Die Soziologie ist keine Einheitswissenschaft. Die Beiträge verschiedener Theoretiker zur soziologischen Theorie folgen nicht einem bestimmten Erkenntnismuster. Jeder Theorieansatz beleuchtet mit einer jeweils spezifischen Sicht auf die soziale Realität bestimmte Aspekte der Totalität der Welt. In ihrer Komplementarität ergänzen sie sich zu einem Netzwerk soziologischer Paradigmen, welches zu einem tieferen und differenzierteren Verständnis des soziologischen Gegenstandsbereichs verhilft, als jede einzelne Theorie für sich genommen. Dieses Netzwerk spannt sich auf zwischen dem Pol des Objektiven im Sinne positivistischer Erkenntnismethoden und dem Pol des Subjektiven im Sinne idealistischer Erkenntnismethoden einerseits und zwischen der Positionierung des theoretischen Primats auf der Makroebene gesellschaftlicher Strukturen und der Positionierung des theoretischen Primats auf der Mikroebene sozialer Interaktion andererseits. Ersteres können wir als die Objekt-Subjekt-Dimension, letzteres als die Makro-Mikro-Dimension bezeichnen. Das Ziel erklärungskräftiger Theorien der Soziologie ist immer die Analyse kollektiver Effekte, d.h. von Strukturregelmäßigkeiten des Handelns, welche eine soziale Ordnung kollektiver Prozesse welcher Art auch immer implizieren. Gemeint ist damit die Tatsache des Sozialen, dass innerhalb einer Gruppe, Organisation oder Gesellschaft in bestimmten Situationen mit bestimmtem Handeln von Akteuren gerechnet werden kann, was das soziale Handeln wechselseitig erwartbar und berechenbar macht (vgl. Münch 2002: 294). Je nachdem, ob die Analyse eher auf kleinere Gruppen oder auf große komplexe Vergesellschaftungsergebnisse abzielt, positioniert sich der analytische Primat eher auf der Ebene interpersonaler Beziehungen oder greift auch auf globalgesellschaftliche Vorgänge aus.
Die Theorie des sozialen Austauschs von Peter Michael Blau ist sehr gut dafür geeignet, die Stärken wie die Schwächen eines Theorieansatzes zu diskutieren, der nur bestimmte Bereiche des von der Objekt-Subjekt- und der Makro-Mikro-Achse aufgespannten Feldes abdeckt und andere Bereiche eben nicht. Dadurch kann aufgezeigt werden, dass eine die ganze soziale Wirklichkeit umfassende Theorie möglichst alle Ebenen und Felder der Vergesellschaftungsprozesse bzw. ihre jeweiligen eigenständigen Einflusspotentiale auf das Soziale berücksichtigen sollte, und welche Ebenen und Felder das überhaupt sind.
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Die Spannung zwischen mikrosoziologischen und makrosoziologischen Ansätzen ist Blau’s Lebenswerk selbst eingeschrieben, da er von seinem 1964 erschienen Werk „Exchange and Power in Social Life“ bis zu seinem Buch „Structural Contexts of Opportunities“ von 1994 eine Wandlung vom methodologischen Individualisten zum makrostrukturelle Einflüsse betonenden Gesellschaftstheoretiker vollzieht. Sein Werk von 1964 im Besonderen ist dafür geeignet, die jeweils eigenständige Relevanz vier verschiedener Orte der Reproduktion von Gesellschaft bzw. Handeln zu diskutieren, da er sich hier noch nicht so stark wie in seinem späteren Werk dagegen wehrt, auch makrostrukturelle Kräfte in kulturtheoretischen Begriffen wie Werte und Normen als Erklärungsfaktoren anzuerkennen. Später ist in seiner makrostrukturellen Analyse nur noch die Rede von „population structure“, „dem multidimensionalen Raum allgemein definierter sozialer Positionen, entlang derer die Bevölkerung verteilt ist“ (Blau 1994: 151).
Von den vier eben angesprochenen Orten gesellschaftlicher Reproduktion können im Allgemeinen zwei der positivistischen Seite materiell-strategischen Handelns zugeordnet werden, wo Handlungen anderer oder Ergebnisse dieser als gegebene äußere Bedingungen, wie materielle Dinge, betrachtet werden (vgl. Münch 2004: 45): nämlich ökonomisches Handeln, Nutzenmaximierung, Profitkalkulation, Interaktion im Austausch, Konkurrenz auf Märkten einerseits und Herrschaft, Machtkonstellationen, Zielverwirklichung, Interaktion in Konflikten andererseits. Die anderen zwei Orte können der idealistischen Seite ideell-kommunikativen Handelns zugeordnet werden, wo Bedeutungen von Objekten nicht nur als harte Widerstände des Handelns, sondern auch abhängig von Prozessen rationaler Übereinstimmung und Legitimierung oder dezisionistischer Konsensbildung auf der Beurteilungsgrundlage gemeinsamer Normen oder universeller Werte wahrgenommen werden: nämlich normatives Einverständnis mit einer gemeinsam geteilten Lebenswelt, Konsens, gemeinsam geteilte Normen, Konformität, Tradition, Habitualisierung, Vertrauen und Commitment einerseits und Sinnkonstruktion, Kommunikation, Diskurs, diskursive Vernunft, Ableitung von Idealen andererseits. Im Kontext des hiermit gezeichneten Netzwerkes soziologischer Theorieansätze kann nun die Sonderstellung von Blaus Theorie des sozialen Austauschs betrachtet werden.
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die normative Dimension des sozialen Austausches ...................................................... 4
die makrostrukturelle Perspektive................................................................................... 8
Literatur ......................................................................................................................... 11
die normative Dimension des sozialen Austausches
Blau sieht das Kernelement des soziologischen Gegenstandsbereichs in Assoziationen bzw. sozialen Vereinigungen. Sie resultieren aus einer Anziehungskraft, welche in zwischen den an einer Verbindung beteiligten Personen ausgetauschten Belohnungen begründet ist. Der Austausch von Belohnungen beschränkt sich nicht nur auf vom Markt vermittelte Beziehungen, sondern erstreckt sich auch auf Freundschaften und sogar Liebesbeziehungen (vgl. Blau 1964: 88). Je nachdem handelt es sich eher um streng ökonomischen Austausch mit präziser Spezifiziertheit extrinsischer Belohnungen, oder eher um sozialen Austausch mit unspezifischen Erwartungen an reziproke Handlungen und zusätzlicher intrinsischer Bewertung der Vereinigung an sich. Blau will die Relevanz freiwilliger und rationaler Handlungswahl für seinen Begriff des sozialen Austauschs verstanden wissen, denn er grenzt diesen gegen durch Anwendung von Macht erzwungenen Austausch und gegen Austausch als konforme Anpassung an Normen ab (vgl. ebd. 91). In seiner Mikrosoziologischen Perspektive von 1964, gemäß einem methodologischen Individualismus, der die gesellschaftliche Makroebene zwar als äußere strukturelle Bedingung versteht, nicht aber ihre einer eigenständigen theoretischen Durchdringung würdige emergente Realität „sui generis“ anerkennt, sieht Blau als Bedingungen des Austauschs neben der negativen Wirkung des Gesetzes abnehmenden Grenznutzens (vgl.ebd.: 90) die Entwicklungsstufe und den Charakter einer Beziehung, die Erwartbarkeit von Belohnungen, Aufwand und Kosten, sie zu erhalten, und den sozialen Kontext, in dem der Austausch stattfindet (vgl. ebd.: 97, ff.).
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Arbeit zitieren:
Florian Schlotterbeck, 2005, Normative Dimension und makrostrukturelle Perspektive in der Theorie des sozialen Austauschs von Peter M. Blau, München, GRIN Verlag GmbH
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