Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
0. Vorbemerkung 2
1. Denken und Sprechen als Problem der Sprachphilosophie 4
2. Denken und Sprechen als Problem der Linguistik 7
3. Das mentale Lexikon 10
4. Implikationen des mentalen Lexikons auf Denken und Sprechen 13
1. Das mentale Lexikon definiert die Grenzen des Denkens 13
2. Die Bandbreite des Denkens kann durch das Sprechen nicht dargestellt werden 15
3. Ohne das Denken gäbe es gar kein mentales Lexikon und auch kein Sprechen 16
5. Zusammenfassung 18
6. Literaturverzeichnis 19
1
0. Vorbemerkung
Sprechen und Denken gehören untrennbar zusammen. Was im Griechischen im Wort „logos“ noch mit einem Wort, das beide Instanzen meinte, beschrieben werden konnte, ist dennoch eine recht heterogene Einheit, über die seither Sprachphilosophen und Sprachwissenschaftler nachgedacht haben. Dabei meint Sprechen nicht allein den Sprechakt, d.h. also die lautliche Formung von Worten und Sätzen selbst, denn ein Denken ohne Sprechakt ist ja ohne weiteres vorstellbar und auch praktisch umsetzbar. Sondern Sprechen meint hier auch das innere Formulieren, d.h. die Anordnung von Wahrnehmungen und Gedanken in logischen und grammatischen Vorgängen, mithin ihre Formung nach sprachlichen Regeln und zu Sprache.
Kann es ein Denken geben ohne diesen Prozess? Gibt es vor- oder außersprachliches Denken und formt sich dann dieser Gedanke in einem zweiten Schritt in der Sprache den passenden Ausdruck? Ist also die Sprache nur der Formulator des Denkens, und wird die Sprache, die ja einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen ist und vom Sprecher -innerhalb gewisser Grenzen - individuell geformt werden kann, dem Denken passgenau nachgeformt?
Oder ist es vielmehr andersherum und sind Gedanke und Wort oder Denken und Sprechen viel enger verknüpft und laufen gleichzeitig ab? Sind es vielleicht sogar die Grenzen der Sprache, die auch die Grenzen unseres Denkens, wenn nicht gar unserer Wahrnehmung darstellen, weil ja, was nicht formuliert werden kann, auch nicht gedacht werden kann?
Moderner gesprochen: Ist Sprache also ein kognitives Instrument, “employed by humans as a tool for the performance of certain cognitive tasks”, wie es Marcelo Dascal 1 beschreibt? Oder ist Sprechen ein automatisiertes Produkt, das als Folge neuronaler Reize eine inhaltlich und grammatisch kodierte Wortfolge generiert, wie es die Computerlinguistik oder Untersuchungen der künstlichen Intelligenz (z.B. der Turing Test) nahezulegen scheinen?
1 Marcelo Dascal: Language as a cognitive technology.
http://www.tau.ac.il/humanities/philos/dascal/papers/ijct-rv.htm, besucht am 31.8.06
2
Auch die Psycholinguistik, die sich ja mit den kognitiven und psychologischen Prozessen, die beim Sprechen im Sprecher ablaufen, beschäftigt 2 , hat sich in diese Debatte eingeschaltet. Dabei beruhen die theoretischen Modelle der Psycholinguistik zwar auf Grundannahmen über den Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen, diese scheinen aber eher implizite Voraussetzungen zu sein, als dass sie bei der Modellbildung reflektiert würden. Diese Arbeit soll daher anhand eines zentralen Konzepts der Psycholinguistik, des mentalen Lexikons nämlich, untersuchen, welche Grundannahmen dieses Modell in seinem Bezug zum Denken und zum Sprechen prägen.
2 Vgl. Rainer Dietrich: Psycholinguistik. Stuttgart: Metzler 2002, S. 7f.
3
1. Denken und Sprechen als Problem der Sprachphilosophie
Der Zusammenhang zwischen Denken und Sprechen beschäftigte bereits die Philosophen der Antike. Für Platon etwa ist das Denken, dass „als rein geistige Seelenfunktion, ohne ein Organ“ 3 stattfindet, „das innere Gespräch der Seele mit sich selbst“ 4 und mithin mit dem Sprechen, dem Formulieren des Gedankens untrennbar verbunden, da die Seele „nichts anderes tut als dass sie redet, indem sie selbst sich fragt und die Frage beantwortet und bejaht und verneint.“ 5
In der modernen Philosophie war es im 17. Jahrhundert zuerst Descartes, der Zweifel an der unverbrüchlichen und unproblematischen Einheit von Denken und Sprechen hatte. Die Sprache als körperlicher Ausdruck stellte für den Dualisten Descartes ein Hemmnis dar für die direktere Denkweise und eine intuitive Art der Wahrnehmung der Seele und kann - obwohl notwenig in der Übermittlung von Gedanken - diese doch nie angemessen oder vollständig ausdrücken: „In the thinking process itself, reliance on language (or other signs) must be avoided by all means, the ‚pure’ stuff of thought being ‚ideas’ and not their sensible signs.” 6 . Dies ist der erste Schritt hin zu einer langen Tradition der Trennung der beiden Instanzen Sprache und Denken und ein Primat des Denkens vor dem Sprechen, wie es im 20.Jahrhundert auch Ernst Cassirer vertritt: „Die verschiedenen Erzeugnisse der geistigen Kultur, die Sprache, die wissenschaftliche Erkenntnis, der Mythos, die Kunst, die Religion werden so, bei all ihrer inneren Verschiedenheit, zu Gliedern eines einzigen großen Problemzusammenhangs - zu mannigfachen Ansätzen, die alle auf das eine Ziel bezogen sind, die passive Welt der bloßen Eindrücke , in denen der Geist zunächst befangen scheint, zu einer Welt des reinen geistigen Ausdrucks umzubilden.“ 7 Mit der Erstarkung der linguistischen Forschung kann die Sprache allerdings zunehmend an Bedeutung gegenüber dem Denken gewinnen 8 , wie es auch Cassirer postuliert: „Die Kritik der Sprache und der
3 Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Band 1. Berlin: Mittler 1927, S.376
4 Platon: Sophistes, 263e, zitiert nach Platon: Werke in acht Bänden. Band 5, Hg. v. Gunther Eigler, übersetzt von Friedrich Schleiermacher. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1990.
5 Platon: Theaiteth 190a, a.a.O.
6 Marcelo Dascal: The dispute on the primacy of thinking and speaking. In: Marcelo Dascal, Dietfried Gerhardus, Kuno Lorenz und Georg Meggle (Hg.): Sprachphilosophie. Berlin: de Gruyter 1995. S. 1127
7 Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Band 1: Die Sprache. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1994, S.12
8 vgl. Dascal: The dispute... a.a.O., S. 1032
4
sprachlichen Denkform wird zu einem integrierenden Bestand des vordringenden
wissenschaftlichen und philosophischen Denkens.“ 9
Doch gab es auch sprachphilosophische Verfechter einer Einheit von Sprechen und
Denken. So stellt im 19. Jahrhundert für Wilhelm von Humboldt im Gegensatz zu
Descartes die Sprache das Mittel dar, welches das Denken erst zur Anschauung und
somit das, was seiner Natur nach weder beobachtbar und noch evaluierbar ist, erst zur
Existenz bringen kann:
„Die Hervorbringung der Sprache ist ein inneres Bedürfnis der Menschheit, nicht bloß ein äußerliches zur Unterhaltung gemeinschaftlichen Verkehrs, sondern ein in ihrer Natur selbst liegendes, zur Entwicklung ihrer geistigen Kräfte und zur Gewinnung einer Weltanschauung, zu welcher der Mensch nur gelangen kann, indem er sein Denken an dem gemeinschaftlichen Denken mit Anderen zur Klarheit und Bestimmtheit bringt, unentbehrliches.“ 10
Das Sprechen konstruiert dabei nicht nur eine gemeinsame Realität, ein
Redeuniversum 11 , zwischen Sprecher und Hörer. Für Humboldt ist vielmehr „die
Sprache ist das bildende Organ des Gedanken” 12 , bringt also das Denken nicht nur zur
Anschauung, sondern erschafft es erst. Dies hierin ausgedrückte klare Primat der
Sprache über das Denken bei gleichzeitiger untrennbarer Einheit ist eine These, die von
Johann Georg Hamann 13 kommend, so auch von modernen Philosophen von Ludwig
Wittgenstein und Hans-Georg Gadamer 14 bis zu Michel Foucault 15 und Karl-Otto
Apel 16 übernommen wurde. Am radikalsten hat wohl Ludwig Wittgenstein zu Beginn
des 20. Jahrhunderts die These von der Einheit von Sprache und Denken
weiterentwickelt - bis zu dem Punkt nämlich, wo das Denken ohne das Vehikel der
9 Cassirer, a.a.O.
10 Wilhelm von Humboldt: Werke in fünf Bänden. Band 3 ( = Schriften zur Sprachphilosophie) Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963, S.390
11 Christian Lehmann: Sprache und Denken. Online Publikation. http://www.unierfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/CL_Lehr/Spr_theo/St_Spr&Denken.html Besucht am
1.9.06
12 Wilhelm von Humboldt, a.a.O., S. 191
13 „Das ganze Vermögen zu denken beruht auf Sprache” schreibt er in seiner „Metakritik über den Purismus der Vernunft“ von 1784. Vgl. Axel Weishoff: Wider den Purismus der Vernunft. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998, S.9
14 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Tübingen: Mohr 1975, S.201
15 Vgl. Malte Brinkmann: Die geheime Anthropologie des Michel Foucault. In: Ludwig Pongratz, Michael Wimmer, Wolfgang Nieke und Jan Masschelein (Hg.): Nach Foucault. Opladen: Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S.74
16 Vgl. Ingeborg Breuer, Peter Leusch und Dieter Mersch: Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie. Hamburg: Rotbuch Verlag 1996, S. 12
5
Quote paper:
Konstanze Wolgast, 2006, Das mentale Lexikon im Spannungsfeld zwischen Denken und Sprechen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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