Probleme der Gattungspoetik
von
Dr. Wolfgang Ruttkowski
I
Wer es heute unternähme, in einem Lehrbuch Wesen und Funktion der literarischen Gattungen darzustellen, müsste bald feststellen, dass er sich fortwährend in Hypothesen bewegt. Nichts scheint zu Ende diskutiert, nichts ein für alle Mal geklärt zu sein. Im neueren Schrifttum ist das Problem immer wieder aufgegriffen worden, von B. Croces Leugnung seiner Relevanz [1] bis zu E. Staigers Versuch einer Fundierung der Gattungen in allgemeinmenschlichen Grundhaltungen.[2] Viele haben interessante Einzelbeobachtungen beigesteuert, wie z.B. Käte Hamburger über Charakteristika des Epischen [3] und Wolfgang Kayser über Aufteilung und Funktionsweise der lyrischen Dichtung. [4] Dennoch aber fehlt die allgemein anerkannte Zusammenschau, besonders in Hinsicht auf die fundamentalen Fragen: die Nomenklatur, das Wesen der sogen. "Grundhaltungen" und "Grundbegriffe", ihre Anzahl und gegenseitige Abgrenzung und ihren Zusammenhang mit den einzelnen Gattungen. Einige dieser wichtigsten Fragen sollen hier diskutiert werden.
II
Zuerst einmal sollte Ordnung in die seit Jahrhunderten herrschende Verwirrung der Begriffe gebracht werden. Die historischen Gründe für diese unklare Begriffsanwendung sind andernorts untersucht worden [5]. Es braucht uns an dieser Stelle nicht zu beschäftigen, warum z.B. Goethe für das, was wir heute meistens Gattungen nennen, den Begriff "Dichtarten" verwenden wollte und für unsere Grundbegriffe das Wort "Naturformen" [6]. Eine sinnvolle Nomenklatur hängt zwar von den sich wandelnden Anschauungen ab, funktioniert aber, nachdem sie sich einmal durchgesetzt hat, vor allem dadurch, dass sie einheitlich angewandt wird, selbst wenn die Namen den Anschauungen nicht mehr völlig gerecht werden.
Genau genommen unterscheiden wir in der modernen Poetik mindestens sieben verschiedene Schichten von Kategorien, die sich auf die Einteilung von Dichtung beziehen:
1. die allgemein-menschlichen Grundhaltungen der Welterfahrung, die sich auch in der Dichtung auswirken; seit der Romantik unterscheidet man vor allem die lyrische, epische und dramatische; gelegentlich aber wird eine vierte geltend gemacht, [7] z.B. die didaktische;
2. die Auswirkungen der Grundhaltungen als ihnen entsprechende und bereits in der Sprache nachweisbare Elemente "das Lyrische, das Epische, das Dramatische"; (zu diesen subjektivierten Adjektiv gesellen sich andere, die schwierig von ihnen abzugrenzen sind, z.B. "das Didaktische, Komische, Tragische, Groteske, Absurde" etc.)
3. noch abstrakte Gruppierungen von Sprachkunstwerken, in denen jeweils eine der Grundhaltungen die anderen überformt, die Grundbegriffe [2] "Lyrik, Epik, Dramatik" etc. (Man sollte der Klarheit zuliebe sich davor hüten, diese Begriffe mit denen der vorigen Gruppe zu verwechseln, in Formulierungen wie "Die Lyrik dieser Abendlandschaft" oder "Die Dramatik des Höhepunktes".)
4. spezifizierte Grundbegriffe in verschiedenen Graden der Eingrenzung wie "Gedankenlyrik" oder "didaktische Gedankenlyrik";
5. auf die Gestalt zielende Sammelbegriffe, die noch nicht so stark eingegrenzt sind wie die Gattungen, z.B. "Gedicht, Theaterstück, Prosa.;"
6. die Gattungen als relativ konstante Strukturen (nur bis zu einem gewissen Grade variierte Kombinationen von Inhalts-, Gehalts- und Gestaltsmerkmalen) wie Ballade, Sonnet, Roman, Novelle, Ode etc. (Schon an dieser Aufzählung wird deutlich, wie verschieden die Variationsbreite der einzelnen Gattungen ist, und zwar verschieden in Hinsicht auf den Inhalt und Gehalt wie auch die Gestalt.)
7. die Untergliederungen der Gattungen nach formalen oder gehaltlichen Gesichtspunkten sollten wir Arten und Typen nennen und den letzten Begriff jeweils für die kleinere Gruppe verwenden.
Im Sinne dieser Einteilungskategorien würde man etwa den Detektivroman als einen Typ der umfassenderen Art Kriminalroman auffassen, der sich nur durch die zentrale Figur (z.B. Sherlock Holmes) unterscheidet. Der Kriminalroman wiederum hebt sich durch Inhalt (Verbrechen) und spannende Handlung (das Rätsel: Wer ist der Täter?) von der noch umfassenderen Gattung des Romans ab. Der Roman aber gehört zu den epischen Kunstwerken, also zum Grundbegriff Epik. Diese haben gemeinsam, dass in ihnen die epische Grundhaltung (trotz der besonders im Kriminalroman reichlich nachweisbaren dramatischen Elemente) die anderen überwiegt. Durch ihre Form gehören sie gleichzeitig zum Sammelbegriff Prosa.
[...]
[1] Grundriss der Ästhetik. 1913 ff.
[2] Grundbegriffe der Poetik. Zürich 1946 ff.
[3] Die Logik der Dichtung. Stuttgart 1957
[4] Das sprachliche Kunstwerk. (1. Kapitel: Das Gefüge der Gattung.) Bern 1948 ff.
[5] z.B. von Irene Behrens in Die Lehre von der Einteilung der Dichtkunst. Halle 1940 (dort auch viel Literaturangaben bis 1900).
[6] Schriften zur Literatur und zur Kunst. (Bde. 6 und 12)
[7] Valentin, Veit: "Poetische Gattungen" in Ztschr. F. Vergl. Lit. Gesch., NF. 5. Bd., 3551, Berlin 1892. Kerr, Alfred: Die Welt im Drama. (Vorwort) 1904. Flemming, Willi: "Das Problem von Dichtungsgattung und -art." (S. 56 ff.) SG, XII, 1959. Seidler, Herbert : Die Dichtung. (S. 438: "Die Didaktik") Stuttgart 1959.
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 1986, Probleme der Gattungspoetik, München, GRIN Verlag GmbH
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