasenfinanzierungen erfolgen. Dabei soll in Bezug auf die forschungsrelevante Fragestellung nachstehende Zielsetzung verfolgt werden: • Vorstellung und Beurteilung der Finanzierungsmöglichkeiten junger Biotechs in Deutschland
• Schwerpunkt auf die Bereiche der Ausgestaltung öffentlicher Förderprogramme für junge Biotechs im Wandel der Zeit sowie empirische, qualitative Beurteilung dieser Instrumente
• und Evaluierung der gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen, Potenziale und Problemfelder in der öffentlichen Finanzierung und Förderung junger, deutscher Biotechs.
Ziel dieses weit reichenden Betrachtungsansatz ist die Analyse des Einflusses staatlicher Aktivitäten auf den Beteiligungskapitalmarkt für Frühphasenfinanzierungen, die aktuelle Entwicklung dieses Marktes und die anreizwirksame Ausgestaltung staatlicher Rahmenbedingungen und Förderprogramme für Biotechnologie-Unternehmen. 2
2 In Anlehnung an Lindinger 2005, S. 1-4
- 2 -
1.2. Methodische Hintergründe der Arbeit
Im Rahmen dieser Diplomarbeit werden für die Untersuchung der forschungsrelevanten Fragestellung neben der Auswertung finanztheoretischer Konzepte auch empirische qualitative Daten und Praxisbeispiele sowie Ergebnisse wirtschaftswissenschaftlicher Analysen verwendet.
In einem gemeinsamen Projekt des Steinbeis Transferzentrum Biotech-Consult, der firstVentury GmbH und dem Stiftungslehrstuhl für Unternehmensgründungen und Unternehmertum (Entrepreneurship) der Universität Hohenheim wurden 15 qualifizierte Interviews mit Geschäftsführern und Gesellschaftern von Biotech-Unternehmen, öffentlichen Förderinstitutionen, branchenspezifischen Unternehmensberatungen und privaten Venture Capital Fonds durchgeführt.
Diese Befragungen der Experten in Form eines offenen Interviews gehören zum Standardrepertoire des methodischen Instrumentariums empirischer Forschung. 3 Bei der Erhebung selbst wurden zwei unterschiedliche methodische Regeln zum Vorgehen angewendet. Grundsätzlich waren die Interviews im Sinne einer mehrperspektivischen „cross-examination“ angelegt, bei der unterschiedliche Experten zum gleichen Sachverhalt befragt wurden. Darüber hinaus waren einige Gespräche im Sinne einer „Expertenkette“ zur Rekonstruktion von Prozessen und Ereignissen ausgestaltet, in der dem Um-stand Rechnung getragen wurde, dass sich einzelne Befragte aufgrund ihrer selektiven Beteiligung nur zu einzelnen Punkten der öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung äußern konnten.
Gründe für die gewählte offene Interviewform lagen zum einen in der Tatsache, dass zumindest zu Beginn der Befragung nicht klar war, welche Informationen von den befragten Personen überhaupt zu erwarten waren. Zum anderen lag ein weiterer Vorteil gegenüber standardisierten Befragungsformen in den Antworten der Experten, die zusätzlich mit Erläuterungen, Begründungen und Einschätzungen verbunden sind. Die Interviewsituation an sich sollte so gestaltet werden, dass die Befragten darin die Gelegenheit hatten, ihre eigene Kompetenz darzustellen. Außerdem sollte der Möglichkeit Rechnung getragen werden, die Einschätzungen der Experten aufgrund ihrer zeitlichen
3 Vgl. Deeke 1995, S. 7
- 3 -
und sozialen Kontextgebundenheiten im Interview durch klärende Fragen und Gegenfragen zu erweitern.
So stand im Zentrum der Experteninterviews das Thema der öffentlichen Gründungs-und Frühphasenfinanzierung, d. h. die Fragen, inwieweit sich die Finanzierungsstrukturen von Biotechnologie-Unternehmen im Wandel der Zeit verändert haben, welche Anpassungen für die vorhandenen Förderinstrumente vom Staat analog und zeitversetzt vorgenommen wurden, welche Bedeutung der öffentlichen Förderung von jungen Biotechs beigemessen werden kann und wie die Instrumente aus Sicht der Privatwirtschaft gewertet werden. Auf Grundlage dieser qualitativen Daten und durch die kritische Würdigung der vorhandenen Förderansätze der deutschen Bundesregierung wurde die Erarbeitung einer Handlungsempfehlung aus unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglicht, die die Zukunft einer nachhaltigen öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung darstellt.
1.3. Aufbau der Arbeit
Die Diplomarbeit besteht aus zwei theoretischen Grundlagenkapiteln und aus zwei weiteren praxisnahen Kapiteln, wobei das Kapitel zu den staatlichen Finanzierungsmechanismen für High-Tech-Gründern im Wandel der Zeit den Schwerpunkt darstellt. Der Aufbau der Diplomarbeit lässt sich anhand folgender Abbildung darstellen:
Wesentliche Informationen über das Geschäftsfeld Biotechnologie sowie eine finanz-theoretische Auseinandersetzung den Finanzierungsquellen junger Biotechs bilden die theoretischen Grundlagen dieser Diplomarbeit.
• Kapitel 2 (Geschäftsfeld Biotechnologie) erläutert die Eigenschaften der globalen Biotechnologie-Branche sowie den industriellen Wertschöpfungsprozess. Bereits an dieser Stelle lässt sich der hohe Kapitalbedarf erkennen, der durch die später beschriebenen Finanzierungsoptionen junger Biotechs gedeckt werden muss. Durch eine Darstellung der Entwicklung und Struktur der deutschen Branche sowie den vorhandenen Rahmenbedingungen und den Charakteristika junger Biotechs soll ein grundlegendes Verständnis vermittelt werden, in welchem Rahmen sich diese Arbeit bewegt.
• Kapitel 3 (Einführung in die Frühphasenfinanzierung) beschäftigt sich mit der finanztheoretischen Eignung der Finanzierungsquellen in der Frühphase von Biotechnologie-Unternehmen. Dabei werden die Grundlagen der Frühphasenfinanzierung vermittelt, die unterschiedlichen Ausprägungen und Formen für junge Biotechs dargestellt und die große Bedeutung von Beteiligungskapital hervorgehoben.
Der darauf folgende empirische Teil der Arbeit untersucht und bewertet in Bezug auf die grundlegende Fragestellung die vorhandenen Möglichkeiten der öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung. Darauf aufbauend wird eine Handlungsempfehlung für die zukünftige staatliche Förderung der Frühphasenfinanzierung von Biotechnologie-Unternehmen ausgesprochen. In einem abschließenden Fazit werden die zentralen Ergebnisse der Diplomarbeit zusammengefasst. • Kapitel 4 (Staatliche Finanzierungsmechanismen für High-Tech-Gründer im Wandel der Zeit) stellt einerseits die grundlegenden Förderungsmöglichkeiten zur Deckung des in Kapitel 2 identifizierten hohen Kapitalbedarfs und den damit heutzutage einhergehenden Angebotslücken in der Frühphasenfinanzierung dar. Andererseits wird aufgezeigt, wie sich diese staatlichen Programme im Laufe der Zeit an die veränderten Markt- und Rahmenbedingungen angepasst haben. In über 13 Tiefengesprächen mit Experten werden praktische Einsatzmöglichkeiten der Programme beleuchtet und kritisch bewertet.
• Kapitel 5 (Handlungsempfehlung) bezieht sich zum einen auf die finanztheoretischen Grundlagen der Frühphasenfinanzierung in Kapitel 3. Zum anderen liegt
- 5 -
das Ziel dieses Kapitels darin, eine Handlungsempfehlung für die zukünftigen staatlichen Förderungsmöglichkeiten der Frühphase junger Biotechs aussprechen zu können, die wiederum die Ergebnisse aus Kapitel 4 vereinigt. • In Kapitel 6 (Fazit) wird eine Zusammenfassung gegeben, die nicht nur die formulierte Fragestellung der Arbeit und ihre Zielsetzung berücksichtigt, sondern auch der theoretischen und empirischen Diskussion der vorangehenden Kapitel gerecht wird. Dementsprechend werden die grundlegenden Charakteristika der Biotech-Branche aufgezeigt, die bedeutsamsten Förderungsmöglichkeiten der Frühphasenfinanzierung hervorgehoben und die Zukunft der öffentlichen Gründungs- und Frühphasenfinanzierung beleuchtet.
2. Geschäftsfeld Biotechnologie im Überblick
2.1. Zukunftsbranche Biotechnologie
2.1.1. Zur Begriffsabgrenzung der modernen Biotechnologie
Um den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit zu präzisieren, muss der Begriff der modernen Biotechnologie und deren Unternehmen genauer erläutert werden. Des Weiteren ist eine Systematisierung und Analyse des Sektors aus unterschiedlichen Blickwinkeln nötig. 4
Neben der klassischen rein anwendungsorientierten Domäne der Biotechnologie als „Erforschung und Anwendung natürlicher und modifizierter biologischer Systeme und ihrer Komponenten sowie daraus abgeleiteter Verfahren zum Zwecke einer technischen oder praktischen Nutzung“ (Mietzsch 2001, S. 35) erschließt die moderne Biotechnologie durch die Entwicklung in forschungsorientierte Felder neue kommerzielle Anwendungsmöglichkeiten. Unter dem Begriff der modernen Biotechnologie werden laut O-ECD-Definition „alle innovativen Methoden, Verfahren oder Produkte verstanden, die die wesentliche Nutzung von lebenden Organismen oder ihrer zellulären und subzellulären Bestandteile beinhalten und dabei im Rahmen eines ursächlich verständnisbasierten Ansatzes von Erkenntnissen der Forschung auf den Gebieten Biochemie, Molekularbiologie, Immunologie, Virologie, Mikrobiologie, Zellbiologie oder Umwelt- und Verfahrenstechnik Gebrauch machen.“ (Heidenreich et al. 2002, S.4). Somit lässt sie sich ganz
4 Vgl. Heidenreich et al. 2002, S. 4
- 6 -
allgemein als Umgang mit biologischen Systemen und Informationen in Forschung und Anwendung beschreiben. 5 Aufgrund ihres Beitrages zur Wertschöpfungskette der Life Science 6 Industrie werden verbundene Bereiche wie Bioinformatik, High-Throughput-Screening oder Biosensorik ebenfalls zur Biotechnologie gerechnet. 7
2.1.2. Die Segmente der modernen Biotechnologie
Aus Vereinfachungsgründen wird die Biotechnologie-Branche in verschiedene Segmente unterteilt, die nachfolgend kurz beschrieben werden. In der Biotechnologie gibt es mit der roten, grünen und grauen Biotechnologie drei große Segmente. Daneben existiert noch das Segment der blauen Biotechnologie, welches die Meeresbiotechnologie bezeichnet. 8 Sie weist zwar ein großes wirtschaftliches Potential auf, spielt in Deutschland allerdings nur eine untergeordnete Rolle und stellt somit kein eigenes Branchensegment dar. 9
Die rote Biotechnologie bezieht sich auf alle human- und veterinärmedizinischen Aktivitäten im Produktbereich (Therapeutika, Impfstoffe, Diagnostika etc.) sowie auf die entsprechenden Plattformtechnologien. Dabei handelt es sich unter anderem um die Produktion von Antikörpern und anderen hochspezifischen Wirkstoffen in tierischen Zellsystemen. Diese neuen Wirkstoffe biologischen Ursprungs haben das Potenzial bislang nur schwer behandelbare Indikationen (z. B. bestimmte Krebsarten oder Nervenleiden) besser zu behandeln als klassische Medikamente. So besteht die Hoffnung, bei einigen Krebsarten, die heute meist tödlich sind, einen chronischen Krankheitsverlauf oder sogar eine Heilung zu erreichen. Erste Produkte 10 dieser Art haben den Markt erreicht, und generieren signifikante Umsätze (z. B. Medikamente wie Avastin und Herceptin) 11 .
5 Vgl. BMBF 2000, S. 8
6 Life Sciences bezeichnet als Oberbegriff sämtliche Disziplinen der Lebenswissenschaften wobei die Biotechnologie als Teilbe-
reich der Life Sciences gesehen werden kann.
7 Vgl. Heidenreich et al. 2002, S. 4
8 Vgl. Müller et al. 2005, S.18 und sinngemäß Heidenreich et al. 2001, S. 4-5
9 Vgl. Spahl et al. 2004, S. 45
10 Es befinden sich neben Proteinen und Antikörpern weitere, neue Behandlungsmethoden, in der Entwicklung. Zu nennen wäre hier
unter anderem die Gentherapie, bei der Zellen des Patienten gentechnisch so modifiziert werden, dass sie ein Protein herstellen, das
der Körper z. B. aufgrund eines vererbten Gendefektes nicht selber herstellen kann. Nach einigen Rückschlägen gibt es hier erste
viel versprechende Ergebnisse.
11 Vgl. Podschun 1999, S. 35
- 7 -
Unter der grünen Biotechnologie werden biotechnologische Anwendungen im Agrar-
sektor wie beispielsweise transgene Pflanzen mit neuen Eigenschaften (z. B. verbesserte
Inhaltsstoffe, Kälteresistenz oder biologische Schädlingsbekämpfung) subsumiert.
In der weißen Biotechnologie werden alle Einsatzgebiete der Biotechnologie im Bereich
Bioverfahrenstechnik und des Umweltschutzes zusammengefasst. Im Bereich der Bio-
verfahrenstechnik kommen biotechnologische Verfahren z. B. in der Papier- und Textil-
industrie zum Einsatz. Auch Waschmittel enthalten heute Enzyme, die es erlauben bei
niedrigeren Temperaturen zu reinigen. Der Markt für Enzyme in industriellen Produkti-
onsprozessen wächst rasant und stellt neben der roten Biotechnologie das größte wirt-
schaftliche Potenzial der Biotechnologie dar. Schwerpunkt der Umweltbiotechnologie
ist die Lokalisierung und Beseitigung von Umweltbelastungen durch beispielsweise
Abwasserbehandlung , Reinigung von Abgasen oder Müllrecycling mithilfe speziell
ausgew ählter Mikroorganismen. 12
In dieser Arbeit wird unter dem Begriff der Biotechnologie grundsätzlich das Segment
der roten Biotechnologie verstanden, da diesem in Deutschland die größte Bedeutung
zukommt. 13
2.2. Geschäftsmodelle und Wertschöpfung
2.2.1. Geschäftsmodelle der Biotechnologie
Zus ätzlich zu bereits genannten Definition der Biotechnologie bedarf es weiterer Beg-
riffserl äuterungen, welche die Aktivitäten im Bereich der Biotechnologie beschreiben.
Ein biotechnologisch tätiges Unternehmen ist definiert als „Unternehmen, das in den
Hauptbereichen der Biotechnologie tätig ist und mindestens ein biotechnologisches Ver-
fahren (aus der listenbasierten Definition) zur Herstellung von Produkten oder der Be-
reitstellung von Dienstleistungen anwendet, oder biotechnologische Forschung und
Entwicklung betreibt.“ (BMBF 2006, S. 6) Dagegen zieht die OECD eine Unterschei-
dung zu dedizierten Biotechnologieunternehmen, die abgegrenzt sind als „biotechnolo-
gisch aktives Unternehmen, dessen wesentliche(s) Unternehmensziel(e) die Anwendung
12 Vgl. Heidenreich et al. 2002, 5
13 Vgl. Ernst Young 2006, 9
- 8 -
biotechnologischer Verfahren zur Herstellung von Produkten oder der Bereitstellung von Dienstleistungen, oder der Durchführung biotechnologischer Forschung und Entwicklung ist/sind (BMBF 2006, S. 6). Aus Vereinfachungsgründen werden nachfolgend beide Ausprägungen unter den Begriff „moderne Biotech-Unternehmen bzw. Biotech-Unternehmen“ subsumiert.
Grundsätzlich können in der Humanbiotechnologie 4 Geschäftsmodelle unterschieden werden: 14
- Dienstleister und Zulieferer: Informationsanbieter - Plattformanbieter bzw. Technologieanbieter - Produktentwickler: Medikamentenentwickler (als F&E Unternehmen) - Vollintegrierte Unternehmen oder FIBCOs (Fully Integrated Biotechnology Company) 15
Dabei weisen die heutzutage weniger verbreiteten vertikal vollintegrierten Unternehmen jeweils unterschiedliche Charakteristika auf. Die drei spezialisierten Geschäftsmodelle besitzen folgende Risiko/Return Charakteristika:
Somit kann eine Interdependenz dieser drei spezifischen Geschäftsmodelle erkannt werden. Die Technologieanbieter agieren über ihre Funktion als Plattformanbieter 16 quasi als Zulieferer für die Medikamentenentwickler. Sie nutzen ihre eigens entwickelten Plattformen für Teilbereiche der Wirkstoffentwicklung nicht nur selbst sondern bieten ihre Kompetenz in der Forschung und Entwicklung (F&E) auch für Dritte mittels
14 Vgl. Thalmann 2004, S. 163
15 Vgl. Küpper 2004, S. 28
16 „Biotech-Unternehmen, die innovative Basistechnologien in der strukturellen und funktionalen Genom- und Proteomanalyse, dem
High-Throughput-Screening und der kombinatorischen Chemie entwickeln, gehören zur Gruppe der Plattformanbieter.“ (Müller et
al. 2005, S. 83)
- 9 -
Lizenzierung oder Auftragsforschung an. Vorteil dieses Geschäftsmodells ist die Möglichkeit, bereits zu frühen Zeitpunkten Einnahmen über Upfront-Payments und Milestones 17 zu generieren. Nach der Markzulassung eines Medikaments durch den Partner kommen langfristige Einnahmen durch Royalities 18 hinzu. 19
Der gegenwärtige Trend zur Kombination der verschiedenen Geschäftsmodelle in einem dualen Ansatz ermöglicht die Streckung vorhandener liquider Mittel für die Weiterentwicklung eigener Produkte durch die Generierung früher Umsätze. 20 So schafft das hybride Geschäftsmodell einerseits sowohl kurzfristig als auch mittel- und langfristig Werte und streut gleichzeitig durch Diversifikation das Risiko der Unternehmen. Junge Biotechs versuchen hierbei zum einen eine eigene Produktpipeline aufzubauen und zum anderen mittels Serviceleistungen oder Kooperationen und Auslizenzierungen die eigenen Technologien von außen validieren zu lassen sowie kommerziell zu nützen. 21
2.2.2. Wertschöpfungskette
Die Wertschöpfungskette der biopharmazeutischen Industrie umfasst die Bereiche F&E, Zulassung, Produktion und Marketing/ Vertrieb:
17 Zahlungen am Anfang des Vertrages für bestimmte Entwicklungen (Müller et al. 2005, S. 83)
18 Gewinnbeteiligungen bei der späteren Vermarktung des Produktes; in der Regel im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbe-
reich (Müller et al. 2005, S. 83)
19 Vgl. Müller et al. 2005, S. 83
20 Vgl. Thalmann 2004, S. 205
21 Vgl. Consors Capital 2002, S.16-19
- 10 -
Arbeit zitieren:
Claudia Kreuser, 2006, Staatliche Fördermöglichkeiten für die Frühphasenfinanzierung von Biotechnologie-Unternehmen, München, GRIN Verlag GmbH
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