Inhaltsangabe
1. Einleitung 2
2. Das Œuvre 2
2.1 Die Anfänge 3
2.2 Von der Landschaft zur Figur 4
2.3 Primitive Kunst Fruchtbarkeit und Symbolik 6
2.4 Höhepunkte 9
2.5 Spätwerk 10
2.6 Tabellarische Zusammenfassung 12
3. Abstrakter Expressionismus Eine Einordnung 13
3.1 Action Painting oder Color Field Painting 13
3.2 Vergleich mit Rothko und Newman 15
4. Fazit 16
5. Literatur 18
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1. Einleitung
Clyfford Still ist eine der umstrittensten Figuren der amerikanischen Kunstszene der Nach- kriegszeit. Sein Werk steht, zumindest in Europa, erst an den Anfängen der kunsthistorischen Bearbeitung, da der Künstler zu seinen Lebzeiten jeglichen wissenschaftlichen Publikationen einen Riegel vorgeschoben hat. Auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, existiert noch kein vollständiges Werkverzeichnis, da sich nur ein Bruchteil seines Œuvres in öffentlichen und privaten Sammlungen befindet.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung von Stills Stil vom ersten erfassbaren Frühwerk, über seine bekannteste Werkphase der frühen 50er bis zum Spätwerk nachzuzeichnen und dessen Besonderheiten herauszustellen. Dies geschieht, wo es nötig erscheint, im Rahmen einiger biographischer Eckdaten. Ferner soll dabei die Diskrepanz zwischen den Äußerungen und Absichten des Künstlers und der tatsächlichen Umsetzung in seinen Bildern untersucht werden.
Im Folgenden wird zu klären sein, ob Clyfford Stills Werk nach der vorherrschenden Mei- nung der Kunsthistoriker und -kritiker wirklich dem ‚Abstrakten Expressionismus“ zuzuord- nen ist und in welche Stilrichtung innerhalb dieser Bewegung er sich gegebenenfalls einord- nen lässt.
2. Das Œuvre
Der Amerikaner Clyfford Still ist um 1950 in den USA mit seinen monumentalen Bildern mit großflächigen Farbpartien, den so genannten ‚color fields‘, bekannt geworden. Allerdings fand er in seiner Heimat erst spät Anerkennung und blieb in Europa bis in die 90er Jahre hin- ein eine Art „Geheimtipp“. 1 Stills künstlerische Entwicklung von den Anfängen in den 30er Jahren bis hin zum ‚Abstrak- ten Expressionismus‘ der 50er Jahre soll in diesem Teil der Arbeit zusammen mit einem chronologischen Lebensabriss nachgezeichnet werden.
1 Thomas Kellein (Hg.): Clyfford Still. Prestel Verlag, München 1992, S. 9.
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2.1 Die Anfänge
Clyfford Still wurde am 30. November 1904 in Grandin, North Dakota geboren. Ein Jahr spä- ter zog die Familie nach Spokane, Washington, um, wo der Vater als Buchhalter seinen Le- bensunterhalt verdiente. 1910 versuchten seine Eltern ihr Glück als Farmer in der Nähe von Bow Island in Kanada. Da der Wohnsitz der Familie in Washington, wo Clyfford Still auch noch weiter zur Schule ging, beibehalten wurde, pendelte er als Kind ständig hin und her, was er später selbst als Nomadenleben bezeichnete. 2 Still war schon als Kind musisch begabt und zeigte starkes Interesse für Malerei, Musik und Literatur. Die Entwicklung seiner künstlerischen Ader stand jedoch im Kontrast zu seinen Lebensumständen. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten, die seine Herkunft mit sich brachte, saugte er alle Informationen, an die er gelangen konnte, wissbegierig auf und begann mit 14 Jahren zu zeichnen und zu aquarellieren. Seine frühen Themen waren seine Familie, Selbstporträts, Landschaftsbilder und Szenen aus dem Landleben. 3 1925 reiste Still mit nur 20 Jahren erstmals nach New York, um europäische Kunstwerke im Original zu sehen. Allerdings wurden seine hohen Erwartungen an die Bilder, die er bisher nur aus Reproduktionen kannte, enttäuscht.
1926 begann Still das Studium an der Spokane University, ging aber schon im Frühjahr des darauf folgenden Jahres zurück nach Kanada. Dort arbeitete auf der elterlichen Farm und nutzte jede freie Gelegenheit für seine Malerei. Im Gemälde von 1928/29 „Row of Eleva- tors“ 4 finden sich seine frühen Themen wieder. Es stellt die Steppe des kanadischen Westens dar. In der Mitte des Bildes befindet sich eine Reihe von fünf gestaffelten Getreidesilos. Stills Interesse galt der Einbindung des Motivs in eine landschaftliche Gesamtatmosphäre. Dabei war es ihm wichtig, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Die detailgenaue Wiedergabe der Motive war dabei zweitrangig. Technisch und stilistisch sind bei „Row of Elevators“ schon alle charakteristischen Merkmale seiner späteren Malerei enthalten:
Die Farben sind meist mit einem Spachtel aufgetragen, die ungrundierte Leinwand tritt hervor und erdhafte Mischtöne dominieren, wobei er jedoch kräftige Farbakzente setzt. Das Sujet steht sehr stark in der Tradition des amerikanischen ‚Regionalismus‘ der 20er und 30er Jahre, den Künstler wie Thomas Hart Benton oder Grant Wood vertraten. Still setzte 1931 sein Studium in den Fächern Englisch und Philosophie mit Unterstützung eines ‚teaching fellowship in art‘ fort und erlangte 1933 den Abschluss als ‚Bachelor of Arts‘. 2 Vgl. Justus Jonas-Edel: Clyfford Stills Bild vom Selbst und vom Absoluten – Studien zur Intention und Ent- wicklung seiner Malerei. Phil. Diss.: Köln 1995, S. 8f. (Kurztitel: Jonas-Edel, 1995.) 3 Vgl. ebd., S. 10.
4 Clyfford Still: Row of Elevators, 87 x 113 cm, 1928-29, National Museum of American Art, Washington.
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Bis 1935 nahm er weiter die Doppelrolle als Student und Dozent ein und graduierte dann mit einer Examensarbeit über Paul Cézanne. Bis 1941 war er Dozent für Kunstgeschichte am Wa- shington State College in Pullman, wo er es bis zu einer Assistenzprofessur brachte. Still hat seine gegenständlichen Bilder aus der Zeit vor 1934 nach der Retrospektive 1943 nie wieder öffentlich gezeigt und fast nie über diese gesprochen. Von den frühen Arbeiten sollen sich jedoch noch ca. 175 Werke in seinem Nachlass befinden und um die 250 Arbeiten soll Still angeblich selbst im Jahr 1963 zerstört haben. 5 Immerhin hat man durch die Ausstellungs- liste der Retrospektive in San Francisco von 1943 eine vage Vorstellung von seinen Themen aus den 20er und frühen 30er Jahren. Besonders häufig taucht das Motiv des Pfluges auf. Man vermutet, dass es Stills Faszination für die Weite des Landes, der Menschen und ihrer Ma- schinen ausdrücken soll. Diese Themen war stark verbunden mit der ‚American Scene- Bewegung‘, die eine Gegenreaktion auf die europäischen Avantgarde-Bewegungen darstellte. Sie war besonders in den 30er Jahren dominierend und ihre Themen waren das ländliche und industrielle Arbeitsleben.
Allerdings war Still in den 30er Jahren nicht unbeeinflusst von der Tradition der modernen europäischen Maler, von denen er Zeit seines Lebens vorgab, sie vehement abzulehnen. Au- ßerdem ist es bemerkenswert, dass sich Still in seiner Examensarbeit gerade mit einem wich- tigen Vertreter der europäischen Moderne, nämlich Cézanne, auseinandersetzte. Stills Bild „Unbetitelt (‚Braune Studie‘)“ 6 von 1935 lässt sogar Parallelen zu zwei Werken von Paul Cé- zanne erkennen: die gleiche Farbpalette und eine Ähnlichkeit des Motivs mit dem Gemälde „Der Neger Scipio“ 7 und eine analoge Dynamik und Linienführung zu dem Bild „Das Haus mit der zerborstenen Mauer“ 8 .
2.2 Von der Landschaft zur Figur
Die Auseinandersetzung mit Cézanne markiert ebenfalls einen Wendepunkt in Stills Schaffen. Er beginnt sich von den regionalistischen Landschaftsbildern zu lösen und verlagert sein Inte- resse auf die Darstellung von Figuren. Diese Tatsache ist besonders wichtig, da Stills Weg zur Abstraktion von der Figur ausgeht und nicht, wie oft behauptet, von der Natur: 5 Vgl. Jonas-Edel, 1995. S. 13.
6 Clyfford Still: Unbetitelt („Braune Studie“), 76 x 51 cm, 1935, Munson-Williams-Proctor Institute Museum of Art, Utica.
7 Paul Cézanne: Der Neger Scipio, Öl/LW, 107 x 103 cm, ca. 1867, Museu de Arte, São Paulo. 8 Ders.: Das Haus mit der zerborstenen Mauer, ÖL/LW, 61 x 77 cm, 1892-94, Philadelphia Museum of Art, Philadelphia.
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The fact that I grew up in the prairies has nothing to do with my paintings, with what people think that they can find in them. I paint only myself, not nature. 9
Das einzige gegenständliche Werk, das Still je an ein Museum gab, ist das Bild einer männli- chen Gestalt. 10 Es ist etwa zeitgleich mit der Examensarbeit entstanden und steht damit am Anfang seiner künstlerischen Neuorientierung. Es kann somit als Schlüsselbild angesehen werden. Das Bild zeigt einen nackten, nach links schreitenden Mann vor einer dunkelbraunen Landschaft. Er nimmt die gesamte Bildhöhe des Hochformats ein. Oben rechts sieht man den Himmel, der mit einem dunklen Blau mit weiß-grauen Wolkenfetzen dargestellt ist. Der Kör- per des Mannes ist sehr lang gestreckt, die Rippen sind zu sehen, er hat einen kahlen Schädel und übergroße Hände. Durch die Farbigkeit und seinen Körperbau wirkt er hölzern und primi- tiv. Der Gang des Mannes ist sehr zielstrebig durch die große Schrittstellung und seinen Blick in die Laufrichtung. Still beschrieb seine künstlerische Vision als symbolische Reise, was im Zusammenhang mit diesem Motiv steht:
It was a journey that one must make, walking straight and alone. And one’s will had to hold against every challenge and triumph, or failure, or the praise of Vanity fair. Until one had crossed the darkened and wasted valleys and come at last into clear air and could stand on a high and limitless plain. 11 Es wird vermutet, dass Still das Bild, das er 1974 dem San Fransisco Museum schenkte, als „Demonstration des eigenen Künstlertums“ aufgefasst hat, dass er sich „zum neuen ‚Adam‘ der Malerei“ stilisierte, „der selbst ohne Vorfahren ist und mit dem gleichsam eine neue Künstlergenealogie beginnt.“ 12 Aber auch in diesem Bild ist im Gegensatz zu den Äußerun- gen des Künstlers wieder eine Parallele zu einem Bild von Cézanne zu ziehen. So wie die Konturen in Stills Bild um das Becken und das Gesäß der Figur gemalt sind, finden sich in Cézannes Bild „Die schwarze Uhr“ 13 ähnliche waagerechte Balken im Tischtuch. Dadurch negiert er seinen eigenen Anspruch, frei von Vorbildern, besonders europäischen, zu sein, sogar in diesem bedeutenden Schlüsselbild. Still setzt sich außerdem noch bis in die 40er Jah- re hinein in seinen Gemälden mit europäischen Künstlern auseinander. Beispiel hierfür ist ein Gemälde von 1940, dessen Verbleib unbekannt ist. 14 Es erinnert mit seinen Formen an Picas- sos „Corrida“, 15 und auch das Bild „Öl/LW 1943 (PH-286)“ 16 lässt eine Verbindung zu Picas- sos Bild „Frau mit Stiletto (Tod des Marat)“ 17 zu. In den Gemälden „Öl/LW 1942 (Ph-334)“ 18 9 Jonas-Edel, 1995, S. 69, Zitat nach B. Townsend: An Interview, S.11.
10 Clyfford Still: Öl/LW 1934 (PH-323), 146 x 80 cm, San Fransisco Museum of Modern Art. 11 Jonas-Edel, 1995. S. 27.
12 Ebd., S. 28.
13 Paul Cézanne: Die schwarze Uhr, 54 x 73 cm, 1869-70, Sammlung Niarchos, Paris.
14 Vgl. Abb.60, in: Jonas-Edel, 1995.
15 Pablo Picasso: Corrida, 97 x 130 cm, 1934, Privatsammlung.
16 Clyfford Still: Öl/LW 1943 (PH-286), 97 x 71 cm, Sammlung des Künstlers.
17 Pablo Picasso: Frau mit Stiletto (Tod des Marat), 46 x 71 cm, 1931, Musée Picasso, Paris.
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Quote paper:
Nicole Giese, 2006, Clyfford Still, Munich, GRIN Publishing GmbH
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