Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 3
2 Antipädagogik 5
2.1 Was ist Erziehung bzw. Pädagogik? 5
2.2 Was ist Antipädagogik? 6
2.3 Die Entwicklungsphasen der Antipädagogik 7
2.4 Theoretischer Hintergrund 9
2.4.1 Margaret Mead: zivilisationskritische Begründung 9
2.4.2 Alice Miller: therapeutische Begründung 10
2.4.3 Der „labeling approach“ 11
2.4.4 Die Bedeutung unmittelbarer Gefühle 12
3 Die neue Beziehung - Die Freundschaft mit Kindern 13
3.1 Voraussetzung der neuen Eltern-Kind Beziehung 13
3.2 Die neue Lebensphilosophie der Eltern 14
3.3 Die neue Beziehung - Freundschaft mit Kindern 15
4 Kritische Auseinandersetzung 17
4.1 Erkenntnisinteresse 17
4.2 Gründe für den Erziehungsversuch 18
4.3 Die Kinderrechtsbewegung 19
4.4 Das Pädagogische an der Antipädagogik 20
4.5 Die Dimension der Zeit 22
5 Zusammenfassung 24
6 Literaturverzeichnis 26
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1 Einleitung
„Mit dem Erziehen aufzuhören, aus diesem Alptraum aufzuwachen, dieses Spiel ohne Ende von außen zu betrachten und zu beenden, ist deswegen so eine schwierige Aufgabe, weil es in unserem Kulturkreis kaum Menschen gibt, die sich mit den Regeln dieses Spiels nicht anfreunden mussten, die diesen Traum nicht mit dem Leben verwechseln, die nicht felsenfest davon überzeugt sind, es wäre nicht gut, einfach nett zu sein“ (von Braunmühl 1975, S. 20)
Dieses Zitat verdeutlicht wie schwer es ist mit dem Erziehen aufzuhören, wie schwer es ist die Erziehung abzuschaffen, wie es die Forderung der Antipädagogen ist. In den Medien, welche Sendungen wie die „Super Nanny“ ausstrahlen oder Reportagen über Boot Camps zeigen, in denen aus schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen „bessere Menschen“ werden, wird deutlich, dass „die Vorstellung der Steigerung des Guten durch richtige Erziehung […] bis heute kaum erschüttert ist“ (Thiel 1996, S. 35). Thiel spricht in diesem Zusammenhang von der Pädagogisierung gesellschaftlicher Krisen. 1 Unter Pädagogisierung versteht er die Herauslösung des Erziehungshandelns aus der vormodernen Einbettung in den Lebens- und Arbeitsvollzug und die daraus resultierende zunehmende Verselbständigung (vgl. ebd., S. 39). In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Pädagogisierungsprozesse einen ungeheuren Schub erhalten, dem Vertrauen in die pädagogische Verbesserungskompetenz scheinen keine Grenzen gesetzt (vgl. ebd., S. 38). Die Pädagogisierung ist abhängig von den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Interessen und die gesellschaftliche Antwort auf eine gesellschaftliche Krise, welche eine zeitliche Streckung der (politischen) Bearbeitung ermöglicht (vgl. ebd. S. 42). Durch die Pädagogisierung wird eine Krise mittels Erziehung, Bildung und Lernen bearbeitet, mit dem Ziel die Krise durch die Veränderung individueller Dispositionen und individuellen Verhaltens zu bewältigen (vgl. ebd., S. 43).
1 Unter einer Krise versteht Thiel eine Situation, in der auf ein Ereignis nicht problemlösend reagiert wird oder werden kann, verbunden mit dem Gefühl der Ungewissheit gegenüber herkömmlichen Routinen. Eine gesellschaftliche Krise zeichnet sich aus durch eine massenhafte subjektive Erfahrung einer Krise (1996, S. 36).
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Als Gegentheorie zur Pädagogik hat sich Ende des 20. Jahrhunderts die Antipädagogik entwickelt, die sich radikal gegen jede Form von Erziehung äußert und als einzige Konsequenz deren Abschaffung fordert. Um diese Strömung der Erziehungskritik soll es in der folgenden Arbeit gehen. Dabei wird zunächst darauf eingegangen, was Antipädagogik ist, wie sich diese Antipädagogik entwickelt hat und auf welchen theoretischen Annahmen die Antipädagogik beruht.
Im Anschluss daran wird die neue Eltern-Kind-Beziehung, die „Freundschaft mit Kindern“, vorgestellt, die die praktische Umsetzung der theoretischen Annahmen der Antipädagogik darstellt. Abschließend werden die Aussagen der Antipädagogik unter besonderen Bezug auf Michael Winkler kritisch reflektiert um die Frage zu klären, ob die Theorie der Antipädagogik eine Alternative zur Pädagogik darstellt.
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2 Antipädagogik
„In den wenigen kurzen Jahrtausenden jedoch, seit er [der Mensch] von der Lebensweise abgewichen ist, an die ihn die Evolution angepaßt hatte, hat er nicht nur die natürliche Ordnung des gesamten Planeten verwüstet, sondern er hat es auch fertig gebracht, das hochentwickelte sichere Gespür in Mißkredit zu bringen, das sein Verhalten endlose Zeiten hindurch leitete. Viel davon wurde erst kürzlich untergraben, als die letzten Schlupfwinkel unserer instinktiven Fähigkeiten ausgehoben und dem verständnislosen Blick der Wissenschaft preisgegeben wurden. Immer häufiger wird unser angeborenes Gefühl dafür, was am besten für uns ist, durch das Mißtrauen abgeblockt, während der Intellekt, der nie viel über unsere wahren Bedürfnisse wußte, beschließt, was zu tun sei…“ (Kern zit. nach Liedloff 1980)
In der pädagogischen Diskussion seit den siebziger Jahren gab es keine Thesen, Ideen und Konzepte, die die Theorie und Praxis von Bildung und Erziehung mehr herausgefordert und infrage gestellt haben als die Antipädagogik. Die Antipädagogik setzt sich nicht nur mit der damaligen pädagogischen Theorie und Praxis auseinander, sondern fordert deren Aufhebung (vgl. Klemm 1992, S. 7-10).
2.1 Was ist Erziehung bzw. Pädagogik?
Der Begriff der Antipädagogik existiert nicht ohne Pädagogik, vielmehr ist die Pädagogik Voraussetzung für die Antipädagogik (vgl. Kern 1992, S. 122). Die Pädagogik gibt es schon so lange wie es schriftliche Überlieferungen gibt, vermutlich gab es auch schon zuvor Institutionen, welche für die „führergerechte Züchtigung“ gesorgt haben (vgl. ebd., S. 122). Ansichten über Erziehung gibt es sehr viele: die antiautoritäre Erziehung, die demokratische Erziehung, die emanzipatorische Erziehung und andere, weshalb es unterschiedliche Definitionen gibt. In einem philosophischen Wörterbuch der Neuzeit wird Erziehung beispielsweise wie folgt definiert:
„Erziehung ist die Einwirkung einzelner Personen oder der Gesellschaft auf einen sich entwickelnden Menschen und Erziehung im engeren Sinne ist die planmäßige Einwirkung von Eltern und Schule auf den Zögling, d.h. auf den unfertigen Menschen, zu dessen Wesen die Ergänzungsbedürftigkeit und -fähigkeit, auch das Ergänzungsvermögen gehören. Zweck der Erziehung ist es, die im Zögling zur
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Entfaltung drängenden Anlagen zu fördern oder zu hemmen, je nach dem Ziel, das mit der Erziehung erreicht werden soll. Mittel der Erziehung sind […] der Befehl, die Überredung, die Gewöhnung und der Unterricht. Die Erziehung erstreckt sich auf Körper, Seele und Geist. […]“ (ebd. zit. nach Schmidt 1982, S. 168).
Demnach ist Erziehung „immer so etwas wie eine Herrschaftsausübung“, (von Braunmühl 1975 zit. nach Groothoff 1972, S. 196) „impliziert immer ein Gewaltverhältnis von Menschen über Menschen, in der Regel ein Gewaltverhältnis der Erwachsenen bzw. bestimmter Erwachsener über Kinder und Jugendliche“ (ebd. zit. nach Giesecke 1970, S. 68) um deren Dispositionen „mit psychischen oder sozialkulturellen Mitteln in irgendeiner Weise dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten“ (ebd. zit. nach Brezinka in Mollenhauer 1974, S. 23).
Um eine allgemeine Definition zu ermöglichen, hat von Braunmühl versucht allgemeine Charakteristika von Pädagogik zu benennen: dies sind die Erziehungsbedürftigkeit und die pädagogische Einstellung (vgl. ebd., S. 67).
Fundamentaler Grundsatz aller Pädagogik und zugleich deren Legitimationsgrundlage ist die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen, „denn der Mensch ist offensichtlich von Natur aus ein erziehungsbedürftiges Wesen, d.h. ein Wesen, dass von seiner Geburt an auf Lernen angewiesen ist, um schon im rein physischen Sinne überleben zu können“ (ebd. zit. nach Giesecke 1970, S. 21).
Die pädagogische Einstellung beinhaltet nach Roth Belehren, Fordern, Eingreifen, Werten, Beurteilen, Benoten (vgl. ebd., S. 86). Deren Folge sind „lernpsychologische Dressurtechniken“, innerhalb derer der Herrschaftsanspruch nicht deutlicher zum Ausdruck kommen kann (vgl. ebd., S. 91, 97).
2.2 Was ist Antipädagogik?
Der antipädagogischen Strömung geht es um die Überwindung von Erziehung, um die Abschaffung jeglichen bewussten oder unbewussten pädagogischen Umgangs mit Kindern, denn Erziehung bedeutet Ungleichheit, Tyrannei und Machtausübung, der sie
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Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung entgegen setzen. 2 (Klemm 1992, S. 11) Erziehung als „kinderfeindlich“, als „kleinen Mord“, als „Gehirnwäsche“ zu durchschauen, ist die Voraussetzung Erziehung als „überflüssig, kinder-, menschen-, lebensfeindlich, als verbrecherisch zu erkennen“. (von Braunmühl 1975, S. 78-84)
Die Vertreter der Antipädagogik fordern die Aufgabe des Herrschaftsanspruchs, denn auch Kinder haben eine unantastbare Würde und sind von Geburt an zur Selbstbestimmung in der Lage. Kinder werden nicht als erziehungsbedürftig sondern als lernbedürftig angesehen. Zum Lernen bedarf es keiner Erziehung, im Gegenteil: das Lernen wird durch Erziehung eher behindert.
Ziel der Antipädagogen ist es in der Gegenwart zu leben und die Gegenwart nicht der Zukunft zu opfern. Pädagogisches Einwirken ergibt nur einen Sinn, wenn es über den bloßen Augenblick hinausgeht und stellvertretend für das Kind einen günstigen „pädagogischen Weg“ finden kann. Gerade dies stellen die Antipädagogen jedoch in Frage, da es in modernen Gesellschaften keine allgemeinverbindlichen gesellschaftlichen Werte mehr gibt. 3 (Oelkers/Lehmann 1990, S. 10) Nur das Ich ist sicher, es gibt verlässliche Auskunft über Wünsche und Bedürfnisse. (ebd., S. 12)
2.3 Die Entwicklungsphasen der Antipädagogik
Innerhalb der Antipädagogik gibt es eine Vielzahl von Positionen, Überlegungen und Strategien. „Die Einheit der Antipädagogik gründet sich vor allem im „Anti“, daß man gegen die Pädagogik eingestellt ist, sie endlich abgeschafft wissen will.“ Zu einer Systematisierung bietet sich eine Betrachtung der unterschiedlichen Entwicklungsphasen an: die erste Phase ist eine traditionelle Kritik an der Pädagogik mit dem Ziel der Humanisierung von Erziehung, in der zweiten Phase geht es um eine theoretische Auseinandersetzung mit der Erziehung und die Entwicklung der Antipädagogik als Gegentheorie, die dritte Phase bezieht sich auf Überlegungen zur praktischen Umsetzung.
2 Antipädagogen richten sich dabei nicht gegen Bildung oder Unterricht, sondern nur gegen Erziehung, „den Anspruch Menschen in ihren Grundstrukturen zu formen“. (von Braunmühl 1975, S. 78)
3 nähere Informationen hierzu in Kapitel 2.4.1
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Arbeit zitieren:
Franziska Busch, 2006, Antipädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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Antipädagogik - Positionen und Kritik
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