

Universität Wien, Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät
Historisch musikwissenschaftliches Seminar
Institut für Musikwissenschaft, WS 06/07
Der Aulos
Historische Entwicklung und Aufführungstechnik
von
Heike Sauer
Inhaltsverzeichnis
1 Definition... 3
2 Die Entwicklungsgeschichte des Aulo... 4
2.1 Von der Frühgeschichte bis zur dorischen Wanderung... 4
2.2 Die Zeit der Geometrischen Stile und die Archaische Zeit... 8
2.3 Von der Klassik bis zur Spätantike... 10
3 Das Mundstück des Aulo... 16
4 Aufführungstechnik... 21
4.1 Dopplung der Röhren... 21
4.2 Überblasen... 23
5 Literaturverzeichnis... 25
5.1 Antike Autoren... 25
5.2 Sekundärliteratur... 26
6 Abbildungsverzeichnis... 27
1 Definition
„So heißt das Musikinstrument ‚Aulos’, weil die Luft hindurch geht, und alles was, geradlinig ausgestreckt ist, nennen wir Aulos, wie das Stadion und den Blutstrom.“
(Athenaios, Deipnosophistai V, 189 b,c)1
Auf diese Weise erklärt Athenaios (um 200 nach Chr.) in seinem „Gelehrtenmahl“ das Wort ‚Aulos’ (αυλός), und führt anschließend weitere Übersetzungsmöglichkeiten für ‚Aulos’ oder etymologisch sehr nah verwandte Wörter auf. So seien auch ‚Hof’, ‚Abgrund’, ‚Höhle’ und ‚Palast’ damit bezeichnet worden.2 Das Wort selbst ist indogermanischer Herkunft;3 ob die Indogermanen darunter jedoch schon ein Blasinstrument verstanden, oder aber damit einfach eine Röhre oder einen Hohlraum bezeichneten, hat sich bis heute noch nicht klären lassen. Man ist sich nicht einmal sicher, ob in der früheren Instrumentengeschichte ‚Aulos’ nicht nur als ein übergeordneter Sammelbegriff für Blasinstrumente fungierte.
Der Aulos war ein Instrument, das in der Regel paarig gespielt wurde. Das bedeutet, dass zwei unabhängige Röhren, in einem spitzen Winkel zueinander, gleichzeitig verwendet wurden, und dass der Aulet zwei Mundstücke zugleich bewältigen musste. Daraus geht auch die häufig gebrauchte Pluralform ‚Auloi’ hervor, die demnach nicht unbedingt mehrere Instrumentalisten voraussetzen muss.
Die Bohrung der Röhren war meist zylindrisch4 oder nur minimal konisch, wie es dem natürlichen Wachstum von Knochen, Schilfrohren oder Hölzern entspricht. Den ursprünglichen, einfachen Aulos beschreibt der griechische Schriftgelehrte Pollux (2. Hälfte des 2. Jh. nach Chr.) in seinem „Namenslexikon“5 derart exakt, dass man sich genaue Vorstellungen von diesem Instrument machen kann (Abbildung 1): Bombyx (βόµβυξ) bezeichnet die Röhre, in die die Trypemata (τρυπήµατα), die Grifflöcher, eingearbeitet sind. Zwischen Bombyx und dem Mundstück Zeugos (ζευγος), das manchmal auch nur durch das Teilstück Glotta (γλωττα), die sogenannte Zunge, umschrieben wird, sitzen zwei eiförmige Zwischenstücke, Holmos (όλµος) und Hypholmion (υφόλµιον).
2 Die Entwicklungsgeschichte des Aulos
2.1 Von der Frühgeschichte bis zur dorischen Wanderung
Die griechische Kultur, und damit auch die Musikkultur, entsprang aus zwei Quellen, nämlich der vorgriechisch-ägäischen und der indogermanischen.6 Um das Jahr 2000 v. Chr. setzte mit den Ioniern, um 1800 mit den Achaiern die erste Welle von indogermanischen Wanderungen nach Griechenland ein. Diese Völker sollten später zum Hauptträger der mykenischen Kultur werden. Nach Aign brachten sie aber kaum Musikinstrumente mit, sondern lernten diese bei den Minoern kennen, die von den Mykenern, wie die anderen vorgriechischen Stämme auch, ab dem 16. Jahrhundert immer mehr verdrängt wurden.
Die zweite Wurzel der griechischen Musik ist neben der indogermanischen die ägäische. Der ägäische Raum wurde erst ab dem 4. Jahrtausend durch die buntkeramischen Wanderung aus dem Osten besiedelt.7 Deshalb ist ein Teil der Musikkultur auch im palästinensisch-mesopotamischen Gebiet zu suchen.
Von dort stammt der früheste Beleg für ein aulosartiges Instrument. Die fünf Bruchstücke zweier silberner, zylindrischer Röhren, die aus der ersten Dynastie von Ur (um 2450 vor Chr.) stammen, fand man bei den Ausgrabungen des Königsfriedhofs von Ur. (Abbildung 2) Mehrere Rekonstruktionsversuche des wohl paarig geblasenen Instruments lassen unterschiedliche Möglichkeiten für die Anordnung der Fingerlöcher zu. Genauere Informationen dazu gibt der Aufsatz von Lawergren.8 Der endgültige Nachweis jedoch, dass es sich um ein Rohrblattinstrument handelt, steht noch aus.
Die älteste Darstellung eines aulosartigen Instruments bzw. eines Aulosspielers in der Ägäis ist ein Kykladenidol von der Insel Keros, das um 2200-2000 einzuordnen ist.9 Die 20 cm hohe Marmorfigur wurde gemeinsam mit einer Harfe spielenden Figur in einem Grab gefunden und ist männlichen Geschlechts. Obwohl das vom Spieler aus gesehen linke Schallrohr beschädigt ist, vermutet man, dass die beiden verhältnismäßig kurzen Röhren wohl ursprünglich einmal gleich lang gewesen sind. (Abbildung 3) Jedoch lässt sich auch hier nicht erkennen, um welche Art von Blasinstrument es sich handelt.
6Auch in der minoischen Kultur auf Kreta war ein aulosartiges Instrument bekannt. Dies belegen verschiedene Fresken und der berühmte Alabastersarkophag aus dem Palast von Hagia Triada, der um 1400 datiert ist. (Abbildung 4)
[Alle Abbildungen in der Downloaddatei vorhanden]
[...]
1 Friedrich, Athenaios, Das Gelehrtenmahl I – VI, 1998, Seite 395 f.
2 Deipnosophistai, V, 189 c-f.
3 Huchzermeyer, Aulos und Kithara in der griechischen Musik, 1930, Seite 13.
4 Deutlich konisch gebohrte Instrumente sind durch einige Abbildungen belegt, jedoch existieren keine Funde solcher Auloi.
5 Pollux, Onomastikón, IV,70.
6 Aign, Geschichte der Musikinstrumente, 1963, Seite 362.
7 Aign, Geschichte der Musikinstrumente, 1963, Seite 359 f.
8 Lawergren, Extant Silver Pipes from Ur, 2000.
9 Vgl. Ekschmitt, Kunst und Kultur der Kykladen, 1986, Seite 95 ff.
Arbeit zitieren:
Mag. Art; Mag. Phil Heike Sauer, 2006, Der Aulos, München, GRIN Verlag GmbH
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