Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 Die Verwandtschaftsbezeichnungen im Text 4
2 Die Hauptfiguren des Romans im Detail 8
2.1 Und wenn die Welt voll Teufel w ar. Malagis, Ritter, Zauberer und
Dieb. 8
2.2 Bruder, wo bist du? Vyviens Weg von Mombrant nach Egermont 13
2.3 Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum Spiets Suche
nach seiner Familie 16
2.4 Ein kurzer Blick auf weitere Figuren des Textes 18
3 Die Genealogie des Malagis“ 20
2
Einleitung
Schon allein die Zahl und Verschiedenartigkeit der Verwandtschaftsbezeichnungen zeigt, daß im Mittelalter die Familienzugeh¨ origkeit noch eine ganz andere Rolle spielte, als sie dies heute tut.
Das große Beispiel ist im allgemeinen Wolframs Parzival mit seinem schon fast als legend¨ ar zu bezeichnenden mehrseitigen Stammbaum.
Der Deutsche Malagis ist im Vergleich hierzu ein g¨ anzlich anderer Text. Er ist ein Zeugnis aus dem Sp¨ atmittelalter und z¨ ahlt eher zum Bereich der Trivialliteratur. Umso interessanter ist es daher, zu sehen, inwieweit die erarbeiteten Schemata der Verarbeitung und Bewertung von Verwandtschaftsbezeichnungen im mittelalterlichen Roman sich hier wiederfinden und wo m¨ oglicherweise Unterschiede liegen und wie sich diese erkl¨ aren.
3
1 Die Verwandtschaftsbezeichnungen im Text
Bevor im weiteren das Verh¨ altnis der drei wichtigsten Romanfiguren Malagis, Vyvien und Spiet zu ihren Verwandten eines eingehenderen Blickes gew¨ urdigt werden, soll hier eine kurze ¨ Ubersicht ¨ uber die im Roman verwendete Begrifflichkeit und ihre H¨ aufigkeit gegeben werden. 1 Zugleich soll versucht werden, das Ergebnis zu erl¨ autern. Die folgenden Kapitel werden zeigen, in welchem Verh¨ altnis dieses statistische Ergebnis zur Romanhandlung steht.
vater: im ersten Moment ¨ uberrascht die auff¨ allige H¨ aufigkeit des Terminus. Bedenkt man jedoch Inhalt und Figurenkonstellation des Werkes, so verbl¨ ufft dies weit weniger. Ein Thema, das sich durch den gesamten Roman zieht, ist die Suche der Zwillinge Malagis und Vyvien nach ihren wahren Eltern, von denen sie gleich zu Beginn getrennt werden. Zum anderen spielen Vaterfiguren eine erstaunliche wichtige Rolle — besonders wenn man die Abwesenheit von V¨ atern, z.B. im Parzival 2 , im Hinterkopf hat ist dies bemerkenswert. Vyvien ist Vater Haymins und in dieser Rolle in der zweiten H¨ alfte des Romans stets pr¨ asent, Spiets Person ist stark von der Auseinandersetzung mit seiner Herkunft gepr¨ agt und Herzog B¨ uene begleitet ab dem Wiedersehen in V. 14998 seine S¨ ohne und ¨ uberlebt Vyvien sogar. Eine weitere nicht unwichtige Vaterfigur stellt Yvorin dar, dessen Kampf
1 an dieser Stelle m¨ ochte ich Frau Dr. Annegret Haase von der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herzlich danken, die mir freundlicherweise den Wortindex zum ” Malagis“ zur Verf¨ ugung stellte
2 vgl. E. Schmid: Familiengeshichten und Heilsmythologie, S. 171[8]
4
um bzw. gegen seine Tochter Beafl¨ ur weite Teile des Romans pr¨ agt (bereits V. 4921 macht er sich auf die Suche nach seiner Tochter und stirbt erst V. 17315). Bereits jetzt wird augenf¨ allig, daß die Vaterfiguren hier weit ambivalenter sind als es die gel¨ aufige Einsch¨ atzung zur Literatur des Mittelalters vermuten l¨ aßt. 3 Dieses Ph¨ anomen wird in den folgenden Kapitel noch n¨ aher zu untersuchen sein. bruder: mit gut 39% erscheint dieser Terminus fast genauso h¨ aufig wie vater. Dies ¨ uberrascht jedoch weit weniger, da das Zwillingsbr¨ uderpaar Malagis und Vyvien die handlungstragenden Figuren des Romans sind. Die große Zahl der Nennungen ergibt sich nicht zuletzt daraus, daß sich beide im gegenseitigen Gespr¨ ach durch den Gebrauch des Terminus ihres Status als Br¨ uder versichern bzw. diesen bekr¨ aftigen.
muter: ¨ ahnlich wie f¨ ur den vater erkl¨ art sich die H¨ aufigkeit zum einen nat¨ urlich aus der Suche der Br¨ uder nach ihren Eltern. Daß es im direkten Vergleich jedoch nicht einmal ganz halb so viel Nennungen sind, ist vermutlich darauf zur¨ uckzuf¨ uhren, daß neben Druwane nur eine weitere Mutter, die Spiets, eine wichtige Rolle spielt. Schon die Tatsache, daß Beafl¨ ur Haymins Mutter, ist, spielt innerhalb des Textes f¨ ur den Autor keine erw¨ ahnenswerte Rolle. oheim: anders, als man aus dem 4. Platz vermuten m¨ ochte, kommt auch in diesem Werk des Sp¨ atmittealters dem oheim eine wichtige Rolle zu. Das anfangs nicht immer unproblematische Verh¨ altnis zwischen Malagis und seinem Oheim Yvert, die sich bereits V. 2155 begegnen, ist ein wesentlicher Bestandteil des Werkes. Ebenso pr¨ agt die Auseinandersetzung zwischen Karl und seinem Neffen Rulant einen ganzen Abschnitt des Romans. Daneben tritt auch der zweite Oheim Malagis’ und Vyviens, der Graf von Montpelier, im letzten Abschnitt in Erscheinung, als die beiden Br¨ uder ihn aus der durch sie verursachten Bedr¨ angnis befreien m¨ ussen. Haymins Beziehung zu seinem Oheim Malagis findet hingegen keine weitere Beachtung.
sohn: allein das prim¨ ar m¨ annliche Personal des Romans und die Tatsache, daß die entscheidenden Handlungstr¨ ager fast durchwegs M¨ anner sind, erkl¨ art die relative H¨ aufigkeit des Terminus. Gr¨ oßere Bedeutung kommen jedoch nur Malagis und Vyvien als den S¨ ohnen B¨ uenes und Haymins als dem Sohn Vyviens zu. In der Interaktion zwischen diesen findet sich der Terminus am h¨ aufigsten. Gerade die letzteren beiden pflegen ein intensives Vater-Sohn Verh¨ altnis, bezeichnenderweise stirbt Vyvien in den Armen seines Sohnes (V. 21693).
3 vgl. u.a. E. Schmid: Verwandtschaft und Blutsverwandtschaft, S. 40[7]; Th. Nolte: Das Avunkulat in der deutschen Literatur des Mittelalters, S. 235. 241. 248[5]
5
nefe: dieser Begriff wird getreu seiner prim¨ aren Wortbedeutung ” Schwestersohn“
vor allem zwischen Malagis bzw. Vyvien und Yvert, dem Grafen von Montpelier und Ysane gebraucht. Auch Karl spricht Rulant des ¨ ofteren als nefe an (z.B. V. 13532 oder 13957). Ebenso spricht Malagis von Haymin als nefe (z.B. V. 21825), woraus ersichtlich wird, daß im sp¨ ateren Mittelalter der Terminus sowohl f¨ ur die m¨ utterliche als auch die v¨ aterliche Verwandtschaft verwendet werden konnte. 4 tohter: der ganze Roman kennt nur eine einzige Tochter, n¨ amlich Beafl¨ ur, die Tochter Yvorins und Vyviens Ziehschwester bzw. sp¨ atere Geliebte. niftel: in mehrfacher Nennung bezieht sich der Terminus im Sinne der Mutterschwester 5 vor allem auf Druwanes Schwester Ysane (V. 19621 u.a.), die von ihrem Schwesternsohn Malagis und Spiet befreit wird. Eine einzelne Stelle bezieht sich auf die Mutter Yverts, ” Karls niftel von Pariß“ V. 2264, wobei hier die genaue verwandtschaftliche Position unklar bleibt. 6
vetter: in allen drei Verwendungen bezeichnet der Begriff nicht den Vaterbruder, sondern wird als indifferenter Terminus f¨ ur einen m¨ annlichen Verwandten gebraucht. ” er was sin vetter und enwist sin nicht“ heißt es in V. 5937 von Yverts Unwissenheit, daß sein Neffe Malagis vor ihm steht, V. 20624 nennt Ysane ihren Neffen Malagis vetter und in V. 22323 wird von Spiet berichtet, er habe ” Forte-
meus / und sinen vettern Crese¨ us“ erschlagen, obwohl die beiden bereits in V. 18629 als Br¨ uder gekennzeichnet worden waren. ane: Haymin nennt in V. 19785 B¨ uene seinen ” stolcze ane“. Allein bedingt durch
die Handlungsstruktur kommt dem Großvater ansonsten keine entscheidende Rolle zu, man kann es wohl eher schon als erstaunlich ansehen, daß Großvater und Enkel einander real begegnen.
m¨ umme: in V. 20840 spricht Malagis gegen¨ uber Spiet von Ysane als seiner m¨ umme. Dies ist insofern auffallend, als er kurz zuvor (V. 20677) von ihr als seiner nyfftel und sich als ihrem oheim gesprochen hatte. Wahrscheinlich erkl¨ art sich dies dadurch, daß er im letzteren Fall auf seine Funktion als sorgetragender naher Verwandter bzw. ihr als Schutzbefohlenen hingewiesen hatte. swager: dieser Terminus wird von Malagis Spiet gegen¨ uber in V. 20681 verwandt, um ihn als nun angeheiratetes Mitglied der Familie zu kennzeichnen.
4 vgl. W.J. Jones: German kinship terms, S. 131[4]
5 nach Jones: Kinship terms, S. 118. 183, nimmt das Wort vergleichsweise selten diese Bedeutung an, wird aber ab dem 13. Jh. h¨ aufiger.
6 hier und im weiteren zitiert nach der DTM Ausgabe des ” Deutschen Malagis“.[3]
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Arbeit zitieren:
Dr. Christoph Lange, 2002, Die Verwandtschaftsverhältnisse in "Der deutsche Malagis", München, GRIN Verlag GmbH
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