I
Inhaltsverzeichnis:
EINLEITUNG
TEIL A: EINFÜHRUNG IN DIE FILMANALYSE
1. MISE EN SCENE 1
1.1 DIE BILDKOMPOSITION 2
1.2 KAMERA 4
1.2.1 DIE AUFNAHME-DISTANZ 4
1.2.2 BILDSCHÄRFE 6
1.2.3. DIE PERSPEKTIVE 6
1.2.4 KAMERABEWEGUNG 7
1.3 TIEFENWAHRNEHMUNG 8
2 DAS NARRATIVE IM FILM 9
2.1 DIE DRAMATURGISCHE EBENE 10
2.2 DIE ERZÄHLEBENE 11
2.2.1 DER AUKTORIALE ERZÄHLER 12
2.2.2 DER PERSONALE ERZÄHLER 12
2.2.3 DER ICH-ERZÄHLER 13
2.3 DIE MONTAGE 14
2.3.1 ZEITRAFFUNG UND ZEITDEHNUNG 14
2.3.2 GLEICHZEITIGKEIT 16
2.3.3 DER UNSICHTBARE SCHNITT 16
2.3.4 MONTAGE-KATEGORIEN 18
2.3.4.1 DER SCHÖPFERISCHE SCHNITT 19
2.3.4.2 DER ASSOZIATIVE SCHNITT 20
2.3.4.3 DER METAPHORISCHE SCHNITT 20
II
2.3.4.4 DER INTELEKTUELLE SCHNITT 21
2.3.4.5 DER SUBJEKTIVE SCHNITT 21
3 FILMGENRES 21
TEIL B: ANALYSE AUSGEWÄHLTER PRIMÄRLITERATUR
1 DER M EDIENVERBUND 24
2 AUSWIRKUNGEN AUF DAS LESEVERHALTEN 25
3 SELEKTIVE REZEPTIONSFORMEN 26
4 DER WANDEL DER KINDER- UND JUGENDLITERATUR 28
5 FILMISCHE STRUKTUREN IN DER JUGENDLITERATUR 29 5.1 ANALYSEKRITERIEN 31 5.2 ANALYSE „HARRY POTTER UND DER STEIN DER WEISEN “ 32 5.2.1 INHALTSANGABE 32 5.2.2 FILMSTRUKTUREN 32 5.3 ANALYSE „CLUB DER TOTEN DICHTER“ 39 5.3.1 INHALTSANGABE 39 5.3.2 FILMSTRUKTUREN 39 5.4 ANALYSE „G UTE ZEITEN, SCHLECHTE ZEITEN. LIEBE IN GEFAHR“ 47 5.4.1 INHALTSANGABE 47 5.4.2 FILMSTRUKTUREN 47
6 ZUSAMMENFASSUNG UND EGEBNISSE DER ANALYSEN 52
III
TEIL C: DIADKTISCHE KONSEQUENZEN
1 ALLGEMEINE ÜBERLEGUNGEN 57
2 BILDUNGSPLANANALYSE 59
2.1 DER „ERZIEHUNGS- UND BILDUNGSAUFTRAG“ 59
2.2 DIE „PÄDAGOGISCHEN LEITGEDANKEN “ 62
2.3 ZIELE UND INHALTE 66
3 ZUSAMMENFASSUNG 70
1
Teil A Einführung in die Filmanalyse
So wie jede geschriebene Sprache besitzt auch der Film eine eigene Sprache, die mit spezifischen Sprachmitteln eine Geschichte erzählen kann. Die Rede ist von einer Art „Filmgrammatik“, von immer wiederkehrenden filmischen Mitteln und Strukturen, die jeder, der einen Film produziert, aber auch jeder, der einen Film konsumiert, beherrschen sollte. In der Folge sollen nun einige dieser Mittel erläutert und erklärt werden, um dann im zweiten Teil die Analyse der Primärliteratur besser nachvollziehen zu können. Natürlich kann im Rahmen dieser Arbeit nur auf einen kleinen Teil der Stilmittel, die in Filmen verwendet werden, eingegangen werden, da sonst der Rahmen gesprengt werden würde. Diese Arbeit beschränkt sich deswegen auf die Mittel, die in ähnlicher Art und Weise auch in der geschriebenen Sprache vorkommen können. Dies sind die Mittel der Mise en Scène, die Montage und die Erzählsituation im Film. Jedoch tauchen auch bei diesen drei Mustern Codes auf, die sich so nicht in geschriebener Sprache wiederfinden lassen. Sie sollen trotzdem aus Gründen der Vollständigkeit aufgeführt werden.
Nicht eingegangen wird auf die „Filmsprache“ des Tones, der Geräusche und auch der Musik, die in Filmen eine ebenso bedeutende Rolle spielt, wie alle übrigen.
1 Mise en Scène
In der Schriftsprache, aber auch in der gesprochenen Sprache, ist es nicht möglich, mehrere Dinge gleichzeitig zu schreiben bzw. zu sagen. Im Gegensatz dazu bietet der Film (und auch das Bild) hier zusätzlich die Möglichkeit einer räumlichen Komposition. Was bedeuten soll, dass mehrere Dinge sich gleichzeitig abspielen können. Zum Beispiel kann sich eine Person auf der einen Seite des Bildes gerade einen Drink einschenken, während sich auf der anderen Seite gerade ein Mord abspielt. Zwei
2
getrennte Handlungen, die dennoch parallel gezeigt bzw. erzählt werden. Der Filmemacher kann also entscheiden, was er filmt und wie er es filmt. Diese „Veränderung des formbaren Raums“ 1 wird auch oft als Mise en Scène, also als ein „In-Szene-Setzen“ bezeichnet. Ebenso taucht in der Literatur der Begriff Cadrage 2 (vom frz. le cadre: der Rahmen). Die C adrage beschreibt die Komposition innerhalb eines Rahmens, der mit der Leinwand identisch ist. „Das im Bildformat eingeschlossene Bildfeld wird auch als Kader bezeichnet, die Kadrierung ist die Begrenzung eines abgebildeten Geschehens durch den Ausschnitt.“ 3 Der gebräuchlichste Ausdruck für die räumliche Komposition im Film ist die Einstellung. Alle drei Be griffe werden mehr oder weniger synonym verwendet und umschreiben denselben Sachverhalt. Der Filmemacher versucht jede Einstellung so zu arrangieren, dass die Bilder eindeutig werden und der Rezipient die Szene aktiv lesen kann. Aktiv bedeutet in diesem Fall, dass der Rezipient mitsamt seinem Vorwissen und seinen Interpretationsmöglichkeiten in die Szene einbezogen wird.
Um die Übersicht zu wahren, unterteilt man die große Bedeutungseinheit der Mise en Scène noch einmal in mehrere Bereiche.
1.1 Die Bild komposition
Die Bildkomposition hat der Film mit allen anderen visuellen Künsten, wie z.B. der Malerei gemeinsam. Sie richtet sich nach den drei Faktoren Form, Farbe und Linie und um deren Anordnung innerhalb eines gewissen Rahmens. Als Rahmen dient im Film das Format, in dem er gedreht wird. So bietet ein Breitwandformat (Verhältnis 1:1.66) andere Möglichkeiten als ein früheres Tonfilmformat bei dem das Verhältnis von Höhe zu Breite nur 1:1.2 war. Für heutige Filme, in denen aufwendige Landschafts- und Actionaufnahmen im Vordergrund stehen, bietet das Breitwandformat reichhaltigere Möglichkeiten, während dialogische Szenen und Großaufnahmen auf dem schmaleren
1 Monaco: Film verstehen. S.176.
2 Perivolaropoulou: Film. S. 133.
3 Hickethier. Film- und Fernsehanalyse. S.49.
3
frühen Hollywoodformat (1:1.33) effektiver in Szene gesetzt werden konnten. Unabhängig vom vorgegebenen Bildformat kann der Filmemacher jedoch die Dimensionen des aufgenommenen Bildes während des Filmens verändern. Dies kann künstlich oder natürlich durch die Bildkomposition erfo lgen.
Ebenso wichtig wie der Rahmen, also die Größe eines Bildes, sind auch dessen Grenzen. Hier unterscheidet man zwischen einer „geschlossenen“ und einer „offenen Form“.
Die geschlossene Form zeichnet sich dadurch aus, dass die Kamera mit ihrem Blick immer beim Geschehen bleibt, das folglich immer zu sehen ist. In der offenen Form wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers unterbewusst über die Bildgrenzen hinaus gelenkt. Das eigentliche Geschehen ist also nicht im Bild zu sehen. Ein Beispiel für eine offene Form wäre ein Schauspieler in Großaufnahme, dessen Blick auf ein Geschehe n gerichtet ist, das jedoch nicht im Bild zu sehen ist. Diese offene Form ist ein spezifischer Filmcode, denn ein literarischer Text kann keine Handlung beschreiben, die sozusagen außerhalb des Erzählten stattfindet. Die geschlossene Form kann im Gegensatz dazu auch literarisch durch die Beschreibung einer Szene verarbeitet werden.
Ein weiteres Element der Bildkomposition ist die Linienführung. Verschiedene Formen von Linien stehen hier stellvertretend für bestimmte Attribute. Harte Linien stehen beispielsweise als Symbol für Männlichkeit und Kraft, während kurvige, weiche Linien eher die Weiblichkeit symbolisieren. Horizontale Linien stehen für Ruhe und Ausgeglichenheit, im Gegensatz dazu verbindet man mit gegeneinander gesetzten diagonalen Linien eher Aktion und Konflikt. 4
Weiterhin gehören zur Bildkomposition der Bildkontrast, das Verhältnis von hellen und dunklen Flächen und auch das Zusammenspiel der Farben, die im Bild zu sehen sind.
4 Ebd. S. 51.
4
1.2 Kamera
Die Kamera ist das zentrale Organ, das im Film erzählt. Sie gibt vor aus welcher Perspektive der Zuschauer das Gefilmte erlebt.
Es sind also die Einstellung und der Blickwinkel, die den Dingen ihre Form geben, und
zwar in so hohem Maße, daß zwei unter verschiedenen Blickwinkeln gezeichnete Bilder ein
und desselben Gegenstandes einander oft gar nicht ähnlich sind. 5
Insofern gibt es unzählige Möglichkeiten, mit denen eine Handlung durch die Kamera in Szene gesetzt werden kann, denn die Einstellung kann durch mehrere Faktoren verändert werden. Diese Faktoren sind die Entfernung, die Bildschärfe, die Kameraperspektive und die Kamerabewegung. 6
Alle diese Faktoren sind dynamische Prozesse, die anhand von Standbildern zwar verdeutlicht werden können, deren Wirkung sich jedoch erst im Wechselspiel miteinander entfa lten kann.
1.2.1 Die Aufnahme-Distanz
Man unterscheidet zwischen verschiedenen Aufnahmemöglichkeiten, wobei die Grenzen nicht exakt definiert sind und somit oft fließende Übergänge möglich sind. Im Großen und Ganzen hat man sich jedoch auf drei Aufnahme-Distanzen geeinigt.
Die Nahaufnahme zeigt einen Gegenstand oder ein Gesicht aus nächster Distanz. Dadurch hinterlässt das Gefilmte natürlich eine sehr einprägsame Wirkung beim Zuscha uer, da er ihm eine große Bedeutung beimisst. Zusätzlich kommt bei einem
5 Balász: Der Film. S. 37.
6 Vgl. Monaco: Film verstehen. S. 200.
5
gefilmten Gesicht noch die Mimik des Schauspielers dazu, wodurch eine Nahaufnahme sehr gut Emotionen einer Person vermitteln kann. Der Zuschauer ist sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes ganz ´nah´ bei der gefilmten Person. Eine Steigerung der Nahaufnahme ist die Großaufnahme, denn während bei der Nahaufnahme noch Hintergrundgeschehen zu sehen sein kann, zeigt die Großaufnahme lediglich das gefilmte Objekt, was die oben genannte Wirkung natürlich weiterhin verstärkt. Die Detailaufnahme zeigt schließlich nur noch Ausschnitte eines Gesichts z.B. den Mund oder die Augen.
Auf den sogenannten Normaleinstellungen sieht man etwa das obere Drittel einer gefilmten Person, also Kopf und Brust eines Schauspielers. Je nach Literatur wird nochmals zwischen mehreren Möglichkeiten dieser Einstellung unterschieden. Die Unterscheidung richtet sich danach, wie ein Schauspieler zu sehen ist. Die Bandbreite reicht hier von den Schultern bis zur Hüfte, wobei der Kopf immer zu sehen ist. Der Vollständigkeit halber seien die Begriffe hier genannt, es soll jedoch an dieser Stelle nicht näher auf die genauen Unterscheidungen eingegangen werden. Die verwendeten Begriffe sind: Halbtotale, amerikanische Einstellung, halbnahe Einstellung und Kopf-und-Schulter-Einstellung. Die Begrifflichkeiten zeigen schon, dass alle Einstellungen im Grunde Ähnliches zeigen und demzufolge die erzielte Wirkung bei allen Varianten auch simultan anzusehen ist. Die Aufmerksamkeit des Rezipienten wird mehr auf die Umgebung des Gefilmten oder auf andere Schauspieler gelenkt, wobei dessen Mimik und Gestik gleichzeitig zu sehen ist. Aus diesem Grund wird diese Art von Einstellung auch oft für Dialogszenen genutzt. Dann in Verbindung mit der sogenannten Schuss-Gegenschuss-Montagetechnik. 7
Als nächste Distanz-Aufnahme ist die Totale zu nennen. Sie zeigt den Schauspieler von Kopf bis Fuß, jedoch wird das Bild dominiert von der den Schauspieler umgebenden Kulisse bzw. Umgebung. Der Schauspieler wird also sofort mit der Umgebung in Verbindung gebracht. Dargestellte Emotionen des Schauspielers rücken in den Hintergrund. Die Steigerung dieser Aufnahme-Distanz ist die Panoramaeinstellung. Sie
7 Vgl. Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. S. 58ff.
6
wird jedoch weniger eingesetzt um Personen zu zeigen, als imposante Naturaufnahmen. Das heutige Breitwandformat unterstützt hie r natürlich den gewünschten Effekt. 8
1.2.2 Die Bildschärfe
Bei diesem Faktor der Einstellungsmöglichkeiten muss man zwischen zwei Achsen der Schärfe unterscheiden. Zum einen die Schärfentiefe. Sie zeigt das ganze Bild, sowohl im Vordergrund als auch im Hintergrund, klar. Die Szene bekommt somit eine gewisse Weite und wird für den Zuschauer leichter durchschaubar. Im Gegensatz dazu hat der Filmemacher die Möglichkeit einer sogenannten flachen Schärfe, bei der eine gefilmte Ebene betont wird, z.B. zwei Scha uspieler, die im Vordergrund vor einem verschwommenen Hintergrund platziert sind. Der Blick des Zuschauers wird somit durch den Blick der Kamera gelenkt, während er bei der Schärfentiefe innerhalb des Gezeigten hin und her schweifen kann. Dadurch kann der Filmemacher gewünschte Dinge, wie Gegenstände, Personen aber auch Gesten in den Vordergrund rücken. 9
1.2.3 Perspektive
Die Grundposition der Kamera in der vertikalen Ebene ist die Augenhöhe einer ha ndelnden Person. Man spricht von der Normalperspektive. Durch Verschieben der Kamera in der Vertikalen ergeben sich neue Perspektiven. Die Obersicht und die Vogelperspektive versetzen den Zuschauer auf einen erhöhten Standpunkt und bieten ihm somit einen besseren Überblick. Je nach Höhe der Verschiebung auf der Senkrechten, erzielt die Obersicht unterschiedliche Wirkungen. Die Wichtigkeit von Personen kann verringert werden, Menschen sollen als unterlegen dargestellt werden, Naturphänomene, wie z.B. Schluchten oder Berge, sollen einen besonders bedrohlichen Eindruck hinterlassen.
8 Vgl. Monaco: Film verstehen. S. 201.
7
Entsprechendes gilt für die Untersicht oder Froschperspektive. Diese betont oft die Wichtigkeit von Gegenständen oder Personen, lässt sie zum Teil bedrohlich groß und Angst einflößend erscheinen.
Die beiden Perspektiven werden oft eingesetzt, um dem Zuschauer die Perspektive eines Schauspielers zu vermitteln. Dadurch wird ein subjektiver Eindruck der Situation vermittelt. Man sprich in so einem Fall von der sogenannten subjektiven Kameraführung. 10
1.2.4 Kamerabewegung
Die Kamera kann sich auf verschiedene Weise bewegen. Sie orientiert sich dabei an den Möglichkeiten, die ein Mensch bei der Veränderung seiner Sichtweise hat und transformiert sie auf die technische Ebene.
Die einfachste Möglichkeit einer Kamerabewegung ist der Kameraschwenk.
Beim Schwenk [...] bewegt sich die Kamera bei unverändertem Standpunkt um eine Achse (vertikal, horizontal, diagonal durch den Raum). Er verschiebt den Ausschnitt des Gezeigten und erweitert damit den Bildraum um das bis dahin Nichtgezeigte, aber z um Geschehen Dazugehörende. Er kann den Figuren in ihren Bewegungen folgen, ihnen vorauseilen usw. Schwenkbewegungen können ein Raumsegment abdecken, aber auch in einer Kreisbewegung einen Raum rundum zeigen, sie können auch aus mehreren Kameraaufnahmen zusammengesetzt werden. 11
Das Schwenken der Kamera in der Vertikalebene kann ebenfalls als Neigen bezeichnet werden. Die Grundtechnik bleibt jedoch die selbe.
Die Weiterführung des Schwenks ist die Kamerafahrt. Hierbei bewegt sich die Kamera mit Hilfe eines Fortbewegungsmittels. Dafür kommen mehrere Möglichkeiten in Frage: Dolly, Kran, Auto, Flugzeug usw. Je nach Fortbewegungsmittel wird auch die Kamerafahrt bezeichnet. „Mit der Fahrt verändern sich alle räumlichen Anordnungen und Sichtweisen. Häufig werden Fahrten benutzt, um parallel zu Figurenbewegungen
9 Vgl. Monaco: Film verstehen. S. 203ff.
10 Vgl. Balász: Der Film: S. 81.
8
diese im Bild zu halten, ihnen entgegen zu kommen, sie zu verfolgen oder vor ihnen zurückzuweichen.“ 12
Eine Variante zur Kamerafahrt ist der Zoom. Der Zoom täuscht eine Fahrt vor, indem er die Brennweiten verändert. Der Zuschauer bekommt den Eindruck, als ob er sich auf ein Objekt zu bewegt bzw. sich von ihm entfernt. Der Standpunkt der Kamera bleibt jedoch fest. Durch einen Zoom kann man die Aufmerksamkeit auf ein Objekt, eine Person lenken, indem man von einer Normaleinstellung oder einer Totalen zu einer Groß- oder Detaileinstellung wechselt. Der Blick des Rezipienten wird somit vom Filmemacher ganz bewusst gelenkt, er geht vom Ganzen zum Teil.
1.3 Tiefenwahrnehmung
Ein weiteres Phänomen, das sämtliche visuellen Künste betrifft, ist die Abbildung eines dreidimensionalen Vorbilds auf ein zweidimensionales Medium. Besonders interessant ist hier die Tiefenwahrnehmung. Hier bieten sich dem Filmemacher diverse Möglichkeiten. Er muss bedenken, dass, wenn er einen geographischen Raum aufnimmt, diesen in der Bildebene, also auf der flachen Leinwand, abbilden muss. Hierbei sind nun zwei Dinge zu beachten.
Erstens nimmt der Zuschauer Dinge, die im Verhältnis zu einem anderen Gegenstand größer erscheinen, als nähe r wahr.
Zweitens: Je näher ein Gegenstand dem Rezipienten erscheint, desto mehr Bedeutung misst er ihm bei.
Beispielsweise werden unheilverkündende Telefonnachrichten oft dadurch angekündigt, dass der Apparat im Vordergrund plaziert ist, während der Schauspieler die Szene im Hintergrund betritt. Zusammen mit einem bedrohlichen Klingelton, ahnt der Zuschauer schon voraus, was folgen wird.
11 Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. S.63.
12 Ebd. S.63.
9
2 Das Narrative im Film
Wie im Roman lässt sich die einen Film kennzeichnende Ästhetik vor allem über die Technik der Erzählung entdecken. Film bedeutet die Vorführung einer Folge von Fragmenten aus einer vorgestellten Realität auf einer rechteckigen Fläche mit festgelegten Proportionen; Anordnung und Dauer des Gezeigten machen dessen `Sinn` aus. 13
Bazin spricht hier den zeitlichen Aspekt an. Der Unterschied zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Als erzählte Zeit wird die Zeit des Dargestellten definiert, als Erzählzeit die Darstellung. Die Erzählzeit kann nun gegenüber der Zeit des Dargestellten gedehnt oder gerafft werden, denn das zu Erzählende wird im Film stets mit Auslassungen erzählt. „Die Geschichte, die einem Film zugrunde liegt, geht nicht im Gezeigten auf, sondern umfasst auch Nichtgezeigtes.“ 14 Oft ist es notwendig überflüssige - tote - Zeit
zu komprimieren. Dies geschieht mit Hilfe der Montage.
Ein Beispiel: Man sieht einen Schauspieler vor der Kulisse von Berlin, dementsprechend assoziiert der Zuschauer, dass er sich natürlich in Nordeuropa befindet. Darauf folgt eine Einstellung, die den selben Schauspieler vor der Kulisse New Yorks zeigt. Für den Zuschauer ist nun klar, dass zwischen den Einstellungen Zeit vergangen sein muss, die jedoch nicht gezeigt worden ist, dennoch bleibt die Geschichte kohärent.
Interessanterweise ist die vom Zuschauer empfundene Zeit länger, je weiter die zwei Schauplätze voneinander entfernt sind, obwohl der Schnitt immer die gleiche Länge hat.
Erzählen bedeutet deshalb, eine sinnhafte, phantasiegeleitete Organisation von Ausschnitten des Geschehens herzustellen und damit Sinn zu stiften, Anfang und Ende eines Geschehens zu bestimmen und dabei im Anfang immer schon auch das Ende mitzubedenken. Sinnstiftung besteht gerade darin, dass Anfang und Ende in einen Bezug zueinander gesetzt werden, und dass die einzelnen Elemente in ein beziehungsreiches Gefüge eingeordnet werden, in dem alle Teile des Erzählten sich untereinander in einem Beziehungsgeflecht befinden. 15
Der Prozess des Erzählens lässt sich nun in drei Ebenen beschreiben.
13 Bazin: Was ist Kino?. S. 146.
14 Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. S. 119.
15 Klotz: Geschlossene und offene Form im Dramas. S. 26.
10
1) Die Ebene der Dramaturgie des Films. Sie bezieht sich auf die Handlung, auf das Geschehen, das sich vor der Kamera abspielt.
2) Die Ebene des Erzählens im Film. Hier spielen der Erzähler, die Erzählperspektive und die Ästhetik der Kameraführung eine Rolle.
3) Die Ebene der Montage, die sich auf das sinnhafte Aneinanderfügen von Einzelteilen bezieht, die das Geschehen eines Films organisiert. 16
2.1 Die dramaturgische Ebene
Die Mehrzahl der Filme, die produziert wurden und werden, folgen der Form des geschlossenen Dramas. Sie ist klar strukturell gegliedert, d.h. sie besitzt einen symmetrischen Aufbau, die Figurenkonstellation ist klar umrissen und das Geschehen wird zu seinem Ausgangspunkt zurückgeführt. Die Geschichte ist somit in sich geschlossen und lässt keine Fragen offen.
Im Gegensatz dazu steht die offene F orm. Sie ist gekennzeichnet durch eine Unabgeschlossenheit, die sich sowohl in der Sinnhaftigkeit der Geschichte aber auch im Aufbau der Figurenkonstellation widerspiegeln kann. Der Aufbau muss nicht symmetrisch sein, sondern kann z.B. auch nicht chronologisch, episodenhafte Züge aufweisen.
Offene Strukturen finden sich vor allem bei Fernsehserien wieder, deren offenes Ende eine Fortsetzung zulassen. Auf der anderen Seite beinhalten die einzelnen Folgen einer Serie häufig in sich abgeschlossene Episoden. Aus diesem Grund spricht man in diesem Fall von einer Doppelstruktur. Die Abgeschlossenheit einer Folge steht in Verbindung mit der Offenheit, der Unabgeschlossenheit der Serie als Ganzem. Ein weiteres Merkmal der Dramaturgie eines Films ist die Verbindung der einzelnen Elemente der „story grammar“. Sie ist prinzipiell analog zur literarischen Form des Erzählens. Zu Beginn steht ein Opening, eine Exposition, die in die Geschichte einführt, Figuren vorstellt usw. Natürlich ist hier auch ein Einstieg `medias i n res` denkbar, er stellt jedoch nicht die Konvention dar. Als nächster Teil folgt eine Steigerung bis zum
11
Höhepunkt, die durch verschiedene Wendepunkte markiert werden kann. Wann dieser Höhepunkt gesetzt wird unterliegt keiner Norm, hier gibt es verschiedene Theorien. Zum Teil wird er in die Mitte des Handlungsablaufs gesetzt, andere verlegen in weiter zum Ende der Handlung hin.
Am Schluss steht traditionell eine Auflösung des im Film gezeigten Problems. Es bleiben keine Fragen offen, alle Konflikte sind aufgelöst. Ob dieses Ende tragisch oder als Happy- End ausfällt, spielt hierbei keine Rolle. Wichtig ist die Auflösung an sich. Die offene Form lässt hingegen noch Fragen für den Zuschauer zu. Er soll sich noch in seiner Realität mit den Problemen des Films weiter beschäftigen. Aus diesem Grund findet die offene Form eher bei politischen und gesellschaftskritischen Filmemachern Beachtung, während die geschlossene Form hauptsächlich im Mainstream-Film genutzt wird.
2.2 Die Erzählebene
Ein weiteres Stilmittel, das im Film genauso wie im klassischen Roman vorkommt, ist die Erzählsituation bzw. die Erzähltechnik, die in Filmen verwendet werden kann. Hiermit ist weniger das ganze Filmgeschehen von Bedeutung, sondern es steht die Art und Weise im Vordergrund, wie das Geschehen, mit kamaraästhetischen Mitteln in Szene gesetzt wird. Die Perspektive der Kamera wird mit der Perspektive eines Sprechers bzw. eines Erzählers gleichgesetzt. So wie ein Sprecher seinen Standpunkt ausdrückt, so drückt auch die Perspektive der Kamera das Erzählkonzept eines Films aus.
16 Vgl. Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. S. 120.
12
2.2.1 Der auktoriale Erzähler
In der Literatur wird ein auktorialer Erzähler oft auch als allwissender Erzähler bezeichnet. d.h. er besitzt die Möglichkeit einer allwissenden Überschau. „Der Erzähler berichtet über Innen- und Außenwelt, der von ihm geschaffenen fiktiven Welt.“ 17 Er stellt somit quasi ein Bindeglied zwischen fiktiver Welt und realer Welt, zwischen Fiktionalität und Realität, dar, der eine objektive Erzählhaltung aufweist. Der auktoriale Erzä hler mischt sich auch in das Geschehen ein und tut seine Meinung kund. Er ist jedoch nicht mit dem Autor identisch, denn er weiß Dinge, die der Autor nicht wissen kann. „Dieser auktoriale Erzähler ist also eine eigenständige Gestalt, die ebenso vom Autor geschaffen worden ist wie die Charaktere des Romans.“ 18 Der Unterschied vom filmischen zum literarischen auktorialen Erzähler besteht darin, dass im Film keine Einsicht in die Innenwelt von Personen möglich ist. Denkbar ist lediglich ein Beschreiben der sichtbaren Außenwelt. Um das Innenleben einer Person darzustellen, muss es durch geeignete Bilder visualisiert werden, damit es fotografiert werden kann, oder es muss ein Erzähler eingesetzt werden, der das Innenleben des jeweiligen Charakters akustisch vermittelt.
Ebenso ist es im Film nicht ohne weiteres möglich, ein Geschehen zu kommentieren oder zur Diskussion zu nutzen. Auch hier ist prinzipiell nur ein beschreibendes Element vorhanden.
2.2.2 Der personale Erzähler
Der personale Erzähler unterscheidet sich zum auktorialen Erzähler dadurch, dass er nur Sicht auf eine Person besitzt, d.h. „statt einer allseit. Darstellung der erzählten Welt erfährt der Leser diese subjektiv gedeutet und je nach Funktion, Charakter oder seel.
17 Metzler-Literatur-Lexikon. S. 32ff.
18 Stanzel: Erzählsituationen. S. 50.
Quote paper:
Christian Müller, 2001, Strukturen und Inhalte neuerer Jugendliteratur. Mögliche didaktische Umsetzung in der Sek. I, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Lieben und Lügen. Anthony Minghellas Literaturverfilmungen "Der e...
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Christian Müller has published the text Strukturen und Inhalte neuerer Jugendliteratur. Mögliche didaktische Umsetzung in der Sek. I
Christian Müller has uploaded a new text
Didaktische Handreichungen Englisch
Focus on Grammar. Neue AusgabeArbeitsbuch zur Wiederholung zentraler g...
Mit eingelegtem Lösungsschlüss...
Willibald Bliemel, Brian McCredie
Fördernder Mathematikunterricht in der Sek. I
Rechenschwierigkeiten erkennen...
Annemarie Fritz, Siegbert Schmidt
Gewerkschaftsmitgliedschaft in Deutschland: Strukturen, Determinanten ...
Schwerpunktheft der Industriel...
Claus Schnabel, Joachim Wagner
0 comments