1. Inhalt
1. Inhalt 2
2. Einleitung 3
3. ein magt gein tiuwen wol gelobt, wan daz ir zuht was vertobt 5
4. Cundry, die Grenzgängerin
5. Cundry als komplementäre Figur zu Parzival
6. Die Funktion der Cundry-Figur im Romangeschehen
7. Fazit
8. Bibliographie
Quellen
Forschung 21
2
2. Einleitung
Wolfram von Eschenbachs Roman „Parzival“ enthält eine Fülle schillernder Persönlichkeiten und Figurenkonzeptionen. Eine der vielleicht Exotischsten ist die Figur der surziere 1 Cundry.
Unverhofft taucht sie im sechsten Buch des Romans auf, verflucht den Helden Parzival 2 und verschwindet nach ihrem kurzen Auftritt für lange Zeit. Erst im elften Buch erscheint sie wieder persönlich, bittet Parzival um Vergebung und spricht dessen Berufung zum Gralskönig aus. 3 In der Zwischenzeit erfährt der Leser, dass sie die Klausnerin Sigune mit Nahrung versorgt 4 , Kontakt zu den eingeschlossenen Frauen auf Schastel marveile hält 5 und wir erfahren durch ihren Bruder Malcreatüre von ihrer Herkunft. 6 All dies würde Cundry vielleicht noch nicht zur außergewöhnlichen Frauenfigur machen. Das Besondere an ihr ist ihre außergewöhnliche Hässlichkeit, ihr Äußeres, das halb aus Mensch, halb aus Tier besteht und die Art ihres rabiaten Auftretens, das schlichtweg nicht zu einer Frau von Stand zu passen scheint. Eben diese Exotik ist es, welche die Forschung zu ausführlichen Spekulationen und Interpretationen bezüglich ihrer Funktion im „Parzival“ gereizt hat.
Unter Literaturwissenschaftlern umstritten, kommen ihr die unterschiedlichsten Namen und Attribute zu. Joachim Bumke bezeichnet sie als „Gralsbotin.“ 7 Diesen Titel greift Ralph Breyer auf, diskutiert, ob er ihr ohne weiteres zusteht, und kommt zu dem Schluss, dass die Figur „bei ihrem ersten, spektakulären Auftritt weniger, beim zweiten mehr als eine Botin“ 8 ist.
Für Helmut Brall ist sie das „Zerrbild einer Frau“ 9 , „eine zoologisch gemilderte Inkarnation des kosmologischen Alptraums“ 10 Herzeloydes, gar „eine von männlichen Triebwünschen mißhandelte Ruine von Weiblichkeit.“ 11
1
Wolfram von Eschenbach: Parzival. Stuttgart 1981, Band 1, V. 312, 27
2
Ebd., V. 312, 1 – 318, 30
3
Ebd., V. 778, 14 – 783, 30
4
Ebd., V. 438, 29 – 439, 8
5
Ebd., V. 579, 23 – 580, 1
6
Ebd., V. 517, 11 – 520, 2
7
Joachim Bumke: Wolfram von Eschenbach. Achte Auflage, Stuttgart 2004, S. 76
8
Ralph Breyer: Cundrî, die Gralsbotin? in: Zeitschrift für Germanistik V-1, 1996, S. 61-75, hier S. 61
9
Helmut Brall: Imagination des Fremden. Zu Formen und Dynamik kultureller Indentitätsfindung in der
3
Ich möchte im Folgenden diskutieren, ob und wie wichtig die Hässlichkeit der Cundry- Figur für ihre Konzeption und ihre Funktion im „Parzival“ ist. Des Weiteren möchte ich erarbeiten, was ihre besondere Hybridität ausmacht und in welchem Zusammenhang die einzelnen Aspekte ihres hybriden Wesens mit dem Romanhelden stehen. Dabei werde ich mich ausschließlich auf die Romanvorlage Wolfram von Eschenbachs beziehen und Figurenkonzeptionen von Chrétien de Troyes und der Kundry in der Wagner-Oper „Parsifal“ außer Acht lassen.
Ich benutze als Romanvorlage die Ausgabe von Karl Lachmann (Band 1 und 2). Zum Begriff des Hybriden gibt es, bezogen auf die Figur der Cundry, bislang keine spezifischen wissenschaftlichen Untersuchungen. Was die sonstige Forschungsliteratur betrifft, beschäftige ich mich mit Aufsätzen von Gert Kaiser, Ralph Breyer, Gabriele Raudszus, Andreas Kraß, Helmut Brall, Maria E. Müller, Ingrid Hahn, Michael Dallapiazza, Dorothea Böhland, Elisabeth Schmidt, Joachim Bumke, Evelyn M. Jacobson, Monika Schausten und Ingrid Kasten. Zur Klärung des Schönheitsbegriffs im Mittelalter greife ich außerdem auf Ausführungen Umberto Ecos zurück.
Ich werde im Folgenden zunächst auf das Gesamterscheinungsbild der Cundry und die Bedeutung ihrer Exotik eingehen. Anschließend werde ich die Einzelaspekte ihres hybriden Wesens erläutern und diskutieren, inwiefern man sie als Komplementärfigur zum Romanhelden Parzival sehen kann. Abschließend werde ich anhand meiner Thesen die Funktion der Figur zusammenfassen.
höfischen Dichtung, in: An den Grenzen höfischer Kultur. Anfechtungen der Lebensordnung in der deutschen Erzähldichtung des hohen Mittelalters, hg. v. Gert Kaiser, München 1991, S. 115-165, hier S. 158
10
Ebd., S. 159
11
Ebd. S. 159
4
3. ein magt gein tiuwen wol gelobt, wan daz ir zuht was vertobt 12
Die groteske Erscheinung der Zauberin Cundry trifft den Leser und die Artusgesellschaft unvorbereitet und zu einem Zeitpunkt, zu dem ihr Auftreten nicht verstörender hätte wirken können. Soeben ist der Romanheld Parzival in die Gemeinschaft der Artusritter aufgenommen worden. Er hat somit den glanzvollen Höhepunkt seines bisherigen Weges erlangt, was von Wolfram mit einer wahren Lobeshymne auf seine vollkommene Schönheit unterstrichen wird 13 , als die seltsame juncvrouwe 14 die festliche Gesellschaft stört und der kurzen Freude ein jähes Ende bereitet. Schon allein durch ihr optisches Erscheinungsbild hebt sich Cundry von allen Anwesenden ab. Sie ist halb Mensch, halb Tier, ausgestattet mit Eberzähnen, einer Hundenase, Affenhaut, Bärenohren, Löwenkrallen und Schweineborsten. Ihre Augen leuchten gelb, ihr Mund glänzt blau, der schwarze Zopf hängt ihr struppig über den Rücken und selbst ihr Maultier ist von scheußlicher Gestalt. Im Gegenzug dazu ist ihr Gewand von höchster Kostbarkeit. Cundry trägt einen Mantel aus Genter Seide, einen Pfauenhut und ihr Peitschknauf enthält einen funkelnden Rubin. 15 Doch nicht nur äußerlich betrachtet ist Cundry eine exotische Persönlichkeit. Wolfram unterstreicht ihre Gelehrsamkeit. Cundry spricht Latein, Arabisch und Französisch, außerdem kennt sie sich aus in Dialektik, Geometrie und Astronomie 16 , was untypisch ist für eine Frau im Mittelalter. Schließlich beschimpft und verflucht sie den Romanhelden in einem Ausbruch von Zorn und Wut, der ihre Erscheinung noch jämmerlicher wirken lässt. 17 Zunächst scheint nicht klar, wieso gerade Cundry sich veranlasst sieht, Parzival wegen seines Frageversäumnisses auf der Gralsburg zu belehren und zu verfluchen. Ist sie dazu berechtigt? Im elften Buch erfährt der Leser durch Cundrys Bruder Malcreatüre, dass Cundry aus dem Orient stammt und Dienerin des Gralskönigs Anfortas ist, in dessen
12
Wolfram von Eschenbach, V. 312, 3 – 312, 4
13
vgl. Wolfram von Eschenbach, V. 311, 9 – 311, 29
14
Ebd., V. 312, 6
15
Ebd, V. 312, 6 – 314, 10
16
Ebd, V. 312, 20 – 312, 25
17
Ebd., V. 318, 5 – 318, 10
5
Dienste sie zwischen der normalen und der Gralswelt hin- und herpendelt – zwei weitere Merkmal, die Cundry zur extraordinären Figur machen.
Die außergewöhnliche Hässlichkeit Cundrys und ihr rabiates Auftreten läuten die Wende der Parzivalhandlung ein. Eben noch gefeierter Held, beginnt für den Protagonisten nun ein neuer Abschnitt, die Suche nach dem Gral und die Wiederherstellung seiner Ehre. Des Weiteren spricht Cundry selbst ein zentrales Problem Romans an, nämlich das Kennen und Verkennen eines Menschen und den Widerspruch von Innen und Außen: ich dunke iuch ungehiure, und bin gehiurer doch dann ir. 18 Damit kritisiert sie Parzivals Unfähigkeit zum Mitleiden und Mitfühlen, stellt möglicherweise den gesamten höfischen Wertekanon in Frage, bzw. kritisiert die oberflächliche Adelsgesellschaft, die sich von Parzivals äußerem schönem Schein blenden lässt. 19
Was aber bedeutet Cundrys Hässlichkeit für ihre Konzeption und ihre Funktion? Wie bereits erwähnt, steht Cundry rein äußerlich betrachtet in krassem Gegensatz zur gesamten Artusgesellschaft, insbesondere aber zum Helden Parzival. Weshalb Wolfram bzw. Chrétien, auf dessen Vorlage Wolframs Cundry basiert, die Figur so konzipiert haben, ist dennoch umstritten. Fakt ist, dass Wolfram die Vorlage Chrétiens derart abgemildert und verändert hat, dass sie bei ihm nicht als abstoßend schockierend auf die Adelsgesellschaft wirkt, sondern neutral aufgenommen wird, d.h. Wolfram geht nicht weiter auf die Reaktionen der Gesellschaft ein, offenbar ist Cundry bekannt. 20 Kompositorisch betrachtet, macht ihre Hässlichkeitsbeschreibung nur einen geringen Anteil ihres Auftritts aus, Kernstück ist ihre Rede selbst. Es ist also fraglich, ob Cundrys Hässlichkeit das Hauptmoment ihrer Konzeption ist.
Laut Ralph Breyer verkörpert Cundry in ihrer Hässlichkeit bei ihrem ersten Auftritt ihre schlechte Botschaft selbst, 21 was dazu führt, dass Wolfram sie bei ihrem zweiten Auftritt mit einem Schleier ausstattet, um ihre Hässlichkeit abzumildern, da diese bei Parzivals Berufung zum Gralskönig, also der Verkündigung einer frohen Botschaft, funktionslos ist. 22 Diese Argumentation erscheint mir nicht ganz plausibel. Wenn Wolfram daran
19 Michael Dallapiazza: Hässlichkeit und Individualität. Ansätze zur Überwindung der Idealität des Schö- nen in Wolframs von Eschenbach Parzival, in Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte LIX Band, S. 400-421, hier S. 407 20 Ebd.,S. 403 f.
21 Ralph Breyer: Cundrî, die Gralsbotin?, in Zeitschrift für Germanistik V-1/1996, S. 61-75, hier S.62 22 Ebd., S. 65 f.
6
Quote paper:
Christine Mewes, 2007, "ein magt gein triuwen wol gelobt": Zur Figur der surziere Cundry in Wolfram von Eschenbachs "Parzival", Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Das Motiv des Festes im Nibelungenlied
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 27 Pages
Parzival - Die Ritterlehre des Gurnemanz
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 17 Pages
Debatten über Ehe, Sexualität und Weiblichkeit - Der Moderne Durchbruc...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Die Voraussetzungen für den Spracherwerb
Psychology - Developmental Psychology
Scholary Paper (Seminar), 16 Pages
Die Darstellung der Artusgesellschaft im ‚Parzival’
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Thesis (M.A.), 73 Pages
Die Lehren Gurnemanz und die Folgen für Parzivals weiteren Weg
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Zum Persönlichkeitsprofil des Egmont
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Die Vereinten Nationen - Ausarbeitung einer Unterrichtsstunde für eine...
Lesson Plan, 23 Pages
„Eine Frage der Ehre!“ - Die Bedeutung der Ehre bei Migranten in Deuts...
Sociology - Political Sociology, Majorities, Minorities
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Einstieg in das Unterrichtsthema "Grundgesetz und Grundrechte&quo...
Ein Unterrichtsentwurf für den...
Lesson Plan, 23 Pages
Das interaktionistische Erklärungsmodell zum Erstspracherwerb
Termpaper, 20 Pages
Schein und Wirklichkeit - Eine feministisch-dekonstruktivistische An...
Thesis (M.A.), 111 Pages
Theorien des Erstspracherwerbs
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Die "edelen herzen" in Gottfried v. Straßburgs Tristan
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 25 Pages
Tiersymbolik im "Parzival" Wolframs von Eschenbach
Das Beispiel der Elster
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 26 Pages
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Christine Mewes's text "ein magt gein triuwen wol gelobt": Zur Figur der surziere Cundry in Wolfram von Eschenbachs "Parzival" is now available as a printed book
Christine Mewes has published the text "ein magt gein triuwen wol gelobt": Zur Figur der surziere Cundry in Wolfram von Eschenbachs "Parzival"
Christine Mewes has uploaded a new text
Wolframs von Eschenbach »Parzival« als Entwicklungsroman
Gattungstheoretischer Diskurs ...
Ruth Sassenhausen
The Art of Recognition in Wolfram's 'Parzival'
Dennis Howard Green, D. H. Green, Green Dennis Howard
Die 'Parzival'-Überlieferung am Ausgang des Manuskriptzeitalters
Handschriften der Lauberwerkst...
Gabriel Viehhauser
0 comments