Inhalt
1. Einleitung 3
2. Hauptteil
2.1. Autumn
2.1.1. Unterdrückte Sexualität und sexuelle Unterdrückung
2.1.2. Identität und Subjektivität
2.2. Winter 11
2.2.1. Rassenunterschied: Maureen Peal 11
2.2.2. Klassenunterschied: Geraldine 12
2.3. Spring 13
2.3.1. Chollys Ohnmacht und Macht 13
2.3.2. Paulines Macht und Ohnmacht 14
2.3.3. Vergewaltigung 16
2.3.4. Pecolas Suche nach Heilung 19
2.4. Summer 20
2.4.1. Rückzug in den Wahnsinn 20
3. Schluss 21
Literaturverzeichnis 22
1. Einleitung Toni Morrison präsentiert in ihrem ersten Roman The Bluest Eye eine Collage ästhetischer, gesellschaftlicher und moralischer Diskurse und analysiert die Konstruktion der männlichen und weiblichen Sexualität und Identität. Eines der großen Themen in The Bluest Eye ist die Hinterfragung der kulturellen Konstruktionen der Rassen-, Klassen- und Geschlechterparadigmen.
The Bluest Eye porträtiert den gefährlichen Übergang von der Unschuld zur Erfahrung und stellt einen penetranten Einblick in die Paradoxe des Guten und des Bösen zur Verfügung. Morrisons Figuren zeigen, wie die binären Gegenstücke von gut und böse verwischen, wenn sie in einem Individuum verkörpert sind. Das Dilemma der Identität wird von Morrison auf eine besondere Weise in den Roman eingebettet. Toni Morrison behandelt die zweifache Benachteiligung- „double jeopardy“ genannt- der schwarzen Frauen mit wachsender Komplexität. Claudia ist die artistische Figur, welche rückblickend eine Episode aus ihrer Kindheit belebt. Indem Claudia die traurige Geschichte ihrer Freundin Pecola Breedlove enthüllt, klagt sie eine stumme und tatenlose Gesellschaft an, welche Rassismus, Sexismus und Klassentrennung ausübt oder toleriert.
Claudias Erkenntnis: “since why is difficult to handle, one must take refuge in
how” (BE: 4) wirft die Frage auf: Warum kommt es zur Vergewaltigung und zur
Zerstörung Pecolas? Welche Anzeichen gibt es für die inzestuöse Vergewaltigung und welche Faktoren tragen zum traumatischen Erlebnis Pecolas bei? Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird auf die Beschäftigung mit der Identität Pecola Breedloves und ihrer unterlegenen Einbettung in die festgelegten kulturellen Normen ihrer Gesellschaft gesetzt. Pecolas psychische Entwicklung, ihre rationale und emotionale Passivität, ihr Unbehagen in der repressiven Kultur und in einer „zerrütteten Familie“
1
sowie die
Tragweite der misslungenen Aufklärung stehen im Vordergrund der folgenden Analyse. Der Symbolsinn des Titels drückt Pecolas sehnlichsten Wunsch nach Liebe aus. Die ersehnten blauen Augen bleiben ihre letzte Hoffnung auf eine neue Identität fernab von Unterworfenheit, Demut, Scham, Schande und Schmerz.
1
Josephine Rijnaarts,
Lots Töchter: über den Vater-Tochter-Inzest,
(Düsseldorf, 1988), S. 144.
2. Hauptteil Morrison umrahmt den Roman mit einem Absatz aus dem klassischen ‚Dick- and-Jane’ Lehrbuch, der eine idyllische weiße Mittelstandsfamilie, in komfortablen Verhältnissen lebend, darstellt. Dieser Absatz wird in zwei folgenden Versionen verzerrt. Die fehlerhaften Abbilder des Originaltextes entlarven die Schicksale derer, die weder wohlhabend, noch weiß sind. Indem Morrison die standardisierten grammatischen Normen - Symbole der westlichen Kultur- beseitigt, säubert sie den weißen Text, um den schwarzen einzurichten 2 .
Als ironische Vorausdeutung auf die Vernichtung von Pecolas Traum fällt der Rahmen in sich zusammen. Diese gebrochene Sprache, die jedes Kapitel unterteilt, nimmt Pecolas grausame Erfahrung vorweg und zeigt, dass die Realität der Charaktere mit der Sprache des Lehrbuchs nichts gemeinsam hat. Die Sprache in The Bluest Eye übernimmt den Tonfall der Trauer, so wie die Chronologie der Jahreszeiten ihre eigene, tragische Dynamik entwickelt. The Bluest Eye ist ein Paradigma des Todes und der Wiedergeburt; eine Umformung des natürlichen Zyklus. Die Kapitel umfassen die Stadien der Initiierung von der kindlichen Unschuld zur Erfahrung und den seelischen Tod Pecolas. 3
2.1. Autumn
Die erste Seite in The Bluest Eye verbindet zwei bedeutende Aspekte der Fiktion Morrisons. Der erste Satz “Quiet as it’s kept, there were no marygolds in the fall of 1941“ (BE: 4) geht von der afroamerikanischen Gemeinschaft aus und fängt das Milieu ein, in dem black women conversing with one another; telling a story, an anecdote, gossip[ing] about some one or event within the circle, the family, the neighborhood. 4 Der Süden symbolisiert einen Ort des Magischen, der Sinnlichkeit und der Gemeinschaft. Die vertraute Unterhaltung der schwarzen Frauen, die eng mit dem Land und mit ihren Wurzeln verbunden sind, steht für eine heilende weibliche Sprache, die mit dem rationalen patriarchalischen Diskurs nicht viel gemeinsam hat. Die französische Psychoanalytikerin und Feministin Luce Irigaray entwickelt in ihrer Arbeit Das Geschlecht, das nicht eins ist (1977) eine Theorie der Weiblichkeit. Irigaray analysiert
2
Marva Jannett Furman,
Toni Morrison’s fiction
(South Carolina, 1996), S. 19-20.
3
Terry Otten,
The Crime of Innocence in the fiction of Toni Morrison
(Missouri, 1989), S. 9.
die patriarchalischen Machtverhältnisse, welche die weibliche Sprache, die Logik, das Verständnis der Subjektivität strukturieren, und sie postuliert „die Andersartigkeit des weiblichen Begehrens und der weiblichen Sprache“ 5 . Die weibliche Sprache, Irigarays
parler femme, kommt dann zustande, wenn Frauen sich miteinander unterhalten, und es setzt aus, wenn Männer anwesend sind.
Mit dem zweiten Satz “We thought, at that time, that it was because Pecola was having her father’s baby...” (BE: 4) entwirft Morrison eine Ästhetik, welche den Leser zwingt, an dem Geschehen teilzunehmen. Morrison strebt die dreifache Zusammenarbeit zwischen Autor, Sprecher und Leser an:
The intimacy I was aiming for, the intimacy between the reader and the page, could start up immediately because the secret is being shared at best, and eavesdropped upon, at the least. ... Because I know (and the reader does not - he or she has to wait for the second sentence) that this is a terrible story about things one would rather not know anything about. 6
If the conspiracy that the opening words announce is entered into by the reader then the book can be seen to open with its close: a speculation on the disruption of ‘nature’ as being a social disruption with tragic individual consequences in which the reader, as part of the population of the text, is implicated. 7
Der Vorgriff auf die inzestuöse Verbindung zweier Individuen, durch die dasselbe Blut fließt, wird als eine Funktion des Schicksals oder der Natur codiert. Der Akt des Rückblicks gehört einem markanten Punkt der Handlung oder des inneren Vorgangs an. Gleichzeitig kennzeichnet sich die Einleitungspassage durch eine eingeschobene Vorausdeutung, denn sie spielt auf den Ausgang der Handlung im Roman an. 8
Rückblickend fasst Claudia die Konsequenzen der Geschichte, die sie erzählen wird, zusammen und bewegt sich dann zurück, um die Wurzeln der Ereignisse zu enthüllen. Die Geschichte von Chollys Vergewaltigung seiner Tochter, der Tod von Pecolas verbotenem Baby, Chollys Tod und Pecolas Wahnsinn folgt: „Cholly Breedlove is dead; our innocence too.“ (BE: 4). Das bedeutende Thema der gescheiterten Unschuld wird in den anfänglichen Worten von Claudias Erzählung eingeführt.
4
Marva Jannett Furman,
Toni Morrison’s fiction
( South Carolina, 1996), S. 13.
5 Chris Weedon, Wissen und Erfahrung: Feministische Praxis und poststrukturalistische Theorie (Zürich, 1990), S. 84.
6 Toni Morrison, The Bluest Eye, Afterword (Vintage, 1999), S. 169-170.
7 Ebd., S. 171.
8 Thomas Eicher und Volker Wiemann, Arbeitsbuch Literaturwissenschaft (München, 1997), S. 100.
2.1.1. Unterdrückte Sexualität und sexuelle Unterdrückung Das zentrale Thema, Pecolas grausamer Verlust der Unschuld, wird im Roman mit vielen hierarchischen Schichten der Dominanz und Unterwerfung vernetzt, welche durchweg aus größeren oder kleineren Vergewaltigungen bestehen. The Bluest Eye wiedergibt nicht nur den psychischen oder physischen Übergang von der Unschuld zur Erfahrung von Frieda, Claudia und Pecola, sondern bezieht andere Fall-Geschichten mit ein, wie etwa die verlorene Unschuld Chollys und Paulines, die der respektablen Geraldine und die des fragwürdigen Soaphead Church.
Claudia kündigt auf der ersten Seite an, dass das Thema der Sexualität als der Ort wo Gewalt, Hass und Wut zwischen Opfer und Täter entsteht, zentral für das Geschehen sein wird. Der beginnende Satz „nuns go by as quiet as lust“ (BE: 5) spricht von einer Sexualität, die pervers ist, und die unter der trügerischen Stille enthüllt, dass nichts so ist wie es scheint. Auch die folgende Szene mit Rosemary Villanucci suggeriert Sexualität: „make red marks on her white skin... pull her pants down“ (BE: 5). Rosemarys Tränen und die erröteten Stellen auf ihrer Wange implizieren, dass physische Gewalt und Sexualität miteinander verknüpft sind. Morrison weist auf die Verletzbarkeit kleiner Mädchen im Allgemeinen hin:
„The assertion of racial beauty…a child; the most vulnerable member; a female…some aspects of her [Pecolas] woundability were lodged in all young girls” (BE: 168, Afterword).
Trotz der Rassen- und Klassenunterschiede ist auch Rosemary als kleines Mädchen dem Sexismus ausgesetzt. 9
Die Szene, in der Henry von Claudia und Frieda auf Geld durchsucht wird „our hands wandering over Mr. Henry’s body“ (BE: 10), lässt seine pädophilen Neigungen erahnen. Auch seine „girlie magazines“ (BE: 18) und sein Verhältnis zu den Huren entlarven ihn als einen Lustmolch. In dem Abschnitt „Spring“ belästigt Mr. Henry Frieda sexuell. Derart Männer verfügen frei über ihre Sexualität und zielen darauf ab, perversem Verlangen nachzugehen. Wie Henry, vergreift sich auch Soaphead Church gerne an unschuldige Kinder ungeachtet des Geschlechts. Die Perversität beider Täter äußert sich in dem Zwang, hilflose und unwissende Kinder als Objekte ihrer Lust auszunutzen. In der heutigen Sexualmedizin gelten Praktiken als pervers, wenn sie zwanghaft, destruktiv oder belastend sind.
9
Lisa Williams,
The artist as outsider in the novels of Toni Morrison and Virginia Woolf,
(London, 1958), S. 60.
Quote paper:
Emese Farkas, 2003, Toni Morrison, "The Bluest Eye": Rassen-, Klassen- und Geschlechtervorurteile als Ursache für Pecolas Zerstörung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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