Inhaltsverzeichnis
Glossar III
Abk ürzungen IV
1. Einleitung 1
1.1 Grundgedanken zum Thema 2
1.2 Eigene Motivation zum Thema 3
1.3. Ziel der Diplomarbeit 5
1.4. Methode und Aufbau 6
2. Länderkunde Deutschland und Uganda 9
2.1 Land und Leute 10
2.2 Kleiner politischer Rückblick 11
3. Kindheit in Deutschland und Uganda 15
3.1 Definition Kind 16
3.2 allgemeiner Rückblick der Geschichte der Kindheit. 17
3.3 Kindheit heute in Deutschland und Uganda 18
3.4 Familiensysteme. 21
3.4 Armut in den Familien 27
3.1 Rituale und Religion 33
3.7 Waisen- und Straßenkinder 38
3.8 Kinderarbeit 41
4. Bildung und Erziehung in Deutschland und Uganda 46
4.1. Das Bildungswesen 47
4.2. Erziehung 51
5. Spezifische Lebenssituationen von Kindern in Deutschland und Uganda 55
5.1. Krankheiten und medizinische Versorgung 56
5.2. Beschneidung bei Kindern 59
5.3. Kindersoldaten 62
5.4. Behinderungen bei Kindern 66
6. Die Hörbehinderung als spezifische Behinderungsform 71
6.1. Umfang und Ausmaß von Hörbehinderungen bei Kindern in Deutschland und
Uganda 72
6.2. spezifische Ursachen für eine Hörbehinderungen 73
6.3. Die Kommunikation von Hörbehinderten in Deutschland und Uganda 74
6.4. Einrichtungen für hörbehinderte Kinder 76
7. Praxisbeispiel: 79
7.1. Allgemeine Beschreibung des Projektes 79
7.2. Bedingungsanalyse der St. Mark VII 79
7.3. Fachliche Qualifikation der Mitarbeiter 81
7.4. Ziele des Projektes 81
7.5. Methoden innerhalb der Projektarbeit 82
7.6. Struktur- Prozess und Ergebnisqualität: 83
7.7. Ausblick innerhalb der Projektarbeit 85
8. Resümee 87
9. Literaturverzeichnis 89
9.1. Internetverzeichnis: 93
9. 2 Abbildungsverzeichnis: 94
III
Glossar
ANIMISTEN Lat. Anima = Seele oder Atem, Religion die glaubt das alle
FRENETISCH begeisternd, leidenschaftlich KABAKA König (Kisuaheli) KIN GROUP Verwandtschaft KINSHIP TIES Verwandtschaftsbindung oder Verwandtschaftsverpflichtung KOBALT Kobalt bzw. Cobalt, ist ein Element aus der Gruppe der Schwermetalle. MANIOK Die Maniok-Pflanze, auch Manioka, Brotwurzel oder Kassave
MARGINAL Am Rande (stehend) MATOKE Kochbananenpüree MULTILATERALE mehrere MZUNGU Gebräuchlicher Kiswahili Ausdruck für „Weiße“ NOXE Krankheitsursache NUCLEAR FAMILY Kernfamilie PATCHWORK-FAMILIEN Familienmitglieder die nicht unbedingt miteinander
„blutsverwandt“ sind, sondern sich neu gebildet haben. RHESUSIN-Unverträglichkeit von Rhesusfaktoren zwischen KOMPATIBILITÄT Mutter und Kind, oder Spender und Empfänger einer Bluttransfusion SÜDLICHE SAHELZONE Afrika, südlich der Sahara SORBEN slawisches Volk in Deutschland SPINA BIFIDA Offener Rücken TABULA RASA lat. wörtlich abgeschabte (leere) Schreibtafel USHER-SYNDROM erblich bedingte Kombination von langsam fortschreitender
IV
Abkürzungen
BDM Bund deutscher Mädel CDU Christlich Demokratische Union DGS Deutsche Gebärdensprache DJ Deutsche Jungvolk HJ Hitler Jugend ILO International Labour Organization KLV Kinder Land Verschickung LBG Lautsprachbegleitende Gebärdensprache LRA Lord’s Resistance Army NRM National Resistance Movement NROs Nichtregierungsorganisationen PISA Pisa Studie (Programme for International Student Assessment SED Sozialistische Einheitspartei Deutschlands SOEP Sozioökonomischen Panels SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands UNAD Uganda National Association of Deaf UNISE Uganda National Institute for Special Education UNLF/UNLA National Liberation Front UPC Uganda People’s Congress Waffen-SS Waffen Schutzstaffel (persönlicher Schutz Adolf Hitlers)
1
1. Einleitung
1 Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Fam. Storjohann, Lübeck, Stand: April 2004
2 Siehe: Leppin, B.: Kinderarbeit, In: Brückenschlag, Kindheit Vom Früher im Heute,
Neumünster 2003, S. 149
2
1.1 Grundgedanken zum Thema
Ein guter Start ins Leben ist entscheidend für die gesunde Entwicklung eines Kindes. In den ersten Tagen, Monaten und Jahren vollzieht sich eine wesentliche Entwicklung des Gehirns. Das Kind erlernt alleine in den ersten 3 Lebensjahren die Fähigkeit zu denken, zu sprechen, selbständig zu greifen, zu sitzen, zu laufen und Erfahrungen miteinander zu verknüpfen. Zeitgleich werden die Grundbausteine für Moral-, und Wertvorstellungen, sowie für das Sozialverhalten gelegt.
Gerade weil diese ersten Kinderjahre eine so große Bedeutung für die kindliche Entwicklung haben, und die Auswirkungen bei Entwicklungsstörungen langfristig erhalten bleiben, ist die Schaffung bestmöglicher Lebensräume für das Kind von immenser Bedeutung. Die Entscheidungen und Handlungen zugunsten der Kinder in dieser einschneidenden Lebensphase des Kindseins, haben somit nicht nur Einfluss auf das Individuum, sondern auf die Entwicklung der gesamten Gesellschaft des jeweiligen Landes. Daher sollte die kindliche Phase von der Gesellschaft zu keiner Zeit und in keinem Land aus den Augen gelassen werden.
Bezeichnend für Deutschland ist es, dass es dem überwiegenden Teil der Kinder in Deutschland gut geht. Sie sind ausreichend ernährt, ihre medizinische Versorgung ist durch genügend Ärzte, Medikamente und das soziale Netz der Krankenversicherung abgesichert, die Kindersterblichkeit ist nach UNICEF e.V. auf Position 175 von 187 weltweit eine der Niedrigsten auf der Welt. 3
Bildung und Erziehung wird den Kindern schon in Familie und Institutionen wie z.B. Kindergärten vermittelt, ein Schulbesuch ist Normalität, Ausbildung oder Studium fast selbstverständlich. Wenn Kinder Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensaufälligkeiten haben, wird ihnen mit Frühförderung, Ergotherapie, Spieltherapie oder schulischer Nachhilfe bestmöglich geholfen. Freizeitangebote und Spielzeug gibt es ausreichend, immer neue Angebote erweitern den Markt.
Erschreckend dagegen stellt sich das Bild des Kindes in der dritten Welt. Vielen Millionen von Kindern wird durch Unterernährung und Wassermangel, Krankheit, starker Armut und Kinderarbeit, die sie auf den Feldern, als Prostituierte in den Städten, oder als Kindersoldaten in den Bürgerkriegen leisten, ihre Kindheit genommen. Die Kindersterblichkeit in Uganda liegt, nach Angaben von UNICEF e.V., auf Position 32 von 187 weltweit.
3 Vgl.: UNICEV e.V. (Hrsg.): Der Start ins Leben- Zur Situation der Kinder in der Welt 2001,
Frankfurt am Main 2001, S.122
3
Dies bedeutet, bezogen auf 1000 Geburten sterben durchschnittlich 131 Kinder unter 5 Jahren. In Deutschland sind es im Vergleich hierzu durchschnittlich „nur“ 5 Kinder. 4 Kinder in Uganda erleben schon in frühesten Jahren den Ernst des Lebens und die Gefahren, die das Leben mit sich bringt. Sie können von einer gut behüteten und sicheren Kindheit, wie wir sie in Deutschland vorfinden oftmals nur träumen. Vorsichtig sollte man meines Erachtens jedoch damit sein, ein fixes Bild, das durch öffentliche Darstellungen in den Medien allgemein verfestigt wird, beizubehalten. Die Tatsache, dass ugandische Kinder mit äußerlich ungünstigen Lebensbedingungen konfrontiert sind, bedeutet nicht automatisch, dass es den Kindern in unserem hoch entwickelten und technischen Land automatisch besser geht. Ich möchte das Bild der Kindheit in Uganda mit meiner Einstellung nicht verschönern, aber ich weigere mich auch, die Kindheit in Deutschland als das Optimum anzusehen.
Die Divergenzen der Lebensbedingungen dieser Kinder zweier völlig verschiedener Länder sind so exorbitant unterschiedlich, wie auch die spezifischen Auswirkungen auf die Lebensumstände für die Kinder in Deutschland und Uganda. Was in dem einem Land als unzumutbar und für die kindliche Entwicklung gefährdend angesehen wird, ist für ein anderes Land meist nicht von großer Bedeutung. Wiederum haben dort andere Bereiche mehr Bedeutsamkeit. Daher denke ich, dass sowohl in Deutschland, als auch in Uganda die Kinder in ihrem Umfeld mit kultur- und gesellschaftypischen Problemen konfrontiert werden, die die Lebenssituationen der Kinder ausmachen und so spezifisch werden lassen.
1.2 Eigene Motivation zum Thema
Im August 2003 reiste ich mit der Projektgruppe des Projektes „Gehörlosigkeit macht nicht Halt vor Grenzen“ nach Uganda, um dort Sach- und Geldspenden in der Schule St. Mark VII-Unit for the Deaf zu überreichen und weitere Einrichtungen für hörbehinderte Menschen in Uganda kennen zu lernen. Durch Reisesendungen, Reportagen im Fernsehen und durch eine Vielzahl von Romanen und Artikeln über Afrika, die ich bis zu meiner Reise gesehen und gelesen hatte, war mein erstes, fast unbewusstes „Wunschbild“ von Afrika entstanden. Hierbei hatte sich in mir ein eher romantisches Bild von diesem Kontinent entwickelt. Ilija Trojanow schrieb über Afrika „Schon nach wenigen Kilometern werden wir von einem Afrika verschluckt, dem Romantiker die Auszeichnung >ursprünglich< verleihen würden. Die Strommasten sind umgefallen, die Dunkelheit hat die Dörfer zurückerobert. Zu beiden Seiten des Pfades wird der Busch von kleinen Feldern unterbrochen: Maniok, Mais, Bananenstauden, Palmen in großer Zahl.“ 5
4 Vgl.: UNICEF e.V. (Hrsg.): Der Start ins Leben- Zur Situation der Kinder in der Welt 2001,
Frankfurt am Main 2001, S.121
5 Siehe: Trojanow, I.: In Afrika, München 2001, S. 78
4
Uns erscheint die Savanne als ein Meer aus Grün und Braun, von Wasserlöchern durchsetzt und erfrischt durch das Schnauben der Gnus. 6
Die Vorurteile, die in der öffentlichen Wahrnehmung seit Urzeiten über die afrikanische Kultur und ihr Land geprägt werden, hatte ich bewusst versucht, in den Hintergrund zu verschieben. Böhler und Hoeren haben dies treffend darlegt. „Wenn irgendwo in Afrika Hungerkatastrophen auftreten und wir die Bilder ausgemergelter Kinder sehen, verfestigen sich Klischees, die sich zum Teil über Jahrhunderte entwickelt haben: Afrika als Kontinent der Bürgerkriege, des Chaos, der Unterentwicklung, der Korruption, des Elends, heimgesucht von AIDS und Seuchen.“ 7 Ich wollte diesem Bild, dass auch ich neben dem des schönen, romantischem Afrika erhalten hatte, nicht zuviel Raum in meinem Denken einräumen, und diesen Vorurteilen nicht die Möglichkeit geben, in der Schublade unwiderruflich zu verschwinden. Das Bild von Ostafrika wird in den Medien ambivalent dargestellt. Auf der einen Seite der romantische Urlaubskontinent und auf der anderen Seite ein Teil von Afrika, gezeichnet von Armut und Bürgerkriegen. Ich wollte keinem dieser Bilder Vertrauen schenken und mir vor Ort mein persönliches Bild machen. Uganda dann kennen zu lernen, war wie eine andere Welt zu betreten. Entlang der Straßen waren Hunderte von Menschen, viele Kinder saßen nackt und abgemagert vor den Wellblechhäusern, die sich wie Slums aneinander reihten. Die Luft war staubig, in den Städten stank es nach Abgasen, verbranntem Müll und Plastik. Die Menschen trugen große Lasten auf ihren Köpfen oder stapelten Lebensmittel, wie Bananen und Papayas, auf unermessliche Höhe auf ihren Fahrrädern, Kinder trugen schwere Kanister mit verschmutztem Wasser. Nach dem Regen versanken wir auf den ungeteerten Straßen im Schlamm. Den Menschen, vor allem den Familien mit Kindern, mangelte es an sehr vielem; Essen, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung, die für die meisten Menschen unbezahlbar ist, sowie auch an eigenen Häusern zum Wohnen oder Geld für den Schulbesuch der Kinder. Die Häuser hatten kein Wasser, keinen Strom, oft liefen die Menschen meilenweit mit schweren Kanistern auf dem Kopf, um an verschmutztes Wasser und an Lebensmittel zu gelangen.
Geschäfte, öffentliche Einrichtungen und andere Häuser wurden mit bewaffneten Männern und Frauen gesichert. Kriminalität ist als Folge der Armut für die Einheimischen eher eine Normalität geworden. Der Strom ist häufig ausgefallen, so dass die Orte in Dunkeln versanken.
Eine Vielzahl von behinderten Menschen war zu sehen. Diese werden häufig von ihren Dörfern und Familien ausgestoßen und versuchen alleine auf der Straße zu überleben.
6 Vgl.: Trojanow, I.: In Afrika, München 2001, S. 86
7 Siehe: Böhler, K.& Hoeren, J. (Hrsg.): Afrika , Mythos und Zukunft, Bonn 2003, S.9
5
Die Bilder meiner Reise kommen auch hier in Deutschland wieder, wenn ich aktuellere Berichte in den Zeitungen lese, wie beispielsweise den Artikel von Vogt, am 27. Februar 2004 in der AZ mit dem Titel „Gewalt erschüttert Uganda“, in dem von einer Auseinandersetzung mit 250 Toten aus Flüchtlingslagern mit der Lord’s Resistance Army (LRA) berichtet wird. 8
Jedoch ist in Deutschland das Leben für viele Menschen, vor allem Familien, Alleinerziehende und Kinder, in einigen Bereichen nicht unbedingt einfacher. Eine Million Kinder in Deutschland leben, nach Angaben des deutschen Kinderhilfswerkes e.V., von Sozialhilfe, über 2,3 Millionen Kinder werden von allein erziehenden Müttern großgezogen und Millionen von Kindern haben in Deutschland keinen Zugang zu kindgerechten Spiel- und Lebenswelten. 9
„500.000 Kinder leben in schlechtesten Wohnverhältnissen. Immer mehr Familien in Deutschland geraten ohne eigenes Verschulden in ausweglose finanzielle Situationen.“ 10 Die Anzahl der Arbeitslosen steigt stetig an, Suchtprobleme und Scheidungen nehmen zu. Allerdings verhindert der in Deutschland bestehende Status als Sozialstaat einen Umfang an Armut, wie wir ihn in Afrika vorfinden.
Czirr befragte deutsche Kinder zu ihren Lebenssituationen. Auf die Frage: „Welche Wünsche hast Du denn?“ 11 antwortete Stefanie, 12 Jahre alt mit: „…, Wenn wir mehr Geld hätten, würde ich unsere Wohnung gerne modern einrichten, mit chicen Möbeln aus Chrom. Ich würde auch regelmäßig zum Reiten gehen oder in einem Kurs Flamenco tanzen lernen. Und einen Hund würde ich aus dem Tierheim holen. Aber da fallen Tierarztkosten an und das Futter kostet auch eine Menge. Das alles ist leider nicht drin, wie meine Mutter immer sagt.“ 12 Daraufhin wurde sie gefragt: „Bist Du deswegen unglücklich?“ Stefanie: Nein, eigentlich nicht, höchstens manchmal traurig, aber es gibt viele Kinder auf der Welt, denen es schlechter geht als mir.“ 13
1.3. Ziel der Diplomarbeit
Die Kinder dieser Welt sind die Erwachsenen unserer Zukunft. Für mich stehen sie daher, egal in welchem Land ich bin, in meiner sozialen Arbeit an primärer Stelle. Kinder sind es, die in ihre Lebenssituationen hinein geborenen werden, die leider allzu oft keine unbeschwerte Kindheit erleben dürfen, sondern den Ernst des Lebens viel zu früh erfahren. Sie können nicht wählen oder sich aussuchen, wo sie geboren werden, wo sie leben, aufwachsen und mit welchen Sorgen und Problemen sie konfrontiert werden, sei es durch
8 Vgl.: Vogt, S./ Allgäuer Zeitung (Hrsg.): Nr.48 vom 27.02.2004 , Titel „Gewalt erschüttert Uganda-
Erstein Massakerlenkt den Blick auf Uganda, S.7 (siehe Anhang)
9 Vgl.: Deutsches Kinderhilfswerk e.V.(Hrsg.): Kinderreport Deutschland, München 2002, S. 9
10 Siehe: Deutsches Kinderhilfswerk e.V.(Hrsg.): Kinderreport Deutschland, München 2002, S. 13
11 Siehe: Czirr, G.: Kinderreport Deutschland, München 2002, S. 27
12 Siehe: Czirr, G.: Kinderreport Deutschland, München 2002, S. 27
13 Siehe: Czirr, G.: Kinderreport Deutschland, München 2002, S. 27
6
Gewalterfahrungen, durch Vernachlässigung, durch Kinderarbeit, durch Armut oder durch Verwahrlosung. Die Kinder sind meist diejenigen, die am stärksten davon betroffen sind, ohne etwas an ihrer Lebenssituation verändern zu können.
Die Kinder können sich in ihren individuellen Lebenssituationen nicht alleine helfen, können nicht alleine leben und nicht alleine überleben.
Ich möchte daher anhand meiner Diplomarbeit darstellen, wie unterschiedlich und vielschichtig Kindheit in der deutschen und der ugandischen Kultur aussieht, und die Situationen der Kinder in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Weiterhin möchte ich durch meine Arbeit den Blick des Lesers für die Probleme und Situationen dieser Welt erweitern, und zum Nachdenken anregen, welche Konsequenzen wir daraus für unsere Sozialarbeit und unser tägliches Leben ziehen können.
Vielleicht ist es mir auch möglich, mit meiner Diplomarbeit den Leser dazu zu ermutigen, sich für die verschiedenen Organisationen und Projekte für die Kinder dieser Welt zu interessieren, sich ehernamtlich zu engagieren, oder durch Sach- und Geldspenden die Organisation der Wahl, und damit die Kinder dieser Welt, zu unterstützen. Die verschiedenen Lebenssituationen auf dieser Welt, egal ob in Deutschland oder in Uganda, dürfen nicht vergessen werden, und wir sollten uns immer daran erinnern, dass vor allem die unsere Hilfe benötigen, die sich alleine nicht helfen können: unsere Kinder.
1.4. Methode und Aufbau
In meiner Diplomarbeit werde ich die Lebenssituationen von Kindern mit und ohne eine Hörbehinderung, im Vergleich zwischen Uganda und Deutschland darlegen. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt hierbei in der vergleichenden Darstellung der Lebenssituationen von Kindern ohne eine Form der Behinderung. Es ist davon auszugehen das Kinder mit einer Hörbehinderung unter den gleichen Lebenssituationen wie Kinder ohne eine Behinderung leben, beispielsweise in Familiensystemen, in Armut, mit Kinderarbeit oder als Straßenkinder, und diese Bereiche nicht noch einmal getrennt, mit oder ohne Hörbehinderung, gesehen werden müssen. Kennzeichnend bei einer Hörbehinderung sind jedoch vor allem die Kommunikation, sowie die technischen Hilfsmittel und Einrichtungen der
14 Siehe: Wilken, W.: zit. nach: Gottlob Wilhelm Burmann, Kinder von heute- Politik von
gestern? In: Brückenschlag, Kindheit -Vom Früher im Heute, 2003 Neumünster, S.54
7
so genannten „Gehörlosenkultur“. Auf den Bereich der Hörbehinderung bei Kindern werde ich daher erst spezifisch unter Punkt 6, sowie im Praxisteil näher eingehen. Nach der Einleitung im ersten Kapitel werde ich im zweiten Kapitel meiner Diplomarbeit eine Länderkunde von Deutschland und Uganda, mit dem Bereich Land und Leute, sowie einen kleinen politischen Rückblick des jeweiligen Landes, darstellen. Dieser Teil dient dazu, den Leser in die jeweiligen Strukturen des Landes einzuführen. Danach werde ich auf die Kindheit in Deutschland und Uganda genauer eingehen. Hierbei werde ich die allgemeine Geschichte der Kindheit, die Kindheit heute, Familiensysteme, Rituale und Religionen, die Armut in den Familien, Waisen- und Straßenkinder, sowie die Kinderarbeit genauer darstellen.
Im vierten Kapitel werde ich den Bereich der Bildung und Erziehung in Deutschland und Uganda miteinander vergleichen und hierbei die Thematiken des Bildungswesens für Kinder, sowie den Bereich der Erziehung, bearbeiten.
Im fünften Teil meiner Diplomarbeit werde ich die spezifischen Lebenssituationen von Kindern in Deutschland und Uganda, anhand der Bereiche Krankheiten und medizinische Versorgung, die Beschneidung bei Kindern, Kindersoldaten und Behinderungen bei Kindern, genauer betrachten.
Danach werde ich Ausführungen zum Thema: „die Hörbehinderung als spezifische Behinderungsform“ darlegen, und Informationen zum Umfang und Ausmaß von Hörbehinderungen bei Kindern, zu den spezifischen Ursachen für Hörbehinderungen, über die Kommunikation von Hörbehinderten, sowie über Einrichtungen für hörbehinderte Kinder und ihre Familien in Deutschland und Uganda geben.
Dieser Teil der Diplomarbeit weist danach auf meinen Praxisbezug hin, in dem ich meine Tätigkeit in dem Projekt „Gehörlosigkeit macht nicht halt vor Grenzen“ und der Schule für hörbehinderte Kinder St. Mark VII- Unit for the Deaf in Bwanda/ Masaka-Uganda, als eine Form von Kindheit in Uganda, beschreiben werde.
Zum Abschluss meiner Diplomarbeit werde ich ein persönliches Resümee aus meiner Diplomarbeit ziehen, und die Konsequenzen, sowohl für meine Person, als auch für meine sozialpädagogische und sozialarbeiterische Arbeit aufführen. Im Anschluss befinden sich das Literaturverzeichnis mit allen verwendeten Quellen, sowie der thematische Anhang. Im Aufbau der Länder werde ich innerhalb eines Themas immer zuerst über Deutschland schreiben, um von dem Erleben und Bild auszugehen, das dem deutschen Leser vertraut ist, und danach auf das Land Uganda eingehen.
Die Methodik der teilnehmenden Beobachtung in Deutschland und Uganda erlaubte es mir, einen realitäts- und praxisbezogenen Einblick in die verschiedenen Lebensbereiche der
8
deutschen und afrikanischen Kinder zu erhalten. Diese Erfahrungen und Erlebnisse spiegeln sich unter anderem in dem Kapitel der „eigenen Motivation zum Thema“ wieder. Da in der Literatur über Uganda nicht zu jedem meiner Themen ausreichend Material in Form von Literatur vorhanden ist, werde ich mich des weiteren auch auf eigene Erfahrungen, sowie schriftliche und mündliche Aussagen von Personen aus Uganda beziehen, die in der Schule St. Mark VII oder in der Uganda National Association of Deaf (UNAD) tätig sind. In Hinblick auf die Gewinnung der Daten, die im Praxisbeispiel genannt werden, beziehe ich mich auf meine eigenen Erkenntnisse aus Uganda und werde eigene Aufzeichnungen zur Projektarbeit mit einfließen lassen. Dieses Kapitel wird daher auch in der Ich- Form verfasst. Das Bildmaterial, das ich innerhalb meiner Diplomarbeit verwende, habe ich, wie angegeben, selbst erstellt oder die schriftliche Genehmigung zur Verwendung des Bildmaterials vom Fotografen/in erhalten. Graphiken und Fotomaterial verwende ich in dieser Diplomarbeit, um das Geschriebene für den Leser bildlich zu unterstützen. Die Fußnoten sollen nicht nur dazu dienen, den wissenschaftlichen Teil dieser Arbeit transparent und überprüfbar zu machen, sondern dem Leser vor allem auch die Möglichkeit geben, bei weiterem Interesse mittels der angegeben Literaturangaben das Thema zu vertiefen.
Um die Übersichtlichkeit im Literaturverzeichnis zu wahren, ist bei mehreren Autoren innerhalb eines Buches der Herausgeber zuerst genannt, die einzelnen Autoren folgen danach alphabetisch.
9
2. Länderkunde Deutschland und Uganda
Dieses Kapitel dient dazu, dem Leser einen ersten Überblick über die Unterschiede von Deutschland und Uganda zu ermöglichen, in dem das Land, die Menschen und der politische Hintergrund näher betrachtet werden. Gerade die Region mit seiner Natur und Kultur, mit seinem Klima, den Bodenschätzen, der Besiedelung durch den Menschen, der Land- und Forstwirtschaft, sowie die jeweiligen politischen Erfahrungen haben Auswirkungen auf die Lebenssituationen der Menschen in dem jeweiligen Land.
15 Quelle: Bildmaterial aus Privatbesitz Tanja Berlin, Scharbeutz in Schleswig-Holstein- Deutschland,
Stand: April 2004
16 Quelle: Bildmaterial aus Privatbesitz Tanja Berlin, Bananenplantage in Bwanda- Masaka/Uganda
Stand: August 2003
10
2.1 Land und Leute
Deutschland liegt in Mitteleuropa und grenzt an insgesamt neun Länder. Hierzu zählen Dänemark, Polen, die Tschechische Republik, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Schneider verfasst weiter „Mit einer Fläche von 356970 Quadratkilometern ist Deutschland das sechsgrößte Land Europas. Das Staatsgebiet verteilt sich auf 16 Bundesländer, von denen Bayern mit 70 546 Quadratkilometern das größte, der Stadtstaat Bremen mit 404 Quadratkilometern das kleinste ist.“ 17 Schneider erläutert weiter, dass in Deutschland ungefähr die Hälfte des Landes, rund 195 000 km 2 landwirtschaftlich genutzt wird, knapp 30 % der Fläche ist Waldgebiet. In Deutschland gibt es nirgendwo eine unverfälschte Naturlandschaft, alle Gebiete sind in irgendeiner Form kulturlandschaftlich geprägt. In der Klimazone liegt Deutschland in der kühlgemäßigten Mittelbreite. Dafür charakteristisch ist der häufige Wetterwechsel, der auf ein Dutzend verschiedener Luftmassen zurück geht, die das Klima beeinflussen. Dadurch beträgt die durchschnittliche Jahrestemperatur 9,5 Grad, die Temperaturen zwischen dem wärmsten und dem kältesten Monaten schwanken zwischen 15- 20 Grad. Der durchschnittliche Niederschlag beträgt im Jahr rund 700 Millimeter. Deutschland hat 82,0 Millionen Einwohner, wovon 230 Einwohner auf den km 2 kommen. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Deutschen, sowie Minderheiten von Sorben, Dänen, Friesen, und zahlreichen Türken, Italienern, Ex-Jugoslawen, Griechen, Afrikanern und Polen. 18 Die Landessprache in Deutschland ist deutsch, wobei eine Vielzahl von regionalen Dialekten, wie z.B. Bayerisch, Berlinerisch, Fränkisch, Hessisch, Hochdeutsch, Kölsch, Niederdeutsch, Pfälzisch, Plattdeutsch und Schwäbisch zu finden sind. Afrika ist nach Schneider mit 30 Millionen Quadratkilometern, nach Asien, der zweitgrößte Kontinent der Erde. Der Äquator teilt den Kontinent etwa in der Mitte, wobei die Nordhälfte deutlich größer als die Südhälfte ist.
Schneider erläutert hierzu, „Kulturräumlich umfasst Nordafrika zunächst den arabisch beherrschten Abschnitt, das sogenannte Weißafrika. Dieser reicht bis in die Sahelzone. Hier beginnt mit der überwiegend schwarzhäutigen Bevölkerung „Schwarzafrika“.“ 19 Aus regionaler Sicht gehören dazu Zentral-, Ost- und Südafrika. Als naturlandschaftlich vielseitigste Region Afrikas gilt Ostafrika, mit einer Größe von ungefähr 4. Millionen km 2 , mit kleineren Teilen Küstentiefland, Gebirgsketten und Seen, sowie einem großen Teil Savanne. Uganda ist zugehörig zu Ostafrika und besteht zu einem überwiegenden Teil aus Hochland. Laut Waldow ist Uganda mit einer Fläche von 241 139 km 2 von der Größe her ungefähr
17 Siehe: Schneider, C.: Faktenlexikon Erde, München 1997, S.101
18 Vgl.: Schneider, C.: Faktenlexikon Erde, München 1997, S.101 ff
19 Siehe: Schneider, C.: Faktenlexikon Erde, München 1997, S.209
11
vergleichbar mit der „alten“ Bundesrepublik Deutschland, die einschließlich West-Berlin, eine Fläche von rund 248.000 km 2 ausmachte. 20
Schneider beschreibt, Uganda ist nördlich des Viktoriasees gelegen, der den Wasserreichtum Ugandas repräsentiert. Im Norden Ugandas breitet sich die Trocken- und Feuchtsavanne aus, im Südosten des Landes vor allem Feuchtsavanne und tropischer Regenwald. Die Jahresmitteltemperatur liegt in Uganda, das direkt am Äquator liegt, bei 21 Grad. Der Regen fällt hier fast das gesamte Jahr über hindurch, Langzeitrockenperioden gibt es nicht. Der durchschnittliche Niederschlag beträgt hier zwischen 1500 und 2000 Millimeter. Folglich ist die Landwirtschaft in Uganda sehr produktiv, die wichtigste Exportpflanze ist hierbei der Kaffee, gefolgt von Baumwolle und Tee. Für die Selbstversorgung der Ugander sind Mais, Hirse, Kartoffeln und Kochbananen bedeutsam. Der Fischfang am Viktoriasee dient sowohl dem Eigenbedarf als auch dem Export. Des weiteren verfügt Uganda über Kupfer und Kobalt in größeren Mengen. Uganda hat 20,3 Millionen Einwohner, wovon 84 Einwohner auf den km 2 kommen. Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Bantu-Völkern, West-und Ostniloten, Sudanern und verschiedenen Minderheiten. 21 Nelles gibt an, dass die offizielle Landessprache Englisch ist.
Sie wurde in den achtziger Jahren des letzen Jahrhunderts mit den britischen Kolonialherren in Uganda eingeführt. Insgesamt lassen sich aber in der gesamten ugandischen Bevölkerung an die 30 verschiedene, einheimische Sprachen ausmachen,
wobei Luganda und Luo am häufigsten gesprochen werden. Kisuaheli wird in Uganda in Grenzgebieten, auf Straßenmärkten und von Polizei und Soldaten gesprochen. 22
2.2 Kleiner politischer Rückblick
Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Kohl erklärt, „In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebten die Deutschen das unruhige, nationalistische Machtstreben des deutschen Kaiserreichs, das furchtbare Blutvergießen des Ersten Weltkrieges, die unglückliche Weimarer Republik - stets bedrängt von extremistischen Attacken-, Weltwirtschaftskrise und Inflation, schließlich das nationalsozialistische Regime mit seiner Terrorherrschaft und dem Grauen des Zweiten Weltkrieges.“ 23 Der Fall der Mauer im Jahre 1989, und hiermit namentlich der Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums, gehört nach Glaser ebenfalls in den Bereich der größeren politischen Ereignisse Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten. 24
20 Vgl.: Waldow, F.(Hrsg.): Deutsche Gehörlosen Zeitung, 12/2003, Essen/Ruhr 2003, S.355
21 Vgl.: Schneider, C.: Faktenlexikon Erde, München 1997, S. 246 f
22 Vgl.: Nelles, G. (Hrsg.): Jumbo Guide Uganda, München 1998, S.27& 66
23 Siehe: Kohl, H.: 50 Jahre Deutschland- Ereignisse und Entwicklungen, Freiburg in Breisgau 1999,
S. 9f
24 Vgl.: Glaser, H.: Deutsche Kultur,1995-2000, Bonn 2003, S.11f
12
Bleek und Sontheimer führen auf, dass zu Anfangszeiten der Bundesrepublik Deutschland die Christdemokraten (CDU) die entscheidungsfähige Mehrheit zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele hatten. Konrad Adenauer (CDU) wurde am 15. September 1949 mit nur einer Stimme Mehrheit zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt. 25 Weiter führen sie auf, dass am 07. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) als zweiter deutscher Staat gegründet wurde. Bis zu ihrer Auflösung am 03.Oktober 1990 gab es innerhalb der DDR nur zwei Regierungsformen. Das Regime Walter Ulbrichts bis zum Jahre 1971 und anschließend die Regierung Erich Honeckers, bis zum Zusammenbruch der SED-Diktatur im Herbst 1989. 26 Nach dem Rücktritt Adenauers 1963 wählte der Deutsche Bundestag Prof. Dr. Ludwig Erhard (CDU) als Bundeskanzler. Im Laufe der politischen Geschichte Deutschlands folgten Kurt Georg Kiesinger (CDU), Willy Brandt (SPD), Helmut Schmidt (SPD), Dr. Helmut Kohl (CDU), sowie der derzeitige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland Gerhard Schröder (SPD). 27
Kindheit in der Vergangenheit Deutschlands wurde meines Erachtens von den politischen Ereignissen stark geprägt. Nach Angaben des Deutsch Historischen Museums trat die Hitler Jugend nach ihrer Gründung 3./4. Juli 1926 in Weimar, während des zweiten Weltkrieges von 1939- 1945 in Erscheinung.
Das Deutsche Jungvolk (DJ) vereinigte die 10- bis 14jährigen Jungen, die eigentliche Hitler Jugend (HJ) die 14- bis 18jährigen Jungen.
Hinzu kam 1938 das BDM-Werk "Glaube und Schönheit" für die 17- bis 21jährigen Frauen, die - auf freiwilliger Basis - auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet wurden. Die anfangs noch formell freiwillige Mitgliedschaft wurde am 1. Dezember 1936 durch das "Gesetz über die Hitler-Jugend" und am 25. März 1939 durch die Einführung der "Jugenddienstpflicht” zur Zwangsmitgliedschaft ernannt. Die Zahl der HJ-Mitglieder stieg von rund 100.000 im Jahr 1932 auf 8,7 Millionen 1939. Nach Einführung der Zwangsmitgliedschaft waren nahezu alle Jugendlichen Mitglied der HJ. 28 Auch das Phänomen Kindersoldaten, in den Medien eher bekannt aus Ländern der dritten Welt, hatte seine Auswirkungen in Deutschland. Nach Angaben von Johansen, starben während des zweiten Weltkrieges Hunderttausende von minderjährigen Schülern und Lehrlingen als so genannte Kriegsdienstverpflichtete, im Rahmen der Hitlerjugend oder der Waffen-SS einen sinnlosen Tod an der Front. Viele Kinder wurden auch durch so genannte Kinderlandverschickung in KLV-Lager von ihren Familien getrennt. Diese Lager befanden sich meistens in ländlicheren Gegenden, um den Kindern in bombengefährdeten Gebieten
25 Vgl.: Bleek W.& Sontheimer K.: Grundzüge des politischen Systems Deutschlands, Bonn 2003,
S.41
26 Vgl.: Bleek W.& Sontheimer K.: Grundzüge des politischen Systems Deutschlands, Bonn
2003,S.68ff
27 Vgl.: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.), Kanzlergalerie, Online,
Stand: 15.04.2004
28 Vgl.: Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), 1933-1939 Die Hitler Jugend, Online, Stand
15.04.2004
13
eine sichere Schulausbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde durch die Mitwirkung der Hitler-Jugend natürlich auch eine Erziehung im Sinne des Regimes gewährleistet. Während des 2. Weltkriegs war der führende Diktator Adolf Hitler sehr darauf bedacht, Nachwuchs zu bekommen und ehrte die Mütter ab 4 Kinder mit einem Mutterkreuz. 29 Bleek und Sontheimer beschreiben weiter, wie wichtig für die Kindheit in diesen Phasen aber auch die Zeit in den Nachkriegsjahren war, denn die noch vorhandene Lebensenergie war ganz darauf fixiert, sich unter extrem schwierigen Bedingungen am Leben zu erhalten. Meist geschah dies ohne die Unterstützung der Familien, da diese während des Krieges durch Flucht oder Tod auseinander gerissen wurden. 30
Beschreibungen Nelles zufolge bildeten sich zum Ende des 18. Jahrhunderts in Ugandas Region um den Viktoriasee die Zentralstaaten Buganda, Ankole, Bunyoro-Kitara und Busoga, die sogenannten Königstaaten. 1966 hob Milton Apollo Obote, der erste Premierminister nach der Unabhängigkeit, die Verfassung auf, die dem Teilstaat Buganda eine Reihe von Sonderrechten zugestanden hatte.
Obote ernannte sich danach selbst zum Staatspräsidenten und schickte Sr. Edward Mutesa II, den kabaka (König) von Buganda und ersten Präsidenten Ugandas, nach London ins Exil. Obotes Herrschaft wurde am 25. Januar 1971 von dem General Idi Amin Dada gestürzt, nach dem diese zuvor gemeinsam alle Königreiche in Uganda zerschlagen hatten, die Verfassung außer Kraft gesetzt, und den Rechtsstaat innerhalb Ugandas abschafft hatten. Als Präsident verbreitete Idi Amin eine diktatorische Schreckensherrschaft, der schätzungsweise 500.000 Ugander zum Opfer fielen. Amin wurde 1979 durch den Eingriff des Militärs aus Tansania und Exil-Ugandern entmachtet. Manipulationen des Uganda People’s Congress (UPC), einer Anti-Buganda Partei die 1960 von Milton Obote gegründet worden ist, führten dazu, dass Obote zum zweiten Mal die Macht im Obote-II-Regime bekam. Diese Machtübernahme Obotes entfesselte 1981einen Bürgerkrieg, den Yoweri Kaguta Museveni mit 30 Anhängern als Führer einer Guerillabewegung begann. Diese Guerillabewegung führte im Jahre 1985 zur Befreiung des von Obotes tyrannisierten Uganda, und zu dessen Sturz. Am 26. Januar 1986, nach 5 Jahren Bürgerkrieg siegte Musevenis Partei, die National Resistance Movement (NRM). Seither wurden viele Bemühungen unternommen, um die politisch Situation in Uganda zu verbessern. 31 Hax-Schoppenhorst erläutert, die Bedeutsamkeit der politischen Ereignisse der Vergangenheit Ugandas für die Prägung der Kindheit wird vor allem durch den Einsatz von Kindersoldaten bewusst. Mehr als 12.000 Kinder, meist im Alter von 11 bis 15 Jahren, wurden und werden seit 1988 von den Rebellen der Lord’s Resistance Army (LRA) unter ihrem derzeitigen
29 Vgl.: Johansen, E.M.: Ich wollt ich wäre nie geboren. Kinder im Krieg, Frankfurt am Main
1986, S. 201ff
30 Vgl.: Bleek W./Sontheimer K: Grundzüge des politischen Systems Deutschlands, Bonn 2003, S. 19
31 Vgl.: Nelles, G.(Hrsg.): Jumbo Guide Uganda, München 1998, S.42 ff
14
Anführer Joseph Kony in Norduganda entführt und misshandelt. Die überwiegende Mehrheit sind hierbei Jungen, ungefähr ein Viertel sind Mädchen. Offiziell kämpft die Lord’s Resistance Army (LRA) gegen die ugandische Regierung. Aber meist terrorisieren die Rebellen die eigene Bevölkerung.
Hierfür werden auch heute noch in Uganda ca. 4.000-6.000 Kinder als Kindersoldaten entführt, in Militärakademien in den Sudan verschleppt und dort einem mulifunktionalen Missbrauch ausgesetzt. Die früheren Kindersoldaten unter der Diktatur Idi Amin und dem späteren Bürgerkrieg Obotes leiden noch heute unter ihren traumatischen Erlebnissen und wurden von ihren Familien aufgrund ihrer Handlungen oftmals verstoßen. 32
32 Vgl.: Hax-Schoppenhorst, T.: Kinder sind keine Soldaten! Im Inneren der Erde verschwinden,
Aachen 2000, S 109ff
15
3. Kindheit in Deutschland und Uganda
33
34
33 Quelle: Mit freundlicher Genehmigung von Fam. Krause, Lübeck, Stand: April 2004
34 Quelle: Bildmaterial aus Privatbesitz Tanja Berlin, Stand: August 2003
16
Jedes Kind dieser Welt wird in ein bestimmtes kulturelles System hineingeboren, dass dem Kind im ersten Moment fremd und bedeutungslos erscheint. Zimmermann erklärt hierzu „Der Säugling, dessen Persönlichkeit sich erst in der sozialen Umwelt entwickeln muss, sei nahezu eine Tabula rasa.“ 35
Durch die Erwachsenen und deren Umfeld erlernt das Kind das jeweilige kulturelle System seines Landes mit spezifischer Sprache, Deutungsmustern, Symbolen und Gegenständen. 36 Dies bedeutet nach Hofstede, dass jeder Menschen in seinem Inneren Muster des Denkens, Fühlens und potentiellen Handelns trägt, die er von Kind auf an ein Leben lang erlernt hat. Ein Großteil des Erlernten wurde in der frühen Kindheit erworben, denn in dieser Lebensphase ist der Menschen am empfänglichsten für Lern- und Assimilationsprozesse. Haben sich die Kulturspezifischen Denk- Fühl -und Handlungsmuster erst im Kopf des Menschen gefestigt, so müssen diese erst abgelegt werden, bevor er in der Lage ist, ein anderes Kultursystem neu zu erlernen. Hofsteede bezeichnet diese erlernten Denk, -Fühl,-und Handlungsmuster als mentale Programme, oder auch Kultur. Die Quellen der kulturspezifischen mentalen Programme liegen in unserem sozialen Umfeld, im dem wir als Kind aufgewachsen sind und unsere Lebenserfahrungen gesammelt haben. Diese Programmierung beginnt in verschiedenen Instanzen, wie der Familie, der Nachbarschaft, dem Kindergarten, der Schule, Freunden und Jugendgruppen bis hin zum Ausbildungs- und Arbeitsplatz. Demnach reagieren zwei Kinder mit unterschiedlichen Erfahrungen mentaler Programmierung in gleichen Situationen mit verschiedenen Verhaltensweisen, denn die mentalen Programme unterscheiden sich genauso stark voneinander, wie das jeweilige soziale Umfeld in dem sie erworben wurden. 37 Dieses Kapitel soll dem Leser nun aufführen, wie Kindheit in zwei verschiedenen Kulturen erlebt und erfahren wird.
3.1 Definition Kind
In Artikel 1 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes von 1989 wird grundsätzlich jeder Mensch unter 18 Jahren als Kind definiert.
„Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt.“ 38
Diese Definition stimmt mit einer allgemeinen Altersangabe von 18 Jahren überein, wie sie global von den meisten nationalen Regierungen als Übergang von der Minderjährigkeit zur
35 Siehe: Zimmermann, P.: Grundwissen Sozialisation, Opladen 2000, S. 13
36 Vgl.: Zimmermann, P.: Grundwissen Sozialisation, Opladen 2000, S. 3ff
37 Vgl.: Hofstede, G.: Lokales Denken, globales Handeln, München 1997, S.2f
38 Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): UN-
Kinderrechtskonvention, Bonn 2000, S. 11
Arbeit zitieren:
Tanja Berlin, 2004, Die Lebenssituationen von Kindern, mit und ohne Hörbehinderung, im Vergleich zwischen Uganda und Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Tanja Berlin's Text Die Lebenssituationen von Kindern, mit und ohne Hörbehinderung, im Vergleich zwischen Uganda und Deutschland ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tanja Berlin hat den Text Die Lebenssituationen von Kindern, mit und ohne Hörbehinderung, im Vergleich zwischen Uganda und Deutschland veröffentlicht
Tanja Berlin hat einen neuen Text hochgeladen
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland
Die Versorgung von psychisch k...
Andreas Warnke, Gerd Lehmkuhl
Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland
Entwicklungsstand und Handlung...
Bertelsmann Stiftung
Strategien für präventives Ernährungsverhalten bei Kindern und Jugendl...
Eine Analyse von Umsetzbarkeit...
Christine Eichhorn
Übergewichtige Kinder und Jugendliche in Deutschland
Ein Fall für die soziale Arbei...
Axel Jäckel
0 Kommentare