Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
0.1. Aufbau der Arbeit 5
Grundlagen der deiktischen und anaphorischen Analyse 6
Referenzbegriff 7
1.1.1. Bedeutung und Sinn 8
Die Identifizierbarkeit des Referenten 9
1.2.1. Referenzbereiche 10
Aspekte der Referenz 13
1.3.1. Deixis und Koreferenz 13
1.3.2. Anaphorik und Koreferenz 15
1.3.3. Deiktische und anaphorische Referenz 19
1.3.3.1. Deiktische Referenz 20
1.3.3.2. Anaphorische Referenz 23
Das allgemeine sprachtheoretische Konzept NA
und das Organon Modell 26
1.4.1. Nennwörter und Zeigwörter 28
1.4.1.1. Nennwörter 28
1.4.1.2. Zeigwörter 29
1.4.1.3. Modi des Zeigens 30
Deixis 33
Definition der Deixis 33
1
2.1.1. Die Grundstruktur des deiktischen Systems......................................35
2.1.2. Deiktische Ausdrücke 37
2.1.3. Kategorien der Deixis 39
Lokaldeixis 43
2.2.1. Lokaldeiktische Ausdrücke 44
2.2.2. Kategorisierung der Lokaldeixis 46
2.2.2.1. Proximale Lokaldeixis 47
2.2.2.2. Distale Lokaldeixis 47
2.2.2.3. Beispiele für proximale und distale Lokaldeixis 50
2.2.3. Subkategorisierung der Lokaldeixis 52
2.2.3.1. Analogische Lokaldeixis 52
Temporaldeixis 54
2.3.1.. Definition der Temporaldeixis 54
2.3.2. Subkategorisierung der Temporaldeixis 57
2.3.2.1. Vergangenheits und zukunftsbezogene Temporaldeixis 57
Personaldeixis 60
Sozialdeixis 63
2.5.1. Anredeformen und ihre Verwendung im Deutschen 64
Diskursdeixis 67
2.6.1. Theoretischer Rahmen und die Definition der Diskursdeixis 68
2.6.2. Beispiele für Diskursdeixis 71
3.0. Anapher 74
Definition der Anapher 74
Diskursdeixis vs Anapher 79
2
3.3.
Kategorien der Anapher 82
3.3.1. Syntaktische Anapher 82
3.3.2. Semantische Anapher 83
3.3.3. Pragmatische Anapher 84
Der bestimmte Artikel in anaphorischer Funktion 85
..3.4.1. Anapher im Diskurs 87
Indirekte Anapher 90
Ausdrucksmittel der Anapher Katapher 94
Katapher 94
3.7.1. Kataphorika 96
3.7.2. Kategorien der Katapher 97
Zusammenfassung und Schlusswort 101
Literaturverzeichnis 105
3
0. Einleitung
Wie aus dem Titel hervorgeht, hat diese Arbeit zwei Schwerpunkte, nämlich Deixis zum einen und Anapher zum anderen. Diese sprachlichen Phänomene, die Gegenstand der Pragmatik und Semantik sind, bezeichnen zwei spezielle Aspekte der Ableitung von Äußerungsbedeutungen. Die Ausdrucksbedeutung von anaphorischen und deiktischen Ausdrücken 1 , setzen durch einen Bezug auf den unmittelbaren Äußerungskontext eine spezifische Referenz dieser Ausdrücke voraus, die Sprachwissenschaftler und Philosophen bereits seit der Antike beschäftigt.
Gegenstand der Arbeit ist die dem Autor bzw. Sprecher sowohl beim mündlichen als auch beim schriftlichen Erzählen permanent zur Verfügung stehende eminente Sprachmittel Deixis und Anapher 2 anhand der Fachliteratur und der anaphorischen und deiktischen Ausdrücke, die die Sprachphänomene repräsentieren, zu untersuchen und eine klare Grenze zwischen den beiden Termini zu ziehen.
Die Problematik, die diesen sprachlichen Phänomenen innewohnt, ist die Tatsache, dass die Begriffe der linguistischen Forschung entweder unklar abgegrenzt oder als Ganzes interpretiert wurden. Obwohl bis zur Gegenwart die Abgrenzung sowie das Dazuzählen der Anapher zur Deixis anhand Bühlers Darlegungen mehrmalig erforscht und diskutiert worden sind, wurden sie bis heute noch nicht völlig statuiert. Um diese sprachlichen Phänomene im heutigen Sinne abgrenzen zu können, halte ich es für angebracht, einen strukturierten Überblick über die Forschungsgeschichte zu geben, wobei ich mich bei meiner Untersuchung auf die unterschiedlichen 1 Die sprachlichen Ausdrücke, die das Phänomen der Deixis und der Anapher sprachlich darstellen, werden in der einschlägigen Literatur als „deiktische Ausdrücke“ oder „Deiktika“ und „anaphorische Ausdrücke“ oder „Anaphorika“ bezeichnet. Wobei sich die Deiktika auf die deixisrelevanten Ebenen der Äußerungssituation (Ort, Zeit und Person), die dementsprechend als lokale, temporale und personale Deixis bezeichnet werden, beziehen.
2 Anapher/Katapher werden von Halliday/Hasan mit dem Oberbegriff Endophora betitelt, indem sie die Anaphora als eine spezielle Form der Referenz und die Referenz als zentrales Konzept zur Erzielung von Kohäsion in Texten darstellen. Während sie Endophora als Bezug auf textinterne Einheiten benennen, bezeichnen sie die Deixis als den textexternen Bezug auf situative Elemente, indem sie Deixis als Exophora betiteln. (Vgl. hierzu Halliday/Hasan 1976:31- 33). Da die von Halliday/Hasan entworfenen Begriffe „Endophora“ und „Exophora“ sich im sprachwissenschaftlichen Sinne nicht ganz durchsetzen konnten bzw. nicht eingebürgert sind, werden in dieser Arbeit die sprachlichen Phänomene als Anapher und Deixis übernommen.
4
Auffassungen der verschiedenen Autoren wie Bühler, Braunmüller, Herbermann, Fränkel, Ehlich, Fillmore u.a. stützen und deren Konzepte darlegen möchte.
In der vorliegenden Arbeit soll der Gebrauch und die Funktion anaphorischer und deiktischer Ausdrücke im sprachlichen Handeln, die den Autoren besonders beim literarischen Erzählen große Dienste leisten, untersucht werden.
0.1. Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich hauptsächlich in drei Teile.
Im ersten Abschnitt wird der für die weitere Untersuchung bedeutende Referenzbegriff, mit dem man zwischen sprachlichem Zeichen und der außersprachlichen Wirklichkeit Bezug nehmen kann, eingeführt und terminologisch geklärt. Anschließend wird das ausschlaggebende sprachtheoretische Konzept Bühlers vorgestellt und dadurch auf die als nebulös betrachteten Sprachphänomene eingegangen.
Im Abschnitt 2 möchte ich die klassische variable der Deixis terminologisch definieren, die öfters als lokale, personale und temporale Deixis, sowie auch unter Diskursdeixis 3 bzw. Rededeixis oder Textdeixis bezeichnet wird. Dabei werde ich die von Fillmore (1972) eingeführte Sozialdeixis, die auch bezüglich der Höflichkeitsformen als Anrededeixis 4 bezeichnet werden kann, als eine eigenständige Deixis-Kategorie beschreiben.
Folgt man der Deixisliteratur, so findet man zwei weitere neu eingeführte Arten, die als Aspektdeixis bzw. modale Deixis und Objektdeixis
bezeichnet werden. Ob diese Formen zu den Deixis-Kategorien hinzugefügt werden sollen, ist bisher nicht ausdiskutiert worden. Aus diesem Grund werde ich diese Kategorien, falls sie als 3 Ich werde in dieser Arbeit den von Fillmore (1972) geprägten Terminus discourse Deixis bzw. Diskursdeixis im Sinne von Textdeixis oder Rededeixis verwenden. Dabei werde ich sie im Gegensatz zu Harweg (1990) und Sennholz (1985), die die Textdeixis als eine Sonderform der Deixis bezeichnen, als eine eigenständige Kategorie der Deixis darstellen.
4 Im Sinne von Sozialdeixis verwendet Harweg (1990:20) den Begriff „Anrededeiktika“, die er aber nicht als eine deiktische Kategorie, sondern als eine Form der personalen Heterodeiktika sieht.
5
Kategorie bezeichnet werden können, unter der allgemeinen Deixis-Definition beschreiben. Die Diskursdeixis wird im Gegensatz zu der herkömmlichen Klassifizierung statt eine Kategorie der Versetzungsdeixis, vielmehr, Sonderform der Deixis, als eine eigenständige Art dargestellt. Ohne dass das sprachliche Phänomen Anapher in diese Kategorie eingegliedert wird, wird anhand von Beispielen die Diskursdeixis von der Anapher konfrontiert unterschieden.
Im Abschnitt 3 wird der zweite Schwerpunkt der Arbeit bzw. Definition der Anapher wiedergegeben, zu der die rückverweisende Katapher, die in der bisherigen Forschung im Vergleich zur Anapher nicht beständig ausgearbeitet wurde, hinzugefügt wird.
Da der Ausgangspunkt dieser Arbeit den Begriff der Anapher von der Deixis exakt sondert, wird die sprachliche Erfassung Anapher anhand einiger Beispiele von Deixis bzw. der Diskursdeixis abgegrenzt. Außerdem sollten die Kategorien von Anapher hierfür eine Hilfe sein, um diese von der Deixis trennen zu können. Hierbei werde ich insbesondere in Anlehnung an Schwarz (2000) neben der gewöhnlichen Anaphorika das textuelle Phänomen der indirekten Anapher, die als eine klar abgrenzende sprachliche Erscheinung zwischen der Diskursdeixis und Anapher bezeichnet werden kann, im Abschnitt 3.5. gegenüberstellend beschreiben.
1.0. Grundlagen der deiktischen und anaphorischen Analyse
Sowohl Referenz, die im Rahmen der Deixis- und Anapherforschung ein untrennbarer Begriff ist, als auch das ausschlaggebende Bühlersche Konzept, bilden die Grundlagen der Deixis und Anapher.
Ferner sollen die Begriffe Referenz und Koreferenz beschrieben werden. Um die nebulöse Darstellung zwischen Koreferenz und Anaphorika zu entschärfen, wird in diesem Abschnitt auf die sprachwissenschaftlichen Theorien eingegangen und koreferentielle Ausdrücke den anaphorischen Ausdrücken gegenübergestellt.
6
1.1. Referenzbegriff
Referenz bezeichnet die Beziehung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und NA
damit genannten Inhalt der außersprachlichen Realität die uns die NA
Bezugnahme auf Aspekte wie Personen Gegenstände Zustände und NA
ermöglicht. Es wurde bereits darauf hingewiesen dass die NA
Erscheinungen Deixis und Anapher ohne auf den Begriff der Referenz NA
nicht zu erfassen sind Allerdings sollte man deshalb nicht zum Schluss NA
dass die Referenz nur mithilfe deiktischer und anaphorischer NA
anzuwenden sei Der folgende Satz soll aufzeigen dass ohne anaphorische NA
deiktische Ausdrücke auf Gegenstände sowie Sachverhalte Bezug NA
werden kann werden NA
Rauchen schadet der NA
Wie der Satz zeigt sind weder deiktische Ausdrücke wie hier jetzt ich NA
anaphorische Ausdrücke bzw Wiederholung oder ein Bezug auf NA
vorerwähntes sprachliches Element vorhanden Um den NA
ostentativ beschreiben zu können ist es konsequent Freges Auffassung NA
Unterscheidung zwischen Bedeutung und Sinn bzw Referenz und Sinn NA
die sich vor allem Autoren besonders mit sprachphilosophischem NA
wenden, darzustellen wenden NA
5 Vgl Wahrig und Bußmann 554
6 Frege verwendet den Begriff Bedeutung im Sinne von Referenz Da der Terminus Bedeutung NA
diesem Zusammenhang zu Missverständnissen führt wird er mit dem Terminus NA
wiedergegeben. Beide Termini bezeichnen die sprachlichen Ausdrücke die auf Gegenstände NA
Sachverhalte sowohl in der realen als auch in der fiktiven Welt verweisen Sinn ist die NA
für das innersprachliche Bezugnehmen wodurch das betreffende Zeichen von den anderen NA
unterschieden werden kann vgl hierzu Vater und Bußmann NA
7
1.1.1. Bedeutung und Sinn
Die Termini Bedeutung und Sinn, die ich in Anlehnung an Lyons 7 als Referenz und Sinn übernehme, wurden von mehreren Autoren uneinheitlich bezeichnet. 8 Bereits Frege (1892) wies in „Über Sinn und Bedeutung“ auf den Unterschied eines sprachlichen Ausdrucks und dessen Bezug auf die außersprachliche Wirklichkeit hin, indem er „bedauerlicherweise“ wie Vater 9 es ausdrückt, anstatt Referenz den Begriff Bedeutung im Sinne von Referenz verwendete.
Zur Unterscheidung gab Frege (1892) das bekannte Beispiel von Morgenstern und Abendstern. Beide Ausdrücke haben zwar das gleiche Referenzobjekt bzw. den gleichen Referenten Venus, sind aber vom Sinn her offensichtlich unterschiedlich. Während Morgenstern sich auf den Planeten Venus als den hellsten Stern bezieht, bezieht sich der Abendstern als den hellsten Stern am Abend. Das folgende Beispiel soll den Unterschied zwischen Referenz und Sinn illustrieren:
1. Die Landeshauptstadt von NRW hat ca. 580.000 Einwohner.
2. Die Modestadt hat die größte Modemesse der Welt.
Obwohl die Bezeichnungen die Landeshauptstadt von NRW und die Modestadt keineswegs Synonyme sind und sich hinsichtlich ihres Sinns unterscheiden, nehmen sie auf dasselbe Referenzobjekt Düsseldorf Bezug.
Den Beispielsätzen zufolge kann zusammenfassend festgehalten werden, dass sinnverschiedene Ausdrücke, wie auch Vater 10
bestätigt, denselben Referenten haben können. 7 Vgl. Lyons 1977: 207 – reference und sense.
8 Carnap 1947: „Extension und Intension“; Frege 1982/1975: „Bedeutung und Sinn“; Odgen/Richards 1923: „Reference bzw. Referenz und Bedeutung“; Black 1949: „Reference und Sense“ und Lyons 1977: „Referenz und Sinn“, indem er den Terminus „Denotation“ in Anlehnung an Russel 1905 unter Referenzpotential einbezieht und die drei Begriffe als Komponente der deskriptiven Bedeutung bezeichnet– Vgl. hierzu Vater 2001: 112 und Wunderlich 1974: 242.
9 Vgl. Vater 2005: 13.
10 Vgl. Vater 2005: ebd.
8
1.2. Die Identifizierbarkeit des Referenten
Wenn der Sprecher auf einen Gegenstand referentiellen Bezug nehmen will, sind folgende Schritte durchzuführen: Um einen referentiellen Ausdruck identifizieren zu können, intendiert der Sprecher auf den geäußerten Ausdruck. Damit sein Adressat bzw. der Hörer den betreffenden Gegenstand identifizieren kann, muss der Sprecher möglicherweise einen bestimmten referentiellen Ausdruck äußern, der eine Identifikation mit dem Referenten gestattet. Gewiss ist die Referenz nur dann vollbracht, wenn sie vom Hörer eindeutig wahrgenommen wird. Demgemäß kann die Referenz erst dann eindeutig erfolgreich sein, wenn der Gegenstand,
auf den der Sprecher verweist, dem Hörer bekannt ist. Ein Beispiel dazu ist der folgende Satz:
1. Das einzig erhaltene Weltwunder ist sehenswert.
Zuvorderst ist zu bemerken, dass die Nominalphrase das einzig erhaltene Weltwunder eine definite Kennzeichnung für die Pyramiden von Gizeh ist. Im Fall, dass der Referent dem Hörer nicht bekannt ist bzw. er kein Wissen über den Referenten verfügt oder aber er unter der Bezeichnung das einzig erhaltene Weltwunder statt Pyramiden von Gizeh, den Koloss von Rhodos versteht, kann die Referenz misslingen. In dem Beispielsatz ist die Referenz erst dann gelungen, wenn der Hörer aufgrund seiner Bildung und Lebenserfahrung erkennt, dass es sich bei der Äußerung um das einzig erhaltene Weltwunder auf Pyramiden von Gizeh handelt.
Hierbei sollte erwähnt werden, dass die aktuelle Forschung im Gegensatz zu den früheren Arbeiten das Referieren auf Gegenstände nicht mit der faktischen Welt abgrenzt, sondern auch die Aspekte der fiktiven Welt beispielsweise den Weihnachtsmann und Märchengestalten wie Feen auch dazuzählt. 11
Schwarz hebt 11 Vgl. Vater 2005: 11 und Schwarz 2000: 24.
9
diese Abgrenzung des Referierens auf und begründet ihre Meinung, der ich mich anschließe, wie folgt:
„Die Interpretation von Texten involviert nicht nur interne Informationspräsentation, sondern immer auch Referenzstrukturen, d.h. die Verbindung zu einer externen Weltebene.“ 12
In diesem Zusammenhang kann festgehalten werden, dass man je nach Text nicht nur auf die reale und gegenwärtige, sondern auch auf die vergangene, zukünftige oder, wie oben beschrieben, auf die vorgestellte bzw. fiktive Welt referieren kann. Anders ausgedrückt: Die Referenz ist nicht auf die faktische Welt beschränkt. Die nachfolgenden Beispiele sollen dies illustrieren:
2. Wenn ich mal Zwillinge habe, werde ich eine zweifache Mutter sein.
3. Meine Muse inspiriert mich beim Schreiben.
4. Ich fühle mich wie Immanuel Kant. Ich wache jeden Morgen um dieselbe Zeit auf.
5. Wenn es doch keinen Krieg gäbe!
6. Spiderman ist mein bester Freund.
Ob der Referent fiktiv oder real ist, ist hier nicht von Bedeutung; ausschlaggebend ist nur, dass der Hörer auf den Referenten Bezug nehmen kann. Bevor auf die Aspekte der Referenz eingegangen wird, halte ich es für sinnvoll, einen kurzen und prägnanten Überblick über die Referenzbereiche zu geben.
1.2.1. Referenzbereiche
Dass jeder Text mehrere Referenzbereiche beinhalten kann, ist unbestritten. Durch die Beantwortung der sechs W-Fragen wird es uns möglich den jeweiligen Referenzbereich, insbesondere die folgenden vier Bereiche festzustellen 13
10
Situationsreferenz: Vater bezeichnet die Situationsreferenz als die übergeordnete Referenzform. Wenn ein Satz auf eine Situation wie Hier ist es kalt! referiert, wird von der Situationsreferenz gesprochen.
Dingreferenz: Dingreferenz, die vom Vater als „klassischer Fall von Referenzform“ 14 bezeichnet wird, bezieht sich auf Gegenstände sowie auf Personen in einer Äußerung wie die wunderschöne Braut.
Ortsreferenz: „Die Ortsreferenz fasst die Positionierung eines Dings oder einer Situation [...] und direktionale Referenz, d.h. Bewegung zu einem Ort hin zusammen,“ 15 wie Sie fährt nach Köln.
Zeitreferenz: Die Zeitreferenz bezieht sich in einem Satz auf temporale Relationen bzw. auf zeitliche Situationen, wie Er wartet schon seit zwei Stunden.
Im Folgenden sollen die oben komprimiert dargestellten Referenzbereiche mittels zusammengeketteter Anapher und Deixis Beispielen illustriert werden:
Situationsreferenz:
1. Der Mann hört aufmerksam zu und runzelt seine Stirn. (anaphorisch)
Er 16 hat die Tasche gestohlen! (deiktisch)
2.
Dingreferenz:
3. Die Kleidung ist alt. Sie ist nicht mehr modern. (anaphorisch)
4. Dieser Mann ist krank. (deiktisch) 13 Vgl. Vater 2005: 71.
14 Vater 2005: ebd.
15 Vater 2005: ebd.
16 Obwohl das Personalpronomen „er“ zumeist als anaphorischer Ausdruck gekennzeichnet ist, wird es auch als deiktischer Ausdruck identifiziert. Die Voraussetzung für solch eine Feststellung ist, dass das Pronomen „er“ betont, d.h. zeigend geäußert wird.
11
Ortsreferenz: 5. Die Türkei liegt auf dem asiatischen und europäischen Kontinent. Sie ist der einzig islamische Nato-Staat. (anaphorisch)
6. Hier gibt es keine Siesta. (deiktisch)
Zeitreferenz:
7. Nachdem Mario gefrühstückt hatte, verließ er sofort seine Wohnung. (anaphorisch)
8. Seit gestern überlegt sie sich, was zu schreiben ist. (deiktisch)
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die oben angeführten Beispiele, der klassischen Anapher und Deixisdefinitionen entsprechend, bewusst gegeben wurden. Daraus sollte man aber nicht den Schluss ziehen, dass allein durch solche Äußerungen ein Bezugnehmen realisiert wird.
Selbstverständlich kann ein Bezugnehmen, neben einem klassisch dargestellten Anapherbeispiel 17 , auch mit den indirekten Anaphern dargestellt werden. In folgenden Sätzen nehmen die Referenten einen vorverweisenden Bezug auf die indirekten Anaphern:
9. Mein Computer ist abgestürzt. Die Festplatte muss formatiert werden.
10. Das Auto springt nicht an. Der Akku ist leer.
Obwohl die Referenz nicht durch identische Pronomina oder eine Wiederholung realisiert wird, bezeichnen die Referenten die Festplatte und der Akku deren Bestandteile. 18
Hierbei ist zu erwähnen, dass nicht alle Referenten im Text gleichmäßig wichtig sein können. Die hierarchische Strukturierung erfolgt, je nach der Wichtigkeit und Position des Referenten. Während einige der Referenten im Mittelpunkt stehen, können andere nur am Rande in Erscheinung treten. Die Rangstufe des Referenten 17 Da Deixis ohne deiktische Ausdrücke wie dort, hier, eben, ich u.a. kaum zu demonstrieren ist, werden in diesem Fall nur die Beispiele für anaphorische Ausdrücke gegeben. 18 Auf eine ausführliche Beschreibung der indirekten Anaphern wird im Laufe der Arbeit eingegangen.
12
ist von der Popularität abhängig, so dass ein bereits erwähnter Referent ökonomisch beschrieben werden kann.
Da ein ausführliches Eingehen auf die Referenzforschung den Rahmen der Arbeit sprengen würde, wird an dieser Stelle nach Vaters Bezeichnung auf die Beschreibung der „marginalen Referenzbereiche ‚Eigenschaftsreferenz, Modal(itäts)referenz und Quantitätsreferenz’ “ 19 verzichtet. Wie schon darauf hingewiesen wurde, ist ohne Referenz ein Bezugnehmen wohl unwahrscheinlich und deshalb, die Beschreibung von Arten des Referierens lediglich im Zusammenhang von Anapher und Deixis, selbstverständlich.
1.3. Aspekte der Referenz
1.3.1. Deixis und Koreferenz
Winkelmann unterscheidet zwei Teilaspekte der Referenz, die er als „Deixis und Koreferenz: Anaphora, Kataphora“ 20 bezeichnet. Während er die Koreferenz als „einen weiteren Sonderfall des allgemeinen Phänomens der Referenz, der sich von der Deixis grundsätzlich unterscheidet“ 21 beschreibt, bezeichnet er die Deixis als einen ostensiven Bezug, und stellt seine Auffassung folgendermaßen dar:
„Während Deixis die ostensive Beziehung zwischen sprachlichem Ausdruck und in der Sprechsituation vorhandenem Objekt meint, ist Koreferenz eine textinterne Relation zwischen sprachlichen Ausdrücken, die durch einen identischen Verweis auf die Welt bedingt ist. “ 22
Angesichts dieser Auffassung ist es adäquat, die Deixis nach dem Vorhandensein des Referenzobjektes und die Koreferenz nach dem 19 Vater 2005: 72.
20 Winkelmann 1978: 1. Obwohl die anaphorischen und kataphorischen Ausdrücke mit der Koreferenz nicht gleichgesetzt werden können, identifiziert Winkelmann die Begriffe Anaphora/Kataphora als korefentiell, die im Folgenden gegenüberstellend beschrieben werden. 21 Winkelmann 1978: 35.
22 Winkelmann 1978: ebd.
13
kongruenten Referenzobjekt zu identifizieren 23 . Um die Koreferenz bzw. Referenzidentität zu verdeutlichen, sollen folgende Sätze 24 betrachtet werden:
1. Lars sagt, dass er krank ist.
2. Lars sagt, dass er sich krank fühlt.
3. Lars sagt, dass er ihn krank macht.
4. Er sagt, dass Lars krank ist.
Zu den Beispielsätzen: Im ersten Beispielsatz (1) können er und Lars koreferent sein, d.h., es ist möglich, dass Lars Antezedent 25 zu er ist. Dabei ist zu bemerken, dass er und Lars nicht unbedingt in koreferentieller Beziehung sein müssen. In (2) sind er und sich durchaus koreferent. Lars und er/sich können, aber müssen nicht unbedingt koreferent sein. In (3) können er und ihn keineswegs koreferent sein. Es ist möglich, dass Lars zu er oder ihn Antezedent ist, dabei ist auch in diesem Fall dies nicht von Zwang. In dem letzten Beispielsatz (4) ist es eindeutig, dass Lars und er nicht
dieselbe Person sind, daher können sie auf keinem Fall koreferent sein. Die oben angeführten Beispielsätze demonstrieren die Eigenschaft des Koreferenzbegriffs unter der Voraussetzung, dass die koreferentielle Beziehung erst dann entsteht, wenn verschiedene Ausdrücke sich auf dasselbe außersprachliche
Objekt beziehen. In diesem Zusammenhang kann es nicht unerwähnt bleiben, dass eine koreferentielle Beziehung nicht nur Satzintern bzw. in gleicher Satzstruktur, sondern auch über Satzgrenzen hinweg, d.h. in Hypertexten hergestellt werden kann, die im Folgenden explizit beschrieben werden soll.
23 Da die Deixisbeschreibung, demgemäß die deiktischen Ausdrücke, die Bestandteile dieser Arbeit sind, und im folgenden Abschnitt detailliert beschrieben werden, soll auf eine weitere Deixisdefinition anhand von Beispielen verzichtet, stattdessen die Bedeutung des Koreferenzbegriffes verdeutlicht
werden. 24 Die Beispiele sind ähnlich nach Studienbuch Linguistik 2001 verfasst worden. 25 Der Begriff Antezedens wird in der aktuellen Forschung in Anlehnung an die englische Terminologie Antezedent genannt. Daher verwende ich in dieser Arbeit den Begriff Antezedent im Sinne vom
14
1.3.2. Anaphorik und Koreferenz
Um die Deixis bzw. die Diskursdeixis von der Anapher abgrenzen zu können, ist die Unterscheidung von Koreferenz und Anapher von großer Bedeutung. Bislang wurde die Erscheinungsform der Anapher mit den Pronomina und in dem Sinne mit der Koreferenz identifiziert. In diesem Abschnitt soll bewiesen werden, dass die Anaphern nicht nur syntaktisch, sondern auch semantisch und pragmatisch in Erscheinung treten können.
Die Tatsache, dass die Anaphorik nicht an Koreferenz gebunden ist, wird auch ein Bestandteil zur klaren Unterscheidung von Deixis und Anapher sein. Obwohl eine koreferentielle Beziehung entweder durch Anaphern oder durch eigenständig referierende Ausdrücke hergestellt werden kann, wird fälschlicherweise von einigen Autoren 26 behauptet, dass Koreferenz durch die Verwendung der anaphorischen Ausdrücke realisiert wird.
Anders ausgedrückt werden Anaphorik und Koreferenz durch die Verwendung phorischer Ausdrücke wie zum Beispiel:
1. Der Mann ist endlich in Rente gegangen. Er war seit langem arbeitslos gemeldet,
aufgrund des antezedententsprechenden Ausdrucks er als bezugnehmende Verweise und demgemäß, was in diesem Fall auch sinnvoll ist, als koreferentielle und zugleich anaphorische Ausdrücke identifiziert.
Während die Koreferenz und Anaphorika wie das Beispiel zeigt, nicht leicht abzugrenzen sind, ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass sie auch unabhängig voneinander sein können. Die Verschiedenheit der beiden Begriffe ist im Grunde ziemlich übersichtlich. Holler-Feldhaus bezeichnet die Koreferenz als eine nicht notwendige Folge von Anaphorik 27
und begründet ihre Meinung wie folgt: 26 Hobbs 1979, Hauenschild 1985, Wiemer 1997 - Vgl. nach Schwarz 2000: 53 und wie erwähnt wurde, Winkelmann 1978: 1.
27 Vgl. Holler-Feldhaus 2004: 2. Ich schließe mich dieser Aussage an und vertrete ebenfalls die Meinung, dass weder alle anaphorischen Ausdrücke koreferentiell noch alle koreferentiellen Ausdrücke anaphorisch sein müssen.
15
„[...] Anaphorik ist eine Beziehung zwischen sprachlichen Ausdrücken. Koreferenz hingegen ist eine Sprache-Welt-Beziehung, denn Koreferenz liegt genau dann vor, wenn zwei oder mehrere Ausdrücke von den Kommunikationsteilnehmern dazu benutzt werden, um auf denselben Referenten in der realen, [...] konzeptuellen Welt Bezug zu nehmen. Koreferenz wird damit als Referenzidentität in der Welt interpretiert [...] und ist eine Äquivalenzbeziehung zwischen mindestens zwei Referenten und damit symmetrisch, Anaphorik hingegen ist stets eine irreflexive und asymmetrische Beziehung.“ 28
Im Folgenden soll in Anlehnung an Schwarz (2000), die die Anaphorika und
Koreferenz als „distinkte Termini“ 29 bezeichnet, die unentbehrliche
Unterscheidung dieser ineinander verflochtenen Begriffe argumentierend
zusammengefasst werden :
a. Die Relation der Koreferenz ist nicht durch die semantische, sondern durch
die referentielle Relation zwischen sprachlichen Ausdrücken und
außersprachlichen Referenten festzustellen.
b. Die Koreferenz ist ein spezifisches Referenzphänomen, die sich auf das
Sprache-Welt-Verhältnis bezieht.
c. Deshalb ist es wenig sinnvoll, einen Koreferenten als Bezugspunkt für
anaphorische Ausdrücke zu bestimmen.
d. Im letzten Punkt grenzt Schwarz die beiden Begriffe folgendermaßen ab:
„Die Koreferenzrelation besteht nicht direkt auf der Textebene, sondern entsteht erst im Prozeß der Referentialisierung durch die Zuordnung sprachlicher Einheiten auf ein und denselben Referenten und betrifft das Verhältnis zwischen textinterner und textexterner Ebene. Die Anaphorik dagegen ist ein textinternes Phänomen, das auch textexterne Aspekt involviert.“ 30
Sie unterstützt ihre Aussage durch die folgende Abbildung: 28 Holler-Feldhaus 2004: 3-4 29 Schwarz 2000: 54 30 Schwarz 2000: ebd.
16
Abbildung zu Anaphorik und Koreferenz 31
Aus dieser Zusammenfassung und der Abbildung wird deutlich, dass die Anaphorik
keine unentbehrliche Bedingung für die Koreferenz ist.
Sowohl die anaphorischen als auch die koreferentiellen Ausdrücke können
unabhängig voneinander gebraucht werden.
Beispiele für nicht koreferentielle Anaphorika:
2. Nachdem sie die Zigarette geraucht hatte, zündete sie noch eine an.
3. Maria schläft im Doppelbett. Auf der harten Matratze schläft sie besser.
4. Peter kaufte einige Stifte und steckte sie in die Hosentasche.
5. Jedes Kind weint, wenn es
seine Mutter verliert. 31 Schwarz 2000: ebd.
17
Zu den Beispielsätzen: Im Beispielsatz (2) scheint vordergründig die Nominalphrase die Zigarette und das Pronomen sie einen korefentiellen Bezug zu haben. Anscheinend besteht zwischen den beiden Ausdrücken eine Referenzidentität. Dies ist hier jedoch nicht der Fall. Um eine Referenzidentität bzw. koreferentielle Bezugnahme hervorzubringen, muss der koreferentielle Ausdruck auf den Antezedenten Bezug nehmen. Analysiert man den Satz ausführlich, erkennt man, dass das Pronomen sie und die Zigarette nicht identisch sind. Es handelt sich hier um ein neues Objekt, das zwar sprachlich konstant ist, sich aber in der Realität verändert hat. In (3) weisen das Doppelbett und die Matratze weder durch einen identischen Pronomen noch mittels einer sprachlichen Konstanz eine referenzidentische Bezugnahme auf. Das Doppelbett und die Matratze sind im Beispiel verknüpft, d.h. die Matratze ist ein Bestandteil des Doppelbettes und wird in der Anapher bzw. indirekten Anapherforschung als sloppy
identity (lexikalische Sinnidentität) 32 bezeichnet. In dem Satz (4) ist das pluralische Pronomen sie mit der Nominalphrase einige Stifte identisch, aber nicht koreferent. Da die Anzahl des Antezedenten in dem geäußerten Satz nicht exakt angebeben ist und der semantische Wert erst durch die Rede fixiert wird, kann von einer koreferentiellen Bezugnahme nicht gesprochen werden 33 . Auch in (5) kann man von einer koreferentiellen Wiederaufnahme nicht sprechen. Denn wie das Bespiel auch zeigt, verweist das Personalpronomen es auf das Indefinitpronomen jedes, dass in dem Sinne alle Kinder bezeichnet. Diese pronominale Wiederaufnahme wird auch als Bound-Variable 34 bezeichnet. Diese Feststellung wirkt auch in die koreferentielle Bezugnahme ein, wobei
Anaphorika keine bedingten Ausdrücke für die Koreferenz sind. Die Unterscheidung aus der Sicht der Koreferenz lässt sich im Vergleich zur Anapher wesentlich einfacher identifizieren, indem sie zugleich in den Hypertexten 35
ihre Verwendung findet, d.h. sie kann beispielsweise im Internet in verschiedenen Dokumenten vorkommen. Wenn ein Internetnutzer mithilfe einer Suchmaschine eine
32 Vgl. Schwarz 2000: 56. 33 Vgl. Holler-Feldhaus 2004: 5
34 Vgl. Holler – Feldhaus 2004: 4. 35 Der Begriff Hypertext die Bezeichnung für den Text, in dem sich referentielle Beziehungen manifestieren. Dabei ist zu bemerken, dass der Begriff Hypertext genauso wie der Begriff Bridging, computerbasierter Terminus ist, d.h. die Verwendung dieser Termini verdankt die Sprachwissenschaft
18
Suche nach einem bestimmten Wort, einer Wortgruppe oder einem Eigennamen wie Bill Gates aufnimmt, kann der Suchbegriff Bill Gates in verschiedenen Dokumenten vorkommen. Das folgende Beispiel soll die textübergreifende Koreferenzbeziehung, anhand zweier Dokumente, in denen der Suchbegriff vorkommt, veranschaulichen:
6. (doc1) Bereits im Jahr 1969 hatte Bill Gates seinen ersten Kontakt mit dem
Computerterminal.
7. (doc2) Microsoft-Gründer Bill Gates ist einer der reichsten Menschen der
Welt.
Es herrscht ein koreferentieller Bezug zwischen den Dokumenten, der auf den sprachlichen Ausdruck bzw. Eigennamen Bill Gates Bezug nimmt, aber allein durch das textübergreifende Vorkommen des Suchbegriffes keineswegs anaphorisch ist.
Die oben genannten Sätze beweisen, dass Koreferenz nicht unbedingt wie bisher angenommen wurde, als Anapher, und Anaphorika nicht unbedingt als Koreferenz betrachtet werden müssen. Die speziellen Fälle der indirekten Anapher wie lazy pronouns (Faulheitspronomina), wurden in diese Unterscheidung nicht einbezogen. Eine detaillierte Beschreibung wird im Abschnitt 3.5. mithilfe der indirekten Anaphern erläutert.
1.3.3. Deiktische und anaphorische Referenz
Die deiktische und anaphorische Referenz sollte anhand der ostentativen Beschreibung von Schwarz, die die beiden Begriffe explizit voneinander abgrenzend zusammenfasst, wiedergegeben werden:
„Die deiktische und die anaphorische Verwendungsweise werden in der einschlägigen Literatur wie Gegensatzpaare voneinander abgegrenzt: Während Anaphern an etwas Bekanntes anknüpfen (das im sprachlichen Kotext vorerwähnt wurde) und somit den Aufmerksamkeitsfokus halten, führen deiktisch benutzte Mittel einen im Wahrnehmungsraum zu lokalisierenden Referenten neu ein.“
19
Dieser Beschreibung zufolge sind deiktische und anaphorische Verwendungsweisen, im Grunde schlicht voneinander zu unterscheiden. Während bei der anaphorischen Referenz die Bekanntheit des Referenten die Bedingung ist, ist sie bei der deiktischen Referenz die Anwesenheit des Referenten. 37 Da das Auseinanderhalten der beiden Begriffe relativ überschaubar ist, sucht Consten nach den Gemeinsamkeiten von anaphorischer und deiktischer Referenz. Dennoch bestehen sie darin, dass es sich um Arten definiter Referenz handelt. 38 Consten begründet seine Auffassung wie folgt:
„Anaphorische und deiktische Referenz sind Ausprägungen definiter Referenz, deren wichtigstes Merkmal ein notwendiger Bezug auf situatives Wissen ist, mit dessen Hilfe ein bestimmter Referent identifiziert werden kann. Die Identifizierbarkeit eines Referenten ist eine Frage der Domänenselektion, durch die sich insbesondere eine Unterscheidung anaphorischer und deiktischer Referenz treffen lässt.“ 39
Dementsprechend sind Anaphorika und Deiktika als solche sprachlichen Ausdrücke dargestellt, dass ihre Referenz vom Kontext bzw. von der Situation abhängig ist.
1.3.3.1. Deiktische Referenz
Die deiktische Referenz betrifft wie die Referenz die Frage, über welches Objekt wird gesprochen? Die übliche Referenz kann Sätze wie Sandra hat lange Haare, mit der oben gestellten Frage mühelos zerlegen, d.h. die Referierende ist Sandra. Über das referierende Objekt wird ausgesagt, dass sie lange Haare hat. Bei der deiktischen Referenz dagegen, die als eine Sonderform der Referenz bezeichnet wird, werden Deiktika verwendet, die nur in der Äußerungssituation aufgefasst können.
Die deiktische Referenz wird als eine Art bzw. Unterart der definiten Referenz bezeichnet, die an einem bestimmten Typ von Ausdrücken, nach Herbermann 40
an „lokale, temporale oder personale Gegebenheiten“ gebunden ist. Wenn ein Sprecher einen sprachlichen Ausdruck im Rahmen eines kommunikationsituativen Verweises 37 Vgl. Lenz 1997: 14.
38 Consten 2004: 44.
39 Consten 2004: 58.
40 Herbermann 1988: 53-56.
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wie Schau, hier ist der Film. Diesen Film wolltest du schon immer sehen! verwendet, liegt, obwohl im Folgesatz auf den Referenten der Film mittels diesen Film Bezug genommen wird, eine deiktische Referenz vor. Offensichtlich befindet sich nicht nur das Bezugsobjekt der Film, sondern auch der Adressat im Deixisfeld. Möglicherweise wird hier diesen Film vom Sprecher mithilfe einer Zeiggeste begleitet, so dass der Hörer sie optisch wahrnehmen und man diesen sprachlichen Ausdruck als deiktisch betrachten kann.
Wie aus dem Beispielsatz entnommen werden kann, müssen die Referenzelemente, um deiktisch bezeichnet werden zu können, Informationen über den situativen Kontext geben.
Betrachten wir den folgenden kurzen Dialog bzw. das Ferngespräch zwischen zwei Kommunikationspartnern, von denen sich einer in Düsseldorf (A) und der andere in Regensburg (B) befindet:
A: „Düsseldorf ist die zweitgefährlichste Stadt, aber mir
scheint es etwas übertrieben. Ich lebe hier seit sechs Jahren und bis jetzt ist mir glücklicherweise nichts Schlimmes zugestoßen. Also, zumindest habe ich hier nette Freunde. Gestern waren wir sogar auf der Rheinterrasse und haben dort Bier getrunken. Wie geht es dir in Regensburg?“
B: „Mir geht es prächtig. Ich habe hier
viele Freunde kennen gelernt. Wir gehen heute in ein koreanisches Restaurant. Es hat geklingelt, ich muss jetzt auflegen!“
Um die Funktion der deiktischen Referenz im sprachlichen Handeln zu verdeutlichen, sollten die deiktischen Äußerungen und deren Referenten des oben angeführten Beispiels identifiziert werden: 41 Die Ziffern
21
Sowohl das personaldeiktische Pronomen mir und Subjektpronomen ich als auch die lokaldeiktischen Ausdrücke hier und dort werden, wie auch Bühler bemerkt, mit dem Wechsel der Rolle des Sprechers von einem auf den anderen übersprungen:
„Was ‘hier’ und ‘dort’ ist, wechselt mit der Position des Sprechers genau so, wie das ‘ich’ und ‘du’ mit dem Umschlag der Sender- und Empfängerrolle von einem auf den 42 anderen Sprechpartner überspringt.”
Mit anderen Worten ist der deiktische Ausdruck fest an das Zeigfeld der Einzelsprache gebunden und unterstützt somit mit dem Rollenwechsel des Sprechers die Auffindung des Gemeinten. 43
Die temporaldeiktischen Ausdrücke gestern, heute und jetzt können aufgrund der fehlenden Information zur exakten Sprachzeit, nur abstrakt beschrieben werden. Dabei ist zu bemerken, dass die Eigennamen Düsseldorf und Regensburg, sowie die referentiellen Äußerungen Kollegen, Rheinterrasse, Bier, viele Freunde und koreanisches Restaurant keine deiktischen Äußerungen sind. Im Allgemeinen lassen sich die deiktischen und nicht-deiktischen Ausdrücke, bis auf das Wort dort
schlicht identifizieren. 42 Bühler 1934: 80.
43 Vgl. Hoffmann 2004: 16.
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Arbeit zitieren:
M.A. Esengül Girgin Erken, 2007, Deixis und Anapher, München, GRIN Verlag GmbH
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