Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Wahrheit bei Nietzsche 3
2.1 Perspektivismus 3
2.2 Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien 4
2.3 Nietzsches Wahrheitsbegriff 6
3 Moralkritik 8
3.1 Nietzsches antimoralische Position 8
3.2 Kleine Christentumskritik 13
4 Ausblick: Welche Werte will Nietzsche schaffen 15
5 Verwendete Literatur 17
1
1 Einleitung
In der vorliegenden Arbeit sollen in einem ersten Teil zentrale Aspekte des Nietzscheschen Wahrheitsbegriffes herausgearbeitet werden, um in einem zweiten Teil den Konsequenzen nachzugehen, die sich für seine Moralphilosophie respektive seine Christentumskritik daraus ergeben. Es ist mir dabei ein Anliegen, zu zeigen, auf welchen grundsätzlichen philosophischen, insbesondere antimetaphysischen Nietzsches Christentumskritik fußt.
Zunächst sollen anhand einiger Fragmente aus der Genealogie der Moral 1 bzw. aus Jenseits von Gut und Böse 2 grundlegende Elemente des Nietzscheschen Perspektivismus 3 herausgearbeitet und unter Zuhilfenahme von sekundärliterarischen Texten A.C. Dantos und S.L. Sorgners beleuchtet werden. Im Anschluss daran folgt ein kurzer Abriss zur Nietzscheschen Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien und eine abschließende Charakterisierung seines Wahrheitsbegriffs.
Im zweiten Teil wird – unter Bezug zu Tanner und Vattimo - diese insgesamt theoretische Einführung auf den Komplex der Moral angewandt. Dabei soll zunächst Nietzsches grundsätzlich antimoralische Position näher erläutert und schließlich seiner antichristlichen Wertorientierung nachgegangen werden. Ich kann hier freilich der Fülle und Vielfalt an christlichen Traditionen nicht hinlänglich Rechnung tragen. Es soll an meiner Untersuchung lediglich deutlich werden, welche zentralen Elemente Nietzsche am Christentum als ontologischen Irrtum kritisiert. Abschließend wird in einem Ausblick, in dem ich Maras 4 zu Hilfe nehme, die Frage angerissen werden, welche Werte Nietzsche alternativ schaffen will – fürchtet er doch nichts mehr als den von ihm prophezeiten Nihilismus. Methodisch orientiere ich mich an der Philologie, indem ich versuche, so nah als möglich an den Nietzscheschen Primärquellen zu bleiben.
1 F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in: KSA 5, München u.a. 1980. Alle weiteren Zitate und
Quellenverweise aus diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe.
2 F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, in: KSA 5, München u.a. 1980. Alle weitere Zitate und
Quellenverweise aus diesem Werk beziehen sich auf diese Ausgabe.
3 Fremdworte, die im Nietzsche – Diskurs eine besondere Rolle spielen oder geläufig sind, werden im Folgenden
kursiv vom laufenden Text abgesetzt.
4 K. Maras, Vernunft- und Metaphysikkritik bei Adorno und Nietzsche. Univ. Diss., Tübingen, 2002.
2
2 Wahrheit bei Nietzsche
2.1 Perspektivismus
Eine zum Verständnis der Philosophie Nietzsches grundlegende Einsicht ist der Perspektivismus. Diese Theorie geht davon aus, dass es keine privilegierte Sichtweise auf die Welt gibt, sondern alle Perspektiven, aus denen interpretiert wird, nebeneinander koexistieren. Da jeder Mensch aus seiner Warte interpretierend zu einem bestimmten Abbild der Realität gelangt, das seinerseits nie deckungsgleich mit dem eines anderen Menschen ist, wird die spätestens seit Kant in der Philosophie immer wieder präsente Frage nach dem „Ding an sich“ – und das ist eine interessante und diskussionswürdige Nebenwirkung dieses Theorems - hinfällig: „Es gibt keine Tatsachen, nur Interpretationen.“ 5 Die einzelnen Perspektiven ergeben sich Nietzsche zufolge aus dem Erkenntnisinteresse, das seinerseits immer von einem Willen geleitet ist und eo ipso nur perspektivisch sein kann. Hier korrelieren, das verdeutlicht Stefan L. Sorgner, Perspektivismus und Wille zur Macht, eine der großen Nietzscheschen Problemstellungen, die auch dem berühmten Werk seinen Titel geben: von den unzähligen Machtzentren, die existieren, so lautet die These, organisieren sich bestimmte Perspektiven auf die Welt. Jedes Machtzentrum, jeder Körper also, ist dabei bestrebt, seinen Einflussbereich zu vergrößern und seinen Willen zur Macht zu expandieren. 6 Dieses sei hier jedoch nur am Rande erwähnt. Viel zentraler ist zunächst eine Charakterisierung des Perspektivismus von Nietzsche selbst: „Hüten wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen“, so schreibt er in der Genealogie der Moral,
„[…] von nun an besser vor der gefährlichen alten Begriffs-Fabelei, welche ein […] reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis angesetzt hat […] hier wird immer nur ein Auge zu denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei dem die aktiven und interpretirenden Kräfte unterbunden sein sollen, fehlen sollen, durch die doch sehen erst Etwas-Sehen wird […], es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘ […] je mehr
5 A.C. Danto, Nietzsche as Philosopher [1965], New York 1980, S. 58.
6 S.L. Sorgner, Metaphysics without Truth, München 1999, S. 72f.
3
Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“ 7 „
Mit „Augen“ – das soll dem Verständnis halber hier ergänzt werden - scheint Nietzsche nichts anderes als spezifische Perspektiven zu meinen. 8 Es wird deutlich: Nietzsche geht es offensichtlich nicht wie Kant darum, zum Wesenskern der Dinge vorzudringen – über die Existenz eines Dings an sich, so weiß er, kann er nichts aussagen – es geht ihm um einen anderen, für seine Philosophie existentiellen Gedanken: er will den Wert von Wahrheit 9 in Frage stellen. Provokant formuliert er: „Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit? Selbst Unwissenheit? […] 10
Mit dieser gleichsam epistemologischen Überlegung der von einer Perspektive abhängigen, nicht autonom existierenden Erkenntnis oder Erkenntnismöglichkeit führt er en passant einen neuen Objektivitätsbegriff ein, nach dem Objektivität nicht „interesselose Anschauung“ – das wäre eine klassische philosophische Definition -, sondern das Vermögen ist,
„[…] sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und Affekt- Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu machen weiß.“ 11
Vor dem Hintergrund dieser radikalen erkenntnistheoretischen Skepsis und dem allgegenwärtigen Zweifel an der Möglichkeit einer objektiven Seinsform entfaltet sich Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden muss.
2.2 Nietzsches Kritik an traditionellen Erkenntnistheorien
Wie zu erwarten ist, unterzieht Nietzsche die traditionellen Erkenntnistheorien einer grundlegenden Kritik. Sie, das ist der fundamentale Vorwurf, könnten nicht den Anspruch haben, mit bestimmten wissenschaftlichen Methoden Erkenntnisse erzielen zu können. Am Beispiel einer Kritik des Empirismus und des Rationalismus soll dieses verdeutlicht
7 F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 365.
8 S.L. Sorgner, 1999, S. 82.
9 F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, S. 15ff.
10 Ebd.
11 F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, S. 364.
4
Quote paper:
Philipp Einhäuser, 2007, "Wahrheit" bei Nietzsche, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Philosophie Friedrich Nietzsches
Philosophy - Theoretical (Realisation, Science, Logic, Language)
Intermediate Examination Paper, 21 Pages
Wahrheit und ihre Konsequenz bei Platon und Nietzsche
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Das Hauptstück der Sprachkritik des frühen Nietzsche - 'Ueber Wahr...
Termpaper, 20 Pages
Nihilismus - Eine okzidentale Krankheit? Zur Genealogie des metaphysis...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 39 Pages
Friedrich Nietzsches Wahrheitskritik im außermoralischen und moralisch...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholary Paper (Seminar), 19 Pages
Leben als verantwortliches Individuum
Überlegungen zu den Grundlagen...
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Essay, 5 Pages
Sokrates kontra Dionysos oder: Die Notwendigkeit der Illusion
Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Über den Ressentiment-Begriff bei Friedrich Nietzsche
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 13 Pages
Jenseits von Gut und Böse: 'Pluralität des Willens' und 'W...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Termpaper, 17 Pages
Der Tod Gottes und die ewige Wiederkehr des Gleichen - Kritik der The...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Nietzsche, Friedrich - Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
Presentation / Essay (Pre-University), 5 Pages
Nietzsche, Friedrich - Über Wahrheit und Lüge
Presentation / Essay (Pre-University), 3 Pages
Die Funktion der Moral nach Nietzsche
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 27 Pages
Der Freie Geist in Nietzsches »Also sprach Zarathustra«
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Zur Umfokussierung von „Wahrheit“ bei Friedrich Nietzsche
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Nietzsche, die Vorsokratiker, Platon und die Wahrheit(en)
Untersuchung der Kritik der Wa...
Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Termpaper, 23 Pages
Zur Denkfigur des 'Vornehmen Menschen' bei Nietzsche
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Die Begriffe der Schuld und des schlechten Gewissens in der „Genealogi...
Philosophy - Philosophy of the 19th Century
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 19 Pages
Die Nietzsche-Rezeption bei Gottfried Benn
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Philipp Einhäuser's text "Wahrheit" bei Nietzsche is now available as a printed book
Philipp Einhäuser has published the text "Wahrheit" bei Nietzsche
Philipp Einhäuser has uploaded a new text
Philosophie des Perspektivismus / Wahrheit und Perspektive bei Kant, H...
Friedrich Kaulbach
Nietzsche, Epistemology, and Philosophy of Science
Nietzsche and the Sciences II
B. E. Babich
0 comments