Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
1.1. Fragestellung 1
1.2. Untersuchungsschritte 4
2. Geschichte des Internets und die Rhetorik der Innovation. 5
2.1. Prätechnologische Diskurse 5
2.1.1. Vannevar Bush. 5
2.1.2. J.C.R. Licklider 7
2.2. Das Internet entsteht. 9
2.2.1. Howard Rheingold 10
2.3. Das WWW bringt gesellschaftliche Akzeptanz. 11
2.3.1. Tim Berners-Lee. 11
2.3.2. Nicholas Negroponte. 13
2.3.3. Derrick de Kerckhove 15
2.4. Web 2.0 16
2.4.1. Tim O'Reilly 16
3. Aggregation. 19
3.1. Wissensorganisation: Das Internet ersetzt andere Medien. 19
3.2. Partizipation: Wissen und Publizieren 20
3.3. Externalisierung und Ausweitung des Gehirns 23
4. Konklusion. 25
Literaturverzeichnis 27
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
„Die Geschichte der Medien wird häufig am Leitfaden technischer Erfindungen erzählt. Dieser Band macht den Vorschlag, anstelle technischer Erfindungen die Diskurse zu untersuchen, die aus bloßen Ereignissen in der Technik solche der Kultur macht.“ 1
Mit diesen Zeilen leiten Kümmel/Scholz/Schumacher den Sammelband Einführung in die Geschichte der Medien ein und präsentieren einen produktiven Ansatz um Mediengeschichte zu analysieren. Dieser geht davon aus, dass es nicht sehr sinnvoll ist, Mediengeschichte unter einem Apriori technischer Erfindungen zu untersuchen. Die Technikgeschichte stelle zwar für das Aufkommen eines neuen Mediums eine Grundvoraussetzung dar, doch reiche das bloße Vorhandensein einer technischen Neuerung nicht für dessen Erfolg als Medium, im Sinne gesellschaftlicher Durchdringung, aus. Vielmehr würden die technischen Erfindungen erst im Diskurs, also auf der Ebene der gesellschaftlich geteilten Bedeutungen, in die Lage versetzt, sich als ein „neues Medium“ zu etablieren. 2
Auch William Uricchio, der sich mit der Funktion des Imaginären für die Entwicklung der neuen Medien auseinander setzt, zeigt, dass die starke Gewichtung der Technik bei der Geschichtsschreibung von Medien keinen vorteilhaften Ausgangspunkt darstellt. Vielmehr geht auch er davon aus, dass die
„sozialen Prozesse, durch die bestimmte Technologien hervortreten und dominant oder unterdrückt, übergangen oder bei der Geburt erstickt werden, genauso von der diskursiven Positionierung wie von der technologischen Möglichkeit ab[hängen].“ 3
Er vermutet, dass dem Imaginären und der ausgesprochenen Erwartung dabei die Rolle zufällt, technische Kapazitäten in kulturelle Praxis umzuformen und somit den gesellschaftlichen Erfolg eines Mediums zu ermöglichen oder auszuschließen.
Mit dieser Arbeit möchte ich einen Beitrag zur Diskursgeschichte des Internets leisten, indem ich die Rhetorik der netzbasierten Innovation beim Medium Internet, also einen
1 Kümmel/Scholz/Schumacher 2004, S. 7
2 Ebd., S. 9 3 Uricchio 2001, S. 308
1
Teilaspekt seiner diskursiven Positionierung, untersuche. Dabei will ich der Frage nachgehen, welche Inhalte diesen Rhetoriken der Innovation zugrunde liegen und ob sich diese im Untersuchungszeitraum verändern.
Mit dem Ausdruck Rhetorik der Innovation beziehe ich mich dabei implizit auf das Begriffspaar „Apokalyptiker und Integrierte“ von Umberto Eco. Hierbei handelt es sich um eine Formulierung Ecos aus den 1960er Jahren, die zum damaligen Zeitpunkt darauf abzielte, zwei sich kontrastierende Standpunkte in der Wissenschaftsgemeinde hinsichtlich der Massenkultur auf den Punkt zu bringen.
Die „Apokalyptiker“ repräsentieren dabei in dem sich binär kontrastierenden Modell eine skeptische und ablehnende Haltung gegenüber der Massenkultur. Sie verstehen technische Neuerungen als potentiell erfolgreiche Angriffe auf ihre eigenen kulturellen Werte und werden aus diesem Grund prinzipiell abgelehnt. Die „Integrierten“ hingegen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine optimistische Grundhaltung gegenüber Neuerungen an den Tag legen und der Massenkultur gegenüber durch und durch positiv eingestellt sind. 4
Ein ähnlich gespaltenes Meinungsspektrum lässt sich auch bei der akademischen Auseinandersetzung mit dem Internet feststellen. So konstatiert beispielsweise der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler:
„Die Medientheorie erscheint aufgespalten in einen Diskurs, der bei den analogen Medien verharrt und die Computer als eine Art Sündenfall betrachtet, und einem zweiten, der, gegenwarts-kompatibel und medienpräsent, die Rechner um so entschiedener zu seiner Sache macht.“ 5
Die Vertreter dieses zweiten Diskurses sind dementsprechend mit den „Integrierten“ Ecos vergleichbar, da sie idealtypisch über einen großen Optimismus hinsichtlich der weiteren Entwicklung, der gesellschaftlichen Auswirkungen und Folgen des Internets verfügen. Ihre Aussagen, Erwartungen und Prognosen verstehe ich im Folgenden als Rhetorik der Innovation. Dabei werde ich vor allem jene Aussagen vorstellen und
4 vgl. Eco 1992, S. 16f
5 Winkler 1997a, S. 11. Auch Johanna Dorer (1999, S. 295) stellt fest, dass im akademischen Rahmen zwei unterschiedliche und größtenteils unverbundene Standpunkte vorherrschen: „Technikeuphorie gekoppelt mit der Vorstellung der Revolutionierung menschlichen Zusammenlebens auf der einen Seite und Skepsis bzw. Kulturpessimismus, der die sozialen Folgen dieser Entwicklung kritisiert auf der anderen Seite.“
2
untersuchen, die dem Internet neue Nutzungspotentiale zuschreiben, und deren Implikationen prognostizieren. Derart gestaltete Rhetoriken der Innovation machen den zentralen Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit aus.
Ausschlaggebend für diese Auswahl ist, dass die „integrierten“ diskursiven Akteureim Gegensatz zu den „Apokalyptikern“ - für die Entwicklung und gesellschaftliche Durchdringung des Internets von zentraler Bedeutung zu sein scheinen. Dies betonen Münker und Roesler, in dem sie der von ihnen verantworteten „mythische Aufladung“ eine konkrete Entwicklungsfunktion zuschreiben und diese nicht lediglich als Begleiterscheinung ansehen:
„Erst [eine] utopische Erzählung von der möglichen Eroberung des Cyberspace als bevorstehender Kolonialisierung eines neuen, fernen Kontinents ungeahnter Möglichkeiten setzte die notwendigen Energien frei, um die enormen technologischen und ökonomischen Anstrengungen in die Wege zu leiten, die zur Etablierung des Internets als eines global funktionierenden und massenhaft genutzten Medium unverzichtbar waren - und, so bleibt zu vermuten, für seinen zukünftigen Ausbau weiterhin notwendig sind.“ 6 .
Die Auswahl der „Euphoriker“, die in dieser Arbeit untersucht werden, orientiert sich dabei an deren Bedeutung für die diskursive Geschichte des Internets und erhebt keinen Anspruch auf eine vollständige Erfassung des gesamten Diskurses, da hierzu die Auswahl und Erarbeitung des Materials den Rahmen sprengen würde. 7 Geografisch gesehen stammen die meisten zu untersuchenden Autoren aus den USA. Dies ist keine bewusste Entscheidung, sondern trägt dem Umstand Geltung, dass das Internet vornehmlich in den USA entstanden ist und die weitere - auch diskursive -Entwicklung dort stattfindet. 8
Wie es die bisherigen Ausführungen bereits andeuten, werde ich in dieser Arbeit in der Regel vom „Internet“ sprechen, auch wenn sich hinter diesem allgemeinen Begriff unterschiedliche technische Protokolle verbergen. 9
Da es sich bei dieser Arbeit im weitesten Sinne um eine Diskursanalyse handelt,
6 Münker/Roesler 2002, S. 12.
7 Für denkbare Kriterien einer systematischen Diskursanalyse siehe Jäger 2001. 8 Vgl. hierzu auch Castells 2005, S. 15)
9 Wie zum Beispiel Usenet, FTP, Gopher etc. Somit orientiere ich mich grob an der Terminologie von Schumacher (2004, S. 256), bei der auch die Begriffe 'WWW' und 'Internet' synonym benutzt werden.
3
werden auch prätechnologische Rhetoriken in die Untersuchung einfließen. Dadurch resultiert, dass der zu untersuchende Zeitraum sich von der Mitte der 1940er Jahre bis zum Anfang des neuen Jahrtausends erstreckt. 10
1.2. Untersuchungsschritte
Die eigentliche Untersuchung wird in zwei Schritten durchgeführt: Im folgenden Kapitel präsentiere ich - in skizzenhafter Form - die Geschichte des Internets und verknüpfe diese mit der Rhetorik der Innovation. Hierbei geht es, wie bereits angesprochen, nur am Rande um die Darstellung der Technikentwicklung. Vielmehr werden an dieser Stelle ausgewählte Theoretiker und Akteure, die für die Entwicklung des Internets von Bedeutung sind, vorgestellt und in den geschichtlichen Kontext eingeordnet. Ihre Aussagen, Erwartungen und Entwicklungsprognosen hinsichtlich des Internets - also ihre jeweilige Rhetorik der Innovation - wird danach dargestellt.
Im dritten Kapitel werden dann übergeordnete thematische Blöcken identifiziert, die in den verschiedenen Rhetoriken anzutreffen sind. Die im vorherigen Kapitel präsentierten Argumentationen werden dann diesen thematischen Blöcken zugeordnet.
Abschließend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und weitere Forschungsperspektiven aufzeigen.
10 Am Beispiel der Emergenz des Radios weist auch Schrage (1999) auf die Vorteile einer derartigen Untersuchungsperspektive hin: Durch den Fokus auf den Diskurs werde nämlich eher der Blick auf das sich gesellschaftlich entwickelnde Medium freigegeben.
4
2. Geschichte des Internets und die Rhetorik der Innovation
2.1. Prätechnologische Diskurse
2.1.1. Vannevar Bush
Zum Ende des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1945, veröffentlicht Vannevar Bush den bereits in den 1930er Jahren begonnenen Artikel As We May Think. In seiner Funktion als Wissenschaftsberater des US-Präsidenten Roosevelt und Leiter des größten damaligen think tanks skizziert er darin seine Vorstellungen über die notwendigen Forschungsschritte, um in Zukunft die Organisation von Wissen zu verbessern. 11 Heute gilt der Artikel als einer der wichtigsten theoretischen Texte hinsichtlich des Internets, da er dessen grundlegende Entwicklungszüge vorweg nimmt. 12 Zudem entwickelt Bush in dem Text eine Vielzahl der Ideen, die in den darauf folgenden Rhetoriken der Innovation wieder aufgegriffen werden.
Am Anfang von As We May Think beschreibt Bush die Problemlage, durch die der gesamte Wissenschaftsapparat in seinen Augen substantiell behindert werde:
„There is a growing mountain of research. But there is increased evidence that we are being bogged down today as specialization extends. The investigator is staggered by the findings and conclusions of thousands workers - conclusions which he cannot find time to grasp, much less to remember, as they appear.“ 13
Der stetige Wissenszuwachs sei mit den bisherigen Speicherverfahren, also den Büchern in Bibliotheken, nicht mehr zu ausreichend zu verarbeiten und zu überschauen, so dass ein Großteil der durchgeführten Forschung dadurch verloren ginge. Die Werkzeuge zur Selektion und zum Zugriff auf vorhandene Wissensinhalte seien anachronistisch und verhinderten eine Nutzbarmachung der jeweils vorangehenden Forschungsergebnisse.
11 Bush war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von As We May Think Direktor der Office of Scientific Research and Development. Hierbei handelte es sich um eine Einrichtung, die zivile Wissenschaftler im Zweiten Weltkrieg in die Rüstungsprogramme der US-amerikanischen Regierung integrierte. In dem Artikel geht es demnach auch explizit darum, den bis dahin vom Militär eingebundenen Wissenschaftlern nach Ende des Krieges neue Forschungsperspektiven zu vermitteln. 12 Vgl. Schumacher 2004, S. 258 und Winkler 1997b, S. 136 13 Bush 1945, S. 101
5
Als Hauptproblem identifiziert Bush hierbei die indexikalischen Ordnungsprinzipien der Bibliotheken. Diese seien für das Finden von Wissensinhalten nur eingeschränkt geeignet, da sie dem menschlichen Denken, welches auf Assoziationen basiert, nicht entsprächen.
Sein Lösungsvorschlag für dieses Problem ist eine „fotoelektromechanische Maschine“ 14 . Dieses fiktive Möbelstück, das er sich wie einen Schreibtisch vorstellt, beschreibt er als individuellen Arbeitsplatz der Zukunft, an dem eine Person auf unzählige Inhalte, wie zum Beispiel Bücher, Zeitungen und Fotos zugreifen könne. Diese Wissensinhalte würden nach Bushs Vorstellungen auf Microfilm-Archiven abgespeichert und ließen sich auf unterschiedlichen Ausgabegeräten ansehen. Außerdem solle es auch möglich sein, diese Dokumente wiederum mit Notizen zu versehen. Um neue Materialien auf Microfilm zugänglich zu machen, stellt Bush sich zudem vor, dass diese Maschine über eine Art Scanner verfügen solle. Dieses fiktive Speicher- und Darstellungsgerät, das mit einem Bruchteil des bisher benötigten Raums auskommen könnte, tauft Bush auf den Namen Memex.
Das Neue an Memex ist jedoch nicht nur die antizipierte Idee der Verschränkung mehrerer mechanischer Apparate und neuer Komprimierungstechnologien. Diese waren zum damaligen Zeitpunkt größtenteils bereits auf einem rudimentären Entwicklungsniveau vorhanden. Vielmehr war die Vorstellung neu, Wissensinhalte durch Verknüpfungen aufeinander zu beziehen:
„All this is conventional [...] It affords an immediate step, however, to associate indexing, the basic idea of which is a provision, whereby any item may be caused at will to select immediately and automatically another. This is the essential feature of the memex. The process of tying two items together is the important thing.“ 15
Mit dieser Funktion zur automatischen oder manuellen Verknüpfung von Inhalten wären, so Bush, vollkommen neue Enzyklopädien denkbar. Diese könnten durch so genannte „assoziative Pfade“ an Stelle der indexikalischen Ordnungsprinzipien strukturiert werden und würden somit Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen vollkommen neue Möglichkeiten der Wissensrecherche eröffnen. Ganze
14 Berners-Lee 1999, S. 17
15 Bush 1945, S. 107
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Arbeit zitieren:
Fritz Gnad, 2007, Die Rhetorik der netzbasierten Innovation, München, GRIN Verlag GmbH
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