Humboldt -Universität zu Berlin, SS 2001 Berlin, 27.08.01
Philosophische Fakultät
Institut für Geschichtswissenschaften
Hauptseminar : Frankreich und Deutschland 1918-1933: Politik, Wirtschaft und Kultur
Thomas Mann und Frankreich im Kontext eines
„Locarno intellectuel“
1. Einleitung 3
2. Der deutsch - französische Gegensatz in Kultur und Zivilisation 4
2.1. Begriffsklärung Kultur - Zivilisation im deutschen Sprachraum. 4
2.2. Die Zivilisationsidee und das Sendungsbewusstsein in)UDQNUHLFK 5
2.3. Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann. 6
3. Die Verbindungen Thomas Manns nach Frankreich 8
3.1. Die Initiativen zur intellektuellen Annäherung. 8
3.2. Thomas Manns Reise nach Paris im Kontext des „Locarno intellectuel“ 10
3.3. Politische Hintergründe des Mannschen Paris-Besuches 11
3.4. Die „Pariser Rechenschaft“ als Zeichen der Annäherung an Frankreich? 13
4. Gedanken zum Schluss 16
Literaturverzeichnis : 18
Quellenverzeichnis : 19
3
(LQOHLWXQJ
Über das Verhältnis Thomas Manns zu Frankreich lässt sich mit Sicherheit sagen: Es ist zwiespältig. Zwei Frankreichbilder bestimmen die Schriften dieses Autors. Einmal die polemisch gegen Frankreich anmutenden Passagen der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ aus dem Jahre 1918 und andererseits die dem einst verachteten Land überraschend entgegengebrachte Sympathie in der „Pariser Rechenschaft“ (1926). Im Fortgang meiner Untersuchung wird sich zeigen, wieweit diese beiden Schriften programmatisch sind für den Verlauf der politischen Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit. Diese Arbeit beleuchtet die spannungsreichen Jahre, insbesondere die Phase der gescheiterten Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland, die bis hin zu den Verträgen von Locarno dauerte. Immer wieder stellt sich hierbei die Frage, ob und wenn ja warum neben der Politik auch das intellektuelle Engagement versagte. Auch die Gruppierungen der Schriftsteller konnten damals kaum Einfluss auf das Weltgeschehen nehmen.
Anhand der für die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland wichtigen Schriften Thomas Manns möchte ich nach den Ursachen dieser relativen „Hilflosigkeit“ der französischen und der deutschen kulturellen Eliten forschen. Warum konnten die kulturellen Initiativen, die von so viel Geist und gutem Willen gekennzeichnet waren, letztlich nichts ausrichten?
Im ersten Teil meiner Arbeit gehe ich auf den bei Thomas Mann in den Betrachtungen eines Unpolitischen immer wieder thematisierten Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation ein. Vermutlich ist dies nicht nur eine bestimmende Komponente des Denkens Thomas Manns, sondern auch bezeichnend für das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland in der Zwischenkriegszeit.
Im zweiten Teil meiner Arbeit gehe ich speziell auf Thomas Manns Verhältnis zu Frankreich ein. Untersucht wird hier vor allem anhand der zwei Schriften Thomas Manns „Pariser Rechenschaft“ und „Die
4
geistigen Tendenzen des heutigen Deutschlands“ seine Stellung während der deutschen-französischen Annäherungszeit von Locarno. Um der Frage nach den Wurzeln des deutsch-französischen Konflikts nachzugehen, ziehe ich neuere Forschungsbeiträge von Hans Manfred Bock und Ruth Beuter heran. Des weiteren stützt sich diese Hausarbeit auf ältere Literatur. Die Thomas Mann Biographie von Hans Mayer und die Arbeit des französischen Forschers Louis Leibrich werden mit einbezogen.
'HU GHXWVFK ± IUDQ]|VLVFKH *HJHQVDW] LQ .XOWXU XQG =LYLOLVDWLRQ
2.1. Begriffsklärung Kultur - Zivilisation im deutschen Sprachraum
In der Zeit zwischen 1880 und 1914 entwickelte sich der scharfe Gegensatz zwischen den Begriffen Kultur und Zivilisation als eine Antithese im deutschen Sprachraum. Durch zwei bestimmende Faktoren - die Philosophie und die übrigen Wissenschaften - nahm die antithetische Entwicklung ihren Lauf. Hinzu kamen die negativen Auswirkungen der Technisierung, die Entfremdung von der Natur sowie der materialistische und utilitaristische Geist. Passend erschien für diese Auswirkungen der Begriff „Zivilisation“, der schon früher zum „Äußeren“, „Materiellen“ und „Naturwidrigen“ geneigt hatte. 1 Der Kulturbegriff hingegen beschränkte sich auf rein positive Werte wie Kunst, Literatur, Wissenschaft, Religion, Bildung und Unterricht, auf die geistig-seelischen Bereiche des Lebens. Zivilisation dagegen stufte man als das Geringwertigere und Zweckhafte ein. Philosophen und Wissenschaftler wie Friedrich Nietzsche oder Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ (1918) trugen zur abwertenden
Konnotation dieses Wortes bei. Ä6SHQJOHU KDWWH GDV *OFN VHLQH 7KHVHQLQHLQHU=HLW]XSURSDJLHUHQDOVGLH:HVWPlFKWHLP1DPHQGHU =LYLOLVDWLRQ JHJHQ 'HXWVFKODQG .ULHJ IKUWHQ XQG GDV
1
Europäische Schlüsselwörter, Wortvergleichende und wortgeschichtliche Studien,
hrsg. vom Sprachwissenschaftl. Colloquium Bonn, Bd. III, Kultur und Zivilisation,
München 1967, S. 313.
5
6HOEVWEHZXVVWVHLQ GHU 'HXWVFKHQ VLFK VFKOLHOLFK XQWHU GHQ XQVlJOLFK KDUWHQ)ULHGHQVEHGLQJXQJHQYRQ9HUVDLOOHV]XUHFKWILQGHQPXVVWH³
Eine kritische Beurteilung der beiden Begriffe fand nach 1918 statt. Die politisch-nationalistische Antithese wurde auch noch nach dem 1. Weltkrieg weitergeführt. Durch die Kriegspropaganda prägte sich der Gegensatz Zivilisation und Kultur tief ins Gedächtnis sowohl des Intellektuellen als auch des einfachen Mannes auf der Straße ein.
2.2. Die Zivilisationsidee und das Sendungsbewusstsein in)UDQNUHLFK
Die Aufklärung hatte die „civilisation“ als eine die gesamte Menschheit umfassende Vorwärtsbewegung verstanden. Diese Idee des allgemeinen Fortschritts blieb auch in den folgenden Jahren erhalten und wurde zum universalen Ideal der Menschlichkeit erhoben. Als Schlagwort in der Kriegspropaganda trat „civilisation“ zum ersten Mal im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 auf. Man identifizierte Frankreich mit der „civilisation“ und den Gegner mit ihrem Antipoden, der Barbarei. Auch im 1. Weltkrieg fühlte sich Frankreich als Verteidiger der Zivilisation. Doch selbst in Frankreich blieb der Gedanke der Vormachtstellung nie ganz unbestritten: Sowohl die geistige Führungsrolle Frankreichs, als auch die Rechtfertigung des Imperialismus im Namen der Zivilisation wurden gelegentlich von Forschern wie Ernst Robert Curtius bezweifelt. 3 Wie unselig die Wirkung war, die dieser Kampf der Begriffe auslöste, zeigt im Jahr 1931 eine Stelle aus dem angesehenen Larousse du XXe Siècle, unter dem
Stichwort „Kultur“ : Ä0RWDOOHPDQG VLJQLI &LYLOLVDWLRQ/HVSURFpGpVGHV $OOHPDQGV DX FRXUV GH OD *UDQGH *XHUUH RQW GRQQp XQH pWUDQJH LGpH GHOHXU©.XOWXUª(Bd. IV, 1931, S. 272)
Ernst Robert Curtius wies wenige Jahre nach Kriegsende in seinem Werk „Französischer Geist im neuen Europa“ (1925) darauf hin, dass diese Kampfparolen um Kultur und Zivilisation auch in Frankreich eine immense Wirkung gehabt hätten. Der „Germanismus“ schien eine
3 Ebd., S. 26. Die Debatte um den Gegensatz Kultur und Zivilisation wäre ein Thema
für eine weitere Hausarbeit, hier seien daher nur die wichtigsten Punkte erwähnt.
6
unheimliche Bedrohung der französischen und damit der menschlichen Zivilisation zu sein. Da der französische Zivilisationsbegriff dem deutschen kulturellen Denken innerlich nicht gerecht werde und Frankreich das Monopol der Zivilisation in Anspruch nehme, könne sich eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Nationen nicht entwickeln.
2.3. Kultur und Zivilisation bei Thomas Mann
Thomas Mann definiert in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918), den deutschen Kulturbegriff im Gegensatz zum französischen Zivilisationsbegriff. Bis Kriegsbeginn war der Schriftsteller entschieden unpolitisch gewesen, nun wollte er sein Recht auf geistige Unabhängigkeit gegenüber politischen Belangen verteidigen. 4 In dem Buch greift er Nietzsches Theoreme auf. Der Philosoph stellt in seinen Jugendschriften eine scharfe Trennung zwischen Geist und Politik als Grundbedingung der Kultur auf. Nun erscheint Thomas Mann gerade die westliche Demokratie und besonders Frankreich als die Überwucherung des Geistigen durch die Politik. Frankreich ist für ihn das Land der Politik, jedoch einer unsauberen und materialistischen
Politik. Ä'LH *HVFKLFKWVIRUVFKXQJ ZLUG OHKUHQ ZHOFKH 5ROOH GDV LQWHUQDWLRQDOH ,OOXPLQDWHQWXP GLH )UHLPDXUHUORJH XQWHU $XVVFKOX GHU DKQXQJVORVHQ 'HXWVFKHQ QDWUOLFK EHL GHU JHLVWLJHQ 9RUEHUHLWXQJ XQG ZLUNOLFKHQ (QWIHVVHOXQJ GHV :HOWNULHJHV GHV .ULHJHV GHU =LYLOLVDWLRQ JHJHQ 'HXWVFKODQG JHVSLHOW KDW +HXWH EUDXFKW QLFKW PHKU EHKDXSWHW JHVFKZHLJH EHZLHVHQ ]X ZHUGHQ GD HWZD GLH IUDQ]|VLVFKH /RJH SROLWLVFK LVW ELV ]XU ,GHQWLWlW PLW GHU UDGLNDOHQ 3DUWHL MHQHU UDGLNDOHQ 3DUWHL GLH LQ )UDQNUHLFK UHFKW HLJHQWOLFKH 3IODQ]VWlWWH XQG 1lKUERGHQ IUGHQJHLVWLJHQ+DDXI'HXWVFKODQGXQGGHXWVFKHV:HVHQELOGHW³ ¡
Der Schriftsteller bemängelt hier den Einfluss der Freimaurer auf den Staat, an anderer Stelle auch die Rekrutierung des politischen
4
Leibrich, Louis: Französische Wirklichkeit im Werke Thomas Manns, in:
Deutschland-Frankreich, Ludwigsburger Beiträge zum Problem der Deutsch-
Französischen Beziehungen, Bd. 3, Hrsg. Deutsch-Französisches Institut
Ludwigsburg, Stuttgart 1963, S. 172. (künftig zitiert: Leibrich)
5 Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin 1919, S.34-35, (künftig
zitiert: Betrachtungen). Mit den Polemiken gegen Frankreich zeichnet Thomas Mann
ein verzerrtes Bild, das oft unrichtig und ungerecht ist.
Arbeit zitieren:
Sophie Brachvogel, 2001, Thomas Mann und Frankreich im Kontext eines Locarno intellectuel, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Ökonomische Analyse der EU-Handelspolitik gegenüber Entwicklungsländer...
VWL - Außenhandelstheorie, Außenhandelspolitik
Diplomarbeit, 62 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Sophie Brachvogel hat den Text Thomas Mann und Frankreich im Kontext eines Locarno intellectuel veröffentlicht
Sophie Brachvogel hat einen neuen Text hochgeladen
Mexiko heute. Politik, Wirtschaft, Kultur
Walther L. Bernecker, Marianne Braig, Karl Hölz, Klaus Zimmermann
Death in Venice, Tonio Kroger, and Other Writings: Thomas Mann
Thomas Mann, Frederick A. Lubich, Harold Bloom
0 Kommentare