In halt
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung Die Stellung der Frau im Islam am
Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate 6
Exkurs: Islamwissenschaft 8
B Analyse zur Stellung der Frau im Islam
am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate 10
1 Der Islam Einleitung 11
2 Begriffsbestimmung und Grundzüge 13
3 Entstehungsgeschichte des Islam 17
3.1 Vorislamische Zeit 17
3.2 Die religiöse Situation 19
3.3 Muhammad - der Stifter des Islam 20
4 Quellen des Islam 26
4.1 Koran 26
4.2 Das islamische Recht - Scharia 30
5 Stellung der Frau im Islam 36
5.1 Religiöse Stellung 38
5.2 Rechtliche Stellung 41
5.3 Politische Stellung 51
6 Zusammenfassung 58
II. Die Vereinigten Arabischen Emirate 59
1 Vereinigte Arabische Emirate Einleitung 60
2 Geschichte der VAE 62
2.1 Familien- und Stammesstrukturen - Wegbereiter des politischen Systems 64
3 Staatswerdung
und politische Struktur 66
3.1 Aktuelle politische Entwicklung 70
3.2 Wohlfahrtsstaat, Erdöl, Wirtschaft 71
4 Einfluss des Islam 74
5 Zusammenfassung 75
III
Der Status der Frau in den Vereinigten Arabischen Emiraten 76
1 Frauen in den Vereinigten
Arabischen Emiraten Einleitung 77
2 Gesellschaftliche Stellung
der Frauen in den VAE 78
2.1 Bildungs- und Berufschancen 80
2.2 Gender und Familie 84
2.3 Zusammenfassung zur gesellschaftlichen Stellung der Frau 86
3 Politische Partizipation
und Einflussmöglichkeiten 87
3.1 Die Rolle der Ministerien 87
3.2 Die Rolle von Organisationen 90
3.3 Internationale Abkommen und ihre Bedeutung für die Frauen der VAE 91
4 Zusammenfassung zur Stellung der Frau
in den Vereinigten Arabischen Emiraten 94
Exkurs: Islamischer Feminismus - feministischer Islam? 96
C Zusammenfassung
und Schlussfolgerungen 98
Anhang 101
Literaturverzeichnis 102
Abbildungsverzeichnis 111
Vorwort
Die Stellung der Frau im Islam - welches Bild assoziieren wir, also die Mitglieder der westlichen Zivilisation, damit? Die häufigsten Einschätzungen werden nicht allzu positiv ausfallen, wenn die Stellung der Frau im Islam nicht gar als Affront gegen die Menschenrechte angesehen wird. In jüngster Zeit mehren sich die Bilder über ›den Islam‹ und ›die islamische Welt‹: Terroranschläge, Krieg, Geiselentführungen, die Jagd nach Bin Laden oder empörte Muslime, die gegen westliche ›Verunglimpfung‹ des Propheten fäusteballend und flaggenverbrennend durch die Straßen ziehen. Die verstärkte Medienberichterstattung seit 9/11, der Irak-Krieg und die (gefühlt) erhöhte Terrorismusgefahr bringen die Bilder dieser fremden Welt, die von Rückständigkeit, Fanatismus, Armut und der Unterdrückung der Frau geprägt zu sein scheint, direkt in die Wohnzimmer. Dabei wird oft verkannt, dass die Präsentation durch die Medien immer nur ein kleiner Ausschnitt der Realität sein kann und komplexe Zusammenhänge oftmals nicht in das Sendeformat passen.
Die vorliegende Arbeit resultiert aus einer Begegnung der Verfasserin mit der für sie bis dahin fremden Welt des Islam. Sie will weder Stellung beziehen noch Partei ergreifen, sondern eine deskriptive Annäherung an das kontroverse Thema wagen. Falls nicht anders angegeben, werden die Koranverse in der Übersetzung von Rudi Paret verwendet, dessen Verszählung sich an der offiziellen ägyptischen Koranausgabe orientiert. Die Umschrift der arabischen Begriffe folgt dem Standardwerk »Der Islam in der Gegenwart« von Werner Ende und Udo Steinbach (Hrsg.). Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde das generische Maskulinum verwendet. Eine ausführliche Beschäftigung mit Internetquellen war notwendig, da aktuelle englisch-oder deutschsprachige Literatur oftmals nicht existierte. Dabei wurde nur auf Webseiten zurückgegriffen, die den Urheber eindeutig angaben und nicht von Privatpersonen stammten.
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A Einleitung | Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate
»Schuld sind die Männer - nicht der Koran«
Dieser Buchtitel von Marc-Edouard Enay, soll zur Hauptthese der vorliegenden Arbeit werden. So provokant sie auch scheinen mag, umso interessanter wird es sein sie zu überprüfen. Aus der Hauptthese lassen sich weiterführende Fragen ableiten, die von hoher Relevanz sind. Doch zunächst einige einführende Worte zum gewählten Thema: Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Beschränkung auf ein Land erfolgt in der Überzeugung, dass es den Islam und die islamische Welt so nicht geben kann. Schon ein kleiner Blick über Europa hinaus zeigt Unterschiede in der Auslegung des Islam: Betrachtet man die Türkei wird man auch als Laie gravierende Unterschiede zu z. B.: Saudi-Arabien feststellen können. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten lassen die Vermutung entstehen, dass der Islam unterschiedlich interpretiert und ausgelegt werden kann. Durch die Konzentration auf ein Land soll Verallgemeinerungen entgegengewirkt werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf der Arabischen Halbinsel zählen zu den reichsten Ländern der Welt. Dieses Land, das durch den Ölreichtum in wenigen Jahrzehnten vom Nomadentum ins Jetzt katapultiert wurde, vollführt einen Balanceakt zwischen der jahrhundertealten nomadischen Tradition, den Anforderungen der Modernisierung und den Wertevorstellungen des Islam. Die Länder der Arabischen Halbinsel haben viele Gemeinsamkeiten jedoch überwiegen die Unterschiede: Im Vergleich zu Saudi-Arabien sind die VAE pragmatischer in der Auslegung des Islam, nicht zuletzt durch die lange Präsenz der Europäer und der bedeutenden Handelsrouten. Im Gegensatz zu Oman, Katar und Kuwait verfügen die VAE über die größeren Ölvorkommen, was sich wiederum in einer gänzlich anderen Arbeitsrealität für die Bevölkerung auswirkt. Schließlich stellen die Emiratis eine Minderheit im eigenen Land: 80 % der Bevölkerung sind Gastarbeiter. Die Auswahl der VAE für die Überprüfung der Stellung der Frau im Islam hat darüber hinaus einen persönlichen Hintergrund: Die Verfasserin hatte die Möglichkeit im Jahr 2004 und 2005 jeweils für zwei Monate an einer Mädchenschule in Abu Dhabi, der Hauptstadt der VAE, Workshops zu leiten. Diese waren als berufsvorbereitende Maßnahme in Kooperation von der GTZ-Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH und
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der Abu Dhabi Educational Zone (AEDZ) veranstaltet worden und boten Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren die Möglichkeit praktische Erfahrungen zu sammeln. Dadurch bot sich der Verfasserin die Chance, als europäische Frau, Einsicht in die Lebenswelt der einheimischen Frauen, bzw. Mädchen zu erhalten. Das ist besonders nennenswert, da Frauen in der emiratischen Öffentlichkeit nicht nur tief verschleiert auftreten, sondern auch auf Grund der enormen Hitze kaum außerhalb der Gebäude zu sehen sind. Die Mädchenschule bot hingegen den geeigneten Rahmen mit jungen emiratischen Einwohnerinnen ins Gespräch zu kommen und ihre Mentalität und Lebensweise ein Stückweit kennen zu lernen. Diese Erfahrung führte zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen den Bildern, die der Autorin bereits durch die Medienberichterstattung bekannt waren und nicht mehr recht auf die erlebten Umstände in den Vereinigten Arabischen Emiraten passen wollten. Die Idee, mehr von dieser ›fremden‹ Welt zu erfahren und ihren Wurzeln nachzugehen, gipfelt in der vorliegenden Arbeit.
Die Hauptthese der Arbeit aufgreifend: »Schuld sind die Männer - nicht der Koran«, sollen nun die Leitlinien dargestellt werden:
Im Teil I erfolgt die Darstellung der Grundlagen des Islam und seiner frauenspezifischen Bestimmungen. Dabei gilt es die Stellung der Frau im Islam herauszuarbeiten wobei Vollständigkeit weder erlangt noch erwünscht sein kann - die Komplexität des Themas würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen. So folgt nach der Übersicht der Entstehungsgeschichte und der Grundlagen des Islam die Darstellung der Frau in religiöser, rechtlicher und politischer Hinsicht. Der Verfasserin ist durchaus bewusst, dass mangelnde Arabischkenntnisse und die dadurch notwendige Konzentration auf deutsch- und englischsprachige Literatur zum Teil eine Ausblendung der muslimischen Wissenschaftler nach sich zieht.
Nachdem die theoretische Stellung der Frau im Islam dargelegt wurde, erfolgt im Teil II der Arbeit eine Darstellung der Vereinigten Arabischen Emirate mit besonderem Schwerpunkt auf der Staatswerdung und der politischen Struktur. Welchen Einfluss spielen die Traditionen und der Islam auf dieses Staatswesen neben Wirtschaftswachstum und Ölboom? Alle Faktoren zusammen genommen können einen Einblick in die Lebenswelt der emiratischen Frauen ergeben.
Erst nachdem die Grundlagen des Islam und des politischen Systems der VAE dargelegt wurden, beschäftigt sich Teil III mit dem Status der Frau dieses Landes. Dabei wird die gesellschaftliche sowie die politische Partizipation den Hauptteil bilden wo-
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bei die vorher gewonnenen theoretischen Grundlagen einer Überprüfung an der praktischen Umsetzung standhalten müssen. Schließlich könnte eine Antwort auf die Frage gefunden werden: Sind die Männer schuld oder ist es der Koran?
Exkurs: Islamwissenschaft
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist dem Bereich der Islamwissenschaft zuzuordnen. Jenem ›kleinen‹ Fach, das laut der Bestandsaufnahme vom Deutschen Orient Institut von 1999 als die »Gesamtheit der Disziplinen verstanden [wird], die sich mit der kulturellen und sozialwissenschaftlichen Forschung über die muslimische Welt einschließlich regional ausgerichteter Forschung innerhalb der ›großen‹ Fächer [...]« 1 beschäftigt. Dabei wird die Islamwissenschaft laut Marco Schöller von einer »Methodendebatte« 2 beherrscht, die ein Nebeneinander von textbezogener-philologischer und sozialwissenschaftlicher Forschung hervorbrachte. Nach wie vor bildet die phi-lologisch-historische Ausrichtung an den Universitäten den Schwerpunkt. Die sozialwissenschaftliche Forschung überwiegt hingegen in den außeruniversitären Einrichtungen. Vom Deutschen Orient Institut werden besonders die Chancen dieser spannungsreichen Konkurrenz der Methoden hervorgehoben. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass fächerübergreifende Forschungsschwerpukte in der Realität an der Ta-gesordnung sind. 3
Laut der vom Deutschen Orient-Institut (Hamburg) und dem Goethe-Institut e.V. betriebenen Internetseite »Islam Research Directory« stellt die historische Quellen-forschung an deutschen Universitäten im klassischen Sinne eine zusehends schwindende Größe dar. Stattdessen beschäftigt sich ein Großteil der Fachvertreter mit der Religions-, Kultur- und Sozialgeschichte. 4
Zum Thema Frauen und Islam trifft Ayla Neusel und Mechtild M. Jansen im Vor-wort ihres Sammelbandes »Feminismus, Islam, Nation« eine treffende Aussage:
»Dem zunehmenden Interesse an der Entwicklung der islamischen Länder und insbesondere an der Situation von Frauen in diesen Ländern entspricht eine Flut von Publikationen zu diesem Thema. Eine
1 Rudolph, Ekkehard: Bestandsaufnahme - Kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung über die muslimische Welt in der Bundesrepublik Deutschland, Deutsches Orient Institut, Hamburg 1999, S. 5.
2 Schöller, Marco: Methode und Wahrheit in der Islamwissenschaft, Otto Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2000, S. 1.
3 Vgl.: Rudolph, E., a.a.O., S. 6f.
4 Islam Research Directory: Islam und Wissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland, URL http://www.islamresearchdirectory.org/de/el.php, Stand: 28/11/2006.
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wissenschaftliche Auseinandersetzung findet zwar durchaus statt, die bleibt jedoch angesichts der grellen Töne in der politischen Diskussion weitgehend ungehört..« 5
Die vorliegende Arbeit resultiert vor allem aus der Text- und Quellenanalyse der Primär- und Sekundärliteratur wobei das Fehlen von Arabischkenntnissen zu einer einseitigen Verzerrung zu Gunsten eurozentrischer Literatur führt. Dieser Umstand erfährt allerdings infolge der bereits genannten persönlichen Erfahrung in den Vereinten Arabischen Emiraten eine gewisse Abmilderung. Die Möglichkeit einer empirischen Überprüfung der Lebensweisen der emiratischen Frauen wurde frühzeitig beigelegt. Die Gründe dafür liegen sowohl im strukturellen als auch im persönlichen Bereich. Zum einen ist ein nicht zu unterschätzender Zeitaufwand für das Herstellen von Kontakten mit einheimischen Mädchen/Frauen einzuplanen, denn die Uhren auf der Arabischen Halbinsel ticken bekanntermaßen anders. Zum anderen kann ein solcher Kontakt hauptsächlich über Universitäten oder andere Bildungseinrichtungen vor Ort und im weitesten Sinne über die Abu Dhabi Educational Zone, einer Unterabteilung des Ministry of Education hergestellt werden. Durch die Ausübung einer Tätigkeit im Bereich des Bildungswesen der VAE wird die Autorin bereits als Arbeitnehmerin der Abu Dhabi Educational Zone geführt und möchte durch ›kritische‹ Anfragen eine mögliche weitere Zusammenarbeit nicht gefährden. Da sich Mädchen und Frauen nach wie vor unter besonderer Beobachtung in der emiratischen Öffentlichkeit bewegen, können Anfragen durchaus skeptisch bewertet werden. Das Thema Frauen im Islam ist heikel und die Autorin wurde während ihres Aufenthaltes wiederholt darauf hingewiesen. Deswegen ist der Verzicht auf eine Kontaktaufnahme mit einheimischen Mädchen und Frauen in den Emiraten eine persönliche Entscheidung.
5 Schöning-Kalender, Claudia/Neusel, Ayla, u.a.: Feminismus, Islam, Nation - Frauenbewegungen im Maghreb, in Zentralasien und in der Türkei, Campus Verlag, Frankfurt/New York 1997, S. 9.
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B Analyse zur Stellung der Frau im Islam
am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate
6 Böhm, Karolina: Moschee in den Vereinigten Arabischen Emiraten, private Fotografie 2005.
1 Der Islam | Einleitung
Der Islam ist eine der drei großen monotheistischen Religionen, zu der sich heute ca. 1,2 Milliarden Menschen weltweit bekennen - das ist in etwa ein Fünftel der Menschheit. Die Mehrheit der Muslime lebt heute in 46 Staaten, die sich, was immer das auch heißt, als ›islamisch‹ bezeichnen. Der Islam hat sich über die Arabische Halbinsel hinaus über ganz Vorder- und Zentralasien, den Indischen Subkontinent und Südostasien bis zu den Philippinen ausgebreitet. Die Ostküste Afrikas und der ganze Norden des Kontinents nördlich und südlich der Sahara sind ebenfalls ›islamisch‹. Durch Auswanderer und Arbeitsmigranten hat sich eine islamische Diaspora in der ganzen Welt gebildet, insbesondere in Westeuropa und Nordamerika. 7
7 Vgl.: Halm, Heinz: Der Islam - Geschichte und Gegenwart, 5. aktualisierte Auflage, C.H.Beck oHG, München 2004, S. 7.
8 Hattenstein, Markus/Delius, Peter: Islam. Kunst und Architektur, Könemann Verlagsgesellschaft mbH, Köln 2000, S. 582.
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Das Ziel des ersten Abschnitts der vorliegenden Arbeit ist eine Übersicht ›des Islam‹ in seiner theoretischen Form, ohne die praktische Umsetzung in der islamischen Welt zu beachten - die unterschiedlichen Auslegungen des Islam würden an sich eine eigene Untersuchung erfordern und werden deshalb ausgeklammert. Nach einer Begriffsbestimmung und einer kurzen Skizze der Entstehungsgeschichte, die eine Darstellung der vorislamischen Zeit enthält, folgt eine Beschreibung von Muhammad als Religionsstifter. Seine Rolle ist für den Islam von zentraler Bedeutung, da nicht nur die im Koran niedergeschriebenen Offenbarungen, sondern gleichermaßen die Überlieferungen von Muhammads Taten und Aussprüchen, als zur Nachahmung empfohlene Praxis, handlungsweisend sind. Schwerpunkt des ersten Abschnitts ist die Untersuchung zur Stellung der Frau im Islam: Ihrer religiösen, rechtlichen und politischen Rechte und Pflichten.
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2 Begriffsbestimmung und Grundzüge
Die Wörter Islam und Muslim leiten sich von dem arabischen Verb aslama = übergeben, sich ergeben, sich hingeben ab. In der arabischen Sprache ist das Wort Islam ein Verbalsubstantiv und bedeutet die Hingabe an Gott. Muslim ist das Partizip dazu, also der sich ergebende. 9 Im Deutschen hat sich die ursprüngliche arabische Form Muslim (Plural Muslime; Feminin Muslimin/Musliminnen) eingebürgert und hat die persische Aussprache Moslem verdrängt. Die Bezeichnung Mohammedaner lehnen Muslime ab, denn sie beten zu Gott und nicht zu Muhammad. Was die Muslime verbindet ist der Glaube an einen Gott und dessen Offenbarungen an den Propheten Muhammad, die im Koran (Qur'ân) niedergeschrieben sind. Eine passende Definition von Heinz Halm lautet: »Muslim ist, wer den Koran als Offenbarung des einen, einzigen Gottes anerkennt.« 10 Dies entspricht auch dem Glaubensbekenntnis der Muslime und dem zentralen Glaubensartikel des Islam, der schahada: »Ich bezeuge, daß es keine Gottheit außer Gott gibt und daß Muhammad der Gesandte Gottes ist.« 11 Das Glaubensbekenntnis ist zugleich eine der fünf Säulen (arkan), wie die religiösen Grundpflichten im Islam genannt werden. Sie bilden das Kernstück des koranischen Gesetzes und sind Hauptstützen des Islam.
Arabisch lautet der erste Teil des Glaubensbekenntnisses la ilaha illa Allah. Allah ist die Kontraktion von al-ilah (›der Gott‹), während ilah irgendeinen Gott oder eine Gottheit meint. Allah ist also kein Eigenname wie zum Beispiel Zeus oder Shiva, sondern ein Appellativ wie Deus/Dieu. Somit ist die korrekte Übersetzung: Gott. Diese zweiteilige Formel, mit der sich der Muslim zum absoluten Monotheismus bekennt, wird unzählige Male im Koran wiederholt und ist der Kern der Religion des Islam. 12 Der Monotheismus wird vor allem in der Sure 112 festgeschrieben:
Der Glaube ohne Vorbehalt
Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Sag: Er ist Gott, ein Einziger, Gott durch und durch. Er hat weder gezeugt, noch ist er gezeugt worden. Und ihm ist keiner ebenbürtig. Sure 112
9 Vgl.: Ruthven, Malise: Der Islam - Eine kurze Einführung, Philipp Reclam jun. GmbH & Co, Stuttgart 2000, S. 11.
10 Halm, H., a.a.O., S. 7.
11 Ruthven, M., a.a.O., S. 193.
12 Vgl.: Watt, William Montgomery: Kurze Geschichte des Islam, Klaus Wagenbach Verlag, Berlin
2002, S. 47.
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Salat ist die zweite Säule des Islam und bedeutet Gebet oder Anbetung. Dabei handelt es sich nicht um einen gesprochenen oder gedachten Text, sondern um eine bestimmte Abfolge von Körperhaltungen: Stehen, Beugen, Knien und dabei den Boden zweimal mit der Stirn berühren. Das Gebet schließt mit einer Kopfwendung nach rechts und links ab. Im Koran ist die Gebetsrichtung vorgeschrieben: Der Gläubige soll sich nach der Kaaba orientieren, die sich in Mekka im heutigen Saudi-Arabien befindet. Sie besteht aus einem würfelartigen Stein, in dessen Außenwand zwei Me-teoritenstücke eingemauert sind. Vor dem Gebet hat der Betende die rituelle Waschung zu vollziehen. Es ist jedoch nicht festgehalten, wie oft das Gebet zu halten ist. Die übliche Zahl von fünf Gebeten am Tag geht auf die Praxis des Propheten zurück. Sie werden zu verschiedenen Tageszeiten durchgeführt und sind nach diesen benannt: Im Morgengrauen fadschr, am Mittag zuhr, am Nachmittag asr, beim Sonnenuntergang maghrib und Abend ischa. Grundsätzlich kann ein Muslim seiner Pflicht zum Gebet überall nachkommen, solange er darauf achtet, dass der Boden, z. B.: durch Benutzung eines kleinen Teppichs, an der vorgesehenen Stelle nicht verunreinigt ist. Wenn mehrere Muslime an einem Ort leben, dann sollen sie zusammen beten und sich in der Moschee versammeln, dabei gilt der Hof von Muhammads Haus als das Urbild der Moschee. Die Moschee ist kein besonders geweihter Ort und kann zwischen den Gebeten für Ruhepausen und Mittagsschlaf, als Treffpunkt und Unterrichtsraum genutzt werden. Durch die Stirnwand wird die Richtung zur Kaaba angegeben und in ihrer Mitte erinnert eine leere Nische an die Gegenwart des Propheten. Rechts davon steht die Kanzel (minbar) von der freitags die Predigt gehalten wird. Dabei ist der Freitag als Tag der Predigt in deutlicher Abgrenzung zu den wöchentlichen Feiertagen der Juden und Christen gewählt worden. Fünfmal am Tag ruft der Muezzin (Rufer) vom Minarett der Moschee zum Gebet. Wie bei den christlichen Kirchtürmen liegt seine Bedeutung weniger in der praktischen Verwendbarkeit, sondern ist vielmehr ein weithin sichtbares Zeichen für die Präsenz des Islam. 13
Saum ist die dritte Säule des Islam und bezeichnet das Fasten während des heiligen Monats Ramadan, dem neunten Monat des islamischen Mondkalenders. Solange es hell ist, bezieht sich das Fastengebot auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Kranke, Reisende, Kinder sowie schwangere oder stillende Frauen sind durch den Koran von dieser Pflicht befreit, aber wer zum Fasten fähig ist,
13 Vgl.: Halm, H., a.a.O., S. 61-65.
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nur eben im Monat Ramadan verhindert, der soll es zu einem anderen Zeitpunkt nachholen. Das gemeinsame Fasten und das nächtliche gemeinsame Schlemmen verleihen dem Ramadan einen familiären und gemeinschaftsfördernden Charakter. Am Ende des Ramadan steht das Fest des Fastenbrechens. 14 Die vierte Säule ist das zakat - das Almosengeben. Die Gesamtgemeinde der Muslime war von Anfang an als Solidargemeinschaft ausgelegt, in der einer für den anderen einzustehen hat. So dient das Almosengeben, manchmal Armensteuer genannt, dem Unterhalt der Bedürftigen durch die Vermögenden. Als Abgabe gilt heute der Richtwert von 2,5 % des Überschusses, der nach Versorgung der Familie übrig bleibt. 15
Der hajj ist die fünfte Säule des Islam und jeder Muslim, der dazu gesundheitlich und finanziell in der Lage ist, sollte einmal in seinem Leben an der Pilgerfahrt nach Mekka teilnehmen. Die jährliche Pilgerfahrt findet während der letzten zehn Tage des zwölften Mondmonats statt und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Opferfest Id al-Adha, an dem in der gesamten muslimischen Welt ein Opfertier (Schaf, Kuh oder Kamel) geschlachtet wird.
Die Pilgerreise ist für alle Muslime Pflicht und oftmals spart eine Familie oder auch ein ganzes Dorf, um wenigstens einer Person den hajj zu finanzieren. Die Zurückgekehrten genießen hohes Ansehen und können den Titel Pilger ihrem Namen voranstellen 16 . Der hajj ist für viele Muslime wohl der Höhepunkt ihres bisherigen religiösen Lebens und Heinz Halm betont:
»Nirgends als unter diesen tausenden gleichgekleideten Menschen aller Rassen und aus aller Herren Länder zeigt der Islam sinnfälliger seinen egalitären Anspruch: dass alle Gläubigen vor Gott gleich sind.« 17
Ungefähr zwei Millionen Pilger verrichten jährlich den hajj.
Zusammenfassend werden die religiösen Pflichten in der folgenden Koransure deutlich:
14 Vgl.: Ebd., S. 65ff.
15 Vgl.: Ebd., S. 67ff.
16 Vgl.: Ruthven, M., a.a.O., S. 197f.
17 Halm, H., a.a.O., S. 74.
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Was muslimische Männer und Frauen sind, Männer und Frauen, die gläubig, die (Gott) demütig ergeben, die wahrhaftig, die geduldig, die bescheiden sind, die Almosen geben, die fasten, die darauf achten, daß ihre Scham bedeckt ist, (oder: die sich des (unerlaubten) Geschlechtsverkehrs enthalten (?), w. die ihre Scham bewahren) und die Gottes ohne Unterlaß (w. viel) gedenken, - für sie (alle) hat Gott Vergebung und gewaltigen Lohn bereit. Sure 33, Vers 35
3 Entstehungsgeschic hte des Islam
3.1 Vorislamische Zeit
Der Islam entstand in den ersten Jahrzehnten des 7. Jahrhunderts auf der Arabischen Halbinsel auf dem Nährboden der dortigen Kulturen und ihrer religiösen Auffassungen, zu einer Zeit, als sich in der Weltgeschichte entscheidende Veränderungen vollzogen. In Europa entstanden die Reiche der Goten, Langobarden und Merowinger. Byzanz, Nachfolger des Oströmischen Reiches, musste sich in Syrien und Mesopotamien gegen den Erzfeind Persien verteidigen. Dieser hatte den Zoroastrismus zur Staatsreligion erhoben und stand in direktem Kontakt mit China, das nach der Einigung unter der Tang-Dynastie seine Macht über ganz Turkestan ausgedehnt hatte. 18 Auf der Arabischen Halbinsel gehörten die meisten Bewohner nomadischen Stämmen an. Darüber hinaus gab es einige halbsesshafte Stämme und Stammesgruppen sowie kleinere Städte, die jedoch die Ausnahme bildeten. Die Nomaden, die auch Beduinen genannt werden, lebten von ihren Herden und Handelsgeschäften und waren in ihrer Lebensweise von den geografischen Gegebenheiten abhängig. Die Halbinsel wird von drei klimatischen Zonen geprägt: Im Norden erstreckt sich eine Steppen-landschaft, die Weidewirtschaft und den Unterhalt großer Herden ermöglicht. Der Großteil der Halbinsel besteht jedoch aus lebensfeindlicher Wüste, der Rub al Khali (=Leeres Viertel), die hin und wieder von Oasen unterbrochen wird. An einigen Stellen der Westküste und auch im Süden war und ist Ackerbau möglich. 19 Der Einzelne identifizierte sich über seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten patriarchalisch geprägten Familie, dann über seinen Stamm. Die absolute Loyalität zu diesem stand im Gegensatz zu fast beständigen Feindschaften gegenüber Mitgliedern anderer Stämme. Denn die kargen Weidelandschaften und die geringen Niederschläge erforderten die ständige Suche nach neuen Futterquellen für die Herden und so benötigte jeder Stamm ein weitaus größeres Gebiet als nur das, in dem er sich zu einer bestimmten Zeit aufhielt. Es gab Übereinkünfte über das Territorium, in dem ein
18 Vgl.: Ende, Werner/Steinbach, Udo (Hrsg.): Der Islam in der Gegenwart, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage, C.H. Beck, München 2005, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2005, S. 21.
19 Vgl.: Ohlig, Karl Heinz: Weltreligion Islam. Eine Einführung., Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz
2000, S. 18f.
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Stamm Weiderechte beanspruchte und ein starker Stamm konnte dieses Recht auch mit Gewalt durchsetzen. 20 Außer in Mekka
»schlugen sich die Araber in dem endlosen Wüstengebiet mit dem aufreibenden Beduinenalltag herum, gemäß dem rudimentären Wirtschaftssystem der Wanderhirten aller Zeiten und Länder. Sie zerfielen in zahllose Stämme, Sippschaften, Untergrüppchen, hatten sich unablässig gegen die lebens- und menschenfeindlichen Unbilden der Wüste, gegen die gnadenlose Natur zu wehren, befehdeten einander kreuz und quer, jagten einander die kargen Weidegründe ab, machten einander halb ausgetrocknete, schier versiegte Brunnenlöcher streitig, raubten einander Vieh und Herden.« 21
Die Stadt Mekka wurde von sesshaften Stämmen bewohnt und bot somit eine gewisse Besonderheit auf der Arabischen Halbinsel. Obwohl sie außerhalb der Interessen der Großmächte lag, war die Stadt mit dem Norden auf vielfältige Weise verbunden. Mekka war ein bedeutsames Handelszentrum zwischen Südarabien und dem Mittelmeer, was mehrere Ursachen hatte: Zum einen gewährte die Kaaba, das wohl bedeutendste heidnische Heiligtum Arabiens, unerlässlichen Schutz für die Handelsgeschäfte, weil der Bereich um die Kaaba und auch das weitere Gebiet um Mekka bereits vor dem Islam als heilig galten. Stammesfehden waren innerhalb des heiligen Bezirks verboten, wodurch es den Nomaden möglich war, in der Nähe von Mekka unbehelligt Märkte abzuhalten. Bestimmte Monate galten bei den Stämmen als heilig und in diesen wurden die jährlichen Pilgerfeste sowie große Märkte abgehalten. Hinzukam, dass um 600 n. Chr. durch die ständigen Kriege zwischen Persien und dem byzantinischem Reich die Handelsroute, die durch den Persischen Golf und den Irak nach Aleppo zum Mittelmeer führte, unterbrochen war. So nutzten die mekkanischen Händler die Gelegenheit und ein Großteil des Handels wurde von ihren Kamelkarawanen von Jemen über Mekka nach Gaza, Damaskus und Aleppo abgewickelt. Sie schlossen konsequent alle nicht Mekkaner vom Karawanenhandel aus und
20 Vgl.: Schirrmacher, Christine: Der Islam. Geschichte - Lehre. Unterschiede zum Christentum, Band
1, Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2003, S. 2.
21 Gabrieli, Francesco: Die Araber und der Islam. Eine Konfession und eine Zivilisation. In: Crespi, Gabriele: Die Araber in Europa, Belser Verlag, Stuttgart und Zürich 1983, S. 9.
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gelangten zu erheblichem Wohlstand. 22 Dadurch wurde Mekka schon in der vorislamischen Zeit zu einem wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum, an das Muhammad nur anzuknüpfen brauchte.
3.2 Die religiöse Situation
Traditionell glaubten die Beduinen an mehrere Götter und Gottheiten, an Dämonen und Naturgeister. Dabei handelte es sich vor allem um lokale Gottheiten, die von Stamm zu Stamm unterschiedlich waren und in heiligen unbehauenen Steinen, Bäumen oder Quellen weilten. Diesen Göttern wurden Opfer (Kamele, Schafe oder Rinder) gebracht und zwar meistens ohne die Vermittlung eines Priesters. 23 Gabrieli spricht von einem »Polydämonismus«:
»Eine Unmenge von in Form von Götzenbildern, jeweils meist bloß an einzelne Stämme, Clans, Völkerschaften gebundene [...] Stammesgötter und -götzen geisterten umher, und ihre Abbilder [...] standen als Idole aus dem ganzen Land in der Ka'aba von Mekka versammelt und friedlich vereint.« 24
Der Polytheismus war nicht sonderlich ausdifferenziert und kannte viele Geister (Dschinns), mächtige unsichtbare Wesen, die zwischen den Göttern und den Menschen standen, die sowohl gut als auch schlecht wirken konnten. Darüber hinaus wurden auch seltene Naturphänomene verehrt. Ein Relikt dieses Kultes ist die Verehrung der Kaaba. Ursprünglich handelte es sich um einen Steinkult ohne besondere theologische Begründung, später wurde er mit bestimmten mekkanischen Gottheiten verbunden, vor allem mit den drei Göttinnen al-Lat, al-'Uzza und Manat. Mit der Zeit entwickelten sich jährliche Wallfahrten zu dem Heiligtum, die sich bald auf die gesamte Arabische Halbinsel ausdehnten. Wie bereits erwähnt, waren während der Wallfahrtszeit Stammesfehden und kriegerische Auseinandersetzungen verboten. Die Fest- und Friedenszeit dauerte zu Muhammads Zeiten vier Monate. Mekka wurde so schon zu vorislamischer Zeit ein wichtiges religiöses und wirtschaftliches Zentrum, dessen Einwohner fast vollständig zu dem großen Stamm der Quraish gehörten, der sich wiederum aus etwa einem Dutzend Sippen zusammen- 22Vgl.: Watt, W. M., a.a.O., S. 9f.
23 Vgl.: Schirrmacher, C., a.a.O., S. 9.
24 Gabrieli, F., a.a.O., S. 9f.
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setzte. Gemeinsame wirtschaftliche Interessen verhinderten größere Zusammenstöße zwischen den einzelnen Stammesgruppen und so bildete die Stadt Mekka einen Sonderfall im arabischen Kontext, denn sie wurde nicht von einem König, sondern von angesehenen Kaufleuten geleitet. 25
Der Vollständigkeit halber darf die Rolle des Christen- und Judentums auf der Arabischen Halbinsel nicht unerwähnt bleiben. Im heutigen Jemen gab es eine große ethnisch bunt gemischte christliche Gemeinde und vermutlich besuchten auch christliche Kaufleute und Anhänger anderer Religionen die jährlichen Märkte in Mekka. Das Judentum war in Arabien noch stärker vertreten und so gab es mehrere geschlossene jüdische Gemeinden vor allem in Medina (früher Yathrib). Auch wenn über den Einfluss dieser Religionen auf die Entstehung und Ausbildung des Islam unterschiedliche Ansichten herrschen, so »kann man ohne Einschränkung sagen, dass der Islam ohne die von beiden Religionen auf der Arabischen Halbinsel geleistete Vorarbeit nicht denkbar wäre.« 26
3.3 Muhammad - der Stifter des Islam
Für Muslime ist Muhammad zum einen der letzte Prophet, den Allah für die Verkündung seiner Offenbarung erwählte, zum anderen ist er Vorbild und Norm für die politisch-religiöse Führung der Glaubensgemeinschaft. Sein Leben lässt sich in drei Hauptabschnitte gliedern: Die ersten 40 Jahre bis zu seiner Berufung zum Propheten in Mekka, die Zeit seiner ersten Verkündungen, bis er sich nach Medina wandte und seine letzten zehn Jahre in Medina in denen er seine Stellung als Prophet und politischer Führer der ersten islamischen Gemeinde festigen und ausbauen konnte. 27 Muhammad gehörte zur Sippe der Haschim, einem verarmten Zweig der mächtigen Quraish, dem vorherrschenden Stamm in Mekka, deren Chef sein Großvater Abd al-Muttalib, ein bedeutender Händler, war. Muhammads Vater Abd Allah war ebenfalls Händler, der jedoch auf dem Rückweg von einer Reise nach Syrien noch vor der Geburt Muhammads starb. Muhammad wurde um das Jahr 570 n. Chr. in Mekka ge-boren und seine frühe Kindheit verbrachte er bei seiner Mutter, die früh starb. Muhammad war sechs Jahre alt als er zuerst von einer Amme, dann von seinem Großvater und letztendlich von seinem Onkel Abu Talib aufgenommen wurde. Als er alt genug war, unternahm er mit seinem Onkel Handelsreisen nach Syrien und durch
25 Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 20ff.
26 Ende, W./Steinbach, U.(Hrsg.), a.a.O., S. 22.
27 Vgl.: Schirrmacher, C., a.a.O., S. 21.
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seine Erfahrung übertrug ihm die fast zwanzig Jahre ältere Witwe Khadija, eine wohlhabende und erfolgreiche Händlerin, ihre Waren in Kommission. Nachdem sie mit der Ausführung des Auftrags zufrieden war, bot sie Muhammad die Heirat an, was er annahm. Bis zu ihrem Tod blieb ihr Muhammad, er war dann schon rund 50 Jahre alt, in monogamer Weise treu. Sie gebar ihm drei Söhne, die bald starben und vier Töchter: Umm Kulthum, Zainab, Ruqaiya und Fatima. Erst nach ihrem Tod nahm Muhammad weitere Frauen. 28 Dies ist insofern betonenswert, da es im Islam sowohl Verfechter für die Polygamie als auch für die Monogamie gibt und beide stützen sich auf die Aussagen im Koran und die Überlieferungen. Doch dazu später mehr.
Die erste Ehe machte Muhammad finanziell unabhängig, was eine wichtige Voraussetzung für seine religiöse Beschäftigung darstellte. Muhammad soll ein nachdenklicher Mensch gewesen sein, der sich einmal im Jahr in eine Höhle am Berg Hira in der Nähe von Mekka zurückzog. Im Alter von etwa 40 Jahren (ca. 610 n. Chr.) hatte er in dieser Höhle seine erste Vision. Doch seine Verkündung blieb über mehr als ein Jahrzehnt ohne großen Erfolg. Er konnte in der ersten Zeit lediglich 60 Anhänger gewinnen. 29 Unterstützt wurde er dabei hauptsächlich von seiner Frau Khadija, die als erste an ihn als Propheten glaubte und Muslimin wurde. Ansonsten waren seine Anhänger in den frühen Jahren junge Männer aus den wohlhabendsten und mächtigsten Familien und Sippen - jüngere Brüder oder Söhne der bedeutendsten Händler. Doch was faszinierte die jungen Männer an der von Muhammad gepredigten Religion? Laut W. Montgomery Watt war
»Die alte tribale Lebensweise mit ihrem überlieferten Stolz auf die Taten des Stammes oder der Sippe [...] im Verschwinden begriffen. Die reichen Sippenchefs wurden Einzelpersonen, die ihre traditionellen Pflichten vernachlässigten. Diejenigen, die nicht zu den Wohlhabenden und Mächtigen gehörten, erfuhren nun die Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz. Der Koran wies darauf hin, daß der Sinn des Daseins nicht in der Akkumulierung von Reichtum und Macht lag und die wohlhabenden Händler nicht so reich waren, wie sie meinten, da es über allem einen allmächtigen Gott gab.« 30
28 Vgl.: Watt, W. M., a.a.O., S. 10f.
29 Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 28f.
30 Watt, W. M., a.a.O., S. 18.
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Die kritische Haltung gegenüber den reichen Händlern stieß bei diesen bald auf Wi-derstand. Und als seine Frau Khadija und sein Onkel Abu Talib, beide wichtige Stützen des Propheten, in kurzen Abständen verstarben, wurde für Muhammad die Lage schwierig. Am 16. Juni 622 siedelte Muhammad von Mekka nach Medina (damals noch Yathrib) um, denn er schien zu glauben, dort eher mit seinen Verkündungen Anklang zu finden. Diese Hidschra (›Auswanderung‹) ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung und aus dem Führer einer verfolgten Minderheit wurde in den kommenden Jahren ein Politiker und Staatsmann. 31
Medina war eine 400 km nördlich von Mekka gelegene Oase, in der Datteln und Getreide angepflanzt wurden. Im Jahr der Hidschra herrschten dort acht arabische Sippen, zwischen denen es zu vielen Auseinandersetzungen kam. Die Pilger aus Medina, die Muhammad in Mekka aufsuchten und den Islam angenommen hatten, hofften in ihm einen Schiedsrichter für die Streitigkeiten zu finden. Mit der »Gemeinde-ordnung von Medina« 32 beendete Muhammad die inneren Wirren, indem er das Zusammenleben zwischen dem aus Mekka ausgewanderten Stamm und den acht in Medina sesshaften Stämmen regelte. Kurz nach Muhammads Ankunft in Medina kam es jedoch zu weiteren Konflikten, die sowohl theologische als auch andere Ursachen hatten und damit endeten, dass die Juden aus der Stadt vertrieben wurden oder einem Massaker zum Opfer fielen. Somit entstand in Medina eine religiöse Gemeinschaft auf den Grundlagen des Islam, die aus Teilnehmern der Hidschra und aus den Helfern, also eingesessenen Medinensern, die sich dem Islam angeschlossen hatten, bestand. Muhammad wollte jedoch wieder nach Mekka zurückkehren, das in seinen Augen das ursprünglich monotheistische Heiligtum, die Kaaba, durch Götzendienst entweiht hatte und nun wieder der ursprünglichen Bedeutung zurückgegeben werden sollte. So veranlasste er die Hinwendung zur Kaaba als neue Gebetsrichtung. Zu-vor war es Jerusalem gewesen. Dadurch wurde Mekka zum Zentrum des Islam erklärt. 33
Wir sehen, daß du unschlüssig bist, wohin am Himmel du dich (beim Gebet) mit dem Gesicht wenden sollst. Darum wollen wir dich (jetzt) in eine Gebetsrichtung weisen, mit der du gern einverstanden sein wirst: Wende dich mit dem Gesicht in Richtung der heiligen Kultstätte (in Mekka)! Und wo immer ihr (Gläubigen) seid, da wen-
31Vgl.: Ohlig, K., a.a.O., S. 29.
32 Ende, W./Steinbach, U.(Hrsg.), a.a.O., S. 24.
33 Vgl.: Ebd., S. 22ff.
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det euch mit dem Gesicht in dieser Richtung! Sure 2, Vers 144
Die Muslime kämpften um den Besitz des Heiligtums in Mekka und um die Rückkehr in ihre Wohnsitze. Es kam zu einer Reihe von Schlachten und Gefechten und 630 n. Chr. fiel Mekka dem Islam zu. Daraufhin zerstörte Muhammad eigenhändig die in der Kaaba aufgestellten Götzenbilder und deutete den Kult nun endgültig monotheistisch um, so dass jedem Nichtmuslim der Eintritt verweigert wurde. Es wird berichtet, dass er seine Gegner mit Großmut behandelte, um ihnen so den Anschluss an den Islam zu erleichtern und bald war der größte Teil der Arabischen Halbinsel für den Islam gewonnen. Schon vor Muhammads Tod wurden Vorstöße über die nördlichen Grenzen hinaus unternommen und einer Legende nach soll der Prophet an die Herrscher der umliegenden Reiche, den byzantinischen Kaiser, den persischen Großkönig und den Negus von Abessinen, Briefe, mit der Aufforderung sich zu unterwerfen und den Islam anzunehmen, gesandt haben. Und in der Tat verlief die weitere Ausbreitung des Islam, nachdem Muhammad 632 n. Chr. im Alter von 63 Jahren verstarb, in unglaublichem Ausmaß. 34
Die Zeit nach seinem Tod wird als die Zeit der vier rechtgeleiteten Kalifen, der raschidun, bezeichnet und als Phase des wahren Islam angesehen, weil dieser damals nahezu vollkommen gewesen sein soll. Da drei der vier rechtgeleiteten Kalife ermordet wurden, erscheint die Aussage vom ›wahren Islam’ - also der idealen Gesell-schaftsordnung - nicht unbedingt einleuchtend vor allem in Anbetracht dessen, dass auch heutzutage viele die Rückkehr zum ›wahren Islam’ fordern. Dabei verkennen sie, dass es diesen nie gegeben haben kann, sondern dass der Islam immer der Auslegung der jeweiligen Zeit unterworfen war.
Muhammad hatte keine Bestimmung über seine Nachfolge getroffen und so kam es bald zu Streitigkeiten, die sich sogar zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen steigerten und die konfessionelle Spaltung des Islam nach sich zogen. Die Sunniten traten für die Wahl eines Kalifen (khalifa = Nachfolger, Stellvertreter) aus dem Stamm der führenden mekkanischen Handelsfamilie der Quraish, ein, während nach Ansicht der Schiiten die leiblichen Nachkommen Muhammads zur Leitung der Gemeinschaft bestimmt werden sollten, womit insbesondere die Nachkommen seiner Tochter Fatima gemeint werden, da Muhammad keinen männlichen Nachfolger hin- 34Vgl.: Ebd., S. 25ff.
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M.A. Karolina Böhm, 2007, Die Stellung der Frau im Islam am Beispiel der Vereinigten Arabischen Emirate, Munich, GRIN Publishing GmbH
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