Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 2
II. Quellen. 4
III. Argumentation für die Existenz eines tetrarchischen Systems 6
1. Die Entstehung der Tetrarchie. 6
2. Die Abdankung der Augusti am 1. Mai 305 10
3. Traditionelle Versatzstücke in neuer Gestalt 13
IV. Fazit. 17
V. Literaturverzeichnis. 18
I. Quellen 18
II. Sekundärliteratur 18
1
I. Einleitung
Am 20. November des Jahres 284 trat im römischen Reich nach dem Tod des Kaisers Numerian ein neuer Mann aus dem Dickicht der Geschichte heraus an die Spitze des römischen Staates. C. Aurelius Valerius Diocletianus- besser bekannt als Diocletian- sollte die Herrschaft bis zum 5. Mai 305 behaupten können. An diesem Tag trat er freiwillig von der Position des Augustus zurück, was einen für die römische Geschichte einmaligen Akt darstellt. Zuvor hatte er in seiner über zwanzigjährigen Regierungszeit das Angesicht der Kaiserherrschaft entscheidend verändert. Er hatte drei nicht mit ihm verwandte Männer zu Mitherrschern ernannt, seinen alten Kampfgefährten Maximian zum gleichberechtigten Augustus und Constantius Chlorus sowie Galerius Maximianus zu untergeordneten Caesares, die die Augusti später ablösen sollten.
Von der modernen Geschichtswissenschaft wurde das politische Vermächtnis Diocletians jedoch sehr verschieden beurteilt. Während die ältere Forschung etwa bis Mitte des 20. Jahr-hunderts der diocletianischen Herrschaftsteilung durchweg Systemcharakter beschied und von einem planhaften Vorgehen Diocletians ausging, ist man seitdem diesbezüglich etwas skeptischer geworden und führt die Aufsplitterung der kaiserlichen Gewalt zumeist auf akute politische oder militärische Notlagen zurück.
Jacob Burckhardt betrachtet die Tetrarchie noch als ein „künstliche[s] System“. Der schweizer Historiker urteilte 1853, dass die Vorgehensweise Diocletians „einerseits einen hohen, durchdringenden Geist [verrät], andererseits aber [...] sonderbar und rätselhaft [erscheine]“. Er führte die Teilung der monarchischen Gewalt auf die Erfahrungen, die man mit den unzähligen Usurpationen des dritten Jahrhunderts gemacht hatte, zurück und war der Auffassung, dass Diocletian eben dadurch reagierte, dass er sich „mit Nachfolgern und Mitregenten“ umgab, damit „der Usurpation des Ehrgeizes Ziel und Zweck verrückt, dem Lageraufruhr der Erfolg sehr erschwert“ war. 1 Burckhardt geht also davon aus, dass die Tetrarchie einer tiefergehenden Analyse der Krise des 3. Jahrhunderts entspringend durch das Handeln eines schöpferischen Geistes entstanden ist. Willhelm Enßlin erkennt immerhin noch an, dass Diocletian „ein Ziel von vorneherein vor Augen gehabt“ hat, wenn auch keinen „in Einzelheiten festgelegten Plan“. 2
William Seston hingegen befand, dass das Reich nach Diocletian „est toujours la même vieille forteresse assiegeé“ und dass Diocletian „a improvisé la défense lançant l’une après l’autre les courtines neuves de ses quatre bastions, par- dessus les brèches des anciens rem- 1 Burckhardt,Jacob, Die Zeit Konstantins des Großen, Leipzig 1927 (5. Auflage), S.40
2 Enßlin, Willhelm, RE VII A2 (1948), 2419- 2495, Sp. 2449
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parts, sans trop savoir quels seraient l’aspect et l’équilibre du nouvel édifice“. Seston war also der Auffassung, dass die Entstehung der Tetrarchie jeweils akuten Notlagen geschuldet sei. 3 Timothy D. Barnes vertrat die These, dass die tetrarchische Ordnung von Diocletian, da dieser mit den militärischen Herausforderungen nicht mehr fertig zu werden glaubte, nach der Konferenz von Mailand mit Maximian im Jahre 290 oder 291 in Sirmium entworfen wurde. „Here, in the course of the next two years, Diocletian formulated a plan for reconstructing the Roman state.“ 4
Frank Kolb brachte in seiner 1987 erschienenen Monographie 5 dann eine ganze Reihe von überzeugenden Argumenten für die Existenz eines tetrarchischen Systems hervor, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit mehrfach zurückgegriffen werden wird. Roger Rees wiederum hat die These von der Systemhaftigkeit der Tetrarchie auf Grund neuerer Forschung einiger Gelehrter wieder in Zweifel gezogen: „According to this view the whole concept of a system is better replaced by a vision of a makeshift alliance of affiliated emperors, each able and willing to negotiate in certain areas, but in others sometimes determinedly individualistic.“ 6
In der vorliegenden Arbeit soll nun noch einmal herausgearbeitet werden, dass es sich bei der Tetrarchie um ein unter Einbeziehung der im 3. Jahrhundert gemachten Erfahrungen allmählich entwickeltes Herrschaftssystem und nicht um ein bloßes Reagieren auf jeweils akute politische oder militärische Notlagen durch improvisierte Einzelmaßnahmen handelt. Um diese These zu belegen, muss als erstes gezeigt werden, dass die Ernennung des Maximian zum Augustus sowie die Ernennungen des Constantius Chlorus und des Galerius zu Caesares nicht durch akute politische Notlagen diktiert wurden. Zweitens muss dargelegt werden, dass die Abdankung der beiden Augusti Diocletian und Maximian am 1. Mai 305 nicht nur freiwillig geschah, sondern dass sie auch bereits seit längerer Zeit geplant war. Des Weiteren soll gezeigt werden, dass einige Elemente, die Diocletian in den Principat einbaute- wie zum Beispiel die Herrschertheologie- in ihrer Grundsubstanz zwar altbekannt sind, jedoch dennoch einige interessante Innovationen aufweisen und daher als Neuerungen betrachtet werden können. Dies ist aus zwei Gründen von Bedeutung: Erstens soll es zeigen, wie Diocletian den Prinzipat auf durchaus kreative Weise verändert hat und dass ihm deswegen auch der Entwurf eines neuartigen Systems politischer Herrschaft zuzutrauen ist. Zwei- 3 Seston,William, Dioclétien et la Tétrarchie, Paris, 1946, S.184f
4 Barnes, Timothy D., Constantine and Eusebius, Cambridge und London 1981, S.8
5 Kolb, Frank, Diocletian und die Erste Tetrarchie, Berlin 1987
6 Rees, Roger, Diocletian and the Tetrarchy, Edinburgh, 2004, S.89
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tens soll aufgezeigt werden, dass diese Elemente als konstitutive Teile dieser Herrschaftskonzeption anzusehen sind.
Als erstes jedoch sollen im Folgenden die verwendeten Quellen vorgestellt und einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
II. Quellen
Die beiden wichtigsten Quellen für die Entstehung der Tetrarchie sind Aurelius Victors Liber de Caesaribus 39 und Eutropius Breviarium ab Urbe Condita, liber IX, 20-22 . Aurelius Victor, der um 320 n. Chr. wahrscheinlich in der Provinz Africa das Licht der Welt erblickte 7 und heidnischer Gesinnung war, schaffte es bis zum Stadthalter konsularischen Ranges der Provinz Pannonia secunda. 8 Wir wissen nicht mit Sicherheit, welche Quellen er für seine Darstellung des dritten Jahrhundert gebrauchte, doch wird von einigen Philologen vermutet, dass er die verlorengegangene sogenannte Enmannsche Kaisergeschichte für seine Kurzdarstellung der Kaiserzeit, die um die Mitte des vierten Jahrhundert entstand, konsultierte. 9
Auch Eutropius war Heide 10 , und auch bei seinem Geschichtswerk handelt es sich um eine Kurzdarstellung römischer Geschichte, nur zeitlich noch mehr gerafft als bei Aurelius Victor, da er nicht nur über die Kaiserzeit schreibt, sondern versucht, die gesamte römische Vergangenheit in Kurzform darzustellen. Sein Werk entstand im Auftrag Kaiser Valens’ 11 in den Jahren 369/ 370 12 , und seine Hauptquelle für das dritte Jahrhundert war wohl ebenfalls die Enmannsche Kaisergeschichte 13 , wobei er zusätzlich nie mehr als höchstens eine Nebenquelle verwandte. 14
Für diese beiden Historiographen kann man somit zusammenfassend sagen, dass sie erstens keine Zeitgenossen der Tetrarchen und zweitens Heiden waren, also zweifellos den Kaisern aus religiösen Motiven nicht negativ gegenüberstanden. Drittens beruht die Darstellung mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ein und derselben Hauptquelle 15 und des Weiteren bieten beide Autoren keine allzu detaillierte Überlieferung. Zwar gibt es für den modernen Histori-
7 AureliusVictor, Liber de Caesaribus/ Die römischen Kaiser, lateinisch und deutsch, hrsg., übers. und erläutert von Kirsten Groß Albenhausen und Manfred Fuhrmann, Darmstadt 1997, S.151 (Kommentar)
8 Fuhrmann, S.152 (Kommentar)
9 Ebendieser, S. 158f (Kommentar)
10 Müller, Friedhelm, Eutropii Breviarium ab urbe condita/ Eutropius, Kurze Geschichte der Kaiserzeit, lateinisch und deutsch, hrsg. von Otto Lendle und Peter Steinmacher, Stuttgart 1995, S.2
11 Ebendieser, S.3
12 Rees, S.4
13 Müller, S.10
14 Ebendieser, S.11
15 Rees, S.4
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ker noch einige weitere Quellen wie das fragmentarisch erhaltene Werk des Ammianus Marcellinus, Zonaras oder die Panegyrici Latini, doch bieten auch diese keine genaue, zusammenhängende Darstellung der Entstehung der Tetrarchie, sondern weisen im Gegenteil die verschiedensten Probleme auf. 16
Über die Abdankung der beiden Augusti im Jahre 305 berichten wiederum Aurelius Victor und Eutropius sowie der christliche Autor Lactantius in seinem Werk de mortibus persecutorum. Mit dieser Quelle gibt es eine Vielzahl von Problemen, die sich zum einen aus der schlechten Überlieferungssituation 17 , zum anderen aus der Person und den Absichten des Lactantius ergeben. Dieser war von Diocletian als Lehrer für lateinische Rhetorik nach Nikomedia geholt worden 18 und somit nicht nur Zeitgenosse des Kaisers, sondern auch im weiteren Umfeld Diocletians. Der Rhetor war jedoch- wie schon erwähnt- auch Christ und die Tetrarchen Christenverfolger. Die Darstellungsabsicht des zwischen 313 und 316 19 entstandenen Pamphletes ist, dass Gott „zwar ein langmütiger, aber strenger Richter [ist], der die Untaten seiner Gegner noch hier auf Erden bestrafe, und zwar mit einem entsetzlichen, in jedem Fall jämmerlichen Tod“. 20 Um dieses Ziel zu erreichen, scheint Laktanz jedes Mittel recht zu sein, und auch vor offensichtlichen Manipulationen wie zum Beispiel an den Regierungsjahren des Kaisers Maxentius im Jahr der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 schreckt er nicht zurück. 21 Bei den Tetrarchen versucht Laktanz unter anderem, die Reformmaßnahmen Diocletians und sein Bauprogramm so zu verfremden, dass die Maßnahmen wie das Handeln eines wahnsinnigen Tyrannen klingen:
16 Die Darstellung des Ammianus Marcellinus über die tetrarchische Epoche ist verlorengegangen, doch gibt es teilweise einzelne verstreute Informationen, die für die Zeit zwischen 284 und 305 relevant sein können, so zum Beispiel Ammian XXXII 6,16. Das Werk des Johannes Zonaras stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist zeitlich somit weit von der tetrarchischen Epoche entfernt. Die Panegyrici Latini hingegen sind zwar zeitgenössisch, aber es handelt sich um Lobreden auf die Kaiser weswegen sie nur mit äußerster Vorsicht zu verwenden sind. Außerdem finden sich auch hier nur einzelne, verstreute Informationen und keine zusammenhängende Darstellung.
17 Laktanz, de mortibus persecutorum/ Die Todesarten der Verfolger lateinisch und deutsch, übersetzt und eingeleitet von Alfons Städele, Turnhout 2003, (Einleitung) S.9: Die Schrift ist nur durch ein einziges, stark beschädigtes Manuskript aus dem 11. Jahrhundert überliefert, was dazu führt, dass der Text an einigen Stellen nicht mit hundertprozentiger Sicherheit rekonstruiert werden konnte, so zum Beispiel mort. pers. 7,5 und 22ff.
18 Städele, S. 10 (Einleitung)
19 Ebendieser, S.75 (Einleitung)
20 Ebendieser, S.32 (Einleitung)
21 Kolb 1987, S.134: Indem Laktanz dem Maxentius eine um ein Jahr kürzere Regierungszeit zuschreibt, fallen die Feiern der Quinquenalien des Maxentius und die damit verbundenen felicitas- Propaganda mit der Niederlage in der Schlacht an der Milvischen Brücke zusammen, wodurch der Autor eine Ironisierung der Ereignisse erreichen will.
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Arbeit zitieren:
Eberhard Thörel, 2005, Über die Existenz eines tetrarchischen Systems, München, GRIN Verlag GmbH
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