Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Einordnung des Begriffs „Geschwisterbeziehung“ 4
3. Merkmale von Geschwisterbeziehungen. 6
3.1. Die Unfreiwilligkeit der Beziehung 7
3.2. Ambivalenz der Geschwisterbeziehung 7
3.3. Differenzen und Rivalität zwischen Geschwistern. 8
3.4. Warum Geschwister so verschieden sind 9
4. Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung. 11
4.1. Die Geschwisterkonstellation 11
4.1.1. Das Erstgeborene. 11
4.1.2. Die „Sandwich-Position“ - mittlere Kinder. 12
4.1.3. Das Jüngste 12
4.1.4. Zusammenfassung 13
4.2. Der Altersabstand 14
4.2.1. geringer Altersabstand. 14
4.2.2. großer Altersabstand. 15
4.3. Der Einfluss der Eltern 15
5. Die Art der Geschwisterbeziehung. 18
5.1. Enge Identifikation 18
5.2. Teilidentifikation 19
5.3. Distanzierte Identifikation 20
6. Entwicklung der Geschwisterbeziehung im Laufe des Lebens 21
6.1. Entstehung und Aufbau in der frühen Kindheit 21
6.2. Geschwisterbeziehung in der Kindheit und im Jugendalter 23
6.2.1. Kleinkind- und Kindergartenalter. 23
5.2.2. späte Kindheit und Jugend. 23
6.3. Die Beziehung von Geschwistern im Erwachsenenalter. 24
6.3.1. Adoleszenz und frühes Erwachsenenalter 25
5.3.2. mittleres bis spätes Erwachsenenalter 25
6. Fazit 26
7. Literaturverzeichnis 28
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1. Einleitung
Die Geschwisterbeziehung ist die am längsten dauernde Beziehung überhaupt. Ob ein Mensch mit Geschwistern aufwächst oder als Einzelkind, welche Position er in der Geschwisterreihe einnimmt, ist für sein ganzes Leben von Bedeutung. Laut einer Erhebung des statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2000 ist jedes vierte Kind ein Einzelkind. Jedes zweite Kind wächst mit mindestens einem Geschwister auf. Dazu zählen aber auch Halbgeschwister, Adoptivgeschwister oder anderweitige Kombinationen, die in einer so genannten Patchworkfamilie entstehen.
Mit welcher Situation das Kind in der Familie konfrontiert wird, bildet die Ausgangsbasis für sein späteres Leben und beeinflusst sein Denken über sich und die Welt. Die Geschwistersituation ist eng mit kulturellen Wertvorstellungen, Geschlechterrollen und der Paarsituation der Eltern verknüpft. Geschwister tragen dazu bei zu lernen, auf andere zu reagieren, sich mit anderen anzufreunden, Kontakte durch Kommunikation herzustellen, für andere Sympathie oder Antipathie zu empfinden, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Natürlich ist die Geschwisterbeziehung nur eine von sehr vielen Komponenten in der Persönlichkeitsbildung, aber durchaus eine der wichtigsten. Es wäre natürlich übertrieben, zu behaupten, dass Geschwister denselben Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation von Kindern haben wie deren Eltern, aber man bedenke, dass Kinder ab einem Alter, in dem sie nicht mehr ständig der Betreuung durch die Mutter bedürfen, einen großen Teil ihrer Zeit mit ihren Geschwistern verbringen.
Die Geschwisterbeziehung hat in der Forschung trotzdem Jahrzehnte lang wenig Beachtung gefunden. Kasten (1993, S. 15) stellte fest, dass anderen Sozialbeziehungen, wie den Eltern-Kind-Beziehungen, den (Ehe-) Partnerbeziehungen, den Peers-Beziehungen oder hierarchischen Beziehungen (z.B. Vorgesetzter-Untergebene), wesentlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Am Anfang des 20. Jahrhunderts war Alfred Adler einer der Ersten, der sich, im Rahmen seiner
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Individualpsychologie, systematisch mit der Geschwisterthematik beschäftigte. Kasten (1993, S. 41) verdeutlicht, dass mit Adlers Arbeiten der Grundstein für die heute als traditionell bezeichnete Geschwisterkonstellationsforschung gelegt war. In den meisten früheren Untersuchungen standen strukturelle Aspekte der Geschwisterbeziehung (z.B. Position in Geschwisterreihe) im Mittelpunkt des Interesses. Da man, so Kasten (1993, S. 12), davon ausging, dass diese wesentlich die Persönlichkeitsentwicklung prägen. Die Aufmerksamkeit der heutigen Geschwisterforschung richtet sich eher auf verursachende Prozesse und Wechselwirkungen (Papastefanou, 1992, S. 154). Untersucht wird zum Beispiel der geschwisterliche Umgang miteinander, der Umgang mit den Eltern und die Entwicklung der Geschwisterbeziehung über die Lebensspanne. Im Folgenden wird auf die Besonderheit von Geschwisterbeziehungen und die Veränderung dieser im Laufe des Lebens eingegangen. Da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt, gebe ich in dieser Arbeit nur einen kleinen Einblick in die Thematik der Geschwisterbeziehung. Dabei werde ich zunächst den Begriff „Geschwisterbeziehung“ genauer einordnen, bevor ich auf typische Merkmale eingehe. Anschließend werde ich verschiedene Faktoren, die einen bedeutenden Einfluss auf die Geschwisterbeziehung haben, aufführen und näher erläutern. Danach werde ich einen kurzen Einblick in die Entwicklung der Geschwisterbeziehung, von der Geburt des zweiten Kindes bis ins hohe Alter geben. Abschließend folgen eine eigene Stellungnahme zu dem Thema und eine kurze Zusammenfassung.
2. Einordnung des Begriffs „Geschwisterbeziehung“
Bevor der Begriff der Geschwisterbeziehung näher eingeordnet werden soll, muss zunächst geklärt werden, was unter dem Begriff „Geschwister“ im Allgemeinen zu verstehen ist. Kasten definiert den Geschwisterbegriff folgendermaßen: „Mit dem Begriff „Geschwister“ bezeichnet man in den meisten Kulturen und
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Sprachgemeinschaften Individuen, die über eine (zumindest) teilweise identische genetische Ausstattung verfügen, weil sie dieselbe Mutter / denselben Vater / dieselben Eltern haben“ (Kasten, 1993, S. 8). Wichtige Bereiche werden mit dieser Begriffsbestimmung jedoch ausgeblendet, beispielsweise Adoptivkinder, Pflegekinder und Stiefkinder, die in ihrer Familie Geschwisterbeziehungen mit gleicher Qualität aufbauen können, wie Kinder mit derselben biologischen Mutter bzw. demselben biologischen Vater.
Die Geschwisterbeziehung wird von Bank und Kahn „als - intime wie öffentliche -Beziehung zwischen dem Selbst von zwei Geschwistern.... Die Bindung kann sowohl warm und positiv als auch negativ sein“ (Bank & Kahn, 1990, S. 21) beschrieben. Auf der Grundlage dieser Definition soll im Folgenden versucht werden, den Begriff „Geschwisterbeziehung“ im Bereich Familie genauer einzuordnen.
Die Geschwisterbeziehung gehört für Kasten (1993, S. 9) zu den sogenannten innerfamilalen Beziehungen, die bestimmte Familienmitglieder untereinander haben. Innerhalb der Familie kann man im Allgemeinen zwei Arten von Beziehungen unterscheiden. Die vertikale Beziehung des Kindes zu den Eltern, lässt die Kinder zu den Eltern aufschauen und sie als Autoritätsperson wahrnehmen (Kasten, 1993, S. 10). Die horizontale Beziehung der Kinder untereinander, ist gekennzeichnet durch ein offeneres und ungeschminkteres Miteinander der Kinder (Kasten, 1993, S. 10).
Die Geschwisterbeziehung, als eine Horizontalbeziehung, ist somit nicht nur eine der längsten Sozialbeziehungen des Menschen sondern hat auch eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Zum Beispiel lernen Geschwister von klein auf den Umgang mit altersnahen Personen und erwerben somit wichtige soziale Kompetenzen wie Teilen, die Bedürfnisse anderer zu akzeptieren, mit Frustration umzugehen (Papastefanou, 1992, S. 152), etc.
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3. Merkmale von Geschwisterbeziehungen
Für Papastefanou (1992, S. 152) sind sich Geschwister Spielkameraden, Kollegen, Sozialisationsagenten, Verteidiger in der Gleichaltrigengruppe und Verbündete im Umgang mit den Eltern. Sie sind sich Modelle für positives und negatives Verhalten. Papastefanou (1992, S. 152) stellte fest, dass Geschwister des anderen intimste Bereiche kennen, sie offen und freimütig miteinander umgehen und oft sogar eine private Sprache verwenden. Geschwister teilen häufig viele Interessen und verbringen mehr Zeit miteinander als mit den Eltern, Peers oder sonstigen Bezugspersonen (Papastefanou, 1992, S. 153). Das Miteinander Aufwachsen, das Entstehen einer gemeinsamen Geschichte, die über Erinnerungen immer wieder aufgefrischt wird, schafft Nähe. Durch dieses enge Zusammenleben von Klein auf, können Geschwister ein Höchstmaß an Intimität erreichen, wie es in keiner anderen Beziehung noch einmal auftreten kann. Zwischen ihnen entsteht oftmals eine enge und tiefe Kameradschaft.
Wie sich Geschwister gegenseitig beeinflussen, hängt, wie Kasten (1993, S. 37) feststellte, zum einen von äußeren Bedingungen ab, wie den ökonomischen und sozialen Bedingungen der Familie, des Lebensumfeldes sowie vom Alter und Geschlecht der Geschwister. Andererseits spielen aber auch bestimmte Faktoren zwischen den Geschwistern eine große Rolle. In der Geschwisterinteraktion werden wichtige soziale und kognitive Fertigkeiten erworben, die spätere Beziehungen zu Freunden prägen (Papastefanou, 1992, S. 153). Darum spielt diese Beziehung eine zentrale Rolle in der Entwicklung eines Kindes.
Geschwisterbeziehungen weisen essentielle Merkmale auf, die sie von anderen zwischenmenschlichen Beziehungen unterscheiden. Diese sollen nun im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.
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3.1. Die Unfreiwilligkeit der Beziehung
Geschwister kann man sich nicht aussuchen. In Geschwisterbeziehungen wird man hineingeboren. „Dieser Umstand sorgt dafür, dass in Geschwisterbeziehungen Persönlichkeiten aufeinander treffen, die sehr verschieden sein können.“ (Schmid, 2004)
Lüscher (1997, S. 26) bemerkte, dass Geschwister dieselben Eltern teilen, in derselben Wohnung leben, (fast) immer zusammen sind und die gleichen oder ähnlichen Sachen besitzen, was Kleidung, Spielzeug usw. angeht. Sie werden nicht gefragt, ob sie von ihren Anlagen und ihrem Temperament her zusammenpassen. Mag auch noch so viel Rivalität zwischen ihnen herrschen, sie gehören zusammen und sind daher ständig aufeinander angewiesen. Geschwisterbeziehungen können auch dann nicht beendet werden, wenn sich gelegentlich Phasen von Aggression und Frustration häufen. Eltern sterben, Freunde verschwinden, Ehen lösen sich auf, aber Geschwister können ihre Verbindung genau genommen nicht trennen. Sie sind gezwungen miteinander auszukommen.
3.2. Ambivalenz der Geschwisterbeziehung
Normale Geschwister lieben und hassen sich zugleich (Lüscher, 1997, S. 74). Sie konkurrieren und kooperieren miteinander, sie verraten und verletzen sich. Die Geschwisterbeziehung ist, laut Lüscher (1997, S. 26), gekennzeichnet durch ambivalente Gefühle wie Liebe und Hass, Konkurrenz und Solidarität, Nähe und Abgrenzung, Rivalität und Fürsorge, Macht und Unterordnung, Rücksichtnahem und Egoismus, Trost und Verletzung, Abhängigkeit und Autonomie, Wärme und Kälte. Im Umgang miteinander können Geschwister offener, direkter, ehrlicher sein als gegenüber den Eltern. Sie sagen sich was ihnen durch den Kopf geht, ohne lange zu zensieren. Kasten (1993, S. 168) weist darauf hin, dass das Vorhandensein von gefühlsmäßiger Nähe zwischen Geschwistern sozusagen die Grundlage und Voraussetzung bildet für die Entstehung von Rivalität bei entsprechenden Anlässen. Denn man streitet nicht mit einer Person, die einem gefühlsmäßig gleichgültig ist.
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Zwischen Geschwistern herrscht also zum einen bedingungslose Rivalität und gleichzeitig auch größtmögliche Nähe. Warum diese Rivalität zwischen den Geschwistern entsteht und was sie bewirkt, soll im nächsten Abschnitt geklärt werden.
3.3. Differenzen und Rivalität zwischen Geschwistern
Räumliche Nähe und das häufige Zusammensein sind die Vorraussetzung für Interaktionen. Mit den Interaktionen nehmen gegenseitige Identifikationen, Nähe, Einfühlungsvermögen zu, aber auch die Aggressionen und Konflikte. Lüscher (1997, S. 40) erklärt, dass in einer Freundschaft Konflikte vermieden werden, um die Beziehung nicht zu gefährden. Streitenden Geschwistern dagegen garantiert die Institution Familie das Überleben der Beziehung, weshalb Konflikte offen ausgedrückt und ausgetragen werden.
Rivalität ist eine besondere Form von Konflikten, die für familiäre, insbesondere für Geschwisterbeziehungen typisch ist. Lüscher (1997, S. 42) stellte fest, dass Adler und Freud den Ursprung von Rivalität in dem „Entthronungstrauma“ sehen, welches das ältere Geschwister erlebt, wenn sein jüngeres Geschwister auf die Welt kommt. Es steht nun nicht mehr im Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit. Von diesem Zeitpunkt an fühlt sich das Erstgeborene zurückgesetzt, und reagiert dem jüngeren Geschwister gegenüber eifersüchtig (Lüscher, 1997, S. 42). Das heißt, Rivalität beruht meistens auf einem Kampf um die Aufmerksamkeit und Anerkennung der Eltern.
Kasten (2004) erklärt, dass die Entwicklung von Neid- und Eifersuchtsgefühlen dazu beiträgt, dass Vergleichsprozesse stattfinden, die eine Differenzierung zwischen dem Selbst und den Anderen ermöglichen. Diese regelmäßigen Vergleiche führen seiner Meinung nach (Kasten, 2004) immer wieder zu aggressiven Auseinandersetzungen, und bewegen die Geschwister dazu miteinander in Konkurrenz zu treten. Kasten stellte fest, dass besonders Geschwister, die altersmäßig eng beieinander liegen und dasselbe Geschlecht haben, in aller Regel
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Arbeit zitieren:
Claudia Ränke, 2006, Die Geschwisterbeziehung - wie sie unser Leben beeinflusst, München, GRIN Verlag GmbH
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