„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“
Zur narrativen Konstruktion von ‚Zeit’
in der erzählenden Literatur des 20. Jahrhunderts
Schriftliche Hausarbeit zur Erlangung des Grades
eines Magister Artium (M.A.)
der Philosophischen Fakultät
der Christian-Albrechts-Universität
zu Kiel
vorgelegt von
Ulrike Daniela Hammer
Kiel
23. April 2007
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung ... 4
II. Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ... 6
1. Hintergrund zu Leben und Werk ... 6
2. Inhalt ... 7
2.1 Stil und Entwicklung der Recherche ... 7
2.2 Handlung ... 9
3. Narrative Zeitstrukturen ... 21
3.1 Formale Ebene ... 23
3.1.1 Ordnung ... 24
3.1.2 Dauer ... 28
3.1.3 Frequenz ... 33
3.2 Inhaltliche Ebene ... 34
3.2.1 Die Erinnerung ... 35
3.2.2 Die wiedergefundene Zeit ... 53
III. Michael Endes Momo – oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte ... 56
1. Hintergrund zu Leben und Werk ... 56
2. Inhalt ... 59
2.1 Endes poetisches Konzept ... 59
2.2 Handlung ... 60
2.3 Exkurs: Ist Momo ein Märchen? ... 68
3. Narrative Zeitstrukturen ... 72
3.1 Formale Ebene ... 73
3.1.1 Ordnung ... 74
3.1.2 Dauer ... 78
3.1.3 Frequenz ... 81
3.2 Inhaltliche Ebene ... 82
3.2.1 Herzenszeit ... 83
IV. Zusammenfassende Beurteilung der analysierten Werke ... 96
V. Literaturverzeichnis ... 99
VI. Anhang ... 103
1. Die Zeitstruktur der Recherche (in Makrostruktur, nach Genette) ... 103
2. Die Zeiträume (der Erinnerung) in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ... 104
3. Die Zeiträume in Endes Momo ... 106
4. Brüder Grimm Die Lebenszeit ... 107
I. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit werden die beiden Romane Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust und Momo von Michael Ende, hinsichtlich der in ihnen enthaltenen narrativen Zeitstrukturen untersucht. Die in diesem Zusammenhang vorherrschenden Strukturmittel werden dabei näher betrachtet. Da Zeit nicht nur inhaltlich wichtig ist, sondern auch auf formaler Ebene eine große Rolle spielt, teilen sich die folgenden Analysen dementsprechend in jeweils zwei Teile auf. Im ersten Teil wird die Zeit der Erzählungen auf formaler Ebene untersucht, wobei die Unterscheidung nach Gérard Genette in die drei Kategorien: Ordnung, Dauer und Frequenz vorgenommen wird. Im darauffolgenden Teil wird die Zeitmotivik der Erzählungen auf der inhaltlichen Ebene untersucht. Der Umgang mit dem Motiv ‚Zeit’ zeigt sich in vielfältiger Form. Innerhalb dieser Arbeit ist jedoch nur eine Berücksichtigung spezieller und wichtiger Aspekte möglich. Anhand der hier vorgestellten und analysierten Romane und der in ihnen enthaltenen Zeitstrukturen soll überprüft werden, ob und inwieweit der Verlust von Zeit auf unterschiedlichen Ebenen beschrieben und auf welche Weise er dargestellt wird.
Wenn man über Zeit nachdenkt, ergeben sich für diese verschiedene Anschauungsformen: die Naturzeit, die Lebenszeit, die innere Zeit, die soziale Zeit und die geschichtliche Zeit.1 In der Form des literarischen Erzählens treten jedoch nicht alle Formen der Zeit auf, da die Zeit in einer Erzählung in den meisten Fällen als ‚erlebte Zeit’ veranschaulicht wird. Die Zeit zeigt sich für den Menschen als eine grundsätzliche Bedingung für Wirklichkeits- und Selbstwahrnehmung. Folgt man Immanuel Kant (1724-1804), so stellt sich Zeit als reine Form der sinnlichen Anschauung dar: „Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbsten nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich.“2 Zudem weist Zeit den Menschen auf seine eigene Endlichkeit hin, da sie ihn, in der Aufeinanderfolge von Ereignissen, im Erleben der Folge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auf die Tatsache ihrer eigenen Unumkehrbarkeit hinweist.
In Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit geht es um das ‚eigentliche’ Wesen der Dinge, der Gewohnheiten und der alltäglichen Ereignisse, die hinter ihnen verborgene Wahrheit der Welt, die dem Erzähler den Weg in seine Erinnerung eröffnet. Die Darstellung dieser bildet den Hauptaspekt der folgenden Untersuchung. Durch das Wiederbeleben der Vergangenheit wird der naturwissenschaftliche Zeitbegriff grundlegend in Frage gestellt und diesem eine ‚innere Zeitlichkeit’ entgegengesetzt.
„Die Zeit der Proustschen Romane ist nicht die chronometrische der Kalender und der Naturwissenschaft, sondern sie ist durée réelle, seelische Wirklichkeit, deren Rhythmus unendlich mannigfaltig sein kann und deren Qualität und Ablauf in enger Wechselwirkung mit den Änderungen der Atmosphäre, der Gefühlslage, auch der räumlichen Umgebung steht. Die Proustsche Zeit hat eine Elastizität und Relativität, an der alles äußerliche messen scheitert. Es wird jedem Leser auffallen, daß in Prousts Romanen niemals Daten und präzise Zeitbestimmungen auftauchen. Wir rechnen in diesen Romanen nicht nach Monaten und Jahren, sondern nach dem Wechsel der seelischen Jahreszeiten. Sie erlauben keine chronologische Analyse. Die Zeit läuft ab in einer Kurve von unberechenbarer Unregelmäßigkeit. Ein Wetterumschlag genügt, um die Welt und uns selbst neu zu erschaffen! Zeit und Raum sind bloße Modi der Erinnerung und stehen in Wechselwirkung. [...] Ein Erinnerungsbild, das in uns auftaucht, bringt einen bestimmten Augenblick zurück.“3
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass innerhalb der vorliegenden Arbeit der Aspekt des Raumes, aufgrund des großen Umfangs, nicht bearbeitet werden kann, auch wenn zeiträumliche Bezüge durchaus vermehrt vorkommen und eine Berücksichtigung dessen, für eine vollständige Analyse der Zeit in der Recherche notwendig wäre.4
In Michael Endes Momo wird eine besondere Darstellung der Zeit auf inhaltlicher Ebene gezeigt: „"Momo" offenbart auf naive, meditative, lyrische Weise Wahrheiten, die uns alle angehen: die Tragödie unseres neurotischen Seinsverlustes im Zusammenhang mit der entsetzlichen Tatsache, dass wir ‚keine Zeit mehr haben’.“5 Mit der Verwendung der mit dem Genre des Märchens verbundenen Elementen wird der Verlust von Zeit zur Metapher funktionalisiert. Dem Leser wird in der Darstellung des Kampfes gegen die Zeitdiebe, die Zeit als wertvollstes Mittel für das Erlangen eines erfüllten Seelenlebens an die Hand gegeben. Die Erkenntnis dieser ‚Herzenszeit’ und ihre Darstellung, stellt in der folgenden Untersuchung den Hauptaspekt dar.
Auch in der Auseinandersetzung mit Endes Märchen-Roman muss auf eine Darstellung der semantischen Räume verzichtet werden. Diese werden in Momo vorwiegend durch die Gegenüberstellung von Gut und Böse dargestellt. Außerdem erhält das Herz hier die Funktion des semantischen Raumes der Zeit und des Lebens.6
II. Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 7
1. Hintergrund zu Leben und Werk
Der schon als Kind kränkliche Marcel Proust (* 10. 07. 1871 in Auteuil, † 18.11. 1922 in Paris) wuchs als Sohn eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter wohlbehütet und in guten Verhältnissen auf. Im Oktober 1882 trat er in das Lycée Condorcet ein und lernte hier u.a. Jacques Bizet, Daniel Halévy und Robert Dreyfus kennen. 1887 machte er erste schriftstellerische Versuche für Schulzeitschriften und begann mit den Besuchen in einigen Salons. Nach dem Lycée meldete sich Proust 1889 freiwillig zum einjährigen Militärdienst. Danach schrieb er sich an der juristischen Fakultät ein, beendete dieses Studium jedoch 1893 ohne Examen. Er erhielt in einem geisteswissenschaftlichen Studiengang seine ‚License ès Lettres’.
Prousts Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit umfasst mehr als 4000 Seiten und entstand in einem Zeitraum von ca. 20 Jahren, wenn man die Zeit der Vorbereitung mit einrechnet. 1895 nahm er seine Arbeit am Jean Santeuil auf, ein Romanprojekt, das unvollendet bleiben sollte. Im Sommer 1900 unternahm Proust Reisen nach Venedig, Flandern und Holland. 1907 stellte Proust Alfred Agostinelli als Chauffeur ein, mit dem er eine Beziehung führte. 1912 wird Agostinelli Prousts Sekretär. Im Mai 1914 kommt er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die Verarbeitung dieses Verlustes bereitete Proust erhebliche Schwierigkeiten. Manche Biographen sehen in der tragischen Liebe des Erzählers der Recherche zu Albertine, eine Parallele von Prousts Liebe zu Agostinelli. „Eine solche simple Gleichsetzung des realen Erlebens und der Romanfiktion erscheint eher fragwürdig. Unleugbar ist jedoch, dass in dieser Zeit die Albertine-Episode immer größere Ausmaße annimmt und zu einem Schwerpunkt der Recherche wird.“8
Am 13. November 1913 erschien Du côté de chez Swann als erster Band des Romanwerks A la recherche du temps perdu auf Prousts eigene Kosten. Erst 1916 gelang es ihm, den Verlag Gallimard für sein Romanprojekt zu gewinnen. Nach dem Ersten Weltkrieg erschienen dort 1918 der zweite Band der Recherche - À l’ombre des jeunes filles en fleurs und 1919 eine Neuauflage von Du côte de chez Swann. Im selben Jahr erhielt Proust für den zweiten Band seiner Recherche den Prix Goncourt, die höchste französische Auszeichnung für Literatur.
Von 1920 bis 1922 erschienen vier weitere Bände der Recherche - Du côté de Guermantes I und II sowie Sodome et Gomorrhe I und II. Am 18. November 1922 starb Marcel Proust in Paris. Postum erschienen die letzten Bände der Recherche: La Prisonnière, La Fugitive und Le temps retrouvé. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch die Romanfragmente Jean Santeuil und Contre Sainte-Beuve ediert.
Das Verhältnis von Prousts Leben und seinem Werk wurde in der Literaturkritik und Literaturwissenschaft oft miteinander verglichen. Es bestand lange Zeit die Tendenz beide zueinander in Bezug zu setzen, denn man sah die Recherche als autobiographischen Text an, zumal der Erzähler in der Ich-Form spricht und an einigen Stellen ‚Marcel’ genannt wird. Proust selbst hat sich jedoch in seinem Werk selbst gegen eine solche Sichtweise ausgesprochen:
„In diesem Buche, in dem keine einzige Tatsache berichtet wird, die nicht erfunden ist, in dem es keine einzige Gestalt gibt, hinter der sich eine wirkliche Person verbirgt, in dem alles und jedes je nach Maßgabe dessen, was ich demonstrieren will, von mir erdacht worden ist, muß ich zum Preise meines Landes sagen, daß die Millionärsverwandten unserer Francoise, die ihre Zurückgezogenheit aufgegeben hatten, um ihrer schutzlosen Nichte zu helfen, die einzigen Personen sind, die tatsächlich existierten.“ (X – Die wiedergefundene Zeit/ Le temps retrouvé, 3905)
[...]
1 Vgl.: Göttsche (2001): 27.
2 Kant (1787/ 2003): 106 (A 31).
3 Curtius (1952): 33ff..
4 Hier sei vor allem auf die Arbeit von Georges Poulet hingewiesen: Marcel Proust – Zeit und Raum (L’Espace Proustien), Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1966. Weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema des Raumes finden sich u.a. bei Warning (2000), Jauß (1991), Corbineau-Hoffmann (1993).
5 Hocke (1973).
6 Vgl.: Kulik (2005) 193ff., bezüglich der Auseinandersetzung mit der Raumsemantik sei hier außerdem auf die Arbeit von Jurij M. Lotmann: Die Struktur literarischer Texte, Übers. von Keil, Rolf-Dietrich, 4. unveränd. Aufl., Fink, München, 1993, hingewiesen.
7 Im folgenden Fließtext als Recherche. Sämtliche folgende Zitate entnommen aus: Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Titel der französischen Originalausgabe: A la recherche du temps perdu, Paris, deutschsprachige Übersetzung von Eva Rechel-Mertens, Fünfte Auflage der Ausgabe in zehn Bänden, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1988. Im folgenden Fließtext angegeben mit: Band (römisch, bei Erstnennung jeweils mit Titel und Originaltitel) und Seitenzahl.
8 Biermann (2005): 86.
Quote paper:
Ulrike Hammer, 2007, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - zur narrativen Konstruktion von Zeit in der erzählenden Literatur des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Publishing GmbH
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